2017-07-26 Made in Pécs

Synagoge in Pécs

Musikempfehlung: Locomotiv GT, Album von 1971


Nur noch drei Tage in Pécs, und so sehr ich mich bereits auf mein Zuhause freue, so sehr beginne ich auch schon, wehmütig zu werden und diesen Ort zu vermissen…

Auf der Straße
Sonne.
Ungarische Hitze.
Eiscreme.

Die Obdachlosen
mit ihren festen Plätzen.
Die Polizei, die sie von diesen vertreibt.

Der unangenehme Typ
mit den langen Haaren und dem Rucksack,
der oft betrunken und pöbelnd
vor dem kleinen Laden steht.

Junge Straßenmusiker

Die vielen Straßenmusikanten:

Der beste ist der Mann mit dem Bart,
der amerikanische Folksongs mit Gitarre und Blues-Harp spielt.
Der schlechteste ist der Zigeuner,
der auf einem alten Kinder-Keyboard einfach irgendwelche Tasten drückt.

Ein Geigenspieler schenkt mir ein Lächeln,
das meine Mundwinkel nach oben zieht.
Dort bleiben sie dann eine Weile.
Ich gebe ihm trotzdem kein Geld,
stattdessen bekommt es der Akkordeonspieler.

Im Zentrum der Altstadt am Széchenyi Ter
Ein Mann macht große Seifenblasen.
Kreischende Kinder spielen in den Wasserinstallationen.
All die jungen Frauen mit den knappen Shorts.

Der Torbogen, der einen feinen Wassernebel versprüht.
Die seligen Gesichter der Leute, die ihn durchschreiten,
mit ausgebreiteten Armen
und nach oben gewandten Gesichtern und Händen.

In einem Innenhof
Eine Gypsy-Band spielt Fröhliches, singt: „Hoppa Hoppa“.
Zwanzig Frauen und Männer tanzen dazu im Kreis.
Es werden immer mehr.
Ich kann nicht bleiben, weil ich zu weinen beginne.
Verstecke mich in einer leeren Gasse und rotze ein Taschentuch voll.

Im ‚Apollo‘ Kino
Die Einrichtung im Stil der 60er-Jahre.
Testről és Lélekről / On Body and Soul.
Schon wieder Tränen.

Im ‚Cool-Tour Café
Endlich Schatten!
Aufmerksame Barkeeper.
Frische Limonade (mmmmh!)
Ich sitze alleine, schreibe und lese.
Finde Poesie am Klo.

Im ‚Made in Pécs‘
Eine Zwei-Mann-Band spielt Indie-Rock.
Es würde mir hier gut gefallen, aber es ist zu warm.
An meinem Bierglas kleben braune Bröckchen.
Ich gehe.

Am Buzan tér Bauernmarkt
Der Biobauer Janós mit den blauen Augen
erkennt mich wieder, lächelt und errötet.
Seine Standnachbarin fängt seinen Blick ab
und runzelt skeptisch ihre Stirn.
Ich schaue schnell zu Boden.

Auch die Käsefrau freut sich mich zu sehen.
Sie ist enttäuscht, dass ich bald wieder abreise.

Unter dem Vordach einer Versicherungsgesellschaft
liegt ein Mensch eingerollt am Boden,
goldene Ballerinas daneben.

Am Sonntagsmarkt Vásártér
Hunde- und Katzenkinder werden in kleinen Käfigen zum Kauf angeboten.
Auch Hühner gibt es hier, Gänse und Kaninchen.
Es riecht nach fettigen Lángos.

Links unten: „Meine“ Wohnung

In meiner Wohnung
Warm und stickig ist es, trotz offener Fenster,
auch ein wenig dunkel.
Die Klospülung funktioniert nur einmal am Tag.
Es müffelt bereits.

Im Häuserblock
Jeden Abend ab 18.30 Uhr:
Die hyperaktiven Pudel üben mit ihren Besitzern Ball werfen.

Jeden Abend ab 19 Uhr:
Der Nachbar im zweiten Stock,
kommentiert sehr laut Sportveranstaltungen im Fernsehen.
Jeder versteht ihn, außer mir.
Sein Lachen klingt wie das eines Bösewichts
in einem Cartoon.

Freitagnachmittag:
In einer anderen Wohnung
wärmt sich einer schon seit Stunden für das Party-Wochenende mit Techno auf.

Samstag:
Er feiert wohl bei sich zu Hause.

Sonntag, 22 Uhr:
Lauter Beischlaf in der Wohnung gegenüber.
Erst stöhnt sie, dann er.
Der Sportnachbar kommentiert (was auch immer?).
Ich schließe das Fenster.

Im ‚Fernsehen‘
Bachelorette Jessy hat die Qual der Wahl
zwischen vier echt schleimigen Typen *_*.

Erdogan will’s wissen.
Szydło und Kaczyński auch. Duda knickt ein.
Was macht eigentlich Orbán?

Bei Enikö und Karoly
Wein, Maiskolben, Pfirsiche,
Gebäck und Formel-1.

Im Museum
sperrt man extra für mich auf.
Der letzte Eintrag im Gästebuch ist
von vor fünf Tagen.

In der Synagoge
Viel Holz.
Ich mag den Geruch.
Auf den deutschsprachigen Erläuterungen
steht als Überschrift in Fettdruck:
Führer.

Im Ashram/Jogahaz
Asvini.
Leckeres Essen in familiärer Atmosphäre.
Spiritualität, Gebet und Gesang.

Im Hatha Joga in der Ápaca utca
Klára und Ingrid.
Iyengar-Yoga.
Herzchakra-Meditation.
Das schönste gemeinsame „OM“ ever.
Einladungen 🙂

In der Thai-Massage
Die erste Masseurin hat trockene Hände.
Die zweite Masseurin hat feuchte Hände.
Brutal sind sie beide.
Aber es hilft.

In der Natur
Tiere, die vor mir davonflitzen.
Es sind winzige Eidechsen.
Eine Frucht zerplatzt mit lautem Knall
direkt neben meinen Füßen.

In meinem Körper
Kopfschmerzen.
Nackenschmerzen.
Schulterschmerzen.

In meinem Kopf

Sehnsucht…
Schreibfrust…
Schreiblust…

Babylon!


Und das war vorher: Schöner, besser und süßer

Am Széchenyi tér

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