2017-07-03 Die ungarische Hitze

Writer in Residence in Pécs zu sein, ist „Volltreff“ und „Geschänk“ in einem 😉

Was für eine Ehre, Stadtschreiberin im Writer in Residence Programm der Stadt Pécs (sprich: Peetsch) zu sein. Leicht perplex sitze ich in (m)einer hübschen, ruhigen Wohnung und fühle mich ein bisschen wie eine Trickbetrügerin. Fast bekomme ich etwas Bammel ob der mir entgegengebrachten „Vorschusslorbeeren“. Mein Reisebuch ist noch nicht mal erschienen, und schon werde ich mit einem Stipendium bedacht. „Au Backe, da gibt es doch weit bessere und bekanntere Leute als mich.“

„Was nicht ist, kann ja noch werden!“. So spreche ich mir selbst Mut zu, als es an der Tür klingelt. Karoly Mehes, der Kurator des Programms, steht etwas schüchtern davor und übergibt mir einen dicken Packen Scheine, ein großzügiges Taschengeld für meine Zeit vor Ort. Ich bitte ihn herein, doch – wie seine Frau Enikö – ist er auf eine höfliche und nette Art reserviert. Nur kurz betritt er das Apartment und deutet Richtung Fenster:
„Das Wetter ist so na ja. Aber, wenn die ungarische Hitze kommt, dann wirst du es schon merken.“
So schnell wie er gekommen ist, so schnell ist er auch wieder verschwunden. Sein vielsagendes, leises Lachen hängt noch lange im Raum. Ich spüre, wie ich schwach werde. Die Hitze, die ungarische Hitze, ja die Hitze…

Obwohl heute offensichtlich ein relativ kühler Tag ist, finde ich das Klima jetzt schon „atemberaubend“. Trotz Wind und Wolken scheint es keine Luft zu geben. Wie wird das erst, wenn die UNGARISCHE HITZE wirklich kommt?

Müde bin ich und kann doch nicht schlafen. Ich setze mich an den Computer, um meinem Auftrag gerecht zu werden, doch ertappe mich dabei, wie ich stumpf auf den Bildschirm starre.

Denken kann ich auch nicht. Eine halbe Stunde schreibe ich an einem Satz, nur um bald darauf zu merken, dass ich darin fünf Mal das gleiche Wort verwendet habe.

Vielleicht hilft es, sich von den anderen Schriftstellern inspirieren zu lassen?
Mein Leserherz ist erfreut, ein gut gefülltes Bücherregal mit den Werken meiner Vorgänger vorzufinden. Darunter sind erstaunlich viele deutschsprachige Titel. Über 70 Autoren aus den verschiedensten Ländern wurden seit 2007 im Pécser Austauschprogramm willkommen geheißen. Immerhin sieben Bücher schaffen es auf den Stapel „lesenswert“.

Vielleicht hilft ein Spaziergang?
Und schon stehe ich in der aufgeheizten Fußgängerzone. Die fünftgrößte Stadt Ungarns ist im Vergleich zu Budapest recht beschaulich, sehr hübsch und ordentlich. Aber ich kann mich auch hier nicht wirklich konzentrieren. Habe keine Kraft mir etwas anzusehen.

Essen? Vielleicht hilft essen?
Im Dubai Minimarkt packe ich mir Oliven und gefüllte Weinblätter in den Rucksack, ein anderes Geschäft versorgt mich mit Obst und Gemüse, und in einem dritten lerne ich das ungarische Wort „Kifli“ für Hörnchen oder Kornspitz kennen.

À propos: „Ungarisch lernen“.
Von Enikö habe ich heute auf der Fahrt von Budapest die wahrscheinlich wichtigsten drei, vier Wörter für meinen Aufenthalt gelernt, sogar mit Grammatikschnellkurs.
„Keram“ heißt „Bitte“, wird aber verändert, wenn ein Objekt folgt. Dann heißt es „Kérek“.
Kavé (sprich: Ka We) heißt Kaffee, im Akkusativ aber mit T-Endung, also Kavét.
Eins heißt „egy“ (sprich: ed).
Dann heißt der Satz: „Bitte einen Kaffee“, also „Kérek egy kavét“.
Bier heißt „Sör“, im Akkusativ „Sört“, ausgesprochen wie das englische „shirt“.
Dann heißt „Kérek egy sört“, also: (…hier ergänzen…). Genau! „Bitte ein Bier!“

Erst gegen halb sieben Uhr abends liegen endlich der Balkon und der Grünstreifen zwischen den zweigeschossigen Häusern vor meiner Wohnung im Schatten. Ein Segen! Auch die Nachbarschaft erwacht nun zum Leben. Zwei schwarze Pudel hüpfen über den Rasen und betteln monoton kläffend um Bespaßung, Leute unterhalten sich lautstark von Balkon zu Balkon, Essensgerüche ziehen durch den Innenhof, und irgendjemand hört Gitarrengedudel a la Gary Moore: „Still got the blues“.

Hier bin ich nun also in Pécs, Südungarn. Fast vier lange Wochen liegen vor mir. Nur ich allein kann sie mit Leben füllen. Welch ein Luxus! Von so einer Gelegenheit träumt mancher.

Mit der Kühle der hereinbrechenden Nacht fasse ich einen Vorsatz:
Die UNGARISCHE HITZE, sie soll nur kommen. Ich werde es mit ihr aufnehmen!

Weiter lesen: Der größte Maler des Sonnenwegs
Und das war vorher:
Unterwegs in Buda

Auch eine Art „Geschänk“