2017-07 Budapest 01
Unterwegs in Pest

Hipster-Area: Das jüdische Viertel in Budapest

Das Abenteuer beginnt bereits in Regensburg. Der Bus nach Wien/Erdberg fährt mir vor der Nase weg: „Was? Das kann doch nicht sein? Es ist doch noch 20 Minuten vor der regulären Abfahrtszeit, und außerdem habe ich gerade eine Nachricht auf mein Handy bekommen, dass der N61 auch noch 30 Minuten Verspätung hat.“

Die bange Wartezeit wird jedoch durch die wundersame Verwandlung zweier Adidasjacken- und Vollbarthipster verkürzt, die vor unseren Augen (Heppo wartet netterweise mit mir) zu orthodoxen Priestern werden. Der eine macht seine Metamorphose auf offener Straße durch, fischt in Zeitlupe eine schwarze Kutte mit Fledermausärmeln und lange Strümpfe aus einem Plastiksack, der andere ist etwas dezenter und schlägt sich zur Verpuppung in den Busch.

2.35 Uhr; da kommt schon der Bus, auf die Sekunde genau 30 Minuten zu spät. Ein letzter Kuss: „Ach, wie werde ich Mann und Hund vermissen.“ Vier lange Wochen ohne meine beiden Lieben. Das wird hart.

Im Bus duftet es dezent nach Fäkalien. Trotzdem schlafe ich bald ein und wache erst in Wien wieder auf – mit fürchterlichen Nackenschmerzen. Welch‘ schreckliche Tristesse Busbahnhöfe verströmen! Ein wohlwollender, aber mit wenig Geschmack gesegneter Mensch hat in der grauen Wartehalle plastische Kugelfische und irre lachende Sonnen aus Papier aufgehängt. Die bunte Kindergeburtstagsdekoration baumelt im Luftzug und verhöhnt die ermüdeten Reisenden.

Im Bus nach Budapest wird meine Stimmung auch nicht besser. Die von Windrädern aufgespießte, regennasse Landschaft zieht eintönig am Fenster vorbei. Ich beobachte trübe das Wettrennen der Tropfen auf der Scheibe.

Nach der Grenze, in Ungarn, mischen sich dem dichten Regen einige Sonnenstrahlen bei. Der Himmel ist ein blauer Teppich, darauf eine Sofalandschaft zerknautschter Wolken. Mit Sommerwetter fährt der Bus in Budapest ein. Der erste Eindruck: Etwas schmuddelig, viele Obdachlose, aber die Leute durchaus hilfsbereit. Als ich hilflos am Ticketschalter stehe, tippt ein junger Mann routiniert für mich das Richtige herbei. Bereitwillig gibt man mir auf Deutsch und Englisch Auskunft.

Stimmungsvolle Street-Art in der Dob Utca

Verschwitzt komme ich bei Shengxia in der Dob Utca* an. Meine Vermieterin wartet bereits ungeduldig auf mich und übergibt mir Schlüssel, Haus- und WiFi-Code. Mein Zimmer ist gerade so groß, dass ein Bett hineinpasst; das kleine Fenster führt zum Innenhof, aber dafür bin ich mitten drin im angesagten jüdischen Viertel von Pest.

Im Gewühl der Pester Innenstadt geht es durchaus auch gemütlich zu…

Der Stadtteil lag einst vor den Toren vor Buda und wurde schnell zu einer der größten jüdischen Gemeinschaften in Ungarn. Um das Jahr 1900 waren 20% der Budapester Juden. Dann veränderte sich aber das politische Klima und der Antisemitismus erstarkte. 1944 marschierten die Deutschen in der Stadt ein, das Stadtviertel wurde erst zum Ghetto und dann zur Todesfalle. Über 450.000 Menschen wurden nach Auschwitz deportiert. Heute gibt es wieder ein reges jüdisches Leben in den Gassen. Neben der größten Synagoge Europas, den gut sichtbaren Kosher-Restaurants und jüdischen Buchläden ist dieser Stadtteil aber auch überaus bunt, alternativ und sehr touristisch. Zum Glück für mich, denn für das internationale Party-Publikum gibt es sogar vegetarisches und veganes Street-Food: So komme ich in den Genuss eines vegetarischen „Hungry Hipster Burger“, mit Ziegenkäse statt mit Fleischbelag.

Air Race an der Donau

Ansonsten bin ich von Budapest erst mal enttäuscht. Das Übliche eben, die immer gleichen Geschäfte in einer herausgeputzten Fußgängerzone. Der Weg nach Buda bleibt mir heute versperrt. Die berühmte  Kettenbrücke über den Fluss ist wegen eines Red-Bull-Flugwettbewerbs geschlossen.

Ein Helikopter vollführt gerade recht waghalsige Manöver: Freier Fall und Trudelflug. Dazu donnert ein Doppeldecker nur wenige Meter über der Donau dahin, um dann – einen weißen Abgasschweif hinter sich herziehend – eine rasante Kurve nach oben zu beschreiben. Mir ist nicht wohl bei der Sache; ich denke an Rammstein: „Was, wenn einer der Piloten die Kontrolle verliert?“ Kanonenschüsse (?), im Minutentakt abgefeuert, verursachen zusätzliche Beunruhigung. Ich wähne mich an einer Kriegsfront und bin verblüfft über die Abgebrühtheit der zahlreichen Schaulustigen. Außerdem sticht die Sonne, und ich bekomme Kopfschmerzen.

St. Stephans-Basilika

Ein kleiner Schlenker führt mich zurück über die St. Stephans-Basilika und das Riesenrad Budapest Eye.

Budapest Eye

Pefekter Taubenaussichtsplatz

Schließlich lande ich wieder in der Elisabeth-Stadt im Szimpla, eine der ersten Ruinenbars der Stadt. Zwischen Sperrmüllmöbeln und Flohmarktsammelsurium sitzt man hier gemütlich und schattig im Hinterhof eines Abrisshauses. Das Szimpla ist mittlerweile eine Institution und hat viele Nachahmer gefunden. Hier fühle ich mich wohl. Nachmittags um 17 Uhr ist bereits einiges los. Ein Roboter mit Draht-Rastas zuckt rhythmisch zu lässigen Beats in einer alten Telefonzelle. Seine Augen leuchten rot. Während das Bier bereits in Strömen fließt und an vielen Tischen ausgelassen gefeiert wird, bin ich die einzige, die alleine an einem Tisch sitzt und schreibt…

Roboter-Installation in der Ruinenbar Szimpla

Cooler Club in Abrisshaus: Das Szimpla von außen.

Später gibt es in einem Nebenraum der gleichen Location Livemusik. Eine sechsköpfige Band spielt ein Benefizkonzert für Flüchtlinge. Ich bin positiv überrascht, das entspricht ja schon mal nicht dem Klischee von den fremdenfeindlichen Ungarn. Die Gruppe groovt sich langsam ein und produziert – zumindest für meine Ohren – recht ungewöhnliche Klänge. Ich höre Improjazz, Balkaneinflüsse und den Orient. Auch die Besetzung ist eigenartig: Cello, Trompeten, zwei Flöten, Ud, Bassklarinette und Percussion. Das Publikum besteht wohl hauptsächlich aus Familienmitgliedern. Frauen und Kinder sind im Publikum und feuern ihre Ehemänner und Väter begeistert an.

Nach dem Konzert fühle ich mich verloren. Alleine im Club ohne Anbaggerambitionen, das ist gewöhnungsbedürftig. So trete ich den Nachhauseweg an. Vor dem Szimpla hat sich eine lange Schlange vor dem Türsteher gebildet. Der Abend geht eigentlich erst los, mich aber zieht es in mein Kämmerchen in der Dob Utca*.


*In der Dob Utca 41 wohnte übrigens einst der Komponist des vielfach gecoverten (u.a. von Billie Holiday) Liedes „Gloomy Sunday“. Rezső Seress schrieb das als „Hungarian Suicide Song“ bekannt gewordene Stück 1933 unter dem Einfluss des Krieges und des Faschismus‘. Anfangs hieß es „Vége a világnak“ (The world is ending). Später schrieb der Dichter László Jávor den Text der heute gängigen Fassung. Um das Lied ranken sich einige mysteriöse Legenden. Angeblich verursachte es eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Selbstmorden. Radiosender verboten es sogar.

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Und das war voher: SOMMER DER LIEBE