2017-07-20 Ich bin Gott!

Gott segne die ungarischen Limonaden!

Langsam trudeln schon die ersten Beschwerden ein. Was ich denn den lieben, langen Tag so treiben würde? Man habe schließlich ein aufrichtiges Interesse daran, zu erfahren, wie ich meine Zeit in Ungarn zu- und das Stipendiumsgeld durchbringen würde. Fruchtsuppenrezepte, Bronzegussbilder und Notizen über erträumte Kniefälle von Ganzkörpertätowierten seien ja gut und schön, aber ein richtiger Text müsse wieder her.

Wie gerne würde ich euch, meine lieben Leser, mit Anekdoten aus meinem wahnsinnig spannenden Leben in Pécs erfreuen. Das Problem ist nur:
Was schreiben? Am Ende gar die dröge Wirklichkeit?

Na gut, ihr wollt es anscheinend nicht anders:

07.30 Uhr: Aufstehen. Schon wieder so eine Hitze!
Bis 08.30 Uhr: Frühstücken und sich vor dem Schreiben drücken.
08.45 Uhr: Computer anschalten
Bis: 09.15 Uhr: Emails beantworten
Bis 12.00 Uhr: Pople uninspiriert an meinem ‚Roman‘ (besser: Romanversuch) herum.
12.30 Uhr: Habe einen Durchhänger. Alles Mist! Bin frustriert, lösche und schreibe neu.
13.30 Uhr. Entwickle meine Figuren weiter und finde neue Kniffe.
13.45 Uhr: Ja!!! Ich bin Gott in meinem Universum. Ich habe die ultimative Macht!
14.00 Uhr: Hunger. Snack in der Stadt.
14.30 Uhr: F*** ist das heiß!
14.45 Uhr: Eis geht immer!
15.00 Uhr: Zurück am Schreibtisch: Mein Nacken schmerzt. „I mog nimmer!“
15.30 Uhr: Emails checken und beantworten.
16.00 Uhr: Nur mal gaaaaanz kurz auf die Couch und ein paar Seiten in Károly Méhes‘ Buch ‚Insgeheim‘ lesen.
16.30 Uhr: Schrecke hoch, weil mir das Buch aus der Hand fällt. Oh, bin wohl eingeschlafen! (Liegt nicht an deinem Buch, Károly. Ehrlich!)
16.45 Uhr Kaffee???
17.00 Uhr: Zurück am Computer mit Kaffee: Zwei Figuren fliegen raus, dafür übernehmen andere Funktion und Eigenschaften der zwei gelöschten. Vielleicht doch kein Mist?!
17.30 Uhr: Bin wieder Gott. Grandioses Gefühl bis 17.44 Uhr.
17.45 Uhr: Unsanfte Landung. Was schon 17.45 Uhr? Schnell duschen, muss los!
18.30 Uhr: Termin bei der Thai-Massage in der Ferencesek Utcája.

Eine Thai-Massage ist ein Rundumerlebnis, das ich wirklich jedem von Herzen empfehlen möchte, der sich diesen Spaß bisher noch verwehrt hat. Obwohl ‚Spaß‘ irgendwie das falsche Wort für die folgende Stunde ist.

Jedes Mal mache ich den gleichen Fehler und stelle mir vorab ein zartes Thai-Mädchen vor, das sanft an meinen durch die Errungenschaften der westlichen Zivilisation deformierten Gliedmaßen herumdrückt, die verkrampften Schultern wieder ins Lot und die verkürzten Sehnen und Bänder liebevoll auf die richtige Länge bringt.

Doch die Massagen sind wohl Sache der Mütter. Schwungvoll lässt sich eine 100-Kilo-Frau  rittlings auf meinem Rücken nieder. Schon zieht sie meine Beine an den Gelenken in die Höhe, bis es kracht. Sie schaukelt mich nach links und biegt mich nach rechts, dehnt mich nach vorne und nach hinten, immer unter Einsatz ihres eigenen Körpergewichtes und unbeeindruckt durch meine Schmerzensschreie. Bald darauf bohrt sie mir drei Finger in eine Fußreflexzone bis ich aufjaule. Stetig arbeitet sie sich nun nach oben vor bis zu meinem Kopf, wo sie eine Stelle hinter meinem Ohr erwischt, an der ich nur noch orangerote Sternlein sehe…

Zum Abschluss gibt es noch was Versöhnliches:
Gesicht streicheln, Kopf kraulen, ein kühlendes Öl auf die Schultern und ein paar heftige Schläge auf den Rücken.
„Finished!“, strahlt sie mich an.

Vorsichtig fühle ich in mich hinein. Noch alles dran. Kaum zu glauben, aber ich fühle mich göttlich. Das kommt wahrscheinlich von den Endorphinen, die mein Körper im Überlebenskampf ausschüttete. Euphorisiert vereinbare ich gleich noch einen Termin für nächste Woche.

Irgendwie muss ich meine Zeit und mein Geld ja durchbringen! 🙂


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Und das war vorher:
Fruchtsuppe