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Mauretanien

Postkarte kaufen, Ostentorkino unterstützen

Foto: Ostentorkino, Regensburg

Mit dem Kauf dieser und anderer Postkarten im Onlineshop des Ostentorkinos, Regensburg könnt Ihr gleich doppelt Gutes tun:

1. das Ostentorkino in diesen schweren Zeiten unterstützen

2. und ebenso verschiedene Regensburger Künstler, Grafik-Designer und Fotografen.

Der Gewinn geht nämlich an die Urheber der Motive, allerdings zweckgebunden, nämlich in Form von Kinogutscheinen und Getränkebons.

Mein Motiv wurde in Mauretanien aufgenommen. Darauf zu sehen ist ein Rundhauber. Auf der Ladefläche stehen junge Männer, die die LKW-Transporte als günstige Mitfahrgelegenheiten nutzen – eine typische Form der Fortbewegung in Afrika. Bei den schlechten Straßen, der riskanten Fahrweise der Chauffeure und den widrigen Wetterbedingungen (z.B. Staub und Sand in der Sahara) ist das überhaupt nicht lustig.

Trotzdem: Irgendwie geht’s immer weiter…

Vielleicht hilft Euch diese einfache Wahrheit in Zeiten von Corona, Social Distancing und Zukunftsängsten dabei “positiv” zu bleiben?

Der Botschafter

Mehr lesen: https://www.liberation.fr/terre/2006/05/12/nouakchott-cite-hantee-par-les-eaux_38963

Verwüstung stoppen!

Monsieur Tidiane Diagana ist ein Tausendsassa. Zusammen mit einer deutschen Delegation eines Geflügelzüchterverbandes sitze ich in seinem gemütlich und altmodisch eingerichteten Büro in Nuakschott, in dem ein kreatives Chaos aus Skizzen und Zeichnungen die Herrschaft über Schreibtisch und Sitzgelegenheiten übernommen hat. „Ich bin Hannoveraner!“, sagt Diagana. Sein Deutsch klingt nur wenig eingerostet.

„Ah!“ und „Oh!“ machen wir im Chor, wenn dieser zugleich rüstig und tattrig wirkende Herr, ich schätze ihn über 80 Jahre alt, wieder ein weiteres Schwarz-weiß Foto aus seinem offenbar recht erfolgreichen Leben herumgehen lässt. Da ist einmal der junge Tidiane beim Hürdenlauf. Etwas später sehen wir ihn als einzigen schwarzen Spieler bei einem hannoveranischen Fußballverein. In der Blüte seiner Jahre zeigen ihn die Bilder dann als erfolgreichen Architekten, viele zusammen mit dem ehemaligen  Präsidenten von Mauretanien. Zahlreiche Konzepte entwickelte er für die Regierung, um die Wüste von der Hauptstadt fernzuhalten. Er dachte daran, Bäume zu pflanzen, die eine natürliche Barriere gegen den Sand bilden sollten.  Nuakschott liegt z.B. deutlich unter dem Meeresspiegel, immer wieder wurden ganze Stadtteile vom Ozean verschluckt. Auch hier hatte er kluge Gedanken: Er empfahl,  natürliche Barrieren zu schaffen und nicht zu nah ans Meer zu bauen. Aber viele seiner Ideen verschwanden wieder in der Schublade. Sie wurden nie in die Tat umgesetzt, denn die Stadt wuchs viel zu schnell. Ursprünglich war sie konzipiert für ein paar tausend Menschen, heute ist Nuakschott Millionenstadt. Trotz diverser Rückschläge scheint Monsieur sehr stolz auf sein Lebenswerk zu sein. Er genießt es außerdem, ein Publikum zu haben.

Nuakschott liegt unter dem Meeresspiegel (Foto: Heppo)

Ich bin verwirrt… Am Vormittag hatte ich Monsieur noch als Konsul der Elfenbeinküste kennengelernt. Dass er ein kultivierter Gentleman war, fiel mir natürlich auf und auch seine wunderschönen Zeichnungen, mit denen die Wände seines Büros dekoriert waren. Sie ließen bereits vermuten, dass dieser Botschafter ein vielfach talentierter Mann ist. Dass er aber offenbar auch noch Sportler und Student in Deutschland war, später ein wichtiger Architekt für die erst 1959 gegründete Hauptstadt Mauretaniens war und nun auch Kontakte zu deutschen Geflügelzüchtern unterhält, muss ich mir erst einmal zusammenreimen. Als ich am Nachmittag unser Visum abholen möchte, werde ich zu diesem bereits laufenden Meeting hinzugebeten. Die mehrheitlich aus Hamburg stammenden Rentner wollen sich in ihrem neuen Lebensabschnitt noch für Afrika engagieren und suchen nun nach einer Geflügelrasse, die mit den schwierigen ariden Bedingungen auskommt. (Fazit: Es gibt keine!) Nun sind sie,  ähnlich  wie ich, ziemlich überrascht, als ich ganz vorsichtig – in einer längeren Gesprächspause, während der Herr in seinem Fotoordner kramt – mein Anliegen erneut vorbringe.

„Was? Monsieur ist auch noch der Konsul der Elfenbeinküste? Ja, so was! Welche Ehre!“
„Ach ja, das Visum!“, meint der Botschafter, so als ob es ihm gerade erst wieder einfallen würde, und nachlässig blättert er in unseren Reisepässen. Wie er die Aufmerksamkeit genießt und die Verblüffung der Geflügelzüchter!

„Ein bisschen wie Angela Merkel!“, meint er mit Blick auf mein Passfoto von 2013, das mich mit einem runden Topfdeckelhaarschnitt zeigt, tatsächlich nicht unähnlich dem der Nochkanzlerin.  „Sie und ihr Mann sehen sich außerdem ähnlich!“, lacht er und zeigt nun unsere  Papiere herum. Die Scherze auf unsere Kosten finde ich gemein und außerdem komplett aus der Luft gegriffen. Die Besucher denken wohl wie ich; es ist ihnen offensichtlich peinlich, und  sie hüsteln verlegen.

Ganz Zauberkünstler zieht der Botschafter nun eine Münze hervor und legt sie auf seinem Handrücken ab. „Soll ich sie werfen?“, fragt er. „Visum? Ja oder nein?“ Er grinst schelmisch. Doch mit der anderen Hand kramt er bereits nach dem Stempel. Eine Hamburgerin möchte fotografieren. „Lass das!“, zischt ihr Mann, „Das ist eine Amtshandlung!“ Schnell zieht sie ihre Hand aus ihrer Handtasche zurück und blickt schuldbewusst.

Alle Augen ruhen nun auf unseren aufgeschlagenen Pässen. Aufreizend langsam drückt Monsieur Diagana den Stempel ins Kissen, lässt diesen sekundenlang über dem Büchlein schweben, um endlich den ersehnten Eintrag in unsere Reisedokumente zu machen.

Ich freue mich über das erteilte Visum, fast aber noch mehr über dieses Erlebnis. Denn ich weiß schon jetzt, dass diese Episode eine feine, kleine Geschichte für meinen Reiseblog abgeben wird.

Schön ist es,  am Strand in Nuakschott zu sein (Foto: Heppo)

Zu viel Aufmerksamkeit

Shootingtime in Nuakschott (Foto: Heppo)

Nuakschott befindet sich am Meer. Aber auch hier fehlt wieder das Mondäne und Schöne, denn sehen kann man es nicht. Hinter einer großen Düne liegt der Ort  verborgen. So fehlt das Flair, das viele Städte haben, die an der Küste errichtet wurden. Nicht einmal eine Promenade gibt es. Der größte Teil des Sandstrandes dient dem Fischfang und Handel.

Ein wichtiger Wirtschaftszweig in Nuakschott: Fischfang und Fischhandel (Foto: Heppo)

Einzig die Auberge Terjit Vacances verfügt über ein kleines Stückchen, das zur Erholung dient. An den Wochenenden drängen sich hier die mauretanischen Familien und Jugendlichen auf wenigen Quadratmetern zusammen. Dann wird gebadet (natürlich in voller Montur), gepicknickt, gebetet und zum Zeitvertreib mit dem Luftgewehr auf Getränkedosen geschossen.
Wir sind ebenfalls hier, haben wir doch mit Frau Scherer an der Auberge einen günstigen und recht schönen Stellplatz gefunden.

Fotografieren im Wallegewand (Bubu) ist nicht so einfach…,

…der Wind ist hinderlich!

Zum ersten Mal wird uns bewusst, dass wir nun für lange Zeit die einzigen Weißen sein werden. Entsprechend viel Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf uns. Sofort werden wir umringt von zahlreichen Gruppen: Kindern, jungen Männern, jungen Frauen und Familien. Ein jeder möchte ein Foto mit uns, und nach einigem Zögern kommt es zur Sprache, eigentlich noch viel lieber mit unserem Hund. Die Shootings sind lustig, anstrengend aber auch. „Nein, wir werden unseren Hund weder verschenken noch verkaufen!“, erklären wir gefühlt zum hundertsten Mal. Damit stoßen wir auf Unverständnis, was  wir wiederum nicht verstehen können.

Good looking

Afrika ist hochmobil: Ägyptische Gastarbeiter in Nuakschott

Wir versuchen, uns etwas abzusondern und aus dem Getümmel zu lösen, um kurz durchzuatmen und über den Strand zu schlendern, wie jeder andere auch. Doch dann wird unsere Aufmerksamkeit von einem Wurfspiel und von der nächsten Menschenansammlung angezogen. Kekspackungen, Coladosen und  kleinere und größere Geldbeträge liegen im Sand. Wer will und ein paar Ogouyia über hat, darf mit einem verrosteten Metallring auf die Dinge zielen. Wer es schafft, diesen um Kekse, Coladosen oder Geldscheine zu werfen, darf den Treffer als Gewinn mit nach Hause nehmen. Wir sind abgelenkt und somit leichte Beute für den Dieb, der es auf Heppos kleine Kamera abgesehen hat, die ich mir nur lose unter den Arm geklemmt habe. Ich fühle einen schnellen Ruck, drehe mich um, bin aber zu langsam und sehe nur noch zwei kleine Jungen auseinander stieben und in der Menge verschwinden. Unmöglich zu sagen, wer es von den beiden war oder wie  sie genau ausgesehen haben. Immerhin reagiere ich gut: Statt den Skandal zu scheuen, stimme ich sogleich ein lautes Gezeter an, in das  auch Heppo sofort lautstark mit einstimmt: „Voleur! Dieb! Jemand hat unsere Kamera geklaut!“

Im Hintergrund befindet sich der Schwarzmarkt für Fisch

Noch mehr Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf uns. Sehr unangenehm, das alles! Ein kleiner Junge wird mir vorgeführt. Ob ich den Dieb erkenne? „Nein, keine Chance! Ich möchte auch niemanden zu unrecht beschuldigen! Lasst ihn laufen!“

Heppo droht nun mit Polizei. Dann winkt er einen Securitymann auf seinem Quad herbei. Ein kleiner Junge mit Rotznase reicht mir auf einmal die Kameratasche. „Gerade gefunden!“, sagt er und grinst dabei frech. Erst freue ich mich, dann seufze ich enttäuscht, als ich merke, dass die Hülle leer ist. Die Menge seufzt ebenfalls. Mit unverhohlener Neugier und Sensationslust nehmen die Umstehenden an unserem Ärger und Frust teil. Nun ist auch der Securitymann erbost, auch er spricht von Polizei. Das Zauberwort scheint zu helfen. Plötzlich liegt die kleine Kamera vor mir im nassen Sand. Wer hat sie fallen lassen? Keiner weiß es. Niemand hat etwas gesehen. Aber der kleine Bengel steht schon wieder vor uns. Und mit schiefem Grinsen fragt er nach einem Finderlohn…

Wirklich rotzfrech!

Zum Sonnenuntergang laufen die Fischerboote aus

Der brave Esel wartet schon auf seinen Einsatz zum Abtransport von Fisch

Nuakschott

Knochenbleiche Landschaft mit Rundhauber

Auf einer perfekt geteerten Straße fahren wir nun in den Osten, in die Hauptstadt Nuakschott. Mehrmals wechselt die Landschaft ihre Farbe:
Rotbraun und Beige ist sie im Adrar. Innerhalb von nur 100 Kilometern schafft sie einen Übergang zu sanftem Grün. Dort, wo etwas Regen fiel, ist der Sand nun von feinen Stängeln und Halmen durchzogen. Und plötzlich ist da eine richtige Grasdecke. Kuh-, Ziegen- und Schafherden freuen sich über das reichhaltige Nahrungsangebot.
Schon 150 Kilometer weiter sehen wir das absolute Gegenteil. Unwirtlich ist es nun da draußen. Ein starker Wind weht. Keinen Fuß möchte man hier vor die Tür setzen. Die vorherrschende Farbe nenne ich „Knochenbleich“.
Vor Nuakschott leuchtet der Sand aber nun wieder  in Goldgelb. Die Todesplanetstimmung weicht, und das Gemüt stimmt sich bald auf positivere Gefühle ein.

Unwirtlich kann trotzdem gut aussehen

Die Farbe wechselt zu Gelb, ebenfalls mit Rundhauber

Aber – Moment! – soll das ein Witz sein? Sieht so etwa die Hauptstadt Mauretaniens aus? Hinter dem Ortsschild „Nuakschott“ stemmen sich nur ein paar Zelte und wackelige Hütten tapfer gegen den Wind. Zum Zentrum hin gewinnt Nuakschott jedoch an Größe, Dichte und Präsenz.

Umgekippt? Umgekippt!

Ja, das kann man Stadt nennen. Auch wenn sie nicht schön ist oder weltläufig, aber alles ist da: Botschaften, Banken und sogar Supermärkte! Und trotzdem, die Endzeitstimmung, die wir im ganzen Land feststellen konnten, hat auch die Hauptstadt fest im Griff.

Wie bitte? Das soll die Hauptstadt sein?

Nichts ist neu, nichts glänzt. Alles sieht gebraucht und verbraucht aus. Die Straßen, die Geschäfte und sogar die Menschen befinden sich in einem ewigen Zustand der Improvisation. So stelle ich mir die Welt nach dem Atomkrieg vor, der aber schon ein paar Jahre zurückliegt; Die Menschheit hat sich arrangiert. Man nimmt, was man bekommen kann und nutzt es, solange es eben geht.

Fährt doch noch…

Reifenhändler

Public transport

Schrottautos klappern vor uns durch die Straßen und blasen schwarzen und weißen Qualm in die Luft. Es fährt, was eigentlich nicht mehr fahren kann/darf/muss. Was abfällt, fällt eben ab:
Keine Autotüren mehr? Wer braucht schon Autotüren?
Motorhaube fort? Geht auch ohne!
Blinker weg? Blinker weg!
Und so weiter und so fort…

Ich denke an die deutsche Abwrackprämie. All die Fahrzeuge, die damals entsorgt und verschrottet (!) wurden, würden hier noch locker weitere 10 oder 20 Jahre lang ihren Dienst tun.
Mittlerweile haben wir uns aber schon an den Anblick gewöhnt; wir sind weniger schockiert als fasziniert. Das Abgefuckte hat auch Charme. Verdammt fotogen ist es auch!

Fotogen

Ob der zweite Stern wohl hilft?