2017-07-07 Vampir im Seattle von Ungarn

Neue Existenz als ungarische Exzellenz

Fast Vollmond.
Habe soeben beschlossen, mein Dasein in Pécs auf eine Vampirexistenz zu beschränken – tagsüber im Zimmer, abends durch die Stadt streifen. Das ist ja so viel angenehmer.

Als ich heute erst gegen 18 Uhr vor die Tür trete, merke ich, dass der Himmel komplett bewölkt ist. Aber die Luft, die ist noch schlimmer als in den letzten Tagen. Sie ist wie Honig, durch den man waten muss.

Mühsam habe ich gestern Abend anhand eines ungarischen Veranstaltungsprogramms (ich verstehe kein Wort) und dem Internet einige Biergärten und Bars ausgecheckt. Mit Konzerten habe ich offensichtlich Pech in Pécs. Das Programm geht wohl erst nach der Sommerpause Ende August wieder los. Die Stadt soll angeblich das Seattle von Ungarn sein. Dass ich nicht lache! Zugegeben, ich habe keine Ahnung von Seattle. War noch nie dort. Aber die Pécser anscheinend auch nicht. Wer denkt sich denn nur so einen Vergleich aus?

Immerhin, jetzt sitze ich im blutverschmierten – äh – bunten Biergarten des ‚Csinos Presszó‘, auch so eine Art Ruinenbar. Es regnet, blitzt ein bisschen und donnert. Wie wunderbar! Nie hab ich mich so über solch ein Wetter gefreut! Auch dem sehr jungen Publikum – bin gut 100 Jahre älter – scheint es zu gefallen. Ich lese das Buch ‚Polykrates-Syndrom‘ von dem österreichischen Schriftsteller Antonio Fian (Writer in Residence 2015) fertig. Ziemlicher Splatter, aber das passt jetzt gut zu meiner neuen Persönlichkeit.

Bin wohl die einzige, die in dieser Stadt alleine ausgeht. Würde gerne mit jemanden ins Gespräch kommen, aber die Ungarn sind mindestens so schüchtern wie ich. Schade, denn ich „beiße“ nicht. Vampirehrenwort!

Mich zieht es weiter, hoffe, dass das Publikum dort – wo auch immer ich landen werde – älter sein wird. Fliege ins ‚N-Eozin‘. Brauche eine Weile für die Rückverwandlung Fledermaus zu menschlicher Gestalt, verstecke mich dazu auf dem Damenklo. „Muss erst in Übung kommen.“ Endlich geschafft! Die spitzen, leicht behaarten Ohren fallen im Halbdunkel nicht weiter auf, wage mich also aus der Kabine. Auf der ‚Grillterasz‘ spielt eine schlechte Schülerband guten Blues. „Besser als nix!“, denke ich mir und verweile für eine Blutkonserve.

Nach dem Konzert wird es zwar noch lange nicht hell. Aber ein Vampir allein hat eben auch keinen Spaß und geht lieber zurück in seine Gruft.


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Und das war vorher: Apache in Pécs

Noch ist es hell im Csinos Presszó