2014-11 IR-07 Persepolis & Shiraz

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Donnerstag, 27.11.2014
Persepolis, 460 vor Christus: Die Abgesandten aus dem Großreich der Achämeniden sind hungrig und erschöpft von dem tagelangen Ritt durch die Wüste und über die Berge. Als vor ihnen endlich die prächtige Stadt erscheint, die erhöht auf einer natürlichen Terrasse liegt, meinen sie, einer Fata Morgana zu erliegen. Die Stadt ist noch viel schöner, als man sich erzählt. Meterhohe Standbilder mit Menschenköpfen, Stierkörpern und Flügeln, die das „Tor aller Länder“ bewachen, empfangen die Besucher. Das „Tor der Armee“ ist noch im Bau. Hunderte von Bildhauern und Handwerkern – die besten ihrer Zunft – sind hier Tag und Nacht mit der Anfertigung weiterer Kunstwerke beschäftigt. Die Skulpturen und die Reliefs sind dunkel poliert und so realistisch, dass man meinen könnte, sie würden sogleich zum Leben erwachen. In der „Halle der 100 Säulen“ sind bereits andere Reisende eingetroffen und warten auf den Empfang anlässlich der Neujahrsfeierlichkeiten. Xerxes sitzt, von Dienern umgeben, in seinem prächtigen, goldgeschmückten Thronsaal. In der Luft liegt ein Duft aus Weihrauch und Zedernholz…

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So oder so ähnlich könnte es hier vor fast 2500 Jahren gewesen sein. Der Besuch von Persepolis ist für mich ein absolutes Highlight dieser Reise. Ein Kindheitsgefühl stellt sich bei mir ein. Damals träumte ich davon, eines Tages eine berühmte Archäologin zu sein und so etwas Bedeutendes wie die ägyptischen Pyramiden oder eben Persepolis zu entdecken.

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Nur sieben Kilometer von Persepolis liegen die Felsengräber von Naqsh-e-Rostam. Hier haben Xerxes, Artaxerxes II und Darius II ihre letzte Ruhe gefunden. Die kreuzförmigen Fassaden der Gräber sind hoch oben in den Felsen eingelassen und weisen kunstvolle Reliefs auf. Der König wird von seinen Untertanen getragen, während er sich einem Feueraltar zuwendet. Über der Szenerie schwebt das Symbol der Gottheit Ahura Mazdas. Leider kann man die Gräber nur von außen besichtigen.

Wir übernachten unweit von Persepolis. Dort finden wir weitere bearbeitete Felsen. Entweder wurden hier Steine für Persepolis vorgefertigt oder es handelt sich um eine ältere (?) Kultstätte. In manche Felsen sind Nischen wie für einen Feueraltar eingelassen, auf andere führen Stufen, wieder andere weisen enge Steingänge auf. Ein Felsen ist komplett ausgehöhlt und könnte einem kleinen Menschen eine Zuflucht für eine Nacht geben. Verdammt, warum gibt es keine Zeitmaschinen? Wie gerne würde ich mich in die Zeit der Achämeniden versetzen lassen.

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Freitag, 28.11.2014
Wir sehen uns noch weitere Felsenreliefs in der Nähe von Persepolis an. Diese hier sind aus der Zeit der Sassaniden und einfach von den achämenidischen Reliefs zu unterscheiden: Sie sind lebhafter und weniger statisch. Ihr Inhalt erzählt zumeist vom Erhalt der Königswürde von Gottes Gnaden und dem Sieg über andere Könige. Man kann sie wohl als eine Art von Geschichtsbuch begreifen. Immerhin haben die Reliefs schon 2000 Jahre überlebt. Leider wurden von vielen Figuren die Gesichter zerstört.

In Shiraz besuchen wir den Garten Barq-e-Eram, der nach dem Abbild des Paradieses gestaltet wurde und sich herbstlich präsentiert. Der Garten ist zwar sehr schön, aber der Paradiesvergleich hinkt trotzdem etwas.

Abends besuchen wir die Burganlage Arc-e-Karim-Khan, die mitten in Shiraz liegt. Die trutzige Festung diente bis Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts als Gefängnis und Polizeipräsidium. Nun ist die Anlage zum Teil restauriert, und man kann einen Thronsaal und das edle Hammam besichtigen.

In der Masdjed-e-Atiq, der Moschee, in der die beiden Brüder des Imam Reeza begraben liegen, erhalten wir von der braven Muslimin Sara eine Exklusivführung. Jeden Freitag ist die unverheiratete 34jährige vor Ort, um Touristen das Gelände zu erklären. Auch ihre Mutter tut freiwillig Dienst. Onkel und Tante, die zum Beten hier sind, lernen wir ebenfalls kennen. Bei einem gemeinsamen Tee, zum weiteren Gespräch im Büro, nimmt uns der Onkel ins Kreuzverhör:

  • Warum wir keine Kinder hätten?
  • Ob ich eigentlich eine Brille tragen würde? Und wo diese nun sei?
  • Und mein Mann (also der Heppo) solle sich doch bitte die Haare waschen, die sähen nämlich fürchterlich aus.

Wir verabschieden uns schnell von diesem muslimischen Äquivalent einer konservativen „Kolpingsfamilie“. Trotzdem schreibe ich der gottesfürchtigen Sara noch einen netten Eintrag in das Gästebuch, die kann ja auch nix für ihren depperten Onkel.

Samstag, 29.11.2014
Nach fast sechs Stunden im „Bürokratiemuseum“ haben wir eine Visumsverlängerung erhalten. Also, selbst wenn man die Aufgabe bekommt, einen Behördengang besonders umständlich und unangenehm zu gestalten, kann man sich Folgendes gar nicht ausdenken. Die Kurzform geht so:

  • Punkt acht am Amt erscheinen, Checkpoint passieren.
  • Aufnahme der Personalien durch das Vorzimmer.
  • Wir dürfen unsere Pässe beim Management abgeben.
  • Wir erhalten einen Termin für zehn Uhr, solange sollen wir das Gebäude verlassen.
  • Wir erscheinen Punkt zehn Uhr.
  • Wir werden zum Kauf von Formular Nr. 3 in den Kopiershop auf der Straße geschickt.
  • Weitere Aufnahme der Personalien.
  • Wir müssen das Auto vorfahren, und ein ranghoher Offizier besucht unser Auto, das von oben bis unten mit Vogeldreck verschmiert ist. Na, prima, das macht bestimmt einen guten Eindruck!
  • Vorladung zum Interview im einem Büro. Wir müssen eine kurze Biographie erzählen und die Berufe der Eltern und Brüder angegeben. Außerdem werden uns allerhand komische Fragen gestellt, z.B., ob wir iranische Freunde hätten? Wir geben zu Protokoll, dass wir viele nette Iraner getroffen haben, aber niemanden persönlich kennen würden.
  • Warten im Wartesaal.
  • Wir müssen 300.000 Rial auf der Melli Bank einzahlen, die aber am anderen Ende der Stadt liegt.
  • Taxi nehmen, Geld tauschen, Geld einzahlen, Quittung entgegennehmen, mit dem Taxi zurück.
  • Wieder im Vorzimmer. Nun brauchen wir eine Kopie der Bankquittung.
  • Runter zum Kopiershop auf die Straße. Wieder zurück.
  • Warten.
  • Passfotos vorlegen.
  • Formular 3 wird ungebraucht in den Papierkorb gegeben, und wir müssen eine rosa Mappe erwerben.
  • Interview zwei: Weitere seltsame Fragen, z.B. zu unserer Einladung. (Das Visum erhält man nur, wenn man eine Einladung hat; unseres kam über eine Agentur). Ob wir einen Mister Fish kennen? (Das war dann wohl unser Einlader)? Wo wir überall waren? Welche Orte uns im Iran am besten gefallen häben? Was ist der Grund für unsere Verlängerung? usw.
  • Endlich scheint alles soweit in Ordnung zu sein, und es ist klar, dass wir die Verlängerung (Maximalzeit von vier Wochen) bekommen werden. Bis aber Offizier eins und zwei vom Management ihren Servus druntersetzen, dauert es dann noch einmal eine geschlagene Stunde.

Dabei haben wir wirklich Glück gehabt: Die Franzosen vor uns haben nur vier Tage bekommen!

Zur Belohnung gibt es ein Falafelsandwich aus der Imbissbude um die Ecke. Prädikat: Bester Falafel bisher. Der Budenbesitzer schafft es sogar, das Brötchen anzuwärmen. Und eine leckere Soße ist obendrein dabei – beides keine Selbstverständlichkeit.

Frisch gestärkt unternehmen wir eine zweiten Anlauf in Punkto Tankbau im Terminal Barbari (dem Amir Kabir von Shiraz). Beim Tankspezialisten Ali geben wir eine Anfertigung in Auftrag. Am Montag sollen wir wieder kommen.

Sonntag, 30.11.2014
Die Sonne scheint, und theoretisch liegen weitere vier Wochen im Iran vor uns. Wir haben Zeit. Ich würde mich gerne ein bisschen in den Azadi Park legen, an dem unser Auto einen Stellplatz gefunden hat. Heppo will durch den Basar bummeln. Doch dann kommt alles anders, denn Heppo schreibt eine kurze SMS. Sie geht an eine der vielen Telefonnummern, die uns die jungen Iraner laufend zustecken mit der Aufforderung, sich jederzeit bei ihnen melden zu können. Wir fragen Wahid, ob er Lust habe, sich am Nachmittag oder am Abend mit uns zu treffen. Kurzerhand nimmt der Computerspezialist Urlaub, und keine Stunde später sitzen wir mit ihm im Auto einer befreundeten Familie und werden zu dieser nach Hause gebracht. Dort bekommen wir ein üppiges Mittagessen vorgesetzt. Danach müssen wir mit der Familie vor dem riesigen Fernseher sitzen und schlechte türkische Seifen-Opern auf Farsi ansehen. Wehmütig sehe ich zu, wie draußen die schöne Sonne untergeht und bin hundsgrantig (bayrisch für „ziemlich verärgert“). Trotzdem will ich nicht ungerecht sein; extra für uns hat man alles stehen und liegen gelassen. Wo gibt es das schon?

Nach Sonnenuntergang besuchen wir allesamt die Gräber der berühmten Dichter Hafis und Sadi. Während der Fahrt dorthin wird viel gelacht. Alle amüsieren sich über unsere Schreckhaftigkeit angesichts des iranischen Straßenverkehrs. Mama Sari deutet mit dem Zeigefinger nach oben und meint, dass alles in den Händen Gottes liege. Wahid frotzelt, dass sie dann ebenso gut die Augen schließen könne. Da ich hinter ihr sitze, kann ich nicht sehen, ob sie daraufhin wirklich ihre Augen schließt. Auf jeden Fall nimmt sie beide Hände vom Steuer und fährt lachend, mit Vollgas – in ein Taxi. Nein, nur fast, denn alle Iraner haben ausgezeichnete Reaktionen. Für uns erschließt sich nun einiges. Wir stellen uns vor, wie alle Einheimischen lauthals lachend in ihren Autos sitzen, die Augen schließen, die Hände vom Lenkrad nehmen, das Gaspedal durchtreten und ihr Schicksal Allah überantworten.

Zum ersten Advent nun ein Gedicht des berühmten Poeten Hafis, der unter strengen Muslimen wegen seines Hedonismuses und seinem Hang zum Weine höchst umstritten ist.
Lest selbst:
Gib mir jenen Wein, den alten…

Gib mir jenen Wein, den alten, 
der dem Landmann Kraft verleiht,

Denn ich will mit neuem Saume
zieren mir des Lebens Kleid.

Mach mich trunken und entfremde
mich der Welt, auf daß ich dann

Dieser Welt, verborgene Dinge 
dir berichte, edler Mann!

Übersetzung: Ritter V. von Rosenzweig-Schwannau

Hafis bedeutet übrigens „Einer, der den Koran auswendig gelernt hat“.

Montag, 01.12.2014
Der Tank ist gegen Mittag fertig, und wir stehen vor der Werkstatt. Jetzt geht es „nur“ noch darum, das Ding zu montieren. Eigentlich haben wir mit Ali ausgemacht, dass er auch den Tank montiert. Nun steht aber ein anderer Typ da, bohrt unseren Rahmen an, schweißt, wo er nicht schweißen soll und reißt alle fünf Minuten die Tür zu unserem Zuhause auf, um mir zu zuzwinkern. Heppo flucht und nennt ihn einen Hans-Wurst. Auch ein Festpreis war mit Ali ausgemacht: Tankbau, lackieren, Traversen und Montage. Nun wird aber noch nachverhandelt, der Hans-Wurst möchte schließlich auch noch Geld. Ein junger Afghane übersetzt. Ali tut so, als ob ihn alles nichts anginge. Ich habe mich bisher dezent im Hintergrund gehalten. Aber nun wird es mir zu bunt. Ich springe aus dem Laster und zetere lautstark auf Farsi, Englisch und Bayrisch los. Allah werde die Betrüger strafen! Und auf Dast-e-Dast (Hand-Hand) und Dust-e-Dast (Freund-Hand) habe man sich vorab auf einen Preis geeinigt. Alle anwesenden Männer ziehen die Köpfe ein. Dem Ärger einer Frau will wohl niemand ausgesetzt sein. Damit ist das Thema Preiserhöhung wieder vom Tisch.

Spät am Abend ist der Tank endlich drin, und die Gemüter haben sich beruhigt. Nun haben wir theoretisch Platz für 700 Liter Diesel.

Natürlich müssen wir mit zu Ali zum Essen. Die Einladung läuft nach dem bereits bekannten Muster ab:

  • Positionierung der weitgereisten Gäste vor dem Breitbildfernseher (es läuft King Kong),
  • Unmengen an Essen werden aufgetragen,
  • noch mehr Essen – für den Fall, dass noch jemand hungrig ist
  • Konversation,  so weit wie möglich, unter Zuhilfenahme des Mobiltelefons (Familienfotos, etc.)
  • Fotosession
  • und Abschiedsgeschenke (ein XL Herrenhemd für den Herren und Modeschmuck für die Dame).

Weiter lesen: Auf in den Sommer, nach Bander Abbas
Und das war vorher: Gastfreundschaft in Esfahan

2 Gedanken zu „2014-11 IR-07 Persepolis & Shiraz

  1. Hubert

    Grüße aus der Heimat! Gut schaut ihr aus, der Gegend angepasst! Die Prinzessin und der Räuber. Machts gut! Hubert

    1. admin_brit Artikelautor

      Hallo Hubert.
      liebe Grüße aus dem Oman, mittlerweile:)
      Prinzessin und Räuber – hört sich gut an. Wir schicken Euch Sonnenschein…

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