2014-04 SRB-01 Serbien Heilbäder

Bucanonvac-ThermalbadFreitag, 18.04.2014
Was weiß man schon von Serbien? Ich denke an den Jugoslawien-Krieg, den Kosovo-Krieg, Kriegsverbrechen und -verbrecher. Einen Tatsachenbericht aus Serbien lieferte vor ein paar Jahren meine Freundin Kathi, die kurz entschlossen mit zwei englischen Rockern mitten im November auf dem Motorrad mit nach Serbien fuhr. Ihre Erinnerungsfotos zeigten bärtige Männer, selig auf dem Sofa schlummernd, die Schrotflinte im Arm.

So sind wir ziemlich überrascht, als sich uns Serbien als Land der Heilwässer und Bäder präsentiert. Ein Blick auf die Karte: alle paar Kilometer ein Thermalbad oder eine Quelle. Weil es mittlerweile schon den fünften Tag regnet, sind wir ziemlich durchgefroren. Duschbedürftig sind wir auch. So kommt uns so ein Bad gerade recht. Wir haben ziemlich konkrete Vorstellungen und malen uns den Wellnessbereich schon in den schönsten Farben aus.

In Bujanovac – einer öden Kleinstadt – suchen wir aber erst mal über eine Stunde, bis wir vor der bereits geschlossenen Banja stehen. Es ist ein hässlicher und heruntergekommener Zweckbau aus den 70ern oder 80er Jahren. Der Nachtwächter signalisiert uns, dass wir gerne über Nacht auf dem Parkplatz bleiben können.

Dank einer ungesicherten Netzwerkverbindung können wir im Internet recherchieren, und so finden wir heraus, dass es in Serbien über 238 geothermische Phänomene gibt, u.a. auch einen Geysir an der Grenze zum Kosovo. Außerdem soll Belgrad eine bekannte Partystadt sein, mit Kneipen und Bars auf Hausbooten. Hey, Serbien hört sich richtig vielversprechend an.

Samstag, 19.04.2014
Es regnet immer noch in Strömen. Unser Dachzeltbewohner Matthias ist fast schon abgesoffen. Auch bei uns im Laster ist alles feucht und klamm. Echt eklig!

Die Banja bei Bujanovac wirkt eher beunruhigend. Im Hinterhof des Rehazentrums stehen zwei dampfende Betonbecken, die aussehen wie die Meiler eines Atomkraftwerkes. Heppo hatte sich an der Rezeptionistin vorbei geschlichen und einen Blick in die „Saunalandschaft“ riskiert. Er wusste zu berichten, dass es drinnen von der Decke tropfte (Regen oder Wasserschaden) und ihn viele alte Männer verdutzt aus dem dampfenden Betonmeiler ansahen. Wir hoffen, dass es im Land der Heilbäder auch noch schönere Optionen gibt und wollen daher noch weiter bis Vranjska Banja fahren und dort unser Glück probieren.

In Vranje heben wir Geld ab, schnuppern serbisches Kleinstadtflair (es riecht nach Grill), hören einer Balkanblasmusikkapelle zu und spazieren über den Gemüsemarkt. Im Supermarkt gibt es sogar Brezenstangen!

Vranskja-Banja

Auch Vranjska Banja hat die besten Zeiten schon lange hinter sich, wirkt aber insgesamt wie ein gediegener Kurort. Wir finden auch sofort die Badeanstalt und können direkt davor mit dem Laster parken. Überall dampft es aus der Erde, und es riecht nach Schwefel. Die Straßenhunde wärmen sich auf den Betondeckeln auf, die die heißen Quellen bedecken. An einer Stelle hört man es richtig blubbern und aus der Erde rülpsen.

Die Rezeptionistin kann kein Englisch, aber ich frage auf Russisch nach dem Preis. Der Eintritt kostet 150 serbische Dinar pro Person und 250 serbische Dinar für zwei. Weil die weitere Kommunikation schwierig ist, zeigt sie mir kurzerhand die Waschkabinen. Es sind schmuddelig wirkende, geflieste Baderäume, groß genug für ein oder zwei Personen. In einem vertieften Becken kann man sich über zwei Wasserhähne (kaltes und heißes Wasser) ein Bad einlassen. Super, das nehmen wir. Endlich, ein heißes Bad! Wir fühlen uns wie neu geboren.

Ein paar Kilometer weiter finden wir einen ruhigen Stellplatz in der Nähe eines Stausees. Die Landschaft ist sehr reizvoll. Die Hügel sind von zartem Grün der Laubwälder bedeckt, und allerorts dampft es aus den Wäldern empor. Serbien hat eindeutig noch unentdecktes touristisches Potential!

Sonntag, 20.04.2012
Wir wünschen euch allen Frohe Ostern! Die Sonne scheint wieder, und wir wollen ein weiteres Highlight von Serbien kennenlernen, den Geysir bei Sijarinska Banja. Der Ort ist zwar in Luftlinie nur ca. 40 km von Vranjska Banja entfernt, da aber keine Straßen direkt dorthin führen, müssen wir ca. 80 km Umweg fahren. Unser Ziel liegt nahe der Grenze zum Kosovo, und die Dörfer auf der Strecke werden zunehmend einfacher und ärmlicher. Kaum vorzustellen, dass es hier einen Tourismus zum Geysir geben soll. Immerhin finden wir in Leskovac einen Wegweiser mit der Beschriftung „Sijarinska Spa“. Das klingt doch vielversprechend.

Die Landschaft ist sehr schön, frisches Grün zeigt den Frühling in den Buchenwäldern an. Gegen Abend kommen wir endlich an. Sijarinska Banja ist ein Kuhkaff! Immerhin gibt es ein Hotel (es erübrigt sich zu sagen, dass es ebenfalls schon mal bessere Zeiten gesehen hat) und ein Restaurant. Der Rest des Dorfes zeigt sich in verschiedenen Stufen des Zerfalls. Unser Kommen löst gleich ein großes Hallo unter den Einwohnern aus. Von jungen sportlichen Männern bekommen wir einen Parkplatz auf einer grünen Wiese mitten im Ort zugewiesen. Der dunkelhäutige Kioskbesitzer wird uns auf Deutsch mit den Worten: „… und das ist unser Zigeuner…“ vorgestellt.

Wir werden ermahnt, uns doch sogleich bei der Polizei registrieren zu lassen, was wir auch gerne machen wollen. Die Polizeistation ist ein winziger Metallcontainer. Darin sitzen ein älterer Polizist, der sich gerade die Nachrichten vom Hochwasser in Serbien ansieht, und sein junger Kollege. Beide sind sichtlich überfordert und genervt von unserem Erscheinen. Der Ältere blättert in unseren Reisepässen und kann angeblich den Einreisestempel nicht finden, hat aber augenscheinlich überhaupt keine Lust uns zu registrieren. Der Jüngere, Alexander, taut langsam auf und fördert recht gute Englischkenntnisse zu Tage. Er bietet sich an, uns eine kleine Heilwasserführung zu geben. Die schlechte Nachricht zuerst: Der Geysir, wegen dem wir eigentlich gekommen sind, wurde dieses Jahr dicht gemacht und wird nun zur Beheizung des Hotels genutzt. Angeblich spuckte die Fontäne einmal bis zu 70 Meter hoch (im Internet stand etwas von acht Metern). Aber eine Attraktion hat der Ort dennoch zu bieten: Auf einer Länge von weniger als einem Kilometer gibt es 18 Mineralwasserquellen mit einer Temperatur zwischen 32 und 72 Grad Celsius. Jede Quelle hat ihre eigene Temperatur und Zusammensetzung, deren Heilkraft für verschiedene Erkrankungen eingesetzt wird. Das Wasser der Jablavica Quelle z.B. ist warm, schmeckt säuerlich und prickelt auf der Zunge.

Bei weiteren Erkundungen (ohne den Dorfpolizisten im Schlepptau, der sich mittlerweile in die Kneipe verabschiedet hat), entdecken wir das ruinöse, trocken gelegte Hallenbad mit dem Namen „Gejser“. In der Mitte schien einst der Geysir verschiedene terrassenförmig angelegte Becken mit Warmwasser zu versorgen. Jetzt ist aber über dem Geysir ein Schlauch befestigt, der das Wasser in das gegenüberliegende Hotel leitet. Trotzdem läuft aus dem Hang, an den das Freibad gebaut ist, überall das schwefelhaltige Wasser herab. Das Bad war wirklich mal sehr hübsch, sogar eine Rutsche gibt es, jetzt wirkt die Anlage mehr als traurig. Unverständlich, warum so etwas nicht erhalten wird.

Trotz der eigentlich ernüchternden Faktenlage sind wir erheitert und fühlen uns wie Pioniere im serbischen Heilbadtourismus. Zur Feier des Ostersonntags und zur Unterstützung von Sijarinska Banja gehen wir im Restaurant essen: Omelett, Fritten, Salat, Pfannenbrot mit Schafskäse und für Matthias ein riesengroßes Schweinefilet (Schuhgröße 45).

Montag, 21.04.2014
Sonne weckt uns auf, und bei unserer Abfahrt aus dem kleinen Ort erleben wir eine Überraschung. Der Geysir in dem Hallenbad ist plötzlich doch aktiv. Irgendjemand hat den Schlauch entfernt, und nun spritzt es ca. 4 m hoch aus dem Loch im Boden. Die Tropfen sind tatsächlich warm. Im Großen und Ganzen ist das alles aber doch immer noch eine traurige Veranstaltung, und wir verlassen Sijarinska Banja, nicht jedoch ohne diesem Ort das Beste zu wünschen.

Wir fahren den ganzen Tag Richtung Soko Banja, bald können wir einen Thermalbadführer Serbien herausgeben. Das Wetter ist unglaublich schwül, und am Abend beginnt es wieder zu regnen und abzukühlen. Der Weg nach Soko Banja ist gut beschildert, und am Ortseingang wird bereits für unzählige Hotels und Pensionen Werbung gemacht. Da es schon dunkel wird, parken wir einfach vor dem Spezalnaja Balnica (Spezialkrankenhaus), das Charme und Ausstrahlung eines kleinen Landkrankenhauses hat. Heppo lässt sich das Krankenhaus zeigen und findet heraus, dass der Aufenthalt mit Zimmer, Essen und Anwendungen unter 30 Euro kostet und man auf die Behandlung von Rheumaerkrankungen spezialisiert ist. Der kostenlose Zugang zum Internet funktioniert nur direkt in der Lobby des Krankenhauses, aber da Heppo und Matthias vom Personal ziemlich schief angesehen werden, nutzen sie es nur kurz.

Dienstag, 22.04.2014
Das Krankenhaus wird schon morgens um sieben Uhr stark frequentiert. Wir befürchten eingeparkt zu werden und suchen uns daher einen anderen Parkplatz nahe der Fußgängerzone. Der Ort ist schön, gepflegt und sehr touristisch. Laut Touristeninformation wird Sokobanja aber hauptsächlich von Serben und Russen besucht. Es gibt ein Hallenbad „Sokotherme“ und ein Hamam „Amam“, der Eintritt in letzteres kostet 220 Serbische Dinar pro Person und halbe Stunde, also ca. 2 Euro.

Im Hamam kann der Angestellte wieder kein Englisch, aber die Verständigung funktioniert so weit, dass ich einen Termin um 12.30 Uhr für zwei Personen bekomme. Als es soweit ist, werden wir ohne weitere Erklärungen in das Bad gelassen. Es ist ein rundes Becken mit 38°C warmen Wasser, darüber wölbt sich eine Kuppel. Das Bad ist sehr hübsch hergerichtet. Aber wir suchen erst mal 10 Minuten nach der Dusche, die versteckt in einer Ecke liegt, und dann ist die halbe Stunde fast schon wieder um. Insgesamt etwas unbefriedigend.

Als wir zurück zum Laster kommen, wird Matthias gerade von einer älteren Dame mit Glitzerjacke und Gesichtswarzen auf Deutsch bequatscht. Die Dame hat vor 30 Jahren einige Jahre in Österreich verbracht, und sie freut sich sichtlich über Sozialkontakt. Heppo und Matthias lassen sich überreden, mit zu ihr zum Kaffeetrinken zu gehen. Ich ziehe es vor zu Hause zu bleiben, denn in den fünf Minuten, in denen ich mit ihr gesprochen hatte, hat mich die Babuschka ungefähr 20 Mal angefasst. Nach gut einer dreiviertel Stunde kommen die beiden zurück und freuen sich, dass sie ihre Karmapunkte aufgebessert haben. Ich war dafür mit Sidi spazieren, das muss schließlich auch irgendwer machen.

In unserer Karte ist bei Sokobanja ein Wasserfall mit dem Namen „Ripaljka“ eingezeichnet. Wir hegen die Hoffnung, dass wir dort einen schönen Stellplatz für die Nacht finden. Der Beschilderung folgend sind wir nach gut 4 km am Parkplatz beim Wasserfall. Nach Kroatien beeindruckt uns aber so schnell nichts mehr! Der Parkplatz wäre zur Not ein Übernachtungsplatz, aber uns schwebt noch etwas Einsameres vor, und so folgen wir der sehr schlechten Teerstraße (riesige Löcher im Asphalt) weiter bergauf in Richtung Quelle Kalinowitscha. Und da ist er, der fast einsame Traumplatz mitten im Wald, nahe der Quelle. Bis auf ein paar Spaziergänger, die uns gleich von ihrem Bärlauch abgeben, haben wir den Platz für uns. Hier gibt es schönsten Laubwald, einen kleinen Spielplatz mit Trimm-dich-Geräten, Tische, Bänke und eine Lagerfeuerstelle, sogar mit Grillkohle.

Mittwoch, 23.04.2014
Ein Lagertag ist gut für uns alle. Schade nur, dass das Wetter so mies ist. Immerhin haben wir mal ein paar Stunden Regenpause. Wir verbringen die Zeit mit Spaziergängen, lesen, meditieren, und ich gehe sogar zum Joggen. Die Landschaft ist so schön, und hier ist es so ruhig, dass Heppo und ich uns gut vorstellen könnten, hier einen Selbstversorgerhof zu gründen. Aber wahrscheinlich ist der Winter in dieser Region doch relativ lang, denn die Vegetation ist hier kaum weiter als noch vor gut sechs Wochen in Kroatien. Es blühen der Bärlauch, das Lungenkraut, Schlüsselblumen und ein dunkelrotes Geranium. Abends am Lagerfeuer, gerade als wir den Dutch-oven mit einem Kartoffelgericht in die Glut stellen, zieht ein Gewitter über uns hinweg. Wir lassen uns aber die Laune nicht verderben und harren unter dem überdachten Picknicktisch aus.

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