Marienkäfer

Diese „Chinesen“ hatten es bereits 2003 bis nach Finnland geschafft

Anfang Oktober versammeln sich Hunderte von Marienkäfern auf der hellen Holzfassade unseres Zirkuswagens. Was für ein Spektakel!

„Was die wohl alle wollen? – Wahrscheinlich Sonne tanken, bevor der Winter kommt.“, denken wir uns.

Die nächsten Tage und Wochen wird klar. Nicht wenige haben die Chance genutzt und auf der Flucht vor kalten Tagen in unserem Zuhause ein Asyl gefunden. Bei Frost verstecken sie sich in den Ritzen der Oberlichte und hinter den Möbeln. Wenn wir den Ofen anschüren oder die Außentemperaturen steigen, werden sie aktiv und krabbeln munter umher.

Von unserem Bett aus können wir sie beobachten. Dicht aneinander gedrängt kuscheln sich mindestens 15 Stück kopfüberhängend aneinander. Einer ist etwas munterer als seine Kollegen, scheint aber auch noch etwas schlaftrunken zu sein, denn er legt längere Strecken in Schlangenlinien zurück. Wir amüsieren uns prächtig und haben Spaß an dem kleinen roten Sechsbeiner. Jeden Abend freuen wir uns, dass wir so hübsche Gäste haben und ihnen ein bisschen über die kalte Jahreszeit helfen können.

Begeistert erzählen wir unseren linksliberal eingestellten Freunden davon. Daher sind wir ehrlich erstaunt, als uns eine ziemlich heftige Reaktion entgegenschlägt:
„Was, DIESE widerlichen Marienkäfer überwintern bei Euch? Ja, wisst ihr das denn nicht? Die kommen aus CHINA. Die sehen doch auch ganz anders aus als unsere. Habt ihr das denn nicht erkannt. Ihr müsst die sofort zerquetschen und kaputt machen. Das sind nämlich Zoophyten, die unsere einheimischen Käfer verdrängen. Die beißen sogar deren Larven kaputt.“
Die Freunde sind sichtlich aufgeregt. Wir wiegeln ab und wechseln schnell das Thema.

Doch schon am gleichen Abend betrachten wir unsere Flüchtlinge nun mit anderen Augen. Der Gedanke hat sich festgesetzt:
„Ja, stimmt, könnte schon sein. Das Rot ist vielleicht nicht ganz so intensiv, es tendiert etwas ins Orange.“ Dazu gesellt sich – nicht ganz ohne bösen Humor – sogleich ein rechtes Stereotyp:
„Sind das quasi Wirtschaftsflüchtlinge und Sozialschmarotzer, die es darauf anlegen, unsere indgenen Käfer zu vernichten – ihnen gar die Arbeitsplätze wegzunehmen?“
Und plötzlich ertappe ich mich bei einem handfesten Rassismus:
„Irgendwie auch typisch Chinesen. Das sind so viele. Klar, müssen die sich ausbreiten.“
Wie schrecklich, dass ich so etwas denke. Doch andererseits ist die Geschichte fast schon ein Lehrstück darüber, wie sich Resentiments, Ängste und Rassismus einschleichen, in diesem Fall – scheinbar harmlos und deshalb doppelt fies – über das Tierreich.

Die Coccinellidae sollen weiter bei uns wohnen. Jetzt steht sowieso der Frühling vor der Tür. Sollen sie erst mal ausziehen und ihre Chance haben. Mir doch schnuppe! Den Kampf der Marienkäfer zieh ich mir auf jeden Fall nicht rein. Reicht der ganze menschliche Wahnsinn doch schon!

Und wenn die Asiaten nächstes Jahr erneut um Asyl anklopfen, dann dürfen sie wieder in ihr Eckchen über dem Bett. Und die Einheimischen bekommen natürlich auch ein Plätzchen, wenn sie denn wollen. Soll unser Wagen doch eine Begegnungstätte werden, ein friedlicher Ort, um sich ohne Vorurteile kennenzulernen. Vielleicht gibt es dann bald eine neue Art, eine Kreuzung aus europäischem und asiatischem Marienkäfer…

In diesem Sinne: MAKE LOVE not WAR!