Offroad durch die Wüste

Typischer Wellblechverschlag, wie man ihn in Mauretanien überall sieht

In Bou Lenoir beginnt der Offradtrack, der uns fast 400 Kilometer durch die Wüste führen soll. Die berühmte Erzeisenbahnstrecke liegt dann immer zu unserer linken. Diese einzige Eisenbahnlinie Mauretaniens stellt eine Verbindung zwischen dem Eisenerzbergwerk bei Zouerate und dem Atlantikhafen Nouadibhou (in der zweitgrößten Stadt Mauretaniens) her. Die Strecke verläuft durch das extrem dünnbesiedelte Gebiet der westlichen Sahara. Zwar dient sie in erster Linie dem Erztransport (bis zu 14 Millionen Tonnen jährlich), aber auch die Städte und Dörfer werden mit Gütern versorgt. Es werden übrigens Personenwagen angehängt. Wer es hart mag oder sich keine Fahrkarte leisten kann, darf sogar kostenlos auf den offenen Erzwagen mitfahren. Der Lonely Planet schreibt dazu: „Impossibly dusty. This is only for the hardcore.“ Allerdings werden wir etwas später eine hübsche, junge Deutsche aus Landsberg am Lech treffen, die die Fahrt als „romantisch, wegen des wunderbaren Sternenhimmels“ und „… hätte ich mir schlimmer vorgestellt“ beschreibt. Die Zwanzigjährige im Blümchenkleid ist bestimmt aber auch härter im Nehmen, als sie aussieht; ganz alleine möchte sie bis nach Malawi in Ostafrika trampen. Respekt!

Wie die Menschen hier wohnen, das ist unglaublich!

Ich hingegen bekomme es direkt mit der Angst zu tun, da bereits die Fahrt durch das sandige und extrem ärmliche Dorf Bou Lenoir einem kleinen Abenteuer gleicht. Die Leute leben in Blechverschlägen, die notdürftig aus alten Eisenbahnschienen und platt geklopften Ölfässern zusammengebaut wurden. Auch ein paar einfache Lehm- und Steinhäuser gibt es. Worte wie „Endzeit“ und „Apokalypse“ kommen uns in den Sinn. Ein paar Kinder rennen auf uns zu. „Cadeaux, cadeaux!“,   „Geschenke, Geschenke!“, schreien sie aus vollem Hals. Ich bin eingeschüchtert von dem Elend. Wie können diese Leute nur so leben? Mitten im Nichts, wo keine Pflanze wächst!  Wo Hitze, Staub und der unerbitttlich blasende Wind ein derart hartes Regiment führen…  Ich folge dem Impuls aller Reichen, die mit Armut konfrontiert werden, und verschanze mich hinter Mauern, in unserem Fall also im LKW. Kein schöner Zug von mir. Ich wünschte, ich würde eine andere Seite an mir entdecken, offen und freundlich auf die Leute zugehen. Aber erst einmal bin ich einfach nur überfordert. Ich ahne: Wenn uns die Apokalypse eines Tages heimsuchen sollte, werde ich nicht zu den Samaritern zählen, sondern zu den Besitzstandswahrern. Ich schäme mich, fühle mich dekadent, weiß, reich und schäbig. Zum ersten Mal dämmert es mir, dass Afrika keine einfache Erfahrung werden wird. Natürlich wusste ich das, aber es ist doch etwas anderes, Dinge nur theoretisch zu wissen als praktisch zu erfahren. Wie immer stehen wir vor einem riesigen Dilemma: Was sollen wir wem, wann und wofür geben? Ein Faschingswagen, aus dem es permanent Bonbons, Kugelschreiber und Bälle regnen könnte,  wollen wir schließlich auch nicht sein.

Bettelnde und feixende Kinder in Bou Lenoir

Immerhin  kommen wir unbeschadet durch das Dorf, nachdem wir etwas Reifendruck abgelassen haben. Doch bereits kurz darauf bleiben wir auf der Piste stecken. Wir packen die Sandbleche aus und die Schaufeln. Leider hat es mittlerweile  circa 40 Grad, und jede einzelne Bewegung wird unfassbar anstrengend. Wir  beschließen, besser die frühen Morgenstunden abzuwarten und den Nachmittag stattdessen im Schatten des LKWs verbringen. Doch auch dort darben wir nur, schwitzen wie noch nie,  und der Hund kommt aus dem Hecheln gar nicht mehr raus. Ich plädiere dafür, sofort umzukehren, streite mit Heppo und auch ein paar Tränen fließen. Wenn wir bereits nach drei Kilometern einsanden, so befürchte ich das Schlimmste für die weiteren 400. Auf solch eine Tortur habe ich nun wirklich keine Lust. Doch Heppo ist abenteuerlustig und denkt nicht ans Aufgeben. Ich dagegen resigniere… Als es abends etwas kühler wird, sehe  aber auch ich den nächsten Tagen etwas optimistischer entgegen.

Sandbleche auspacken

Aus der immer näher kommenden Dämmerung taucht plötzlich eine Herde Kamele auf und zieht,  fürchterlich kitschig, in den Sonnenuntergang. Gleich sind wir alle wieder besser gelaunt. Ist doch ganz schön, die Wüste! Und Sidi, unser Saharahund, bekommt sich gleich gar nicht mehr ein, vor Freude über die Dromedare. Am liebsten würde er mit ihnen gehen. Aufgeregt bellt er, winselt und zieht wild an seiner Leine. Erstaunlich, welche neuen Seiten in uns allen zutage treten: Heppo ist der Abenteurer (das war jedoch schon zu ahnen), ich die Besitzstandswahrerin,  und in unserem Hund steckt ein kleiner Kameltreiber. Wer hatte das gedacht?

Kamelherde, die Sidi fast um den Verstand bringt (vor Freude)