2014-06-01 RUS-08 Shulgan Tash

Industrie

Samstag, 14.06.2014
Mittlerweile sind wir in der Autonomen Republik Bashkortostan, und auf einen Schlag haben wir eine Zeitumstellung von plus zwei Stunden. Wir sind also nun in der Zeitzone +6 und Deutschland (Zeitzone +1 + Sommerzeit), damit im Moment um +4 Stunden voraus. Die Landschaft verändert sich, sie wird hügeliger. Es gibt Wiesen, die in allen Farben blühen und zunehmend auch Weideflächen. Der Himmel sieht aus wie mit Aquarellfarben getuscht. Außerdem fallen uns kleine, rot-blaue Förderanlagen auf. Wir rätseln, was hier wohl abgebaut wird: Erdöl?

Wir fahren nach Ufa zum „Gipermarkt Aschan“ (das ist die russische Bezeichnung für den französischen „Hypermarché Auchan“) und kaufen richtig viel und lecker ein. Dann geht’s weiter in Richtung Süden zu dem Dorf Mrakowo. Mit Mühe und Not haben wir im Internet ein paar Informationen über den National Park Shulgan Tash zusammengetragen. Auf Deutsch oder Englisch sind dazu fast keine Informationen verfügbar. Meine ehemalige Russischlehrerin Julia schickte mir schließlich per Mail ein paar nützliche Links zu Webseiten auf Russisch.

Mrakowo sieht aus wie eine Wild-West-Stadt, Häuser und Bretterbuden ziehen sich über ein paar Kilometer an der staubigen Straße entlang. Als wir aussteigen, um nach dem Weg zu fragen, liegt auf der Straßenkreuzung ein großes, ausgeklapptes Taschenmesser.

Wegen der Zeitumstellung wird es nun wieder erst nach 23 Uhr dunkel, und wir haben immer noch keinen Schlafplatz für die Nacht. Doch kurz hinter dem Dorf am Fluss finden wir auf einer Kiesbank eine ruhige Stellfläche.

Sonntag, 15.06.2014
Ihr dürft mir gratulieren, denn ich habe Geburtstag.
Den Jungs hatte ich eigentlich verboten, mir etwas zu schenken (Reisekasse schonen, kann sowieso nichts brauchen usw.), aber neben einem fürstlichen Frühstück mit Kaviar präsentieren sie mir eine Tüte mit eigenwilligen Kleidungsstücken. Nun bin ich also glückliche Besitzerin einer weißen Schirmkappe mit Häkeleinsatz, mit der ich aussehe wie ein zurückgebliebener Bäckerlehrling, eines farbenfrohen Umhängetuches mit Giraffen und kleinen Vögeln drauf, orange-braunen Espandrillos und halbhohen, mit Rosen verzierten Gummistiefeln. Oh je, Männer beim Shopping! Die Gummistiefel kann ich aber auf jeden Fall brauchen, und kleidsam sind sie auch. Den ganzen Tag über mache ich nichts, sitze am Flussufer im Klappstuhl und lese weiter im „Almanach der Toten“. Irre spannend und trotzdem so erholsam! Ach ja, und Matthias hat sich noch mächtig ins Zeug gelegt, mir einen Wildblumenstrauß gepflückt und schon tags zuvor Tiramisu vorbereitet. Abends trinken wir viel zu starke Bloody Maries und dazu gibt es Sushi! Danke für den schönen Tag!

Montag, 16.06.2014
Angeblich sind es bis zum National Park Shulgan Tash und der Höhle Kapowa Peschera nur noch 40 Kilometer. Aber die Straße ist schlecht geschottert, die Steigungen sind extrem, und die Strecke ist wahrscheinlich doppelt so lang. Außerdem ist wieder einmal nichts beschildert. Wir müssen regelmäßig Leute fragen, die unseren Weg kreuzen. Dabei fahren wir durch wirklich schöne und einsame Landschaften und sehen Dörfer, die komplett abgeschieden sind. Wie leben diese Menschen wohl im Winter, wenn es hier Minus 40 Grad hat und der Schnee meterhoch liegt? Das können wir uns kaum vorstellen. Auf jeden Fall brauchen wir für die 70 Kilometer gut fünf Stunden und sind daher leicht entsetzt, als wir nach dieser Fahrt durch das vermeintliche Out-Back in einer russischen Feriensiedlung landen, inklusive Campingplatz, Bungalows, Souvenirshops und Jurten, die als Cafés fungieren.

Für die Besichtigung der Höhle ist es heute schon zu spät, und unser Auftauchen auf dem Campingplatz löst einen kleinen Menschenauflauf aus. Frech handle ich uns einen besseren Preis aus, denn für unseren Lastwagen plus drei Personen möchte der einäugige junge Mann am Kassenhäuschen 500 Rubel kassieren. Ich lasse meinen Charme spielen, erkläre, dass wir von sehr weit herkämen, mit dieser „Raritet“ von „Grusowik”, und schon sinkt der Preis auf 300 Rubel. Anscheinend kommen wir langsam in die Feilschzone, denn ich habe deutlich das Gefühl, an Achtung gewonnen zu haben.

Eine süße Familie aus Ufa lädt uns abends ein, sich zu ihnen zu gesellen. Vater Rinat ist sehr gesprächig und textet uns atemlos auf Russisch zu. Die kluge und hübsche Tochter Alina übersetzt synchron ins Englische, während die kleine Schwester Diand mit ihrer Cousine und Mama Faya schweigsam und mit großen Augen daneben sitzen. Rinat arbeitet immer abwechselnd einen Monat als Controller in der Arktis und verbringt dann immer einen Monat in Ufa bei seiner Familie. Alina studiert Ökonomie in Ufa und wohnt mit ihrer Familie im zehnten Stock eines Hochhauses. Sie möchten alles über uns und die Reise wissen und schütteln ungläubig die Köpfe, als sie unsere „Marschrut“ und unseren Reiseplan sehen: „Crazy Tourists“. Als Matthias noch ein paar bayerische Stücke auf der „Garmoschke“, der Diatonischen,  zum Besten gibt, kennt die Freude keine Grenzen mehr. Unser Treffen wird mit selbstgemachtem Likör und starkem Tee begossen.

Dienstag, 17.06.2014
Die Familie muss wieder zurück in die Stadt, wir verabschieden uns voneinander sehr herzlich, so, wie man alte Freunde verabschiedet. Sie ermahnen uns vorsichtig zu sein und bitten darum, ihnen auch mal eine kleine Mail zu schreiben. Für Traurigkeit bleibt jedoch nicht viel Zeit, denn schon stattet uns der Campingplatzbesitzer einen Besuch ab und hält ein Schwätzchen mit uns. Er schenkt uns ein Büchlein über die Legende von Shulgan Tash, der wohl ein Volksheld der Bashkiren war. Auch einer der Arbeiter, ein junger Mann, der schon sehr mongolisch aussieht, bringt uns eine kleine Postkarte als Geschenk vorbei. Wie nett!

Die Höhlentour kostet 240 Rubel pro Person und kann nur in einer Gruppe, in Begleitung eines Guides, stattfinden. Schweren Herzens belasten wir die Reisekasse, aber schließlich sind wir ja extra wegen der Höhle hergekommen. Zuerst folgt aber eine langatmige Erklärung über die bashkirische Biene und die traditionelle Gewinnung von Honig, dann eine weitere Erläuterung im Höhlenmuseum (wir verstehen nur “Bahnhof”),  bis wir endlich in die Höhle dürfen. Hier bekommen wir eine englischsprachige Reiseleiterin zur Seite gestellt. Leider kann man mittlerweile nur noch die ersten 300 Meter der über drei Kilometer langen Höhle besichtigen. Die Felsenmalereien sind allerdings Kopien. Bis ca. 2000 war die Höhle noch frei zugänglich, aber der achtlose Umgang mit den Schätzen der Vergangenheit und der Natur hat den Zeichnungen von Bisons und Mammuts  sowie dem empfindlichen Mikroklima der Höhle wohl großen Schaden zugefügt.

Zurück am Campingplatz erhalten wir weiteren Besuch von unsern Campingnachbarn, die alle neugierig auf uns sind. Wir amüsieren uns vor allem über den russischen Outdoor-Style: Die Männer sind eigentlich ausnahmslos in Tarnanzüge gehüllt, während die Frauen gerne mit Lockenwicklern im Haar über den Platz spazieren.

Abends wird es dann doch sehr laut: Neben uns haben feierwütige, junge Leute ihr Autoradio bis zum Anschlag aufgedreht und beschallen uns mit russischen Popsongs. Vielleicht hätten wir doch schon weiter fahren sollen. So erhalten wir aber einen interessanten Einblick in das Freizeitverhalten der Familien aus Magnitogorsk, Sterlitamak, N. Chelny und Ufa.

Mittwoch, 18.06.2014
Wieder mal ist Fahren angesagt, denn unsere Tage in Russland sind gezählt. Unser Visum ist leider nur noch bis zum 23.06. gültig. Da wir in einer Stadt noch ein paar Einkäufe tätigen möchten und auch noch einmal Internet haben wollen, verlassen wir heute den Nationalpark. Schade eigentlich, denn so viel haben wir nun auch noch nicht gesehen, und die Gegend gäbe noch einiges her. Wir finden einen ruhigen Übernachtungsplatz an einem Fluss. Seit langem schüren wir wieder mal ein Lagerfeuer, und wir essen Kartoffeln aus dem Dutch-Oven.

Mit Höhle, der Kapowa Peschera
GPS Daten: 53.02.32N 57.03.53E

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Und das war zuvor: Zu Besuch in Jamaschewo