2014-04 AL-02 Shkodra

Shkodra

Samstag, 12.04.2014
Eine schlaflose Nacht liegt hinter uns allen. Jetzt weiß ich aber, was mich stört und kann es auch benennen. Ich merke einfach, dass ich mehr Zeit für mich und auch mit Heppo brauche, und so genügen im Moment schon Kleinigkeiten, dass ich aus der Haut fahre.

Uns war schon im Vorfeld klar, dass es schwierig werden würde, in einer Dreierkonstellation wegzufahren, und schon letztes Jahr im Juni war ich kurz davor, das Unternehmen wieder abzusagen. Aber schließlich hatten wir uns dann doch dafür entschieden, es zumindest zu versuchen.
Jeder muss erst seinen Platz finden, wenn wir auf so engem Raum zu dritt unterwegs sind.

Heppo ist im Übrigen klug genug, sich nicht einzumischen, was mich zwar einerseits ärgert („…ist doch schließlich mein Freund, und der muss doch zu mir halten…“), mir aber andererseits Bewunderung abringt. Auf jeden Fall bin ich im Büßermodus und bemühe mich sehr für gutes Wetter zu sorgen. Vielleicht ist unser Stress auch noch eine Nachwirkung der Bremsengeschichte. Das war nervlich doch relativ belastend.

Ach ja, und übrigens sind wir jetzt auch in Albanien. Der Grenzübertritt verlief problemlos, mit nur einem Schlagbaum auf der montenegrinischen Seite, und schon sind wir in Shqiperia, so heißt Albanien in Albanien.

Und wieder ist alles anders: Plötzlich gibt es Mofafahrer mit bekopftuchten Damen am Rücksitz, Motorrad-Eigenbauten mit einem kleinen Wagen vorne dran (zum Transport der Freundin, Familie, mit Tieren und Gütern), weidende Kühe Straßenrand, mehrstöckige Betonneubauten, die nur aus Säulen und Treppen bestehen (dafür keine Wände haben) und es gibt nun Moscheen. Wir fahren auf der Nordostseite der Stadt Shkodra am See Liqeni i Shkoders bis in den Ort Zogaj. (Direkt vor uns liegt wieder die montegrinische Grenze, allerdings kein Übergang, die Grenze verläuft mitten durch den See). Dort stellen wir uns auf einen kleinen Parkplatz direkt neben der Moschee. Der Nachbar empfängt uns herzlich und begrüßt uns auf Italienisch. Wir können gerne über Nacht hier bleiben: Senza problema. Benvenuti!

Sonntag, 13.04.2014
Heppo wünscht sich einen Aufenthalt in Shkodra, also parken wir am Rand der überschaubaren Stadt auf einem Parkplatz (nach eigenen Aussagen der drittgrößten Albaniens).  Shkodra macht einen recht netten Eindruck und liegt zu Füßen einer großen Burg und zwischen dem Skutarisee und den Flüssen Drin, Kir und Buna. Mehrere Erdbeben und die Jahre im Kommunismus haben aber viel von der alten Bausubstanz zerstört, und so ist Shkoder zu weiten Teilen etwas gesichtslos. Eine hübsche alte Straße gibt es aber noch, und durch die schlendern Heppo und ich, besorgen uns einen Internetstick (gutes Angebot, das wir zwar nicht ausnutzen können: Für knapp 20 Euro gibt es drei Monate Internet), gehen zum Kaffeetrinken und essen ein Stück Kuchen in einem plüschigen Omacafe. Matthias ist unterdessen beim Laster geblieben.

Als wir wieder zurück sind, geht es Heppo plötzlich richtig übel. Die Sahnetorte war wohl doch nicht so gut, wie sie ausgesehen hat. Auf einer Wiese in einer Seitenstraße kotzt er sich die Seele aus dem Leib. Direkt daneben entdecken wir ein schlimm aussehendes Romaviertel. Die Leute wohnen auf einer Müllhalde. Ich habe ja ein Faible für Randexistenzen, aber das hier kann ich jetzt gar nicht einschätzen: Slum, Ghetto, keine Ahnung? Weil ein Hund kläglich winselt, spähen wir über die Mauer: Ein Kind steht vor einem angebundenen Hund und täuscht immer wieder Schläge an, und der Hund fängt sofort an bitterlich zu schreien. Überhaupt fallen die vielen räudigen und abgemagerten Hunde ins Auge. Uns blutet das Herz.

Schon im Reiseführer hatten wir gelesen, dass die Albaner abends zwischen 18 und 20 Uhr täglich ein Schaulaufen veranstalten. In besten Klamotten (Kostüm und Stöckelschuhe bei den Damen, Sakko und blank gewienerte Schuhe bei den Herren) zeigt man sich auf den Straßen, geht etwas trinken und essen, hält ein Schwätzchen. Und tatsächlich, pünktlich um 18 Uhr ist Primetime! Die ganze Stadt ist auf den Beinen.

Matthias möchte gerne eine Holzofenpizza, die es hier umgerechnet für ca. drei Euro gibt. Ich begleite ihn (Heppo ist immer noch schlecht), aber da es jetzt schon nach 20 Uhr ist, sind die Restaurants schon wieder fast menschenleer. Er bekommt aber noch eine leckere Holzofenpizza. Ich habe keinen Hunger und trinke nur ein Kuqalashe (Bier aus Tirana), das aber nicht so besonders ist.

Gegen 22 Uhr ziehen wir zu dritt noch mal los, denn Heppo geht es nun wieder besser. Aber die Bürgersteige sind hoch geklappt. Nur in den Sportwettenbars sitzen noch ein paar Männer. Frauen sind so gut wie gar keine mehr unterwegs. Frustriert trinken wir noch eine Cola (!) in einer neonbeleuchteten Bar mit lila Seidentapeten und kehren dann wieder zurück zum Laster. Andere Länder, andere Sitten.

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Und das war vorher: Radanovici, Montenegro