2017-07 Budapest 02
Unterwegs in Buda

Traum oder Wirklichkeit? Grafitti in Pest.

Träume von einem großen Raum mit Stuckdecken und großem Holzbalkon, nur um in einem fünf Quadratmeter-Zimmerchen zu erwachen. Ich ringe nach Luft. Trotz offenem Fenster ersticke ich fast. Unmöglich zu erahnen, ob die Sonne scheint oder ob es draußen regnet. Wie ich unseren hellen und luftigen Zirkuswagen zu Hause vermisse!

Da es erst neun Uhr ist, lasse ich es langsam angehen und rufe meine Emails ab. Supernachricht: Enikö, die Frau des Leiters des Schriftstellerprogramms in Pécs wird mich morgen direkt von hier abholen. Sie möchte mir die „unzumutbare Zugfahrt mit Schienenersatzverkehr“ ersparen, wie sie in ausgezeichnetem Deutsch schreibt.

Angesichts mangelnder anderer netter Gesellschaft frühstücke ich sehr schön mit interessanten, ungarischen Käsen in einem kleinen, schattigen Café mit Blick auf einen „Hundepark“. Diese armen, vierbeinigen Stadtbewohner müssen ihr Geschäft auf einem öden Sandplatz verrichten. Wehmütig denke ich wieder an daheim.

Propaganda

Für heute habe ich mir ausgedehntes Sight-Seeing verschrieben. Zuerst will ich die Pester Prachtstaße Andrassy Utca bis zum Stadtwäldchen Városliget entlang laufen. Auf dem Weg liegen die Attraktionen „Pariser Kaufhaus“ mit Jugendstilfassade (leider gerade in Renovierung) und die pompöse ungarische Staatsoper im Renaissance-Stil. Vorbei geht es an diversen Villen diplomatischer Vertretungen bis zum weitläufigen Heldenplatz. Dort findet gerade ein ungarisches Volksfest statt, das streng national vor sich hin „tümelt“. Unter flatternden Fahnen singen und tanzen Husaren und Hunnen in traditionellen Trachten. Àrpad, der Anführer der Magyaren, blickt steinern von oben auf das Spektakel herab. Nur der Erzengel Gabriel steht höher. Auf einer Säule thronend streckt er die ungarische Krone und das Doppelkreuz des Papstes zum Himmel.

Sieht nett aus, stimmt aber skeptisch: Veranstaltung am Heldenplatz.

Heimattümelei?

Harmlos tun…

…und bös‘ schau’n

Mich gruselt es, und Durst habe ich auch, daher steuere ich ein Café im Stadtpark an. Hier gibt es sehr leckere Waldbeeren-Limonade mit viel Eis. Danach besuche ich die Burg Vajahunyad, das Neuschwanstein Ungarns. Der ursprünglich als Holzpavillion zur Milleniumsausstellung 1896 entworfene „Mix-aller-Baustile-des-Landes“ wurde 1904-1908 noch einmal in Stein nachgebaut. Im Innenhof des Fantasiebauwerks wacht der Stadtchronist Anonymus aus dem 13. Jahrhundert etwas unheimlich über das Gebäude-Ensemble – er hat kein Gesicht.

Ungarisches Neuschwanstein: Burg Vajahunyad

Anonymus: Dieser Mann hat kein Gesicht…

… dieser dafür einen sehr schönen Schnurrbart

Um das volle touristische Programm zu absolvieren, nehme ich die sogenannte Unterpflasterbahn nach Buda. Die Budapester Metrolinie 1 war die erste U-Bahn in Europa. Nur in London und New York gab es Vergleichbares.

Dicke-Eier-Spektakel

An der Donau ist das Red-Bull-Air-Race noch immer voll im Gange. Diesmal flitzen Jagdflieger unter der berühmten Kettenbrücke durch einen überdimensionierten Pylonenparcours. Mit der atemberaubenden Kulisse des Parlaments im Hintergrund ist dies ein Spektakel, dem man sich nur schwer entziehen kann. Ich finde die Veranstaltung trotzdem komplett daneben. Irgendwie völlig aus der Zeit gefallen: „Hey, du klebriger Limonadenhersteller für Testosterongesteuerte. Schon mal was von Umweltschutz gehört? Von Entschleunigung? Von Zucker ist schlecht? Von queerer Welt und friedlichem Fest?“ Stattdessen wird hier ein aggressives und zerstörerisches Dicke-Eier-Weltbild transportiert. Und schließlich möchte ich auch gar nicht wissen, was diese Veranstaltung kostet. Während in den U-Bahnschächten dieser Stadt ganze Familien auf improvisierten Matratzenlagern schlafen müssen, gibt der Energy-Drink-Hersteller Unsummen für diesen Schwachsinn aus, statt etwas wirklich Vernünftiges mit seinem Geld anzufangen. Fuck it!

Trotzdem sehe ich gebannt eine Weile zu, schieße Fotos, bis mein Akku den Geist aufgibt und setze schließlich meinen Rundgang durch Buda fort. Hinauf zur Burg und weiter zur Matthiaskirche, die im Laufe ihrer wechselvollen Geschichte sogar einmal als Moschee diente. Am Platz vor dem Gotteshaus spielt ein Klassik-Ensemble von einem Balkon herab verzweifelt gegen das Dröhnen der Düsenjets an. Schade, dass niemand da ist, um sich mit mir an der Absurdität dieser Situation zu freuen.

Langsam wird es Zeit für eine Feierabend-Halbe, und daher hake ich pflichtschuldig und etwas lustlos noch den frei stehenden Turm der Maria-Magdalena-Kirche ab, bevor ich mir in einer Seitengasse eine Pizza und ein Soproni bestelle und diese Zeilen schreibe…

Weiter lesen: Writer in Residence in Pécs
Und das war vorher: Unterwegs in Pest

One-man-Show beim Air-Race: England, England – Patriotism…

Und auch das noch. Das Parlament…

…aus allen Blickwinkeln.