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Bei Matsch & Piste stehen alle Zeichen auf Frau Scherer

Bei Matsch & Piste ist Frau Scherer gerade ganz präsent, Screenshot vom 20.05.2020

Gerade ist mein neuer Artikel bei Matsch & Piste erschienen. Die Serie dort ist bald aktueller als mein Blog 😉

Mit Frau Scherer durch Westafrika – Teil 3. Elfenbeinküste

Die Sklavenburg

Filmtipp: Werner Herzogs umstrittenstes cineastisches Werk, Cobra Verde:
https://www.youtube.com/watch?v=Y_59rGasdds

St Georges Castle in Elmina

Das Fort São Jorge da Mina oder auch St. George’s Castle in Elmina ist uns in Deutschland bekannt als Drehort des Films von Werner Herzog: Cobra Verde. Klaus Kinski spielt darin den fiktiven Sklavenhändler Francisco Manoel da Silva. Millionen Afrikaner und deren Nachfahren, die heute in Amerika leben, verbinden diesen Ort aber mit dem sehr realen Trauma des Kolonialismus und seinen schrecklichen Folgen. Die Burg, die 1482 von den Portugiesen an der sogenannten Goldküste erbaut worden war, diente ursprünglich als Stützpunkt für den Handel vonGold, Elfenbein, Gewürzen und zunehmend aber auch für Sklaven. Dies blieb auch so, als die Burg Ende des 16. Jahrhunderts von den Niederländern erobert wurde und sogar noch, als die Festung 1872 an die Briten verkauft wurde.

Drehort des Filmklassikers Cobra Verde von Werner Herzog

Ghana feiert gerade (2019) das sogenannte Year of Return, eine groß angelegte Tourismuskampagne, die vor allem die afrikanische Diaspora in Nord- und Südamerika dazu anregen soll, das Land ihrer Herkunft zu besuchen. Im St George’s Castle stehen wir nun zusammen mit einem dunkelhäutigen Mann aus Amerika betroffen vor einer kleinen Tür, die vom Guide dramatisch “Door of no Return” genannt wird. Von hier wurden einst die Sklaven auf das Schiff verladen, um unter unmenschlichen Umständen auf einen anderen Kontinent verbracht zu werden. Wie Vieh wurden sie im Schiffsbauch liegend aneinander gekettet, die Männer auf dem Bauch liegend, die Frauen auf dem Rücken, damit sich die Seeleute ungeniert an ihnen bedienen konnten. Viele von ihnen überlebten die Reise nicht, und manche beginnen bereits vorher Selbstmord, indem sie vom Schiff sprangen, um im Meer zu ertrinken.

Im Innenhof der Sklavenburg

Die schrecklichen Geschichten bewegen uns, doch noch rührender finden wir die stumme Ernsthaftigkeit des jungen Amerikaners. Ich frage ihn, ob er alleine nach Ghana gereist sei. Einsilbig und etwas abwesend antwortet er: „Ja, allein!“ Ich wage es nicht, weiter auf ihn einzudringen und lasse ihn in Ruhe.

Das Frauenverlies

Übrigens bereits auf der Burg waren die Umstände schrecklich. Wieder traf es die Frauen am härtesten. Der Gouverneur hatte seine Wohnung direkt über ihrem Verlies; von einem Balkon aus konnte er die Gefangenen beobachten. Gefiel ihm eine besonders gut, ließ er sie über eine Leiter und eine Falltüre nach oben bringen. Einzig die Kinder dieser Verbindungen hatten etwas mehr Glück: Als Bastarde konnten sie in Elmina bleiben; manche von ihnen erhielten sogar eine Ausbildung.

Links (mit Totenkopf) die Zelle für die Schwarzen, rechts die Zelle für die Weißen

Wir haben genug für heute und wollen nicht mehr weiterfahren. Nach kurzer Verhandlung dürfen wir auf dem Parkplatz direkt vor der Burg übernachten. Heppo drängt darauf, noch durch den Ort zu schlendern. Doch der Spaziergang wird zur Herausforderung: Eine Bande 10-jähriger Buben hängt sich frech an unsere Fersen und macht sich einen Spaß daraus, mir auf den Hintern zu klopfen. Egal, ob späte postkoloniale Rache oder nur ein übler Scherz von Pubertierenden, mir wird es schnell zu viel. Trotz allem verströmt der Ort jedoch mit seinem Hafen, seinen Booten und sogar mit dem ungehobelten Verhalten seiner Jugendlichen das Flair einer echten, kleinen Piratenstadt.

Elmina hat das Flair einer richtigen Piratenstadt

Zurück im LKW können wir nicht schlafen. Es scheint, als ob der Geist Klaus Kinskis wiederauferstanden wäre. Vor unserem LKW steht einer. Er schimpft, schreit und spricht in unverständlichen Sprachen seinen wahnsinnigen Dauermonolog. Schließlich singt er sogar – alles direkt vor unserem Wohnmobil. Ist es ein Schauspieler, der seinen Text übt? Ein Wanderprediger? Ein Verrückter? Oder ein Besessener? Wir werden es erst am nächsten Tag erfahren. Erst dann traut Heppo sich, ihn nach seinen Motiven zu fragen. „I was talking with God!“, sagt der Mann, nun ganz ruhig, und wendet sich zum Gehen.

Blick auf Elmina, vom Fort aus gesehen.

Freunde

Elmina und Berit

Strand und Dschungel

Am Brenu Beach: Ton in Ton

Schon wieder eine Beerdigung! Seit zwei Tagen sind wir am traumhaften Brenu Beach; und genauso lange findet bereits eine dieser lauten und seltsam fröhlichen Beerdigungen statt. Die Gäste sind alle gleich angezogen, sie tragen schwarze und rote Festtagskleidung. Tagsüber marschieren Brassbands durch den Ort, nachts legen DJs auf, und es wird ausdauernd getrommelt- alles zu Ehren des Verstorbenen. Seltsam finden wir das , aber auch irgendwie schön.

Typische Fischerboote am Brenu Beach

Wir am Brenu Beach

Die Dorfkinder belagern uns. Manche sind frech und nervig, manche sind süß und lieb, andere sind vor allem geschäftstüchtig. Zwei Jungen tun sich besonders hervor. Sie beliefern uns täglich mit frischen Kokosnüssen und haben stets das passende Wechselgeld parat. Die Kokosnuss wird für uns mit gezielten Machettenhieben „geköpft“, damit wir das leckere Wasser trinken können. Danach zerlegen die Businessmen in spe die Kokosnuss in zwei oder drei Teile, aus denen wir das eiartige Fruchtfleisch löffeln können. Mit den Kokosnüssen, die man bei uns manchmal im Supermarkt kaufen kann und, deren Fruchtfleisch oft hart und zäh ist, haben sie nichts gemeinsam. Eine echte Offenbarung ist das für uns beide.

Dschungelwalk noch vor Sonnenaufgang

Im Kakum Nationalpark ist die Hauptattraktion für die meisten Besucher der sogenannte Canopy Walkway, ein Weg, der auf circa 40 Metern Höhe und 400 Metern Länge über 8 Hängebrücken führt. Bevor wir diesen aber betreten, haben wir eine 1,5 stündige Dschungeltour gebucht. Um 5 Uhr morgens soll es losgehen, doch Jussuf, unser Guide, lässt uns warten. Ziemlich verknittert taucht er gegen 5.15 Uhr auf. Da es noch dunkel ist, haben wir uns mit Taschenlampen ausgestattet. Jussuf zeigt sich botanisch bewandert und erklärt uns vor allem Bäume.

Dieses Blatt ist nicht aus Bronze…

Unter anderem weist er uns auf den sogenannten „Jungle Survivor“ hin,  der über Luftwurzeln köstliches Trinkwasser nach oben transportiert. Leidet man im Dschungel also an Durst, muss man nur eine der Wurzeln kappen, und schon kann man diesen stillen. Ein anderer Baum wird zum Färben verwendet. Sein Rinde wird angeritzt, und es tritt ein weißer Saft heraus, der sich jedoch bereits nach wenigen Minuten an der Luft zu Rostrot wandelt. Auch interessant ist eine etwa 30 Zentimeter hohe Pflanze, deren Wurzeln angeblich aussehen wie ein Hundepenis. Wahrscheinlich sagt man ihr deswegen eine herausragende aphrodisierende Wirkung nach, aber auch gegen Hüftbeschwerden soll sie wirken.

Urwald von oben

Ein paar Affen hüpfen über uns durch die Baumkronen, wirklich zu sehen bekommen wir sie aber leider nicht. Ansonsten ist die Tour nicht sonderlich spannend. Der größte Aufreger ist, dass wir von Ameisen attackiert werden, zum Glück sind diese von der harmlosen Sorte. Schmerzhaft sind ihre Bisse dennoch. In meiner weiten Stoffhose haben sie sich so breit gemacht, dass ich noch eine Stunde später die Folgen unseres morgendlichen Ausfluges zu spüren bekomme.

Der Canopy Walk im Kankum National Park

Selten ein Schaden, wo nicht auch ein Nutzen ist! Die Krabbeltierchen lenken mich immerhin von meiner Höhenangst ab. Todesmutig betrete ich die wackeligen Hängebrücken und bin ziemlich stolz auf mich, dass ich es gewagt habe. Und wir haben richtiges Glück: Wir sind so früh unterwegs, dass wir die Brücken komplett für uns alleine haben. Schön ist es, über die Kronen der Urwaldriesen zu blicken und zu sehen, wie der morgendliche Dunst dem Wald unter uns entsteigt. Nur die Affen machen sich leider rar. Zwar sind sie da, doch ihre Anwesenheit erkennen wir nur daran, dass es im Blattwerk raschelt und sich die Baumwipfel bewegen.

Aufsitzerpflanzen, die auf anderen wachsen, heißen Epiphyten

Glück und Pech

Musiktipp: Sushine day von Oisibisa mit Musikern aus Ghana, London und Nigeria:
https://www.youtube.com/watch?v=MeH3OdgGHso

Frau Scherer will Aufmerksamkeit

„Unsere nächste Reise machen wir definitv zu Fuß, oder mit dem Fahrrad oder meinetwegen mit einem Esel!“, jammert Heppo. Und Recht hat er. Wir haben genug. Dauernd muss man sich um Frau Scherer kümmern. An ihr schrauben und basteln. „Ich mag wirklich nicht mehr. Seit Tagen liege ich nun schon im größten Siff!“ Heppo guckt mich verzweifelt an: „Wenn ich meinen Helfern nicht ununterbrochen auf die Finger schaue, reparieren uns die noch das ganze Auto kaputt!“

Wir kennen eine Menge Leute, die sich in Marokko, Indien oder sogar China neue Federn haben anfertigen und einbauen lassen, zu Schnäppchenpreisen und ohne Beanstandungen. Wir jedoch haben stets Pech: Immer, wenn wir etwas an unserem Expeditionsmobil machen lassen, haben wir danach mehr Probleme als zuvor.

Aufgesprüht

Sprühmeister

Jetzt zum Beispiel wieder: Die Springs & Bolts Company in Kumasi sieht zwar nach einer wirklich ordentlichen Firma aus, aber, was uns hier geliefert wird, ist eine echte Katastrophe! Auf den ersten Blick sehen die Federpakete toll aus, man hat sich sogar die Mühe gemacht mit gelber Farbe ein MB für Mercedes Benz und die Typbezeichnung LA710 aufzusprühen. Doch was hilft es, wenn sonst nicht passt? Die einzelnen Lagen liegen nicht plan aufeinander, die zweite Lage ist um das Auge herum zu dick gebogen und – was wir blöderweise erst nach dem Einbauen feststellen – bei einem der Pakete fehlt sogar eine komplette Lage. Das darf doch einfach nicht wahr sein. Alles muss nun noch mal ausgebaut werden. Die Mitarbeiter der Firma, die Heppo zur Seite gestellt wurden, sind keine Mechaniker und daher auch keine wirkliche Hilfe. Im Gegenteil! George, der Chef, ist redlich bemüht um Schadensbegrenzung. Er gibt uns Bier aus und versucht uns zu beruhigen. Der indische Ingenieur darf sich dafür eine Standpauke anhören. Er senkt den Kopf und sagt: „Yes Sir, it‘s all my fault!“ Er tut uns ein bisschen leid, aber wir hatten ihn wiederholt darauf hingewiesen, Fotos von den Federn zu machen und diese genauer auszumessen.

Sorry George, aber an Deinen Federn musst Du echt noch arbeiten!

Mit zunehmendem Bierkonsum wird George redselig und erzählt uns seine Lebensgeschichte: Als ungeliebtes Kind wurde er in eine sehr einfache Farmerfamilie geboren. Fast ohne Schulbildung ging er Anfang der 80er Jahre als „Shoeshine“ (Schuhputzer) nach Nigeria. Bald lernte er Leute kennen, die mit Autoersatzteilen handelten. Er stieg in das Geschäft mit ein und wurde prompt um seine ganzen Ersparnisse (1000 Dollar) betrogen. Doch er blieb dabei und vermehrte schnell sein Vermögen. Zurück in Ghana kaufte er sich ein Stück Land und gründete außerdem ein Ersatzteilgeschäft in Kumasi. Auf seinem Land baute er Gemüse im großen Stil an. 2011 wurde er Ghanas Best Farmer, worauf er noch heute besonders stolz ist. Heute arbeiten 120 Angestellte auf seiner Farm. Vor drei Jahren übernahm er die Federnfabrik mit dem Ziel diese zu einem führenden Unternehmen in Ghana aufbauen.

Zum Verzweifeln!

Vor seinem Büro hängen die Leitsätze der Firma:
Mission: To manufacture and sell high quality leaf springs, u-bolts, trailer suspensions, bolts and nuts that meet international standards in the West-African sub-regions.

Visions: To be the leader in the manufacturing of quality and affordable leaf springs, trailer suspensions, spring and u-bolts in the West African sub-regions and Africa at large. To become the number one brand in the African automotive industry.

Große Worte! Wir wünschen George viel Glück, seinen Kunden allerdings auch!

Spruch am Firmengelände der Springs & Bolts Company: Man hätte Lust es trotzdem zu tun.


Auch interessant: Was nigerianische Teenager nur mit Handys machen: Coole Kurzfilem drehen: Z, the beginning
https://www.youtube.com/watch?v=Z4dfVgFsjQc