Tierbeobachtungen

Endlich mal wieder was Grünes… Vielleicht eine Wicke?

Die Hamburger Nadine und Adrian hatten wir bereits in Marokko getroffen und mit ihnen gemeinsam ein paar schöne Tage am Strand verbracht. Damals wurde lose vereinbart, uns im Osten von Mauretanien wieder zu treffen, um zusammen einen kurzen Pistenabschnitt zu fahren (vgl. Lila Pistenkuh, Track RAU). Am Ende dieser kurzen Offroadstrecke, so heißt es, kann man eine kleine Population der fast ausgestorbenen Saharakrokodile beobachten.

…sogar mit Blüten (gar ein Weißdorn?)

Auf dem Weg dorthin wird die Landschaft grüner und der Bewuchs deutlich kräftiger. Mittlerweile sehen wir sogar richtige Bäume und immer öfter die eine oder andere Palme. “Sahelzone” nennt sich dieser Übergang von Wüste zu Tropen.

Doch die Vegetation hat auch ein paar richtig fiese Tricks auf Lager. Kaum halten wir an und setzen einen Schritt vor die Tür, heften sich stachelige Kletten an Schuhe und Pfoten. Bald haben wir die Dinger überall, auch in unserem Lastwagen. Cram-Cram heißt das gemeine Gras, das sich auf derart schmerzhafte Weise seine Ausbreitung sichert. Das andere, das sich eine Methode des Guerilla-Straßenkampfs zu eigen gemacht hat, nenne ich, weil ich es nicht besser weiß, Modell Krähenfuß. Alle drei Seiten sind mit Spitzen besetzt, so dass der Same immer mit einem Stachel nach oben zum Liegen kommt. Sidi kommt nur humpelnd voran. Spazieren gehen ist für unseren Hund eine Tortur. Nicht lustig!

Am Schuh: Cram-Cram und Modell Krähenfuß (Tribulus terrestris, der Erdburzeldorn)

Schon mehr amüsieren wir uns über die Namen der Städte und Dörfer, die wir durchfahren: Achweibir heißt da eine Siedlung, Aleg erinnert an den bayrischen Ausdruck der Überraschung (O leck!), eine andere wird Endewfekt genannt. Die Krönung ist schließlich das Ortsschild von Kiffa, wo wir uns – zugegeben, etwas kindisch – ein gestelltes Kifferbild nicht verkneifen können.

Natürlich nur gestellt! (Foto: Heppo)

Hinter diesem Ort treffen wir auf Nadine und Adrian. Im Konvoi geht es weiter. Etwa 30 Kilometer später beginnt die Piste, von der eine  Abzweigung ziemlich unscheinbar durch ein Dorf führt. Der MB 508er schlägt sich erstaunlich gut im Sand und bewältigt auch längere weiche Passagen relativ mühelos. Wir fahren bis zu einer Oued-Durchquerung, wo wir beschließen, unser Lager aufzuschlagen. Für den kleinen Mercedes ist hier Schluss. Viel weiter könnten wir aber sowieso nicht fahren: Ein felsiges Plateau, das über dem ausgetrockneten Flussbett thront, stellt eine natürliche Barriere dar.

Hier wohnt der Webervogel und denkt sich nix dabei…

Am nächsten Morgen werden wir von einem wunderbaren Sing- und Pfeifkonzert geweckt. Gerade am Morgen ist einiges los in den Palmkronen und Baumwipfeln. Bunte Vögel schnarren, krächzen und pfeifen ganz unerhört. Manche schreien sogar wie kleine Affen, andere keckern oder geben metallische, sehr regelmäßige Töne von sich. Ich bin fasziniert.

Nadine, Adrian und Heppo brechen gemeinsam zu den Krokodilen auf, während ich mit Sidi zurück im Lager bleibe. Bei dieser Affenhitze wollen wir unseren Hund nicht im Auto einsperren. Mitnehmen ist leider keine Option, denn seine Reaktion auf die Reptilien möchten wir lieber nicht erleben und auch nicht deren eventuelle Retourkutsche.

Reste für die Krokos (Foto: Heppo)

Ein paar Stunden später, zum Sonnenuntergang, kommen die drei sehr glücklich zurück. Etwa 12 Krokodile waren in dem Tümpel am Ende der Schlucht auszumachen; ein erhöhter Felsen diente ihnen als halbwegs sicherer Beobachtungsplatz. Bis auf etwa 15 Meter konnten sie sich ihnen nähern. Sogar zum Fressen kamen die scheuen Tiere heraus, weil Einheimische die Reste eines Schafes ans Ufer legten.

Die Saharakrokodile galten als ausgestorben…

…und wurden erst vor wenigen Jahrzehnten wiederentdeckt

Alle Tiere sind miteinander verwandt

Womit keiner gerechnet hatte: Kurz vor Sonnenuntergang waren die umliegenden Felsen noch dazu von mehreren hundert Pavianen bevölkert, die zu den Menschen allerdings einigen Abstand hielten.

Pavian in freier Wildbahn

Viele Paviane

Als wir uns nachts bei Taschenlampenlicht zu einem leckeren Essen aus Sojaschnitzel und Gemüsetajine zusammensetzen, gibt es noch eine weitere Tierbeobachtung, auf die wir aber wohl alle ganz gerne verzichtet hätten. Wie mit einem siebten Sinn ausgestattet, leuchtet Heppo statt auf seinen Teller plötzlich unter den Tisch. Was er sieht, ist ein riesiger Skorpion, der mit aufgestelltem Stachel zwischen unseren beflipflopten Füßen hindurch wandert. Heppo ist der einzige von uns, der feste Schuhe anhat und fühlt sich nun geradezu bestätigt. Wir tun es ihm augenblicklich gleich.  Der Abend am Lagerfeuer vergeht nicht, ohne dass abwechselnd einer von uns immer wieder mal im Lichtschein nervös den Boden nach gefährlichen Tieren absucht.

Natürlich möchte auch ich Krokodile und Paviane sehen. Wir stellen uns den Wecker, und gemeinsam mit Heppo beobachten wir bei Sonnenaufgang die Affen, die von den Wasserlöchern zurückkehren. (Die Hamburger ziehen es an diesem Morgen vor, gründlich auszuschlafen.)

Morgenstund…

Als ich etwas später mit den beiden zu den Krokodilen gehe (Heppo bleibt dieses Mal mit Sidi zurück), habe ich leider nicht ganz so viel Glück wie die anderen am Tag zuvor. Die Krokodile dümpeln etwas träge in ihrem Teich und lassen nur ab und zu ein Auge oder ein Nasenloch sehen. Nur einmal hebt eines von ihnen seinen Kopf über das Wasser und lässt ein beeindruckendes Brüllen und Schnauben hören.

Klippschliefer

Dafür können wir einen lebensmüden Klippschliefer beobachten, der sich gefährlich nah am Ufer bewegt. Die Tiere mit dem eigentümlichen Namen sehen aus wie kaninchengroße Hamster; sie sind aber interessanterweise mit dem Elefanten verwandt. Diese Tatsache erklärt wahrscheinlich auch die maßlose Selbstüberschätzung der Kleinen, so dass sie auch in Schnappweite eines Krokodilmauls seelenruhig ihrem täglichen Geschäft nachgehen. „Ey Alter, ich bin mit dem Elefanten verwandt!“, scheinen sie zu sagen und fühlen sich damit weit stärker, als sie eigentlich sind. Ob sich die Krokos aber von dieser großspurigen Haltung beeindrucken lassen?  Der niedliche Klippschliefer kommt an diesem Tag jedenfalls ungeschoren davon…

Immer wieder nett: Die Esel

Esel und mauretanische Jungs

Der Botschafter

Mehr lesen: https://www.liberation.fr/terre/2006/05/12/nouakchott-cite-hantee-par-les-eaux_38963

Verwüstung stoppen!

Monsieur Tidiane Diagana ist ein Tausendsassa. Zusammen mit einer deutschen Delegation eines Geflügelzüchterverbandes sitze ich in seinem gemütlich und altmodisch eingerichteten Büro in Nuakschott, in dem ein kreatives Chaos aus Skizzen und Zeichnungen die Herrschaft über Schreibtisch und Sitzgelegenheiten übernommen hat. „Ich bin Hannoveraner!“, sagt Diagana. Sein Deutsch klingt nur wenig eingerostet.

„Ah!“ und „Oh!“ machen wir im Chor, wenn dieser zugleich rüstig und tattrig wirkende Herr, ich schätze ihn über 80 Jahre alt, wieder ein weiteres Schwarz-weiß Foto aus seinem offenbar recht erfolgreichen Leben herumgehen lässt. Da ist einmal der junge Tidiane beim Hürdenlauf. Etwas später sehen wir ihn als einzigen schwarzen Spieler bei einem hannoveranischen Fußballverein. In der Blüte seiner Jahre zeigen ihn die Bilder dann als erfolgreichen Architekten, viele zusammen mit dem ehemaligen  Präsidenten von Mauretanien. Zahlreiche Konzepte entwickelte er für die Regierung, um die Wüste von der Hauptstadt fernzuhalten. Er dachte daran, Bäume zu pflanzen, die eine natürliche Barriere gegen den Sand bilden sollten.  Nuakschott liegt z.B. deutlich unter dem Meeresspiegel, immer wieder wurden ganze Stadtteile vom Ozean verschluckt. Auch hier hatte er kluge Gedanken: Er empfahl,  natürliche Barrieren zu schaffen und nicht zu nah ans Meer zu bauen. Aber viele seiner Ideen verschwanden wieder in der Schublade. Sie wurden nie in die Tat umgesetzt, denn die Stadt wuchs viel zu schnell. Ursprünglich war sie konzipiert für ein paar tausend Menschen, heute ist Nuakschott Millionenstadt. Trotz diverser Rückschläge scheint Monsieur sehr stolz auf sein Lebenswerk zu sein. Er genießt es außerdem, ein Publikum zu haben.

Nuakschott liegt unter dem Meeresspiegel (Foto: Heppo)

Ich bin verwirrt… Am Vormittag hatte ich Monsieur noch als Konsul der Elfenbeinküste kennengelernt. Dass er ein kultivierter Gentleman war, fiel mir natürlich auf und auch seine wunderschönen Zeichnungen, mit denen die Wände seines Büros dekoriert waren. Sie ließen bereits vermuten, dass dieser Botschafter ein vielfach talentierter Mann ist. Dass er aber offenbar auch noch Sportler und Student in Deutschland war, später ein wichtiger Architekt für die erst 1959 gegründete Hauptstadt Mauretaniens war und nun auch Kontakte zu deutschen Geflügelzüchtern unterhält, muss ich mir erst einmal zusammenreimen. Als ich am Nachmittag unser Visum abholen möchte, werde ich zu diesem bereits laufenden Meeting hinzugebeten. Die mehrheitlich aus Hamburg stammenden Rentner wollen sich in ihrem neuen Lebensabschnitt noch für Afrika engagieren und suchen nun nach einer Geflügelrasse, die mit den schwierigen ariden Bedingungen auskommt. (Fazit: Es gibt keine!) Nun sind sie,  ähnlich  wie ich, ziemlich überrascht, als ich ganz vorsichtig – in einer längeren Gesprächspause, während der Herr in seinem Fotoordner kramt – mein Anliegen erneut vorbringe.

„Was? Monsieur ist auch noch der Konsul der Elfenbeinküste? Ja, so was! Welche Ehre!“
„Ach ja, das Visum!“, meint der Botschafter, so als ob es ihm gerade erst wieder einfallen würde, und nachlässig blättert er in unseren Reisepässen. Wie er die Aufmerksamkeit genießt und die Verblüffung der Geflügelzüchter!

„Ein bisschen wie Angela Merkel!“, meint er mit Blick auf mein Passfoto von 2013, das mich mit einem runden Topfdeckelhaarschnitt zeigt, tatsächlich nicht unähnlich dem der Nochkanzlerin.  „Sie und ihr Mann sehen sich außerdem ähnlich!“, lacht er und zeigt nun unsere  Papiere herum. Die Scherze auf unsere Kosten finde ich gemein und außerdem komplett aus der Luft gegriffen. Die Besucher denken wohl wie ich; es ist ihnen offensichtlich peinlich, und  sie hüsteln verlegen.

Ganz Zauberkünstler zieht der Botschafter nun eine Münze hervor und legt sie auf seinem Handrücken ab. „Soll ich sie werfen?“, fragt er. „Visum? Ja oder nein?“ Er grinst schelmisch. Doch mit der anderen Hand kramt er bereits nach dem Stempel. Eine Hamburgerin möchte fotografieren. „Lass das!“, zischt ihr Mann, „Das ist eine Amtshandlung!“ Schnell zieht sie ihre Hand aus ihrer Handtasche zurück und blickt schuldbewusst.

Alle Augen ruhen nun auf unseren aufgeschlagenen Pässen. Aufreizend langsam drückt Monsieur Diagana den Stempel ins Kissen, lässt diesen sekundenlang über dem Büchlein schweben, um endlich den ersehnten Eintrag in unsere Reisedokumente zu machen.

Ich freue mich über das erteilte Visum, fast aber noch mehr über dieses Erlebnis. Denn ich weiß schon jetzt, dass diese Episode eine feine, kleine Geschichte für meinen Reiseblog abgeben wird.

Schön ist es,  am Strand in Nuakschott zu sein (Foto: Heppo)

Zu viel Aufmerksamkeit

Shootingtime in Nuakschott (Foto: Heppo)

Nuakschott befindet sich am Meer. Aber auch hier fehlt wieder das Mondäne und Schöne, denn sehen kann man es nicht. Hinter einer großen Düne liegt der Ort  verborgen. So fehlt das Flair, das viele Städte haben, die an der Küste errichtet wurden. Nicht einmal eine Promenade gibt es. Der größte Teil des Sandstrandes dient dem Fischfang und Handel.

Ein wichtiger Wirtschaftszweig in Nuakschott: Fischfang und Fischhandel (Foto: Heppo)

Einzig die Auberge Terjit Vacances verfügt über ein kleines Stückchen, das zur Erholung dient. An den Wochenenden drängen sich hier die mauretanischen Familien und Jugendlichen auf wenigen Quadratmetern zusammen. Dann wird gebadet (natürlich in voller Montur), gepicknickt, gebetet und zum Zeitvertreib mit dem Luftgewehr auf Getränkedosen geschossen.
Wir sind ebenfalls hier, haben wir doch mit Frau Scherer an der Auberge einen günstigen und recht schönen Stellplatz gefunden.

Fotografieren im Wallegewand (Bubu) ist nicht so einfach…,

…der Wind ist hinderlich!

Zum ersten Mal wird uns bewusst, dass wir nun für lange Zeit die einzigen Weißen sein werden. Entsprechend viel Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf uns. Sofort werden wir umringt von zahlreichen Gruppen: Kindern, jungen Männern, jungen Frauen und Familien. Ein jeder möchte ein Foto mit uns, und nach einigem Zögern kommt es zur Sprache, eigentlich noch viel lieber mit unserem Hund. Die Shootings sind lustig, anstrengend aber auch. „Nein, wir werden unseren Hund weder verschenken noch verkaufen!“, erklären wir gefühlt zum hundertsten Mal. Damit stoßen wir auf Unverständnis, was  wir wiederum nicht verstehen können.

Good looking

Afrika ist hochmobil: Ägyptische Gastarbeiter in Nuakschott

Wir versuchen, uns etwas abzusondern und aus dem Getümmel zu lösen, um kurz durchzuatmen und über den Strand zu schlendern, wie jeder andere auch. Doch dann wird unsere Aufmerksamkeit von einem Wurfspiel und von der nächsten Menschenansammlung angezogen. Kekspackungen, Coladosen und  kleinere und größere Geldbeträge liegen im Sand. Wer will und ein paar Ogouyia über hat, darf mit einem verrosteten Metallring auf die Dinge zielen. Wer es schafft, diesen um Kekse, Coladosen oder Geldscheine zu werfen, darf den Treffer als Gewinn mit nach Hause nehmen. Wir sind abgelenkt und somit leichte Beute für den Dieb, der es auf Heppos kleine Kamera abgesehen hat, die ich mir nur lose unter den Arm geklemmt habe. Ich fühle einen schnellen Ruck, drehe mich um, bin aber zu langsam und sehe nur noch zwei kleine Jungen auseinander stieben und in der Menge verschwinden. Unmöglich zu sagen, wer es von den beiden war oder wie  sie genau ausgesehen haben. Immerhin reagiere ich gut: Statt den Skandal zu scheuen, stimme ich sogleich ein lautes Gezeter an, in das  auch Heppo sofort lautstark mit einstimmt: „Voleur! Dieb! Jemand hat unsere Kamera geklaut!“

Im Hintergrund befindet sich der Schwarzmarkt für Fisch

Noch mehr Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf uns. Sehr unangenehm, das alles! Ein kleiner Junge wird mir vorgeführt. Ob ich den Dieb erkenne? „Nein, keine Chance! Ich möchte auch niemanden zu unrecht beschuldigen! Lasst ihn laufen!“

Heppo droht nun mit Polizei. Dann winkt er einen Securitymann auf seinem Quad herbei. Ein kleiner Junge mit Rotznase reicht mir auf einmal die Kameratasche. „Gerade gefunden!“, sagt er und grinst dabei frech. Erst freue ich mich, dann seufze ich enttäuscht, als ich merke, dass die Hülle leer ist. Die Menge seufzt ebenfalls. Mit unverhohlener Neugier und Sensationslust nehmen die Umstehenden an unserem Ärger und Frust teil. Nun ist auch der Securitymann erbost, auch er spricht von Polizei. Das Zauberwort scheint zu helfen. Plötzlich liegt die kleine Kamera vor mir im nassen Sand. Wer hat sie fallen lassen? Keiner weiß es. Niemand hat etwas gesehen. Aber der kleine Bengel steht schon wieder vor uns. Und mit schiefem Grinsen fragt er nach einem Finderlohn…

Wirklich rotzfrech!

Zum Sonnenuntergang laufen die Fischerboote aus

Der brave Esel wartet schon auf seinen Einsatz zum Abtransport von Fisch

Nuakschott

Knochenbleiche Landschaft mit Rundhauber

Auf einer perfekt geteerten Straße fahren wir nun in den Osten, in die Hauptstadt Nuakschott. Mehrmals wechselt die Landschaft ihre Farbe:
Rotbraun und Beige ist sie im Adrar. Innerhalb von nur 100 Kilometern schafft sie einen Übergang zu sanftem Grün. Dort, wo etwas Regen fiel, ist der Sand nun von feinen Stängeln und Halmen durchzogen. Und plötzlich ist da eine richtige Grasdecke. Kuh-, Ziegen- und Schafherden freuen sich über das reichhaltige Nahrungsangebot.
Schon 150 Kilometer weiter sehen wir das absolute Gegenteil. Unwirtlich ist es nun da draußen. Ein starker Wind weht. Keinen Fuß möchte man hier vor die Tür setzen. Die vorherrschende Farbe nenne ich „Knochenbleich“.
Vor Nuakschott leuchtet der Sand aber nun wieder  in Goldgelb. Die Todesplanetstimmung weicht, und das Gemüt stimmt sich bald auf positivere Gefühle ein.

Unwirtlich kann trotzdem gut aussehen

Die Farbe wechselt zu Gelb, ebenfalls mit Rundhauber

Aber – Moment! – soll das ein Witz sein? Sieht so etwa die Hauptstadt Mauretaniens aus? Hinter dem Ortsschild „Nuakschott“ stemmen sich nur ein paar Zelte und wackelige Hütten tapfer gegen den Wind. Zum Zentrum hin gewinnt Nuakschott jedoch an Größe, Dichte und Präsenz.

Umgekippt? Umgekippt!

Ja, das kann man Stadt nennen. Auch wenn sie nicht schön ist oder weltläufig, aber alles ist da: Botschaften, Banken und sogar Supermärkte! Und trotzdem, die Endzeitstimmung, die wir im ganzen Land feststellen konnten, hat auch die Hauptstadt fest im Griff.

Wie bitte? Das soll die Hauptstadt sein?

Nichts ist neu, nichts glänzt. Alles sieht gebraucht und verbraucht aus. Die Straßen, die Geschäfte und sogar die Menschen befinden sich in einem ewigen Zustand der Improvisation. So stelle ich mir die Welt nach dem Atomkrieg vor, der aber schon ein paar Jahre zurückliegt; Die Menschheit hat sich arrangiert. Man nimmt, was man bekommen kann und nutzt es, solange es eben geht.

Fährt doch noch…

Reifenhändler

Public transport

Schrottautos klappern vor uns durch die Straßen und blasen schwarzen und weißen Qualm in die Luft. Es fährt, was eigentlich nicht mehr fahren kann/darf/muss. Was abfällt, fällt eben ab:
Keine Autotüren mehr? Wer braucht schon Autotüren?
Motorhaube fort? Geht auch ohne!
Blinker weg? Blinker weg!
Und so weiter und so fort…

Ich denke an die deutsche Abwrackprämie. All die Fahrzeuge, die damals entsorgt und verschrottet (!) wurden, würden hier noch locker weitere 10 oder 20 Jahre lang ihren Dienst tun.
Mittlerweile haben wir uns aber schon an den Anblick gewöhnt; wir sind weniger schockiert als fasziniert. Das Abgefuckte hat auch Charme. Verdammt fotogen ist es auch!

Fotogen

Ob der zweite Stern wohl hilft?

Die Sufigemeinschaft von Maden

Ökodorf Maden

Blickt man oben vom Funkturm herab auf das Dorf Maden (auch: Maaden oder El Maaden), so sieht man eine Art Schichtkuchen. Da sind die schwarzen und grauen Felsblöcke im Vordergrund. Unten im Tal kuscheln sich die kleinen, verschachtelten Häuser und Hütten aneinander, nur ab und zu überragt von einem Minarett oder einer Moschee. Dahinter erstreckt sich das grüne, fruchtbare Band der Oase. Im Hintergrund verwandeln sich die gelben Sanddünen der Sahara zu immer größer und größer werdenden Haufen, Hügeln und schließlich zu recht ansehnlichen Bergen. Dann erst kommt der Himmel, der je nach Tageszeit mal blau oder grau über allem schwebt. Es ist so viel, was das Auge da aufnehmen muss, dass das Gehirn fast nicht hinterherkommt mit dem Ordnen, Anschichten und Auftürmen.

Bohnenabau in Maden

Ganz ähnlich muss es dem Dorfgründer gegangen sein, einem Marabut, der im Jahr 1970 die Vision hatte, an dieser Stelle ein Dorf zu gründen. Der Anhänger einer Sufigemeinschaft war ein weiser und wahrscheinlich auch ein charismatischer Mann. Denn schnell fanden sich neue Bewohner ein, die eine Gemeinschaft sein wollten, in der humanitäre Werte groß geschrieben werden. Die Hautfarbe sollte keine Rolle spielen, auch Standesunterschiede sollten nicht wichtig sein. Sogar die Frauen sollten als gleichwertige Mitglieder der Gemeinschaft akzeptiert werden. Das alles erklärt mir der Imam, Sohn des 2003 verstorbenen Marabuts, nachdem er mir ganz selbstverständlich die Hand zum Gruß gereicht hatte.

Das Sufidorf Maden

Vor dem Gästehaus

Was sich für uns wenig spektakulär anhört, ist jedoch in Mauretanien eine Besonderheit. Mauretanien ist ein Land, in dem – zumindest nach unserem Verständnis – noch vieles im Argen liegt: Frauen wird allgemein der Handschlag verweigert, Menschen anderer Religionen werden oftmals verachtet. Die Sklaverei, die offiziell im Jahre 2007 (!) unter Strafe gestellt wurde – ein 2003 erlassenes Verbot wurde einfach nicht beachtet – existiert  in der Realität leider immer noch fort. Die taz schreibt dazu: „Menschenrechtler schätzen die Zahl der Menschen in Leibeigenschaft in dem Land auf rund 100.000 – bei einer Bevölkerung von gut 3 Millionen Menschen.“ Reiche und hellhäutige Mauretanier, die sogenannten Mauren, halten sich dunkelhäutige Hausangestellte mit wenig Rechten, meist Nachfahren der Haratin.

In Maden sollte es anders sein, und heute sind alle stolz auf das Dorf und seine besonderen Werte. Und noch etwas erzählt mir der ruhige und besonnen wirkende, junge Imam: „Mein Vater verbot der Dorfgemeinschaft, zu betteln und neidisch auf den Besitz der anderen zu blicken. Stattdessen gab er jeder Familie ein Stück Land und erließ das Gebot, dass die Bewohner nur von den Früchten ihrer Arbeit leben sollen.“

Erst jetzt fällt mir auf: Obwohl uns eine große Schar Kinder umringt, ist dies das erste Dorf, wo uns keine Rufe nach Geschenken, nach Bonbons, Bällen oder Kugelschreibern entgegenschallen.

Kinder in Maden

Auch Pierre Rabhi, ein französischer Schriftsteller algerischer Abstammung, wurde vor ein paar Jahren auf das Dorf aufmerksam. Er gilt als ein Vordenker der ökologischen Landwirtschaft. Seit den 1980er Jahren verbreitet der Visionär in Form diverser Stiftungen seine Gedanken zu einem respektvollen Umgang mit Mensch und Natur in Europa und Afrika. Stolz zeigen uns die zwei Dorfbewohner Lemi und Jibrel die neuen landwirtschaftlichen Maschinen, Geschenke der Stiftung. Ein Vertikutierer ist dabei, ein Steinschneider, eine Tiefkühltruhe und diverse Spaten, Rechen und Hacken. Allerdings sehen einzig die Hennamühle und der Traktor so aus, als ob sie in regelmäßigem Gebrauch wären. Der Rest setzt in einem Abstellraum Staub an… “Arbeitshandschuhe könnten wir allerdings schon brauchen!”, bitten ein paar Damen von der Frauenkooperative dann doch noch schüchtern, als wir ihr mit zarten Keimlingen bestücktes Karottenbeet bewundern. „In Maden werden die Karotten für Nuakschott produziert!“, erklärt uns Lemi stolz.

Hier könnte man bleiben

Sogar ein Gästehaus gibt es im Zentrum des Dorfes, ein Ort für Reisende, Freunde und Menschen, die länger im Dorf bleiben und mithelfen möchte. Wir dürfen uns hinsetzen und ausruhen, entspannt in das Dorf und die dunkler werdende Nacht blicken. Der Imam entschuldigt sich, er muss zum Gebet. Doch auch das läuft hier anders ab als in so vielen islamischen Dörfern. Etwas abseits von uns setzt sich der Imam nun zu einer Gruppe Erwachsener, die sich, bunt gemischt, Frauen und Männer, im Kreis auf dem Boden niedergelassen haben. Es wird gemurmelt und rezitiert und gesungen. Beruhigend ist das und auch hypnotisch. Süßer Tee materialisiert sich vor uns, dann sogar noch ein vegetarisches Nudelgericht. Über Geld wird nicht gesprochen, aber dennoch ist klar, dass wir dieser kleinen und sympathischen Gemeinschaft vor unserer Abreise eine kleine Unterstützung dalassen werden.

Führung durch die Oasengärten

Später werden wir es sehr schade finden, dass wir nur eine Nacht in Maden geblieben sind. Es wäre reizvoll gewesen, noch mehr über das Dorf und seine entspannten Bewohner zu erfahren. Doch Heppo fürchtet sich vor der schrecklichen, steilen und stufigen Auffahrt, dem einzigem Weg zurück zur Hauptstraße. Etwas, das ich am Anfang dieses Artikels vergessen habe zu erwähnen, war das Gehirn doch noch mit dem Ordnen der vielen Eindrücke beschäftigt.

Kurz: Die Straße ins Dorf war (und ist) wirklich ein Graus!  Über große, schräge Steinplatten und Stufen aus dem gleichen Material rumpelte Frau Scherer hinab ins Tal. Als wir ausstiegen, waren wir ganz blass um die Nase.

Der Weg zurück sei jedoch kein Grund zur Beunruhigung, versichern uns die Bewohner. Die Straße sei in einem ausgezeichneten Zustand. Wenn nämlich sogar schwer beladene Karottenlaster die Piste bewältigen könnten, dann würden wir das ebenso schaffen, und zwar mit Leichtigkeit.

Lemi träumt davon, eine offizielle Ausbildung als Tourguide in Atar zu machen