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Bamako

Eines meiner Lieblingslieder: Dimanche a Bamako, vom blinden Ehepaar Amadou et Mariam (Der Text spricht davon, dass der Sonntag der Tag für Hochzeiten in Bamako ist)

Mopeds und Mofas dominieren in Bamako

Bamako ist eine merkwürdige Stadt, denn die Gebäude sieht man nicht. Sie verschwinden hinter einer dichten Wand aus Palmen, Bäumen und Büschen. Doch auch diese treten in den Hintergrund. Ein stetiger Verkehrsstrom lenkt die Blicke weg vom Grün. Da sind Taxis, Kleinbusse und Mofas – Mofas vor allem. Alle fahren sie: Erwachsene und sogar Kinder, Männer und Frauen. Die einen tragen Anzug, Shorts oder Kaftan, die anderen wunderbare, bunte, wehende Kleider. Manche haben einen Turban auf, andere verstecken ihr Gesicht hinter einem Schleier. Nur wenige sind mit einem Helm ausgerüstet.
Ihr wollt wissen, wie Bamako riecht? Die Antwort heißt ganz klar: nach Mofamischung.

Typische Mofatankstelle

Natürlich gibt es auch Autos, unzählige Taxis und in regelmäßigen Abständen grüne Kleinbusse, die sogenannten Sotrama, die die öffentlichen Verkehrsmittel sind. Junge Männer hängen aus den offenen Schiebetüren. Sie sind es, die Zu- und Ausstiege regeln und das Fahrgeld kassieren. Doch auch der Verkehr wird geschluckt – vom Smog. Die Augen brennen. Die Lungen pfeifen. Abends haben wir Husten.

Macht nicht viel her? Das ist die Straße im Nobelviertel, wo wir vor dem Sleeping Camel stehen. Die Villen, der Stacheldraht, die Schwerbewaffneten: Alles verschwindet hier hinter Grünzeug, ausnahmsweise mal ohne Fahrzeuge davor.

Frau Scherer vor dem Slepping Camel. Ganz passend steht sie unter dem Baum der Reisenden, Ravenala madagascariensis.

Nein, Bamako ist nicht schön. Es ist eher sogar ziemlich hässlich. Selbst in den besseren Vierteln türmt sich der Abfall auf der Straße. Da laufen Ratten, groß wie wohlgenährte Katzen, dazwischen herum, fließt die Kloake zwischen den Häusern hindurch. Wir wünschen uns manchmal, wir hätten keine Nasen.

Auch der Niger enttäuscht. Irgendwie hatte ich es mir erhebend vorgestellt, an dem Fluss zu stehen, den der Afrikaforscher Mungo Park  in T. C. Boyles Wassermusik mit so großer Hingabe  erforschen wollte, dass er darüber den Tod fand. Grau und träge fließt dieser große Strom dahin. Selbst von den Brücken aus finde ich kein Motiv, das lohnenswert genug wäre, ihn zu fotografieren.

“Möbelgeschäft” vor stacheldrahtgeschützter Villa

Die Villen der Reichen tragen Stacheldrahtkronen auf den Mauern. Sie sollen zusammen mit scharfen Hunden, Überwachungskameras und Wächtern ungebetene Eindringlinge fernhalten. Wer genau hinsieht, kann gelegentlich Soldaten mit Kalaschnikows und sogar Scharfschützen entdecken, die strategisch wichtige Ziele, wie zum Beispiel die Deutsche Botschaft, vor Angreifern schützen sollen. Das ist hässlich und schockierend, aber ebenso auch sehr faszinierend.

Charmanter Kerl, der zahnlose Housman

Was Bamako aber schön macht, sind die Menschen. Unglaublich für eine Stadt mit etwa 2.5 Millionen Einwohnern: Es wird miteinander gesprochen. Wahrscheinlich fallen wir aber auch besonders auf, weil wir „Toubabou“ sind, also Weiße. Noch keinen Tag sind wir hier und kennen schon das halbe Viertel. Da ist zum Beispiel Housman, der nette, alte, zahnlose Mann, der stets vor einem Haus auf einem kleinen Schemel sitzt. Er liebt es, mit uns zu plaudern und bittet uns darum, auch unsere nächsten Hunderunden so zu legen, dass wir immer bei ihm vorbeikommen. Diesen kleinen Gefallen werden wir ihm gerne tun. Auch sein Namensvetter, ein Taxifahrer, ist ein aufgeschlossener Kerl, der bereitwillig seine Familiengeschichte erzählt. Der junge Mann vom Kopierladen gibt mir einen Namen. „Amanita heißt du, das bedeutet Freundin!“ Auch für Heppo hat er einen: „Aliou“, so hieß auch der Prophet und Schwiegersohn Mohammeds. Die Türsteher vom Camel schäkern mit uns und versuchen, uns mit unendlicher Geduld mit den komplizierten Begrüßungsformeln der Bambara vertraut zu machen. Eine Gruppe Kinder kommt vorbei und erhält im Austausch gegen ein paar Stücke einer Kokosnuss einen unserer mitgebrachten Bälle. Schließlich zählt der Wille, und ihr herzliches Auftreten ist einfach unwiderstehlich.

Attraktiv und kontaktfreudig, die Melonenverkäuferinnen

Heppo gefallen am besten die „Mädchen mit Gebäckkopfschmuck“. Täglich ziehen sie in einer nicht enden wollenden Prozession an unserem Lastwagen vorbei. Allerlei Teigwaren bieten sie auf ihren Köpfen zum Verkauf an. „Wie bei den Elfen ist das!“, seufzt mein Mann und blickt den zugegeben sehr hübschen, langbeinigen Wesen etwas verträumt hinterher.

Von jetzt an wird alles auf dem Kopf getragen

Unglaublich, was da alles an unserem Fenster vorbeischwebt: Hosen, Geschirrtücher, Bücher und reich gefüllte Obstkörbe. Vor allem die Zitronenmädchen wissen um ihre Faszination, die sie auf meinen Liebsten ausüben. Mehrmals täglich stehen sie vor Frau Scherer und versuchen sich an einem Wimpernklimpern auf Mandelaugen, Schnütchen und Schmollmund. Wenn sie mich sehen, wenden sie sich enttäuscht ab oder fragen sogleich nach Monsieur. Der kauft mittlerweile bereits den fünften Zehnerpack. Er erklärt das mit Vitaminmangel. Leicht angesäuert verarbeite ich die kleinen, harten, grünen Früchte zu Limonade. In sein Glas gebe ich zur Rache deutlich weniger Zucker…

In Mali sind sie wirklich sehr charmant: nette Buben

Happy new year 2020

Musiktipp: Dela Botri aus Ghana. Er rehabilitiert die Flöte als Musikinstrument 😀

Warum in die Ferne schweifen…?

Happy new year to all of you – friends, family and everybody who enjoys to have a look at our blog! All the best to you! And keep on dreaming!

Unter Palmen sehen Frau und Mann gleich mal etwas besser aus…

Ein gutes neues Jahr für euch alle – für Freunde, Familie und die, die  regelmäßig auf unserem Blog vorbeikommen und damit Freude haben. Nur das Beste für euch. Und hört nicht auf zu träumen!

“Einen guten Rutsch allerseits!”, wünscht Sidi, unser internationaler Experte. Er hat allerdings schön langsam die Schnauze voll vom Reisen…

Aktueller Status: Seit Anfang Dezember sind wir in Ghana, momentan in der Hauptstadt Accra, wo wir auf ein Reentry Visum für Ghana warten. Das bekommen wir hoffentlich am Freitag. Dann fahren wir schnell durch Togo und weiter nach Benin, zum Voodoo-Festival am 10. Januar!

Romantisch: Palmen und Strand in Ghana. Den Müll sieht man allerdings nicht…

Zitat Julia Pfaller: “Der wahnsinnige Entführer mit seiner hübschen, gut gelaunten Beute!”

Afrikaklischee

Musiktipp: Fatoumata Diawara Von ihr gefällt mir, ehrlich gesagt, nicht alles, aber die Dame ist wahnsinnig sympathisch und die Hauptdarstellerin im sehr sehenswerten Dokumentarfilm Mali Blues.

Hauptstraße nach Bamako

Noch zwei ganze Fahrtage brauchen wir bis nach Bamako. Die Route Nationale in Richtung der Hauptstadt ist unglaublich schlecht. Sie entspricht dem Klischeebild von Afrikas Verkehrswegen: Rote Erde, riesige Schlaglöcher, klapprige Busse und LKWs,  auf denen winkende junge Männer sitzen. Die Fahrzeuge ziehen gewaltige Staubwolken nach sich. Und diese wiederum bedecken alles rundherum mit einer feinen, roten Schicht.

Schlimmer geht’s nimmer!

Die spärliche Vegetation der Dornsavanne wird von Kilometer zu Kilometer von neuen und grüneren Pflanzen abgelöst. Wir sichten erste Mango- und Cashewbäume, sogar Baobabs, die mit ihren hängenden Kugelfrüchten aussehen wie Weihnachtsbäume von einem anderen Stern.

Der Baobab mit Früchten wie Handgranaten. Zum Bestäuben braucht er übrigens die Hilfe der Fledermaus.

Kleine Teiche und Seen mit wunderschönem Seerosenbewuchs ziehen unsere Blicke auf sich. Nach der Wüste finden wir den Anblick einer Wasserfläche einfach unwiderstehlich. Große Viehherden stehen an den Ufern. Die Kühe fallen uns besonders auf. Schöne Tiere sind das. Ihre Farbe ist weiß, und sie tragen lange, gebogene Hörner.

Kleinbusse sieht man überall, hier mit der Aufschrift: Wer kennt die Zukunft?

Desto bunter, desto besser!

Oft sind sie schwer beladen…

… und manche haben ihre besten Zeiten auch schon hinter sich

So spannend es aber auch ist, ein neues Land und eine neue Landschaft zu entdecken, so anstrengend ist es auch. Die Straßen sind wirklich in einem katastrophalen Zustand. Für 50 Kilometer brauchen wir vier Stunden. Ständig haben wir Angst, unser Lastwagen könnte auseinander brechen, wenn wir wieder einmal in eines dieser gigantischen Schlaglöcher hinein rumpeln. Heppo wird nicht müde zu schimpfen: „Hier kann man eigentlich gar nicht mehr fahren!“, grantelt er. „Da werd uns no alles hi!*“

Die Frauen haben es aber auch nicht leicht …

Erst nach Sonnenuntergang kommen wir in Bamako an. Diesmal kann das Navi nichts dafür, dass wir aufs Neue mitten im Marktchaos landen. Heppo schwitzt und flucht: „Ich muss es wieder ausbaden!“ Schuld bin ich, denn ich habe die Koordinaten im falschen Format eingegeben. Grober Fehler! Das darf eigentlich nicht passieren, und ich bin zerknirscht. Heppo schwitzt, als er unseren LKW durch eine winzige Gasse aus brüllenden Händlern lenken muss.

Unser Ziel ist das „Sleeping Camel“, ein sehr bekannter Travellertreffpunkt in Mali,  und der liegt auf der südlichen Flussseite. Wir befinden uns aber gerade auf der Nordseite des Nigers, etwa sieben Kilometer davon entfernt. Endlich ist die Engstelle geschafft, der Markt überwunden. Zurück bleibt der eher normale Wahnsinn einer afrikanischen Großstadt: Hektik, chaotischer Verkehr, wenig Regeln, Tiere und Menschen mitten auf der Straße. Eine hochmoderne Tankstelle kommt in Sicht. Heppo atmet tief durch und erbittet sich eine kurze Verschnaufpause und eine Cola. Natürlich erfülle ich ihm gerne diesen Wunsch und spurte los.

„Ani Su!“, grüße ich die Gruppe gut angezogener Männer, die an einem der Tischchen in der Tanke sitzt. Sie sind erfreut und rufen fröhlich zurück. „Lass dir ein Eis spendieren!“, sagt einer. „Du bist sehr mutig, und es ist schön, dass du versuchst, unsere Sprache zu sprechen!“ Ich lehne ab, doch ihm ist es ernst. „Lass Dir etwas schenken! Ich bin sauer, wenn du gehst, ohne etwas von uns angenommen zu haben!“ Na gut, ein Eis. Warum auch nicht? Danke! “Ini Tie!” Mit zwei Coladosen und einem superleckeren Eis (Magnumstyle) kehre ich zu Heppo zurück, der sich mittlerweile von dem Großstadtschock etwas erholen konnte und nicht mehr gar so verärgert guckt. Ich erzähle ihm von dem netten Erlebnis.

Das Sleeping Camel finden wir dann zum Glück ohne Probleme. Und was uns dann wirklich in Hochstimmung versetzt, ist ein Bier, unser erstes, seit fast zwei Monaten. Dazu eine große Portion French Fries. Die Welt ist gut, und Mali vielleicht auch gar nicht so übel!

*“Da geht uns noch alles kaputt!“

Mali, der zweite Eindruck

Musiktipp: Cheickne Sissoko with 5 drums (5 tamans) Wir haben ihn live in Bamako gesehen!

Frisörgeschäft in Mali

Nachdem der erste Eindruck Mali entspannt, nett und gemütlich hat wirken lassen, ist der zweite Eindruck ein völlig anderer.

Doch von Anfang an: Eigentlich finden wir das kleine Städtchen Nioro du Sahel unweit der Grenze recht sympathisch. Hier gibt es einen lebhaften Markt, auf dem bunte Stoffe, Glasperlen, Schönheitsprodukte und Stoffe angeboten werden, freundliche Menschen und hübsche, kleine Lädchen, bei denen witzig gemalte Bildchen über den Berufsstand des Besitzers aufklären. Schafe, direkt auf die Hauswand gezeichnet und ein Grill davor, sprechen davon, dass sich hier eine Fleischerei befindet. Köpfe mit Haartollen und angedeutete Rasierapparate weisen auf den Frisör hin. Hinter dem Porträt eines Mannes mit Palästinensertuch und Sonnenbrille vermute ich einen Hinweis auf einen Herrenausstatter.

Solange wir noch zu Fuß unterwegs sind, ist alles kein Problem. Wir haben jedoch  vor, mit Frau Scherer das  Hotel Guetama  anzusteuern, denn vom Wildcampen wollen wir in Mali angesichts der angespannten Sicherheitslage lieber Abstand nehmen. Dabei verfahren wir uns mehrmals im Straßengewirr und landen jedes Mal wieder mitten im Marktgetümmel. Auch unser Navi kann uns nicht helfen. Es sieht so aus, als ob wir wirklich durch diese eine enge Straße mit all den Buden, Karren und einer immer dichter werdenden Menschenmenge hindurch müssten. Wir haben kaum genug Platz, halten den Verkehr und Betrieb auf und ziehen so den verständlichen Unmut der Passanten auf uns. Es wird schon dunkel, und wir geraten ein wenig in Panik:  Nachts zu fahren ist in Afrika selten eine gute Idee.

Zu allem Übel hält uns nun auch noch ein Polizist auf. Helfen will uns der großgewachsene und breitschultrige Mann aber nicht. Seine Art ist herrisch, und sein Auftreten alles andere als höflich. Was er uns vorwirft? „Behinderung des Verkehrs und orientierungsloses Verhalten.“ „Entschuldigung, wir kennen uns hier nicht aus. Wir sind gerade erst eingereist!“, werbe ich mit Logik und Vernunft um sein Verständnis. „Bitte geben Sie uns unseren Fahrzeugschein wieder!“ Doch der Typ macht gar keine Anstalten. Stattdessen steckt er das Dokument in seine Hemdtasche, dreht sich von uns weg und macht nun ein paar Schaulustige zur Minna. Grob brüllt er die Umstehenden an. Mich und Heppo lässt er links liegen und scheint uns offenbar gar nicht mehr zu beachten. Dabei ist er sich bestens bewusst, dass wir auf glühenden Kohlen sitzen und er am längeren Hebel. Spätestens hier wird mir klar, dass es gar nicht um ein tatsächlich begangenes Vergehen geht. Der Typ ist ein Sadist. Er weidet sich an unserer Situation und Verzweiflung, genießt die Demütigung, die er uns zufügt und auch, dass ich mich nun auf Schmeicheln, Bitten und Betteln verlege.

Sadistische Umtriebe oder Fleischerei?

Heppo versucht es zuerst mit Wut, doch uns beiden wird schnell klar, dass wir damit alles nur schlimmer machen. Besser, wir geben diesem Unberechenbaren keinen Grund, wirklich einen Groll gegen uns zu hegen. Unser LKW versperrt währenddessen immer noch die belebte Marktstraße. Die Menschen um uns werden mehr und mehr  unruhig angesichts des entstandenen Staus. Ein paar Mutige wenden sich an den Sadisten, der aber keine Anstalten macht, zu einer Lösung der Lage beizutragen. Wahrscheinlich hofft er darauf, dass wir ihm nun Euroscheine oder Dollars zustecken, um unser Dokument auszulösen. Da kennt er uns allerdings schlecht. Das sitzen wir aus.

Dunkel ist es mittlerweile sowieso schon. Und die Menge zeigt Verärgerung. Nun richtet sich deren Zorn aber nicht mehr gegen uns, sondern gegen den Polizisten, der uns nicht weiterfahren lässt. Aber das Glück kommt uns zur Hilfe, nämlich in Form des Polizeichefs, der wohl eher zufälligerweise des Weges kommt. Der kleine, rundliche Mann mit freundlichem Gesicht ist nämlich in Zivil. Daran, wie der Sadist plötzlich Haltung annimmt und freundlich grüßt, merke ich, dass hier unsere Chance liegt. „Monsieur!“, ergreife ich das Wort, um gleich darauf – wie im Kindergarten – zu petzen: „Unsere Dokumente werden uns vorenthalten. Wir werden an der Weiterfahrt ins Hotel gehindert!“

Der Chef ist wirklich so nett wie er aussieht. Denn sogleich legt er ein gutes Wort für uns ein und beschreibt ganz richtig unsere Lage: „Touristen sind das. Gerade erst eingereist. Die Straßenführung ist eben verwirrend. Nur natürlich, dass man da den Überblick verliert. Helfen wir ihnen, dass sie den Weg ins Hotel finden. Es ist ja schon dunkel!“

Ich ergreife meine Chance, bevor es sich der Sadist anders überlegen kann, und zupfe noch während der Ansprache seines Vorgesetzten den Fahrzeugschein vorsichtig aus seiner Brusttasche. Er protestiert nur schwach und versucht sich stattdessen an einem freundlichen Lächeln, das nun ziemlich schief im Gesicht hängt. Diese Muskelgruppen scheint er sehr selten zu beanspruchen. „So eine falsche Socke!“, denke ich mir. Widerlich, solche Typen, die sich an ihrer winzigen, mickrigen Macht aufgeilen. Gefährlich auch, sollte es wirklich einmal um etwas anderes gehen als nur um ein kleines Bestechungsgeld. Was passiert dann in einem Land, im Krieg, wenn die Sitten komplett verrohen? An dieser Stelle mag ich gar nicht mehr weiterdenken…

Frauenteile

Dass im komplett ausgestorbenen Hotel Guetama im Hof neben unserem LKW ein Fernseher steht, auf dem die vorwiegend männliche Wirtsfamilie die halbe Nacht widerliche Splatterfilme guckt, bei denen Frauen von Tentakelmännern in den Bauch penetriert werden, macht es nicht besser. An dem Punkt, wo zerstückelte Frauenteile gefesselten Frauen zum Fraß vorgeworfen werden, gehe ich zurück in den LKW.  (Heppo hatte bereits weit früher bei den ebenso fürchterlichen mexikanischen Telenovelas genug). Trotz der quälenden Hitze schließe ich Türen und Fenster sorgfältig ab. Was ist nur los mit dieser Welt? Mali hat sich gerade von seiner schrecklichen Seite gezeigt. Das nervöse Gefühl in meinem Bauch kehrt zurück. Ist es wirklich eine gute Idee, durch dieses Land zu reisen?

Mali, der erste Eindruck

Bambara lernen: westafrikaportal.de/deutschbambara

Musiktipp: Rokia Traore – Tu Voles

An Lässigkeit kaum zu überbieten: Jungs in Mali

Nun also: Mali. Mali, das Land, vor dem uns alle warnten. Mali, das Land,  in dem Krieg herrscht. Mali, das Land, in dem die Franzosen unter François Hollande vor ein paar Jahren interveniert haben. Mali, das Land, in dem die Dschihadisten den Norden kontrollieren. Mali, das Land, in dem das Chaos herrscht…

Es heißt aber auch: Mali, das Land, aus dem wunderschöne Musik kommt. Mali, das Land, das vielleicht sogar der Ursprung aller Musik ist.

Durch  Mali und Burkina Faso führt für uns außerdem der „schnellste“ Weg in den Süden. Eine Durchquerung von Burkina Faso haben wir aber definitiv für uns ausgeschlossen. Zu akut und zu aktuell sind hier die Nachrichten von Entführungen, Terror- und Todesfällen. In Mali scheint das Risiko allerdings  kalkulierbar zu sein. Der dicht besiedelte Süden gilt als relativ sicher, der dünn besiedelte und wenig entwickelte Norden ist dagegen mittlerweile eine No-Go-Area, selbst für die Einheimischen. Räuberbanden kontrollieren die Straßen, und Islamisten regieren die Städte mittels der Sharia. Ein halbes Land ist auf der Flucht. Die Menschen gehen entweder in den Süden, in die Hauptstadt Bamako, oder sie fliehen in ein anderes afrikanisches Land oder gleich nach Europa. Darunter befinden sich viele Musiker, Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler und Denker. Es ist ein fürchterlicher Exodus!

Die, die ausharren, haben sich arrangiert, haben Arbeit und Broterwerb gefunden im Krieg, akzeptieren das grausige Geschäft mehr als den Hunger. Viele schätzen sogar die Strukturen, die die Islamisten installierten – Rechtsprechung und Ordnung – egal, wie grausam, egal, wie hart. Zurück bleiben aber auch die Schwachen und die, die keine Wahl haben. Das sind die Frauen, deren Männer im Exil versuchen, Geld zu verdienen. Sie führen mit ihren Kindern ein prekäres Leben in Deckung und warten auf bessere Zeiten, die vielleicht so schnell nicht kommen werden.

Das ist es, was ich gelesen und gehört habe.  Westafrika allgemein ist eine schwierige Reiseregion. Nichts für Anfänger! Nicht ungefährlich! Politisch vieles im Umbruch: Islamisten, Krieg, Korruption. Und es gibt schlimme Krankheiten – Malaria, Ebola –  und schreckliche Armut… Man hat uns gewarnt!

Mali: Erste Eindrücke

Als wir nun so auf die Grenze von Mali zufahren, ist uns daher etwas mulmig zumute. Innerlich verfluche ich unsere Abenteuerlust und Naivität. Bei der Ausreise aus Mauretanien müssen wir auch noch ein Dokument unterzeichnen, das uns darauf hinweist, dass wir auf eigene Gefahr nach Mali einreisen und wir Mauretanien jeglicher Verantwortung für uns entbinden. Nun verdichtet sich meine Nervosität zu echter Besorgnis. „Eine reine Formalität!“, sagt der Beamte, als einer meine Angst registriert. “Auf der anderen Seite ist alles ruhig. Kein Problem.“ Es ist kurz vor 12 Uhr mittags, als wir in Mali einchecken. Wir haben seit Mauretanien die Erfahrung gemacht, dass diese Zeit gar nicht so schlecht für einen Grenzübertritt ist, da für die Beamten meist schon das Essen auf dem Tisch steht. Weil keiner damit warten möchte, werden möglichst schnell alle Formalitäten abgehackt.

Auf der malischen Seite lümmeln die Grenzer mit hochgelegten Beinen im Schatten auf Stühlen und Liegen unter Verschlägen aus Palmwedeln herum. Alle sind nett und sehr freundlich; man macht es uns einfach und legt uns keine Seine in den Weg. „Wie geht‘s?“, höre ich stattdessen.  „Herzlich willkommen in Mali!“

Weil ich mir vorgenommen habe, ab sofort mehr Fragen zu stellen, fange ich gleich mal damit an, mir etwas Bambara (neben Französisch die gemeinsame Landessprache) beibringen zu lassen. Was ich lerne, ist Folgendes: Die Bambara scheinen es mit der Begrüßung sehr genau zu nehmen. Man muss z.B. ein “stundenlanges” Zeremoniell einhalten: Wie geht es Dir? Wie geht es Deiner Familie? Wie geht es diesem? Und wie geht es jenem? Darüber hinaus wird auch ganz genau nach der Tageszeit unterschieden: I ni sOgOma! (Du und der Morgen!) sagt man für Guten Morgen, I ni tile (Du und die Sonne!) am Mittag, I ni wula (Du und der Nachmittag!) heißt es etwas später, und nach Sonnenuntergang wünscht man sich I ni su (Du und die Nacht!) für Guten Abend. Mit kleinen Vokabelzetteln kehre ich fröhlich zu Heppo zurück, der im Auto auf mich wartet. „Alles gar kein Stress! Wir dürfen gleich weiter.“

Den Schlagbaum, der uns noch von Mali trennt, muss ich schließlich selber öffnen. Irgendwie mag niemand aufstehen. Die Jungs winken uns noch lässig von ihren Liegen nach.

Ehrlich gesagt, der erste Eindruck von Mali ist so ziemlich anders, als ich mir ein Land im Ausnahmezustand vorgestellt habe. Er ist tiefenentspannt.

Schöne Frau in Nioro du Sahel