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An der Grenze zu Mauretanien

just another herbrich tour

An der Grenze zu Mauretanien kommt hinter Frau Scherer ein blau-weißer, verbeulter VW-Bus mit deutschem Kennzeichen zum Stehen. Es sind Christina und Samuel aus der Nähe von Stuttgart. Lustigerweise hatte ich mit den beiden bereits vor unserer Abreise Kontakt, weil wir eine gemeinsame Bekannte haben. Lisa erzählte uns von den beiden, die ganz Afrika in Rekordgeschwindigkeit umrunden wollen. „Das Meer immer rechts!“, so lautet deren Motto. Wir finden das Unternehmen  justanotherherbrichtour ein bisschen irre und zugleich faszinierend, denn Afrika ist schließlich kein einfacher Reisekontinent. Etwa 40.000 Kilometer sind es wenn, man in „Idealline“ durch die etwa gut 40 Länder fahren würde. In den 120 Tagen müssen die beiden jeden Tag 333 Kilometer zurücklegen (wir schaffen selten mehr als 250 Kilometer). Für jedes Land bleiben bei dieser Reisegeschwindigkeit nur drei Tage Zeit. Pausiert man nur einmal, weil das Auto repariert werden muss oder weil ein Visum beantragt wird, so muss am nächsten Tag bereits die doppelte Strecke zurückgelegt werden. Warum nur  tun die sich freiwillig so eine Tortur an? Was bleibt da, um sich in ein Land einzufühlen, um anzukommen oder um Menschen kennenzulernen? Wie schaffen es die beiden, in all dem Stress das eigene Fremdeln zu überwinden und die Kulturschocks zu verdauen? Wahrscheinlich aber geht es eher darum. Rekorde zu brechen, als an wirklich tiefe Einsichten zu gelangen. Trotzdem, wir sind fasziniert und werden den Trip der zwei  mit großem Interesse verfolgen. Natürlich wünschen wir ihnen eine glückliche und gelungene Reise!

Allgegenwärtig sind die sandgestrahlten Autowracks in Mauretanien.

Leider schaffen wir es nicht, Näheres über Christinas und Samuels Motive zu erfahren, denn dieses Mal hält uns der Grenzüberritt so richtig auf Trab. Vier Stunden dauert allein die Ausreise aus Marokko. Weitere gute  drei Stunden brauchen wir für die Einreise nach Mauretanien inklusive Fahrt durch das mehrere Kilometer lange Niemandsland. Dort streiken die Polisario und haben eine komplette Spur der Piste blockiert. Zu hunderten liegen verbeulte und vom Wüstenwind sandgestrahlte Autowracks am Straßenrand. Die Schlepper lotsen ihre Kundschaft durch das unübersichtliche und potentiell gefährliche Gelände. Die Strecke ist vermint, die ausgefahrenen Spuren sind allerdings deutlich zu erkennen.

Wir folgen der Masse und stauen nicht schlecht über die hier herrschende Endzeitstimmung. Die Piste wird immer schlechter und steiniger. Die heillos überladenen Autos quälen sich mit ihren platten Reifen über große Steine. Gefährlich schwanken sie hin und her. Ein Wunder, dass sie nicht umkippen. Der Mercedes vor uns verliert  plötzlich große Mengen an Flüssigkeit, Diesel oder Wasser? Sein Fahrer ist komplett verzweifelt. Das Niemandsland forderte ein weiteres Opfer für seine makabre Autosammlung. 

 Heppo hat sich schon mehrfach erfolgreich als Pannenhelfer betätigt hat, aber hier ist uns beiden klar, ohne dass wir darüber nur ein Wort verlieren müssen: Wir fahren grußlos an dem Gestrandeten vorbei. An diesem Unort ist es einfach nicht ratsam stehen zu bleiben. Hier ist sich jeder selbst der Nächste!

Niemandsland zwischen Marokko und Mauretanien

Grenzhelfer bedrängen uns, dass wir ihre Dienste in Anspruch nehmen sollen. Für ein paar Ouguiya (mauretanische Währung) würden wir uns viel Zeit und noch mehr Ärger sparen können. „You see“, sagt ein kleiner unsympathischer Typ auf Englisch zu mir. „Europe is ‚I love you, I love you‘. Africa is business! That‘s the way it goes!“

„Wenn es nur so wäre!“, denke ich mir im Stillen  und lehne dankend seine Dienste ab. Er wünscht mir daraufhin zynisch: „Good luck!“ Ich lasse mich nicht einschüchtern; das Visum haben wir ja bereits in Rabat, Marokko, ausstellen lassen, und den Rest bekommen wir auch noch hin. Wir sparen uns allein schon aus Prinzip das Bestechungsgeld. Lieber laufen wir alle Stationen persönlich ab und diskutieren mit den Zuständigen. Auch das zählt zu den Erfahrungen auf Reisen. In diesem Fall erhalten wir die Einsicht, dass die mauretanischen Grenzbeamten fürchterlich damit beschäftigt sind, die großen und kleinen Scheine aus all den großen Passstapeln herauszunehmen, die sie von den Helfern vorgehalten bekommen. Ich schiebe unsere Dokumente in den Stapel, und wir bekommen diese kurzerhand abgestempelt wieder zurück. Für das “Passavant” (Durchfahrterlaubnis für das Fahrzeug) werden aber ganz offiziell 10 € fällig. Kein Mensch denkt hier  übrigens daran,  unser Auto zu kontrollieren. Wir ärgern uns ein bisschen, dass Heppo zuletzt auf der marokkanischen Seite noch panikartig unsere drei Liter Wein verkauft hatte. Alkohol ist nämlich in Mauretanien strikt verboten. Aber dafür interessiert sich hier gerade wirklich niemand. Nach weiteren drei Stunden sind wir abgefertigt, mit einem deutlichen Vorsprung vor all denen, die sich einen sogenannten “Grenzhelfer” geleistet haben.

Wir sind gespannt auf Mauretanien!

Wasser in Dakhla

Windsurfen in Dakhla

In der weltbekannten Windsurferstadt Dakhla möchten wir noch einmal vor dem Grenzübertritt nach Mauretanien unsere Wasservorräte auffüllen. 15 Kanister à 10 Liter haben wir an Bord, doch die sind fast alle leer.
Am eigentlich sehr hübschen Strandabschnitt PK 25 wohnen seit vielen Jahren Wohnmobilrentner aus Frankreich. Mit Zäunen, Plastikteppichen und Satellitenschüsseln haben sie das Terrain um ihre fahrbaren Eigenheime abgesteckt, rein rechtlich aber handelt es sich bei dem Strand um öffentliches Gelände, das diese Dauercamper wie einen Privatbesitz verteidigen. Sogar fließendes Wasser haben sie hier, das sich aus einer schwefliges Quelle speist. Ich mache mich an das Auffüllen unserer Brauchwasserkanister. Dem älteren, schwarzbraun gebrannten Franzosen in schwarzem T-Shirt und kurzer Militärhose geht das aber offenbar zu langsam. Ohne mich zu fragen, dreht er den Wasserhahn so auf, dass das Wasser über mein Kleid und meine Schuhe plätschert. Was für ein Rüpel! Ein Gentleman der guten französischen Schule ist das wohl nicht! Ich gehe weg.
Sollen diese griesgrämigen und missgünstigen Franzosen doch in ihrer kleinen spießigen Welt mit ihrem Schwefelwasser vor sich hinmüffeln. Wir müssen sowieso besseres Wasser finden.

Das soll es für Touristen angeblich im Chateau d‘eau (Wasserschloss) am Rande der Innenstadt geben. Wir haben vorab schon von anderen Reisenden gehört, dass das Prozedere in Dakhla nicht einer gewissen Komik entbehrt. So sind wir aber bereits vorgewarnt und wissen, dass wir zuerst durch ein kleines Loch in der Mauer rufen müssen. Tatsächlich streckt dort sogleich ein junger, lustiger Mann seinen Kopf heraus. Leider kann er aber nur wenig Französisch. So viel wird aber klar: Um hier Wasser zu erhalten, wird ein Bezugsschein benötigt. Woher wir diesen allerdings bekommen sollen, kann er mir nicht erklären. Nur vage deutet er nach links, entlang der Hauptstraße.

Rufe durch das Loch und flirte mit Monsieur Rachid, dann klappt’s auch mit dem Eau potable for tourists in Dakhla

Ich bemerke vor allem immer zu Beginn einer Reise, wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein, Informationen an den richtigen Stellen zu erfragen, zu erinnern und in Bezug zueinander zu setzen: Fähigkeiten, die in unserer Welt oft nicht mehr sehr entwickelt sind, da wir zu sehr abgelenkt werden von all den elektronischen Medien, die unsere Aufmerksamkeit nicht bündeln, sondern sprunghaft von einer Sache zur anderen verschieben. „On the road“ lernen wir aber immer wieder schnell, besser zu beobachten. Nach über einem Monat unterwegs sind unsere Sinne also bestens geschärft.

Und so gehe ich zielsicher in das Gebäude schräg gegenüber, auf dem eine kleine marokkanische Flagge weht. Im zweiten Stock sitzt Monsieur Rachid an einem großen Schreibtisch in einem kleinen, dunklen Raum.

„Bonjour! Salam. Lebes. Becher. Al Hamdulilah!“, geht unsere Begrüßung nach Landessitte hin und her. 1000 Liter (weniger geht nicht) werden mir in 5 Coupons à 200 Litern zugeteilt, für nur 15 MAD. Der verschmitzte Mann ist mir sympathisch und ich ihm umgekehrt auch. „Die Deutschen und Engländer sind immer angenehm und freundlich!“, plaudert der oberste Wasserzuteiler nun munter aus dem Nähkästchen. Aber diese Franzosen seien “pas terrible”*. Wegen 1,50 Euro (für 1000 Liter!) würden die immer einen Aufstand machen, es sei kaum auszuhalten. Nach meinem Erlebnis mit dem rabiaten Wasserhahnaufdreher glaube ich Monsieur Rachid sofort. Ich nicke verständnisvoll: „Wirklich, pas terribel!“ Als ich nach Kleingeld krame, winkt er ab. „Geschenkt!“

Freudig halte ich dem lustigen Mann am Loch in der Wand kurz darauf einen der fünf Scheine unter die Nase.(Wir brauchen ja nur etwa 80 Liter.) Er stellt sich doof, und eine gemeinsame Sprache haben wir nicht. Doch auch hier überwiegt wieder die Sympathie : Wir dürfen unsere Kanister auffüllen.

Für unsere neuen Reisebekannten aus Hamburg, die etwa fünf Reisetage hinter uns ebenfalls in Richtung Mauretanien unterwegs sind, hinterlassen wir einen kleinen Schatz: Unter einem Baum gegenüber der Wasserstelle verscharren wir ein altes Kapernglas und markieren die Stelle mit zwei blauen Steinchen. Darin enthalten: ein Wasserbezugsschein für „eau potable for tourists“.

* Anmerkung: “pas terrible” bedeutet in der Umgangssprache tatsächlich etwas anderes, als man normalerweise übersetzen würde. Damit meint man “nicht so toll”, “nicht gerade gut”, auch “mies”. (Beliebter Witz: “C’est pas mauvais, mais pas terrible, haha…”)

Kurzer Zwischenbericht

Hallo, Freunde!

Mauretanien besteht vor allem aus Wüste!

Wir sind seit gestern in Mali, nachdem wir fast vier Wochen bei rauem Wüstenklima in Mauretanien verbracht haben. Uns geht es sehr gut!
Mauretanien war wirklich spannend und fühlte sich kein bisschen gefährlich an. Wir sind den berühmten 400 km langen Offroad Treck entlang der Erzeisenbahn gefahren und haben Frau Scherer an Ihre Grenze gebracht. Die alte Dame schlug sich aber tapfer auf der Piste und im Gelände, hüpfte über Grasbüscheldünen und schob sich beharrlich durch den Weichsand. Dabei hatten wir wunderbare Momente an den fast magisch zu nennenden Plätzen rund um die beiden Monolithen Ben Amira und Ben Aischa. Wir sahen kleine Echsen, die wie Äffchen durch die Bäume sprangen; und eine Familie (nur die Männer) backte  Brot für uns im Sand. Aber der Wind und die unsägliche Hitze brachten uns auch schon mal an unsere Grenzen,  insbesondere mich (Berit).

Anfangs waren wir  ziemlich geschockt von der MadMaxhaftigkeit Mauretaniens. Die Leute sind, besonders im Norden, sehr arm. Die Häuser, die allenfalls kleine Hütten sind, werden aus Eisenbahnschienen und Blech zusammengeschraubt; Autos werden gefahren,  bis sie wirklich auseinanderfallen. Faszinierend sieht das manchmal aus – und unwirklich.


Wir waren an einem Meteoritenkrater (Guelb Aeoulloul) und in der siebtheiligsten Stadt des Islams, nämlich in Chinguetti. In der Hauptstadt Nouakschott konnten wir den blutjungen Fischern zusehen, wie sie die bunten Kähne ins Wasser schoben und für die Nachtschicht ablegten. Aus ganz Afrika kommen diese Burschen hierher, fast noch Kinder, um in einem der ärmsten Länder dieser Welt ein Auskommen zu finden. Wir befanden uns übrigens täglich in einem Dilemma, wenn uns dutzende bettelnde Menschen gegenüber standen. Noch vor dem “Bonjour” hörten wir ein forderndes “Cadeau! ( “Cadeaux!”)  (Geschenk/Geschenke – beide Wörter klingen gleich). Fast täglich mussten wir alle Preise neu verhandeln. Die Mauretanen sind wahrlich sehr geschäftstüchtig!

An der Erzeisenbahn liegen die verunfallten Wagen einfach neben den Gleisen herum

Das Highlight war dann sicherlich die Tour zu den Krokodilen und Pavianen im Südosten des Landes. Die scheuen Tiere konnten wir zwei Tage lang in einer paradiesischen Landschaft aus nächster Nähe beobachten.

Leider war das Internet in Mauretanien fast nicht vorhanden…. Momentan  sind wir gerade so schön am Reisen, dass ich  kaum zum Schreiben komme. Daher hängt mein Blog nun doch etwas hinterher. Ich bemühe mich aber, bald alles nachzuholen und wieder mehr zu berichten. Dann werde  ich auch die tollen  Wüstenbilder zeigen, die ich gemacht habe.


Und nun sind wir eben in Mali, ein Land, vor dem uns daheim und auch noch unterwegs alle gewarnt hatten. Der Süden ist aber wohl ruhig. Zur Sicherheit halten wir uns bei Nacht dann aber trotzdem im “Safe Space”  von Hotels auf.  “Hotel” – darunter stellt ihr euch sicherlich etwas total Nobles vor. Die  Häuser aber,  in denen wir bisher waren, gleichen leider eher Absteigen. Die Auswahl ist jedoch  leider nicht gerade groß.

Unser Eindruck vom Land ist bislang recht  gut. Die Leute sind lustig und viel entspannter drauf als in Mauretanien;   in den Straßen läuft Musik. Die Polizei  nervt allerdings, ebenso die vielen Straßenkontrollen, bei denen man systematisch um Straßennutzungsgebühren erleichtert wird.

Und nun befinden wir uns sogar schon in Bamako, der Landeshauptstadt, wo wir hoffentlich ein paar Konzerte besuchen können.

Bald mehr!
Und liebe Grüße an das sicher wunderbar kühle Deutschland!

Der Wind der Westsahara

oder: Die Bohnenborzen von Boujdour

Die West-Sahara ist schön, der Wind dort ist allerdings echt grausam. Hier seht ihr die Dracheninsel bei Dahkla.

Wind, Wind, Wind. Seit wir in der Westsahara sind, pfeift er uns um die Ohren und gebärdet sich dabei wie ein Wahnsinniger. Er spuckt uns mit Sand an, bis es zwischen unseren Zähnen knirscht und unsere Körper komplett mit einer feinen Staubschicht überzogen sind. Sachte rüttelt er erst an unserem Lastwagen, um dann mit bösartiger Aggressivität auf Frau Scherers Flanken einzuschlagen. In seinen guten Momenten benutzt er unseren Dachständer als Blasinstrument und bringt ihn auf diese Weise sogar recht melodiös zum Singen. In seinen weniger guten Zeiten brüllt er ohne Unterlass in einer unverständlichen Sprache auf uns ein. Der Geräuschpegel ist enorm und allgegenwärtig. Ich kann mir schon kaum mehr vorstellen, wie unser Leben ohne ihn war.

Er tobt und brüllt und verschiebt große Mengen an Sand.

Harmattan heißt dieser Wind, der oft große Mengen Sahara-Sand mit sich führt und die Sicht verschleiert. Heute morgen reißt mir dieser personifizierte Irrsinn mit einer fiesen Bö die Fahrertür des Lastwagens aus der Hand. Die Türhalterung wird dabei durchtrennt, so dass sich die Tür über den eigentlich vorgesehenen 90 Grad Winkel hinaus nun im 180 Grad Winkel öffnen lässt. Unser linker Blinker lässt dabei sein Leben und fliegt in 1000 Stücke zerschlagen davon.

So viel Wind gibt es in der Westsahara, dass die Stadt Dahkla als das Windsurfing-Mekka gehandelt wird.

Abgesehen von dieser Herausforderung finden wir unsere Reise durch die Westsahara aber bisher ganz spannend. Diese Gegend wird von vielen Overlandern oft wenig beachtet und nur als Transit genutzt. Wir aber mögen diese stark von der Sahara geprägte Landschaft irgendwie. Da ist die schroffe Seilküste zum Atlantik hin, und immer wieder tauchen wunderbare weiße Dünenfelder auf, die wie große Schneehaufen aussehen. Marokko pumpt ja eine Menge Geld in die Infrastruktur der West-Sahara. Doch monströse Sandverwehungen drohen die nagelneue Straße bereits wieder zu verschlingen. Tatsächlich ist die Strecke aber oft auch sehr eintönig. Über viele Kilometer ist die steinige Wüste links und rechts der Straße einfach nur flach und schmuddelig braun. Wären da nicht die vielen leerstehenden Geisterdörfer, die für etwas Abwechslung sorgen…  Sie wurden in der Hoffnung gebaut, dass besetzte, unwirtliche Gebiet zu besiedeln. Die Bewohner dazu müssen aber erst noch gefunden werden. Größeren Unterhaltungswert haben da schon die Orte, die sich rund um die Militärposten, Garnisionen- und Kasernen zu kleinen Städten entwickelt haben. Boujdour, zum Beispiel, ist so einer. Ein Hauch von Wilden Westen weht hier zusammen mit dem Harmattan durch die Straßen. Heppo hat ein Faible für solche Unorte. Sie wecken bei ihm direkt die Lust auf das Cowboygericht Bohnen. Nachdem wir ein paar Einkäufe erledigt haben, macht sich mein Mann stante pede auf die Suche nach der „Bohnenborze von Boujdour“, wie er verschmitzt erklärt. (Borze = süddeut. Slangausdruck für Kaschemme, schmuddeliges Restaurant, schummrige Kneipe). Gar nicht so einfach, da die Kleinstadt gerade großen Hunger auf Pizza zu haben scheint. An allen Ecken und Enden wird ausschließlich das italienische Nationalgericht angeboten. Witzig ist das, weil man Pizza  sonst eher selten in Marokko angeboten bekommt.
Aber wie immer in diesem Land gilt hier die Regel: Bietet es einer an, bieten es alle an! Dennoch ist die Bohnenkaschemme in fast allen marokkanischen Städten fast mit 100iger Gewissheit zu finden. Sie ist nämlich der Aufenthaltsort eher älterer marokkanischer Männer. Hier finden sie sich zusammen, um zu plaudern, um Tee zu trinken und das billigste aller Gerichte zu essen: „Liubia“. So heißen die Bohnen auf Arabisch, die zusammen mit Brot für einen Betrag zwischen 5 und 10 MAD (0,50 bis 1,00 Euro) serviert werden. Frauen und – ganz allgemein gesprochen – Touristen verirren sich jedoch eher selten hierher. Nach anfänglicher Skepsis ernten wir bald anerkennende Blicke, denn wir essen beide mit gutem Appetit. Als Nachschlag bekommt daher jeder von uns noch einen großen Teller Linsen spendiert. Beim Teetrinken und Teezubereiten haben wir allerdings noch Nachholbedarf. Zwar versenken wir mutig den faustgroßen Brocken Zucker in der ebenso kleinen (oder großen) Teekanne. Beim Versuch aber, das Gemisch fachmännisch zwischen den Gläsern hin- und her zu schütten, um die schaumige Krone zu erzeugen, geht leider  die Hälfte daneben. Peinlich!

Derart frisch gestärkt machen wir uns schließlich weiter auf den Weg durch die West-Sahara. Und ich denke mir: „Harmattan, trau Dich nur her! Mit fiesen Winden können wir nun kontern.“

Sieht aus wie Schnee, ist aber Sand

Tierarzt in Laayoune

Schöner Kreisverkehr bei Tan Tan

Wir haben es uns in den Kopf gesetzt, für Sidi ein aktuelles Gesundheitszeugnis auf Französisch und Arabisch zu bekommen, das mindestens für den Grenzübertritt nach Mauretanien Bestand haben soll. Auf unserer letzten Reise durch Zentralasien hat zwar niemand jemals ein solches Dokument sehen wollen, aber irgendwie wollen wir dieses Mal alles richtig machen. Nachdem unser Versuch in Guelmim gescheitert ist, versuchen wir nun unser Glück in Laayoune, einer Kasernenstadt am nördlichen Rand der Sahara.

Sidi ist gänzlich unbeeindruckt ob der Aufregung um sein Gesundheitszeugnis

Die Westsahara ist seit 1976 durch Marokko besetzt. Zuvor war sie im Zuge der Kolonialherrschaften französisches und  spanisches Gebiet. 1975 wurde das Territorium dem Volk der Sahrauis zugesprochen. Doch König Hassan II. (Marokko) organisierte daraufhin den sogenannten “Grünen Marsch“,  bei dem 350.000 Teilnehmer in die Sahara vordrangen. Die Befreiungsorganisation Frente Polisario der Sahrauis wehrte sich gegen die Besetzung und rief die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) aus. Ergebnis: Marokko annektierte den nördlichen Teil,  während Mauretanien das südliche Drittel zugesprochen wurde. Im folgenden Widerstandskampf, der finanziell von Algerien unterstützt wurde, hatten die Polisario trotzdem das Nachsehen. Mauretanien zog sich zwar 1979 aus dem Konflikt zurück und trat seine Gebietsansprüche an die DARS ab, Marokko jedoch besetzte daraufhin schnell auch noch diesen Teil der Sahara. Die Militärpräsenz ist daher in der Westsahara relativ groß. Außerdem hat man eine etwa 2500 Kilometer lange Mauer in Form eines verminten Erdwalls mitten durch die Wüste gebaut. Marokkanische „Siedler“ werden mit hohen Gehältern und allerlei Vergünstigungen in diese unwirtliche und dünn besiedelte Region gelockt. So ist das Leben hier steuerfrei, was z.B. günstigeres Tanken ermöglicht. (Das ist im Moment jedoch nur unwesentlich billiger, 8,5 MAD pro Liter statt 9,5 MAD).

Eine fantastische, neue Straße führt uns mitten durch die Wüste

Abseits aller politischer Wirren suchen wir aber immer noch nach einem Tierarzt.
Unsere kleine Odyssee beginnt in einer Apotheke. Ohne eine gemeinsame Sprache finde ich bei der jungen Angestellten immerhin heraus, dass es eine offizielle Behörde für Tierangelegenheiten in Laayoune gibt. Sie schreibt mir den Namen der Behörde auf Arabisch auf, angeblich steht dort „Agricole“. Die genaue Adresse weiß sie leider nicht.  Wenigstens notiert sie für uns noch den Namen eines Platzes. Mit unserer Navigationsapp ist sie allerdings restlos überfordert. Das kann ja lustig werden! 

Viel Straße, viel Sand, viel Sonne

So frage ich als nächstes drei pubertierende Jungs nach dem Weg. Die werden aber nur rot und kichern nervös, als ich sie anspreche. Ein älterer Herr mischt sich ein und weist uns die Richtung zum genannten Platz, den wir auch prompt finden. Aber was nun? In einer Bank spreche ich einen blinden Mann an, der mich zum Allgemeinarzt gegenüber schickt. Die Praxis hat jedoch zu. Im Café nebenan würdigt der Kellner meinen Zettel keines Blickes. Stattdessen zieht er mich in den Handyladen nebenan. Der Verkäufer dort ist sehr bemüht, mir zu helfen, ist aber selbst neu in der Stadt und kennt sich nicht aus. Plötzlich habe ich eine Eingebung: Ich erinnere mich an ein Schild, das ich vorhin aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen habe. „Agrecol“ stand da und „2ieme etage“. Also schnell hoch in den zweiten Stock. Statt in einer Tierarztpraxis stehe ich aber nun in der Rezeption einer Zeitarbeitsfirma. Der Mann am Empfang freut sich über die Ablenkung. Er selbst kennt zwar  keinen Tierarzt, aber seine Kollegin könne vielleicht weiterhelfen, meint er freundlich. Die Kollegin ist zum Glück Katzenbesitzerin. Sie kann mir auf der Karte zeigen, wo wir einen Veterinär finden können. Und tatsächlich:  Nur 500 Meter weiter stehen wir vor einer landwirtschaftlichen Behörde. Leider hat diese heute aber schon geschlossen. „Morgen Vormittag wieder.“, sagt der schielende Portier.

Am nächsten Tag werden wir schon früh im Amt vorstellig. Die Ärztin ist wahnsinnig nett, lustig und sympathisch. Sie versteht unser Anliegen, aber da es sich um einen Tierimport nach Mauretanien handeln würde und keiner von ihnen jemals einen ähnlichen Fall bearbeitet hat, muss sie sich erst schlau machen. Wir sollen einfach um 15 Uhr wiederkommen, dann weiß sie mehr.

Wir sind guter Dinge und harren bis drei Uhr vor dem Gebäude aus. Doch dann bekommen wir leider Folgendes zu hören: Für Tierimporte in andere Länder liegen zwar alle möglichen Dokumente vor, leider fehlen aber genau die Bestimmungen  für Mauretanien. Die Dame hat aber bereits in Rabat nach Formular und dem genauen Prozedere gefragt. Eine Antwort steht allerdings noch aus.. Ich versuche ihr zu erklären, dass uns auch ein weniger formelles Schriftstück genügen würde, zur Not sogar eines ohne Unterschrift und Stempel. (Den würde ich gegebenenfalls selbst hinzufügen.)  Die Dame versteht genau, was ich von ihr möchte. Sie ist auch keineswegs ungehalten, da sie aber bei einer offiziellen Behörde arbeitet, kann sie mir nicht weiterhelfen. Ein privater Tierarzt, meint sie,  könne mir aber vielleicht ein entsprechendes Dokument ausstellen. Ein kurzer Telefonanruf wird getätigt,  und ein Monsieur Mohammed erklärt sich auf der Stelle bereit, uns zu treffen.

Als Treffpunkt bekommen wir eine Bankfiliale in einer Straße genannt, und so geht es für uns  erst einmal quer durch die Stadt. Die genannte Straße ist  nur  eine winzige Gasse, in die wir nicht mit unserem LKW hinein fahren können. Auch von einem Kreditinstitut ist weit und breit nichts zu sehen. Wir ziehen einen Passanten hinzu, um Monsieur Mohammed am Telefon unseren aktuellen Standort zu erklären. Auf diese Weise erhalten wir einen neuen Treffpunkt,  eine Tankstelle, ca. 500 Meter weiter. Dort treffen wir endlich auf den Veterinär und seinen Sohn.

Zusammen mit den beiden geht es wieder zurück in das Wohnviertel, wo wir tatsächlich ein e kleine Tierarztpraxis vorfinden. Monsieur Mohammed nimmt seine Untersuchung sehr ernst. Sidis Temperatur wird gemessen, sein Zahnfleisch, seine Augen und seine Fell begutachtet. Der Hund ist bei bester Gesundheit, so lautet der Befund des Tierarztes nach einer Weile. Die Madame wird damit beauftragt, den Rapport zu tippen, was  schwierig ist, weil  sie kein Französisch kann. Und Französisch ist die Sprache der Wahl, sagt Monsieur Mohammed. Arabisch hingegen wird weder von den Behörden in Marokko noch von denen in Mauretanien anerkannt. „Ça, c‘est le colonialism, Madame!“, fügt er durchaus kritisch hinzu.

Das Dokument, das wir schließlich in Händen halten, sieht reichlich selbstgebastelt aus;  und auch das Französisch ist gewöhnungsbedürftig. 300 Mad kostet uns das gute Stück, fast 30 Euro. Ganz schön teuer ist das, aber ich habe gerade keine Kraft mehr, um zu protestieren. Das Geld soll Monsieur gerne haben. Die zweitägige Schnitzeljagd durch die Stadt hat Spaß gemacht, war aber auch ziemlich anstrengend, und unterm Strich war es den ganzen Aufwand nicht wert. Ganz ehrlich, das war bestimmt das allerletzte Mal, dass wir ein Gesundheitszeugnis für Sidi haben machen lassen!

Unsere Empfehlung für alle, die mit Hund reisen: Die Mühe, sich ein Gesundheitszeugnis ausstellen zu lassen, lohnt sich nicht. Lasst es einfach bleiben! Für alle, die aber trotzdem partout Monsieur Mohammed in Laayoune einen Besuch abstatten möchten, hier die Koordinaten: 27.131771 und -13.177337.  Der Veterinär freut sich bestimmt über das schöne Zusatzeinkommen.

Off Topic: Die Antifa ist in Tan Tan auch schon da, sogar mit einem Reisebus 😀