Ab in die Wüste

Musiktipp: Gnawa Diffusion

Diesiges Wetter dank des Kanarenstroms

Das Wetter an der Küste ist schon seit Tagen sehr diesig, neblig und eher feucht. Die Temperaturen sind dafür sehr angenehm, wohl kaum mehr als 28 Grad. Verantwortlich für dieses Phänomen ist der kalte Kanarenstrom, der um diese Jahreszeit für dieses spezielle Wetter sorgt.

Ich finde den Nebel eigentlich sehr schön.

Auch wenn es uns gerade gut gefällt und Heppo großen Spaß am Surfen hat, so haben wir doch das Gefühl, etwas Strecke in Richtung Süden und West-Sahara machen zu müssen. Wir biegen also ab in Richtung Guelmim ins Landesinnere; dort wollen wir unsere Trinkwasservorräte auffüllen und – wenn möglich – einen Tierarzt finden, der für Sidi ein Gesundheitszeugnis für den bevorstehenden Grenzübertritt nach Mauretanien ausstellt.

Freundliches Haus auf dem Weg nach Guelmim.

Je weiter wir uns von der Küste entfernen, desto mehr lichtet sich der Nebel. Bald wird es heiß, unerträglich heiß. Leider haben wir kein Thermometer an Board, aber wir schätzen, dass es weit über 40 Grad Celsius haben muss. Wir sind total ausgedörrt, als wir in Guelmim ankommen. Ich habe einen krebsroten Kopf;  der Schweiß läuft mir in Strömen über den ganzen Körper. Er tropft mir von der Stirn, verfängt sich in meinen Wimpern und brennt mir in die Augen. Auch der arme Sidi kommt gar nicht mehr aus dem Hecheln heraus und weiß gar nicht, wohin er sich flüchten soll.

Der dubiose Wasserhahn von Guelmim mit bestem Trinkwasser.

Zum Glück gibt es noch immer den etwas dubios wirkenden Wasserhahn, der am Rande von Guelmim einfach aus einer rostroten Mauer ragt. Die halbe Stadt scheint dort Wasser zu holen. Grundsätzlich ist das ein gutes Zeichen, aber so dauert es eine Weile,  bis wir 11 Kanister a 10 Liter komplett aufgefüllt haben. Das Warten lohnt sich jedoch;  das Wasser hat wirklich gute Qualität und schmeckt weder nach Salz noch nach Chlor. Unser Ehrgeiz ist es nach wie vor, so wenig Wasser wie möglich zu kaufen, denn der anfallende  Berg an Plastikmüll wäre enorm. Und Wasser zu kaufen ist auf Dauer auch gar nicht billig: 5 Liter kosten etwa 11 Dirham, also einen Euro. Wir versuchen daher, unseren Wasserbedarf aus Quellen und Brunnen zu decken. Um Erkrankungen vorzubeugen, filtern wir aber konsequent jeden Tropfen. Auch wenn es uns gerade sehr schwerfällt, so beherrschen wir unseren Durst und pumpen erst das Wasser durch den Katadyn, bevor wir es trinken. An diesem Tag ist es jedenfalls so heiß, dass jeder von uns sage und schreibe 10 Liter trinken wird.

Die Wüste zeigt Zähne: Heiß ist es und staubig!

Vom Tierarzt habe ich leider nur eine ungefähre Adresse, aber nach etwas Suchen stehen wir vor der Praxis., die leider geschlossen hat. Es ist  verdammt heiß, und kein Schatten weit und breit. Glatter Selbstmord wäre es jedenfalls, im LKW auf den Veterinär zu warten. Wir beschließen daher, weiterzufahren und den Tierarztbesuch  erst in der Westsahara zu erledigen.

Plötzlich eine Windhose

Hinter Guelmim zeigt uns die Wüste, wozu sie neben dieser wahnsinnigen Hitze außerdem noch fähig ist: Sand steht plötzlich vor uns in der flirrenden Luft und formt geisterhafte Schattengebilde. Sandhosen tänzeln erst auf uns zu, um dann vor meiner Kamera zu fliehen. Fast scheint es, als würden  sich diese wirbelnden, kleinen Derwische einen Spaß daraus machen. Immer, wenn ich das Phänomen gerade festhalten möchte, verschwindet der Wirbelsturm, ganz so, als ob gar nichts gewesen wäre. Wie tausend kleine Schlangenwesen huscht der gelbe Sand nun über den schwarz glänzenden und spiegelnden Asphalt. Die Wüste scheint ein Eigenleben zu führen. Es ist, als ob sie uns eine Warnung schicken würde: „Nehmt Euch in Acht, ihr Bleichgesichter! Unterschätzt mich bloß nicht. Ihr habt es nämlich nun mit mir zu tun, der schrecklichen Sahara!“ Wir haben verstanden und plötzlich mächtig Respekt vor dieser großen Wüste, an deren Anfang wir uns erst befinden.

In der Luft stehende Sandwolke. Ich wusste vorher gar nicht, dass es so etwas gibt.

Und dann finden wir noch einen schönen Übernachtungsplatz.

Surfen in Marokko

Schönes El Jadida: Die Cité Portugaise ist Weltkulturerbe.

Musikempfehlung zu diesem Artikel: Was Said gerne nach einem Surftag bei einer kleinen Entspannungszigarette hört: Wes Mackey und B. B. King.

Uns zieht es weiter an der Küste entlang. Über das verschlafene Azzemour und das touristisch herausgeputzte El Jadida mit seiner portugiesischen Festungsanlage, die übrigens UNESCO-Weltkulturerbe ist, fahren wir in den schicken Ort Oualidia. 2006 waren wir schon einmal mit dem Rucksack hier. Nun staunen wir nicht schlecht: Das Dorf war uns als eher verschlafen in Erinnerung geblieben und der halbrunde Strand mit seinen dramatischen Felsen vor allem deswegen, weil meine Turnschuhe an den scharfkantigen Steinen damalsihr Leben ließen. 13 Jahre später ist Oualidia nicht wiederzuerkennen. Aus dem Dorf ist eine kleine Stadt geworden, mit neuen Ferienhäusern und – für marokkanische Verhältnisse – extrem teuren Fischrestaurants (Gerichte ab 150 MAD). Zahlreiche Touristen sind hier. Es fällt auf, dass viele von ihnen einen kolonialistischen Kleidungsstil pflegen. SIE trägt ein langes fließendes, pastellfarbenes Kleid, Strohhut und Sonnenschirmchen. ER hat einen sandfarbenenen Zweiteiler an und ein weißes Hemd. Die Anzughose ist lässig auf Hochwasserlänge gekrempelt. Die weißen Füße wühlen sich in den Sand. Teure Halbschuhe stehen daneben. Perfekt, dass in dieser beeindruckenden Kulisse zwischen bunten Fischerbooten und kreisenden Möwen auch Austern geschlürft werden können (Direktverkauf durch die Fischer). Sieht gut aus, weckt dennoch vielleicht komische Assoziationen bei den Einheimischen. Wahrscheinlich ist das aber nur die logische Konsequenz, wenn die ganze Welt durch die schöne „Instagram“ -Brille betrachtet wird.

Nur die scharfkantigen Felsen sind gleich geblieben. Sonst hat sich in Oualidia fast alles verändert.

Wir haben genug gesehen, und Heppo möchte sowieso nur eines. (Nein, nicht das, was ihr denkt!), sondern surfen. Es ist schon sieben Jahre her, dass er zum letzten Mal auf seinem Board stand. Der weltbekannte Surfspot Lalla Fatna hat es ihm angetan. Über eine gewundene, kurze Serpentinenstrecke geht es die Steilküste hinab bis fast zum Strand. Wir bleiben aber auf halber Strecke bei einem größeren Parkplatz stehen, weil der Weg danach für unseren LKW zu steil und die Kurven zu eng werden. Atemberaubend ist, was wir erblicken: Toller, weißer Strand, fantastischer Blick über die felsige Steilküste und ein wildes, wogendes Meer.

Schöner Strand bei Lalla Fatna

Im hippen Café am Strand treffen wir Said. „Klar, kann ich Heppo ein paar Surfstunden geben!“, sagt der muskulöse Surfboy. „Aber nicht hier!“, fügt er hinzu. Der Platz sei zu schwierig. Profis aus aller Welt kämen extra nach Lalla Fatna. Die Wellen seien allerdings hier  zu hoch, die Strömung zu extrem. Aber ein paar Kilometer weiter, in Safi, sei ein guter Spot, um sich wieder mit dem Meer vertraut zu machen.

Katze im Surfcafé

Was er denn für zwei oder drei Stunden Unterricht haben wolle, fragt Heppo. „Just love and peace…“, antwortet Said mit fester Stimme und schiebt leise ein gemurmeltes „…and 200 Dirham.“ hinterher.

Lustige Aufwärmübungen am Strand…

Zusammen mit unserem neuen Bekannten geht es nach Safi in den Industriehafen. Dass hier direkt am Strand eine große Fabrik steht, muss einfach ausgeblendet werden. Sonst ist es ja eigentlich ganz schön. „Die Industrie ist wirklich kein Problem“, meint Said, denn die Strömung fließt angeblich  in die andere Richtung. Während Heppo sich schon mal surffertig macht und lustige Aufwärmübungen absolviert, positioniere ich mich mit der Kamera am Strand, um die kommenden Stunts meines Mannes festzuhalten. Ich werde nicht mal die kleine Zehe ins Wasser halten, das nehme ich mir fest vor. Heppo übt unterdessen den Sprung auf ein Surfbrett mit Hilfe einer in den Sand gezeichneten Linie,  Sieht gut aus. Anscheinend stellt er sich gar nicht schlecht an, denn er darf gleich ins Wasser. Ziemlich schnell kommt er auf seinem Brett zum Stehen, aber genauso schnell landet er auch wieder kopfüber in der Welle. Ich mache ein paar lustige Flugbilder, bis es mir zu heiß wird und ich zu Sidi und Ventilator in Frau Scherers Schutz auf den Parkplatz flüchte.

Heppo kann das besser, aber ich hatte irgendwann keine Lust mehr zu fotografieren.

Die kommenden Tage werden wir einige der bekanntesten Surfspots Marokkos abklappern. In Sidi Kauki gefällt es uns nicht sonderlich: Das Wasser ist voller Quallen, also schnell weiter. Imessouane ist da schon um einiges beeindruckender: Eine Welle bricht sich dort kontinuierlich an der Kaimauer. Das ist interessant für viele Surfanfänger und auch für Schaulustige und eher Unsportliche wie mich. Scharen von Menschen strömen hier wie die Lemminge ins Wasser, nur um immer wieder an Land gespült zu werden. Für den Beobachter sieht es so aus, als ob immer mehr und noch mehr Leute ins Meer gehen würden. Das neblige Wetter und der Berg, der im Hintergrund von den wenigen Sonnenstrahlen angeleuchtet wird, die es zum Sonnenuntergang durch den Nebel schaffen, sorgen für eine sehr spezielle Stimmung. Und dann sind da noch die unzähligen Hunde, die in den Brackwassertümpeln bei Ebbe nach kleinen Meerestieren suchen, die Katzen, die auf Netzen zusammengerollt liegen, und die Möwen, die sich begierig auf den Beifang der Fischer stürzen. Ich kaufe mir einen frischgepressten Orangensaft in einem der Cafés und freue mich ganz einfach daran, an diesem besonderen Ort zu sein und über die schöne Bucht und die blauen Fischerboote zu blicken.Der Restaurantbesitzer heißt Chakib und ist ein richtiger Charmeur. Deutsch spricht er mit norddeutschem Einschlag. „Ich bin Hamburger.“, sagt er. Als ich zahlen möchte, winkt er ab. „Ach, es geht doch nicht immer nur ums Geld!“. Zum Abschied zwinkert er mir zu: „Verliere nie dein Lachen Kleines. Das ist nämlich ganz wunderbar!“ Auch mal nett, alleine unterwegs zu sein.

Was sich die Möwen wohl denken?

Und was diese Katze?

Heppo hat unterdessen ebenfalls eine Bekanntschaft geschlossen. Nils aus Stuttgart ist ein weißblonder Hüne, der seit fünf Monaten durch Spanien, Portugal und Marokko tingelt und alle Surfspots anfährt. Abends sitzen wir beisammen, trinken Wein und spielen Durak, ein russisches Kartenspiel. Als er enthusiastisch von seiner Mama erzählt, die Kajaklehrerin ist, frage ich vorsichtig nach deren Alter. So etwa 42 oder 43, sei die, meint Nils, genau wisse er es nicht. Während Heppo und Nils sich als Surffans auch über eine Generationengrenze hinweg bestens verstehen, durchlebe ich – unbemerkt von den beiden anderen – eine kleine Midlifecrisis. Da sitze ich nun mit einem 20 jährigen beim Kartenspiel, der theoretisch mein Sohn sein könnte,  und 60-jährige Marokkaner finden mich gut. Völlig unbeeindruckt machen die Männer ein frühmorgendliches Surfen miteinander aus. „Um 6 Uhr aufstehen und dann erst mal Wavecheck laufen gehen“, meint Nils in bestem Neudeutsch. Schließlich gelte es herauszufinden, ob es sich denn überhaupt lohne, sich in den Surfanzug zu quetschen. Ich seufze laut und denke mir still: „Jetzt ist es soweit, ich werde alt!“

Imessouane, wo die Surfer sich wie Lemminge verhalten 

Aus der Bahn: Hier kommt der Profi

Un homme et une pomme

Musikempfehlung: Was die Fischer bei Sidi Rahal tatsächlich jeden Abend am Strand hören:
Nathalie, Tombe la neige

Toller Strand bei Sidi Rahal vor Azemmour und El Jadida

Nach zwei Tagen voll  marokkanischer Gastfreundschaft und Stadtleben sind wir froh, dass wir wieder weiterfahren und unser eigenes Ding machen können. Auch für Sidi ist es schöner, wenn wir uns draußen aufhalten. Wobei auch die Natur manchmal Nachtteile hat: An jedem Platz umringen uns sofort drei bis vier Straßenköter und warten auf ihren Anteil von unserem Essen. Zum Glück sind die marokkanischen Hunde eher ängstlich und so gut wie nie aggressiv. Auch Sidi nähern sie sich meist schwanzwedelnd und neugierig zurückhaltend. Dabei fällt uns immer wieder auf, wie sehr unser Hund einer von ihnen ist. Alle sehen aus wie er, haben den gleichen, eher melancholischen Blick und sind echte Angsthasen. Auch wenn wir als stolze “Eltern” natürlich gerne glauben möchten, dass unser Liebling etwas ganz Besonderes ist, so ist er doch ganz unverkennbar ein typischer Marokkaner.

Sidi, oder doch seine kleine Schwester?

Ganz intuitiv finden wir einen schönen Strandplatz bei Sidi Rahal, etwa 30 Kilometer vor El Jadida, an dem ausnahmsweise mal keine anderen Hunde lagern.

Auf dem Parkplatz stehen bereits zwei Fahrzeuge aus Deutschland. Max ist unterwegs mit einem schweren Rundhauber und Nadine und Adrian mit einem 508er Mercedes Benz.
Die kleine Gruppe aus Hamburg ist etwas verunsichert, weil sie bisher überall immer wieder weggeschickt wurden. “Aus Sicherheitsgründen!”, wie es stets hieß. Dies sei der erste Platz an dem sie halbwegs unbehelligt stehen dürfen. Nur abends schaltet die Gendarmerie das Flutlicht ein. So sei es besser. Auch uns ist bereits aufgefallen, dass Marokko in den letzten Jahren offensichtlich etwas paranoider geworden ist. Wild campen ist vor allem im Norden schwierig geworden. Zu groß ist die Angst vor terroristischen Attacken und Gewalttaten, wie im Dezember 2018, als zwei Skandinavierinnen erstochen in den Bergen aufgefunden wurden. Für Marokko, ein Land, das nicht schlecht vom Tourismus lebt, sind derartige Vorkommnisse natürlich ein absoluter Horror. Auch die Routen der Drogenschmuggler und der Bootsflüchtlinge verlaufen über den Nordteil Marokkos, über den Atlantik und das Mittelmeer. Meine Vermutung:  Deshalb versucht nun ein Heer von Polizisten, die wilden Camper einzufangen und an überwachten und gesicherten Plätzen zu bündeln. Wir fühlen uns trotzdem meistens sicher und haben ein gutes Gefühl für unsere Übernachtsorte entwickelt. Die Hamburger, die allerdings zum ersten Mal in Marokko sind, sind deutlich misstrauischer. Bei jedem Fischer, der mit seinem Auto vorfährt, zucken sie nervös zusammen.

Nach anfänglicher hanseatischer Zurückhaltung tauen die drei zumindest uns gegenüber deutlich auf. Als Heppo am Abend auch noch seinen Geburtstagsrum auspackt, haben wir fast so etwas wie eine kleine Party. Nadine und Heppo lachen gerade über eine Sprachlern-App, mit der beide versuchen, Französisch zu lernen. Die App sei doch sehr eintönig, schimpft Nadine. Immer würden die gleichen Sätze und Wörter wiederholt. „Stimmt!“, pflichtet ihr Heppo bei. „Wann braucht man denn schon den Satz ‚Un homme et une pomme‘ “? „Das komme doch dauernd vor!“, meint Nadine ironisch.
Wir haben nicht mal Zeit das Thema zu wechseln, als einer der Fischer aus dem Halbdunkel heraustritt und Heppo eine Plastiktüte mit zwei Äpfeln in die Hand drückt.
„Un homme et deux pommes!“, bedankt sich Heppo schlagfertig. Es sind diese Momente auf Reisen, die ich einfach liebe: Wenn das Universum beweist, dass es auch Humor hat.

Casablanca – Bei Monsieur Abdoulilah

Bei der netten Familie El Habty in Casablanca

Unser Bekannter Monsieur Abdoullah, der – wie sich bald herausstellt – in Wirklichkeit Abdoulilah heißt, scheint sich kein bisschen zu wundern, dass wir uns nun wirklich bei ihm melden (Siehe: Africa is calling). Wir würden schon erwartet, reagiert er freudig auf unseren Telefonanruf.

Als Treffpunkt nennt er uns einen Vorort von Casablanca. In Ain Harrouda angekommen, sollen wir uns wieder telefonisch bei ihm melden. Wir kündigen uns für den späten Nachmittag an.
Sofort nach dem Ende des Telefongesprächs brechen wir jedoch in eine mittlere Panik aus. Was bringt man nur als Gastgeschenk zu einer marokkanischen Familie mit? Bisher waren wir immer nur spontan eingeladen und haben uns dann ebenso spontan entweder am Gemüseeinkauf beteiligt, etwas aus unseren Vorräten beigesteuert oder eine Kleinigkeit aus unserem Fundus hergegeben. Aber eine richtige, hochoffizielle Einladung hatten wir in Marokko bisher noch nicht. Ein Mitbringsel aus Deutschland wäre in diesem Fall wahrscheinlich angebracht. Aber leider blieb der Punkt “Geschenke” bei unseren Vorbereitungen irgendwie auf der Strecke. Und überhaupt, was ist typisch für uns und unser Land? Ein Hut in Schwarz-Rot-Gold? Ein Sankt-Pauli-T-Shirt? Kölnisch Wasser? Ein Wein im Bocksbeutel? Bockwürstchen im Glas? Ein Charivari? Was ist angemessen? Und können die Menschen anderswo etwas mit diesen Dingen anfangen? Eine schwierige Frage ist das. Meine Kollegin Sabine, die längere Zeit in Gambia verbracht hatte, meinte auf die Frage nach einem passenden Geschenk: „Einen Sack Reis für die Familie und Fußbälle für die Kinder.“ Aber bei der marokkanischen Mittelstandsfamilie mit so einem Geschenk daherzukommen,  wäre sicherlich eine Beleidigung. Und an Fußbällen herrscht in Marokko auch kein Mangel.

Heppo hat die zündende Idee: Beim Carrefour Gourmet in Rabat finden wir sicherlich ein passendes Mitbringsel. Der piekfeine Supermarkt überfordert uns erst einmal völlig, aber dann bleiben wir doch vor dem Süßigkeitenregal hängen. Dort liegen sogar Schokoladen von Lindt und Milka und Ferrero Rocher in der Auslage. Allerdings zu horrenden Preisen, die 12er-Plastikbox Goldkugeln für stolze 80 Mad (also gut 7 Euro). Die Auslage bei der Patisserie ist aber auch verlockend: Für 120 Mad (Marokkanische Dirham) bekommt man eine große Pappschachtel handgemachter Pralinen, die wirklich sagenhaft lecker aussehen. Gekauft!

Pralinenfiasko

Dazu noch ein selbstgemachtes T-Shirt, eine handgeschöpfte Seife aus Deutschland und ein Notizbuch, und fertig ist das Gastgeschenk. Ob wir noch eine Flasche Wein dazulegen sollen, überlegen wir eine Weile, dann entscheiden wir uns aber dagegen. Unser Gastgeber war immerhin Polizist und ist uns als gottesfürchtiger Mann in Erinnerung geblieben.
Nur zu dumm, dass Heppo die Pralinenschachtel fallen lässt und die süßen Kunstwerke wild durcheinander purzeln. Kurze Schockstarre. Was für ein Fiasko! So können wir die Teile unmöglich herschenken. Die ganze Pracht sieht nun reichlich derangiert aus. Leicht verzweifelt – aber auch amüsiert – löffeln wir nun am LKW-Boden sitzend die verunglückten Süßigkeiten direkt aus der Schachtel. Fast könnte man hinter diesem Unfall eine gewisse Absicht vermuten. Doch ein Schelm, der Böses dabei denkt! Zur Strafe schicke ich meinen Mann noch einmal in den Gourmet-Markt, wo er dieses Mal nun zähneknirschend zu den teuren Schokokugeln greift. Die können in der Plastikbox wenigstens nicht durcheinander fallen.

Ein paar Stunden später stehen wir dann endlich Monsieur Abdoulilah gegenüber. Ja, genauso hatten wir ihn in Erinnerung – ein eher kleiner Mann, der uns mit amüsierten Blick mustert. „Bonsoir, Madame Berit. Bonsoir, Monsieur Andreas!“, begrüßt er uns grinsend. „Ich habe für euch einen guten Stellplatz in der Nähe von meiner Wohnung gefunden.“, fährt er fort. Direkt an der Afriquia Tankstelle sei dieser gelegen, nur ein paar hundert Meter vom Apartment der Familie entfernt. Außerdem gibt es dort eine Toilette, ein Café und Rund-um-die-Uhr-Security. Tankstellen-Stellplätze mitten in der Stadt gehören zwar – ehrlich gesagt – nicht wirklich zu unseren Lieblingsorten, aber es ist doch sehr nett, dass sich Monsieur Abdoulilah so viele Gedanken um uns und unsere Unterbringung gemacht hat. “Natürlich könnt ihr auch bei uns schlafen”, beeilt er sich zu versichern, “nur der Hund bereitet der Madame leider große Probleme.” Kein Thema, wir nächtigen sowieso am liebsten in unserem mobilen Zuhause.

Freitag ist Couscoustag!

In der Wohnung angekommen, treffen wir auf Abdoulilahs Frau Majda, die uns begrüßt wie alte Bekannte. Auch Tochter Moussa ist da. Wir haben sie noch als kleines Mädchen in Erinnerung. Aber mittlerweile ist sie 18 Jahre alt und zu einer sehr hübschen, jungen Frau herangewachsen. Auch zwei der drei Söhne, Amine und Jouseff (?), lernen wir kennen. Alle sind sehr herzlich und zuvorkommend.

Eine dampfende Tajine wartet bereits auf uns. Sie wird so zu uns gedreht, dass wir die besten Stücke bekommen: Hühnchen. Wieder einmal essen wir Fleisch, um unsere Gastgeber nicht vor den Kopf zu stoßen. Im Fernsehen läuft eine marokkanische Soap, deren Inhalt im Wesentlichen darum dreht, dass eine Frau bereits über eine Viertelstunde lang schreiend in den Wehen liegt. Alle amüsieren sich über ihr Brüllen, Jammern und Klagen.

Es ist immer wieder interessant Einblick in andere Kulturen zu haben, deswegen reisen wir, aber manchmal ist es auch ein bisschen anstrengend. Gast bei einer muslimischen Familien zu sein, bedeutet stundenlanges Sitzen vor dem Fernseher und dazu mit Essen vollgestopft zu werden. Auch haben wir keine Chance, unseren Besuch nur auf diesen einen Abend zu beschränken. „Morgen dürft ihr auf keinen Fall weiterfahren!“, bestimmt Monsieur Abdoulilah. Morgen sei nämlich Freitag, und an dem heiligen Tag wird nicht gereist; stattdessen wird zu Allah gebetet und Couscous gegessen. Maximal könne er mit uns einen kleinen Ausflug unternehmen, vorzugsweise nach Casablanca zur Hassan-II.-Moschee oder – mit Hund wahrscheinlich besser – an den Strand von Mohammedia. Wir kapitulieren sofort. Denn soviel wissen wir bereits: Beim Couscous versteht Monsieur Abdoulilah nämlich überhaupt keinen Spaß!

(Hundetauglicher) Ausflug nach Mohammedia mit Monsieur Abdoulilah

Sehr schön war’s mit Euch, liebe Familie EL Habty! Danke für Eure große Gastfreundschaft!

Rabat – Botschaftsviertel

Update: 05.10.2019

Eifrig wuselndes Arbeiterheer auf englischem Rasen in Rabat

In Rabat waren wir bisher noch nie, so wie wir überhaupt einen Großteil der Atlantikküste bisher gemieden hatten. Zu touristisch erschien es uns dort.

In Rabat sind die Gegensätze außerdem extrem groß. Die südliche Hälfte der Stadt besteht aus Königspalast, großzügigen Parks, Golfanlagen und dem Diplomatenviertel; im Nordosten befinden sich die Bidonvilles, also die Slums, eine Müllkippe, Fischfabriken und Industrieanlagen. Beide Teile der Stadt sind säuberlich voneinander getrennt, wobei die Armen wohl eher die Grenzen überschreiten als umgekehrt. Sie immerhin kommen tagsüber in die Viertel der Reichen, um dort als Hausangestellte, Putzfrauen oder Gärtner zu arbeiten.

Sport machen mit schönen Farben!

Obwohl wir selbst auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden, staunen wir nicht schlecht, als wir in das Botschaftsviertel fahren. Das Marokko, das wir bisher kennen (oder zu kennen glaubten), sieht komplett anders aus. Statt laut, bunt und schmutzig, ist hier alles gediegen, gepflegt und geordnet: protzige Villen, gestutztes Golfrasengrün und üppige Blumenbeete. Die Damen und Herren Diplomaten fahren in klimatisierten Wagen bis vor den Carrefour Gourmet, den es hier selbstverständlich gibt. Auch Shoppingmalls mit Geschäften für Luxusmarken sehen wir;  sogar Sushi essen wäre möglich. In dieser marokkanischen Parallelwelt werden wir also unsere nächsten beiden Tage verbringen.

Zuerst einmal gerate ich aber unter Spionageverdacht: Eigentlich möchte ich nur die Bougainvilleas fotografieren, die in wunderbar schrägen Rottönen über eine Mauer quellen. Ich habe aber noch nicht mal den Auslöser gedrückt, als aus allen Himmelsrichtungen Uniformierte auf mich zustürzen. „Nicht fotografieren!“, werde ich zurechtgewiesen. Hinter der etwa drei Meter hohen gemauerten Garteneinfassung und hinter dem Pflanzenwust befindet sich nämlich ein hochsensibles Objekt. Ich finde die Reaktion der vier Männer, die mich nun so plötzlich umringen, zwar ein bisschen übertrieben, aber ich bin trotzdem etwas eingeschüchtert. „Ich sehe hier gar kein Objekt! Nur eine Mauer. Und ich wollte doch nur die schönen Blumen fotografieren.“, stammle ich ängstlich. “Nein, auch das ist strengstens verboten!” Schnell packe ich mein Handy ein, schnappe mir Heppo, der gerade ein paar Meter weiter mit dem Pförtner der Botschaft von Ghana  geplauscht hat, und – nichts wie weg hier.

Auf der mauretanischen Botschaft geht alles ziemlich unkompliziert vor sich, wenn auch mit großem Ernst. Wir müssen 690 MAD in der BMCE Bank nebenan einzahlen, sowie zwei Passbilder und eine Passkopie bereitstellen. Außerdem werden wir fotografiert und müssen alle Fingerabdrücke abgeben. Angeblich können wir schon morgen unsere Visa abholen.

Da das Fotografieren im Botschafterviertel nur zu Problemen führt, hier ein Bild von unserem Übernachtungsplatz, etwa 15 km von der Hauptstadt entfernt, an einem Stausee

Bei der Botschaft von Mali gleich nebenan ist die Stimmung deutlich lockerer. Die eine Sekretärin trägt ein buntgemustertes, pinkfarbenes Kleid mit einer großen Schleife am Rücken. Eine andere hört laut Musik mit ihrem Smartphone, dazu hämmert sie geräuschvoll auf ihre Schreibmaschine ein. Das ganze Konsulatsgebäude riecht toll nach Räucherwerk.

Hier  gibt es offenes WLAN. Alle Wartenden zücken begeistert ihre Handys und surfen, hören Musik, telefonieren oder benutzen Sprachlern-Apps, dass es eine wahre Freude ist. Neben mir stillt eine Frau ihr Baby. Die Stimmung ist locker. Als nun auch noch Monsieur L’Ambassadeur herbeieilt, um seine deutschen Gäste persönlich zu begrüßen, sind wir fast schon ein bisschen verliebt in ein Land, das gerade leider eher negative Schlagzeilen produziert. Wir sind selbst am Zweifeln, ob wir wirklich durch Mali fahren wollen, aber von Mauretanien führt über Mali und die Elfenbeinküste der schnellste Weg nach Ghana, Togo und Benin.

Großspurig erteilt der Botschafter nun seinen Angestellten eine Lektion in Sachen Landespolitik. „Die Deutschen muss man gut behandeln.“, sagt er. „Sie waren die ersten, die Mali 1960, nach der kurzlebigen Konföderation mit Senegal,  als eigenständigen Staat anerkannten.“
Da ich nun schon mal den Botschafter höchstpersönlich vor mit habe, versuche ich, ihn zu einer Einschätzung der  Sicherheitslage im Land zu bewegen. Eilig breite ich meine mitgebrachte Mali-Landkarte vor ihm aus. Er zögert kurz, dann deutet er mit ausholender Geste auf den dreieckigen Nordteil des Landes, der seine Grenzen mit Mauretanien, Algerien, dem Niger und Burkina Faso teilt, und meint ernst „Das ist der Norden!“. Dann deutet er auf den halbrunden Teil im Süden, der an Mauretanien, den Senegal, Guinea und die Elfenbeinküste angrenzt und sagt deutlich beschwingter: „Das ist der Süden!“
“Super, das sehe ich doch selbst!”. Das sage ich zwar nicht, aber denke es mir. Ich grüble über seine Aussage nach und suche nach dem versteckten Sinn. Aber gerade als ich nachhaken will und ihn dazu drängen möchte, doch bitte etwas konkreter zu werden, ist er schon wieder verschwunden. Das Visum erhalten wir allerdings sofort innerhalb von nur einer Stunde, mit Multiple Entry und drei Monate Dauer, für 700 MAD pro Person (etwa 70 Euro).

Auch das Visum für Burkina Faso könnten wir in Rabat ausstellen lassen. Wir entscheiden uns allerdings dagegen, denn hier antwortet die Dame in der Schreibstube auf meine Frage nach der Sicherheitslage ganz direkt und eher ungehalten: „Auf diese Frage werde ich Ihnen keine Antwort geben!“

Monsieur L’Ambassadeur war also eigentlich gar nicht so unkonkret, und seine Andeutungen decken sich mit meinen bisherigen Recherchen. Den Norden Malis gilt es auf jeden Fall zu meiden, der Süden bis Bamako ist  anscheinend relativ unbedenklich zu bereisen.

In der freien Natur ist Blumen zu fotografieren hingegen gestattet.

Zwei Visa und zahlreiche Informationen reicher, haben wir nach zwei Tagen alles in Rabat erledigt, was wir wir erledigen können. Noch einmal übernachten wir an dem nur 15 Kilometer entfernten Stausee Barrage Mohamed Ben Abdellah, der via Stadtautobahn bestens an das Verkehrsnetz der Hauptstadt angebunden ist. Dort errichten reiche Kuwaitis und Saudis prunkvolle Anwesen am Ufer. Dazwischen wohnt aber auch der einfache Bauer Hassan, der mit seiner Frau und seinem Sohn in einem sehr kleinen und sehr schlichten Steinhaus wohnt. Man könnte seine Behausung auch ärmlich nennen. Die Familie hat ein paar Kühe, ein paar Esel, Schafe, Ziegen und Hühner und einen kleinen, kargen Garten. Der Sohn immerhin hat Arbeit im Hafen von Casablanca. Hassan hätte wahrscheinlich allen Grund dazu, verbittert zu sein, weil er es nicht so gut getroffen hat  wie die Diplomaten in Rabat, wie seine reichen Nachbarn aus den Ölländern oder wie die zwei Deutschen, die mit ihrem Wohnmobil einfach so die Welt bereisen. Aber Hassan ist gut drauf. Über zwei Stunden Zeit nimmt er sich für einen Plausch mit uns. Und obwohl er selbst noch nie eine Schule von innen gesehen hat, ist er der geborene Lehrer. Mit großer Hingabe bringt er uns einige arabische Wörter bei. Wir haben unglaublichen Spaß miteinander und lachen wie die Verrückten. Hassan hat nämlich auch noch komödiantisches Talent. Was wir nicht verstehen, spielt er uns einfach vor. Zum Wegwerfen komisch ist das. Als wir ihm etwas später ein ausgedrucktes Foto vorbeibringen, das ihn zusammen mit Heppo zeigt, bekommen wir sogar noch zwei Eier von seiner ebenso liebenswerten Frau geschenkt. Wir sind gerührt. Materielle Güter sind eben nicht alles. Auf das Herz kommt es an.


Was wir an arabischen Wörtern gelernt haben:

  • Wasserkessel: Relais (wie der Schalter “Relais” bei Elektroinstallationen)
  • Feuerlöscher: Tafaja La Háfia (mit Betonung auf dem “a” von Hafia)
  • Ofen: Forno (Wie italienisch)
  • Messer: Mousse (wie “Mousse au chocolat”)
  • Tasse: Kess (wie in “Kessel”)
  • essen (Verb): Cul (wie “cool”)
  • Wasser: le ma
  • gut/schön: mezziane (wie in “Messias”)
  • Schule: Medrasa
  • Bohnen: Lúbia (mit Betonung auf dem “u”)
  • Nelke (Gewürz): Krämpfel (heißt echt so! Das “ä” etwas gedämpfter aussprechen, mehr ein zwischending aus a und ä)
  • Oreganon: Sahtr (ein bisschen wie in “Satan”)
  • Wind: le b(i)rr (das “i” nur ganz schwach aussprechen)
  • Ein wenig/bisschen: schwia
  • nichts: whalo
  • Hallo, Guten Tag: Salam
  • Danke: Schukran
  • Lecker, gut wars, fertig gegessen: Besachah
  • Auf Wiedersehen: B(e)slema
  • Die Sprache: L’ora
  • Deutsch: Alman
  • Arabisch: Arabia
  • Hund: Kelb
  • Herz: Kalb
  • Das ist es: Hedi
  • Weg: Trek
  • Wo ist…? : Fin kayn…?
  • Genug/Schluss jetzt: Safi
  • Du Heiliger: Baraka!
  • Herr: Sidi
  • (Alk.) Getränk: Shrb
  • Tee: Atäi