Casablanca – Bei Monsieur Abdoulilah

Bei der netten Familie El Habty in Casablanca

Unser Bekannter Monsieur Abdoullah, der – wie sich bald herausstellt – in Wirklichkeit Abdoulilah heißt, scheint sich kein bisschen zu wundern, dass wir uns nun wirklich bei ihm melden (Siehe: Africa is calling). Wir würden schon erwartet, reagiert er freudig auf unseren Telefonanruf.

Als Treffpunkt nennt er uns einen Vorort von Casablanca. In Ain Harrouda angekommen, sollen wir uns wieder telefonisch bei ihm melden. Wir kündigen uns für den späten Nachmittag an.
Sofort nach dem Ende des Telefongesprächs brechen wir jedoch in eine mittlere Panik aus. Was bringt man nur als Gastgeschenk zu einer marokkanischen Familie mit? Bisher waren wir immer nur spontan eingeladen und haben uns dann ebenso spontan entweder am Gemüseeinkauf beteiligt, etwas aus unseren Vorräten beigesteuert oder eine Kleinigkeit aus unserem Fundus hergegeben. Aber eine richtige, hochoffizielle Einladung hatten wir in Marokko bisher noch nicht. Ein Mitbringsel aus Deutschland wäre in diesem Fall wahrscheinlich angebracht. Aber leider blieb der Punkt “Geschenke” bei unseren Vorbereitungen irgendwie auf der Strecke. Und überhaupt, was ist typisch für uns und unser Land? Ein Hut in Schwarz-Rot-Gold? Ein Sankt-Pauli-T-Shirt? Kölnisch Wasser? Ein Wein im Bocksbeutel? Bockwürstchen im Glas? Ein Charivari? Was ist angemessen? Und können die Menschen anderswo etwas mit diesen Dingen anfangen? Eine schwierige Frage ist das. Meine Kollegin Sabine, die längere Zeit in Gambia verbracht hatte, meinte auf die Frage nach einem passenden Geschenk: „Einen Sack Reis für die Familie und Fußbälle für die Kinder.“ Aber bei der marokkanischen Mittelstandsfamilie mit so einem Geschenk daherzukommen,  wäre sicherlich eine Beleidigung. Und an Fußbällen herrscht in Marokko auch kein Mangel.

Heppo hat die zündende Idee: Beim Carrefour Gourmet in Rabat finden wir sicherlich ein passendes Mitbringsel. Der piekfeine Supermarkt überfordert uns erst einmal völlig, aber dann bleiben wir doch vor dem Süßigkeitenregal hängen. Dort liegen sogar Schokoladen von Lindt und Milka und Ferrero Rocher in der Auslage. Allerdings zu horrenden Preisen, die 12er-Plastikbox Goldkugeln für stolze 80 Mad (also gut 7 Euro). Die Auslage bei der Patisserie ist aber auch verlockend: Für 120 Mad (Marokkanische Dirham) bekommt man eine große Pappschachtel handgemachter Pralinen, die wirklich sagenhaft lecker aussehen. Gekauft!

Pralinenfiasko

Dazu noch ein selbstgemachtes T-Shirt, eine handgeschöpfte Seife aus Deutschland und ein Notizbuch, und fertig ist das Gastgeschenk. Ob wir noch eine Flasche Wein dazulegen sollen, überlegen wir eine Weile, dann entscheiden wir uns aber dagegen. Unser Gastgeber war immerhin Polizist und ist uns als gottesfürchtiger Mann in Erinnerung geblieben.
Nur zu dumm, dass Heppo die Pralinenschachtel fallen lässt und die süßen Kunstwerke wild durcheinander purzeln. Kurze Schockstarre. Was für ein Fiasko! So können wir die Teile unmöglich herschenken. Die ganze Pracht sieht nun reichlich derangiert aus. Leicht verzweifelt – aber auch amüsiert – löffeln wir nun am LKW-Boden sitzend die verunglückten Süßigkeiten direkt aus der Schachtel. Fast könnte man hinter diesem Unfall eine gewisse Absicht vermuten. Doch ein Schelm, der Böses dabei denkt! Zur Strafe schicke ich meinen Mann noch einmal in den Gourmet-Markt, wo er dieses Mal nun zähneknirschend zu den teuren Schokokugeln greift. Die können in der Plastikbox wenigstens nicht durcheinander fallen.

Ein paar Stunden später stehen wir dann endlich Monsieur Abdoulilah gegenüber. Ja, genauso hatten wir ihn in Erinnerung – ein eher kleiner Mann, der uns mit amüsierten Blick mustert. „Bonsoir, Madame Berit. Bonsoir, Monsieur Andreas!“, begrüßt er uns grinsend. „Ich habe für euch einen guten Stellplatz in der Nähe von meiner Wohnung gefunden.“, fährt er fort. Direkt an der Afriquia Tankstelle sei dieser gelegen, nur ein paar hundert Meter vom Apartment der Familie entfernt. Außerdem gibt es dort eine Toilette, ein Café und Rund-um-die-Uhr-Security. Tankstellen-Stellplätze mitten in der Stadt gehören zwar – ehrlich gesagt – nicht wirklich zu unseren Lieblingsorten, aber es ist doch sehr nett, dass sich Monsieur Abdoulilah so viele Gedanken um uns und unsere Unterbringung gemacht hat. “Natürlich könnt ihr auch bei uns schlafen”, beeilt er sich zu versichern, “nur der Hund bereitet der Madame leider große Probleme.” Kein Thema, wir nächtigen sowieso am liebsten in unserem mobilen Zuhause.

Freitag ist Couscoustag!

In der Wohnung angekommen, treffen wir auf Abdoulilahs Frau Majda, die uns begrüßt wie alte Bekannte. Auch Tochter Moussa ist da. Wir haben sie noch als kleines Mädchen in Erinnerung. Aber mittlerweile ist sie 18 Jahre alt und zu einer sehr hübschen, jungen Frau herangewachsen. Auch zwei der drei Söhne, Amine und Jouseff (?), lernen wir kennen. Alle sind sehr herzlich und zuvorkommend.

Eine dampfende Tajine wartet bereits auf uns. Sie wird so zu uns gedreht, dass wir die besten Stücke bekommen: Hühnchen. Wieder einmal essen wir Fleisch, um unsere Gastgeber nicht vor den Kopf zu stoßen. Im Fernsehen läuft eine marokkanische Soap, deren Inhalt im Wesentlichen darum dreht, dass eine Frau bereits über eine Viertelstunde lang schreiend in den Wehen liegt. Alle amüsieren sich über ihr Brüllen, Jammern und Klagen.

Es ist immer wieder interessant Einblick in andere Kulturen zu haben, deswegen reisen wir, aber manchmal ist es auch ein bisschen anstrengend. Gast bei einer muslimischen Familien zu sein, bedeutet stundenlanges Sitzen vor dem Fernseher und dazu mit Essen vollgestopft zu werden. Auch haben wir keine Chance, unseren Besuch nur auf diesen einen Abend zu beschränken. „Morgen dürft ihr auf keinen Fall weiterfahren!“, bestimmt Monsieur Abdoulilah. Morgen sei nämlich Freitag, und an dem heiligen Tag wird nicht gereist; stattdessen wird zu Allah gebetet und Couscous gegessen. Maximal könne er mit uns einen kleinen Ausflug unternehmen, vorzugsweise nach Casablanca zur Hassan-II.-Moschee oder – mit Hund wahrscheinlich besser – an den Strand von Mohammedia. Wir kapitulieren sofort. Denn soviel wissen wir bereits: Beim Couscous versteht Monsieur Abdoulilah nämlich überhaupt keinen Spaß!

(Hundetauglicher) Ausflug nach Mohammedia mit Monsieur Abdoulilah

Sehr schön war’s mit Euch, liebe Familie EL Habty! Danke für Eure große Gastfreundschaft!