Des Königs Kleider

Musiktipp: Die Stilrichtung  Highlife kommt ursprünglich u.a. aus Ghana und vereint die europäische Musik mit der westafrikanischen, wie hier Santrofi mit Africa

Wunderschön, bunt und bedeutungsvoll sind die Kente-Webarbeiten.

Die verdammten Flughunde haben Frau Scherer komplett zugekackt. Wir sollten dringend unseren Stellplatz wechseln. Bis unsere neuen Federpakete fertig sind, haben wir noch ein paar Tage Zeit. In Kumasi befindet sich angeblich Westafrikas größter Markt, doch auf diesen haben wir wirklich keine Lust. Die ganze Stadt scheint sowieso nur einzig und allein aus aneinandergereihten Verkaufsständen zu bestehen.

Ursprünglich warendie Kentewebereien wohl als einfache Kleidungsstücke gedacht

Lieber fahren wir nach Adanwomase. Das Dorf ist bekannt für seine weltberühmte Webtechnik, Kente genannt. Ursprünglich waren die aufwändig gewebten, schmalen, bunten Stoffbahnen nur für die Kleidung von Königen bestimmt, heute darf sie jeder tragen. Alle Muster und Farben haben eine komplexe Bedeutung: Schwarz steht für das Land, Rot für Blut, Grün für Fruchtbarkeit, Gelb für Reichtum. Die Muster können ganze Familiengeschichten fassen und davon erzählen, wie einer durch Fleiß und Mut zu großem Reichtum gelangte oder sie sprechen von Unglück, Streit und Zerwürfnissen. Mehr zum Thema Kente findet ihr hier: https://www.kentecloth.net/

Weben ist Männersache

Im Dorf bekommen wir eine kleine Führung durch die Webereien und durch die Kakaoplantage. Ursprünglich in Südamerika beheimatet, hat die nützliche Kakaopflanze seit Ende des 19. Jahrhunderts einen großen wirtschaftlichen Stellenwert in Westafrika. Insbesondere in Ghana ist noch immer ein wichtigster Produzent von Rohkakao. Die Hälfte aller Farmer in diesem Land lebt vom Kakaoanbau. 70 Prozent der Exporteinnahmen des Landes stammen aus dieser Quelle.

Wichtiger Wirtschaftsfaktor: Kakao

Allerdings leiden die Landwirte in Ghana sehr unter dem Verfall der Weltmarktpreise. Auch gibt es im Land kaum kakaoverarbeitende Fabriken. (Quelle: http://westafrikaportal.de/kakao.html). Das führt zu dem  grotesken Ergebnis, dass es kaum Schokoladen aus Ghana gibt. Eine kleine, rote Tafel gibt es dann aber dann doch ab und zu zu kaufen. Sie schmeckt wie Blockschokolade, die bei uns zum Backen und Kochen verwendet wird.

Unreife Kakaofrüchte

Übrigens kann man fast alle Teile des Baumes verwenden. Neben dem Samen, der für die Gewinnung des Kakaopulvers genommen wird, kann auch das weiße Fruchtfleich gegessen werden. Die Schale wird zu einem Puder zerrieben, aus dem Seifen hergestellt werden, das Holz dient zum Heizen, und die Blätter werden zu Tees gegen Blutarmut und andere Krankheiten verarbeitet.

Reife Kakaofrucht

Unsere Tour durch das Dorf führt uns außerdem zu einem Voodooschrein, den wir zuerst gar nicht als solchen erkennen. Im Hinterhof eines Wohnhauses zeigt man uns eine kleine, vergitterte und verräucherte Kammer. Darin stehen ein paar Schnapsflaschen. Mehrere Zigarettenschachteln liegen außerdem herum. „A ghost lives here!“, sagt unsere Führerin und erschaudert dabei. Sie sei Christin, sagt sie,  und fühle sich unwohl hier. Ich finde es lustig, dass der Geist namens „Tikeli“ offenbar ganz weltliche Laster hat. Als sie weitererzählt, dass hier regelmäßig Hunde geopfert werden, vergeht aber auch mir das Lachen. Auch Heppo wirft nun einen besorgten Blick auf Sidi und nimmt ihn etwas kürzer an die Leine. Schnell weg hier!

Unserer erster Voodooschrein. Hier wohnt der Geist Tikeli.

Schon stehen wir vor dem Königspalast. Angesichts des eher mittelmäßigen Zweckbaus wäre wir – ähnlich wie beim Schrein – auch hier nicht auf die eigentliche Funktion gekommen. Doch wir haben Glück: König Nana Kwadwo Ntiamoah Panin II und seine Mutter Nana Korama Bimpomaa I geben gerade einen Empfang. Aus irgendeinem Grund werden wir dazu eingeladen, den Palast zu betreten und dem König und seinen Hofstaat unsere Ehrerbietung zu erweisen. Wir bekommen genaue Anweisungen: Nicht fotografieren! Zuerst vor den Königsthron treten und verbeugen, dann nochmal die Runde drehen und den Würdenträgern die Hand geben. Der blutjunge und hübsche König lächelt uns freundlich an. Seine Mutter kann sogar ein paar Worte Deutsch: „Guten Tag!“, sagt sie. „Aus welcher Stadt kommen Sie?“, fragt sie. Ich antworte: „München.“ Und sie erwidert: „Ich kenne Hamburg. Sehr schön!“

Dieser Würdenträger ließ sich gerne fotgrafieren.

Wir fühlen uns ziemlich geehrt, dass wir nun auch noch eine Audienz bei einem König hatten. Allerdings ergibt eine nachträgliche Recherche, dass Ghana unzählige lokale Stammesfürsten hat, die sich allesamt König nennen können. Ein für Außenstehende ziemlich undurchschaubares System ist das, dass einst von den Kolonialmächten nach Leibeskräften unterstützt wurde. Lokale Herrscher wurden protegiert, um den Nachschub an Gold und Sklaven (Gefangene anderer und verfeindeter Stämme) nicht zu gefährden.

Was für ein aufregender Tag! Heute haben wir uns mit einem König und seiner Mutter unterhalten können, den rauchenden und Schnaps trinkenden Geist Tikeli besucht und – auch das sollte ich noch erwähnen – wunderschöne, bunte Tischdecken aus Kentewebstoffen gekauft.

Farmer’s day: Der Bauer mit den größten Bananen wird prämiert! Als Preis winkt eine Giftspritze!

Statt Bananen fotografiert dieser Herr aber lieber mich – und ich ihn…

Die Kinder haben immer ihren Spaß!

Und hier noch ein Musiktipp aus den 70ern: Witch kommen zwar aus Sambia, aber der Name passt irgendwie zu Voodoo. Heute würde diese Band, der Stilrichtung Zamrock, locker auf jedem Stoner Rock Festival spielen können 🙂