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Mali, der zweite Eindruck

Musiktipp: Cheickne Sissoko with 5 drums (5 tamans) Wir haben ihn live in Bamako gesehen!

Frisörgeschäft in Mali

Nachdem der erste Eindruck Mali entspannt, nett und gemütlich hat wirken lassen, ist der zweite Eindruck ein völlig anderer.

Doch von Anfang an: Eigentlich finden wir das kleine Städtchen Nioro du Sahel unweit der Grenze recht sympathisch. Hier gibt es einen lebhaften Markt, auf dem bunte Stoffe, Glasperlen, Schönheitsprodukte und Stoffe angeboten werden, freundliche Menschen und hübsche, kleine Lädchen, bei denen witzig gemalte Bildchen über den Berufsstand des Besitzers aufklären. Schafe, direkt auf die Hauswand gezeichnet und ein Grill davor, sprechen davon, dass sich hier eine Fleischerei befindet. Köpfe mit Haartollen und angedeutete Rasierapparate weisen auf den Frisör hin. Hinter dem Porträt eines Mannes mit Palästinensertuch und Sonnenbrille vermute ich einen Hinweis auf einen Herrenausstatter.

Solange wir noch zu Fuß unterwegs sind, ist alles kein Problem. Wir haben jedoch  vor, mit Frau Scherer das  Hotel Guetama  anzusteuern, denn vom Wildcampen wollen wir in Mali angesichts der angespannten Sicherheitslage lieber Abstand nehmen. Dabei verfahren wir uns mehrmals im Straßengewirr und landen jedes Mal wieder mitten im Marktgetümmel. Auch unser Navi kann uns nicht helfen. Es sieht so aus, als ob wir wirklich durch diese eine enge Straße mit all den Buden, Karren und einer immer dichter werdenden Menschenmenge hindurch müssten. Wir haben kaum genug Platz, halten den Verkehr und Betrieb auf und ziehen so den verständlichen Unmut der Passanten auf uns. Es wird schon dunkel, und wir geraten ein wenig in Panik:  Nachts zu fahren ist in Afrika selten eine gute Idee.

Zu allem Übel hält uns nun auch noch ein Polizist auf. Helfen will uns der großgewachsene und breitschultrige Mann aber nicht. Seine Art ist herrisch, und sein Auftreten alles andere als höflich. Was er uns vorwirft? „Behinderung des Verkehrs und orientierungsloses Verhalten.“ „Entschuldigung, wir kennen uns hier nicht aus. Wir sind gerade erst eingereist!“, werbe ich mit Logik und Vernunft um sein Verständnis. „Bitte geben Sie uns unseren Fahrzeugschein wieder!“ Doch der Typ macht gar keine Anstalten. Stattdessen steckt er das Dokument in seine Hemdtasche, dreht sich von uns weg und macht nun ein paar Schaulustige zur Minna. Grob brüllt er die Umstehenden an. Mich und Heppo lässt er links liegen und scheint uns offenbar gar nicht mehr zu beachten. Dabei ist er sich bestens bewusst, dass wir auf glühenden Kohlen sitzen und er am längeren Hebel. Spätestens hier wird mir klar, dass es gar nicht um ein tatsächlich begangenes Vergehen geht. Der Typ ist ein Sadist. Er weidet sich an unserer Situation und Verzweiflung, genießt die Demütigung, die er uns zufügt und auch, dass ich mich nun auf Schmeicheln, Bitten und Betteln verlege.

Sadistische Umtriebe oder Fleischerei?

Heppo versucht es zuerst mit Wut, doch uns beiden wird schnell klar, dass wir damit alles nur schlimmer machen. Besser, wir geben diesem Unberechenbaren keinen Grund, wirklich einen Groll gegen uns zu hegen. Unser LKW versperrt währenddessen immer noch die belebte Marktstraße. Die Menschen um uns werden mehr und mehr  unruhig angesichts des entstandenen Staus. Ein paar Mutige wenden sich an den Sadisten, der aber keine Anstalten macht, zu einer Lösung der Lage beizutragen. Wahrscheinlich hofft er darauf, dass wir ihm nun Euroscheine oder Dollars zustecken, um unser Dokument auszulösen. Da kennt er uns allerdings schlecht. Das sitzen wir aus.

Dunkel ist es mittlerweile sowieso schon. Und die Menge zeigt Verärgerung. Nun richtet sich deren Zorn aber nicht mehr gegen uns, sondern gegen den Polizisten, der uns nicht weiterfahren lässt. Aber das Glück kommt uns zur Hilfe, nämlich in Form des Polizeichefs, der wohl eher zufälligerweise des Weges kommt. Der kleine, rundliche Mann mit freundlichem Gesicht ist nämlich in Zivil. Daran, wie der Sadist plötzlich Haltung annimmt und freundlich grüßt, merke ich, dass hier unsere Chance liegt. „Monsieur!“, ergreife ich das Wort, um gleich darauf – wie im Kindergarten – zu petzen: „Unsere Dokumente werden uns vorenthalten. Wir werden an der Weiterfahrt ins Hotel gehindert!“

Der Chef ist wirklich so nett wie er aussieht. Denn sogleich legt er ein gutes Wort für uns ein und beschreibt ganz richtig unsere Lage: „Touristen sind das. Gerade erst eingereist. Die Straßenführung ist eben verwirrend. Nur natürlich, dass man da den Überblick verliert. Helfen wir ihnen, dass sie den Weg ins Hotel finden. Es ist ja schon dunkel!“

Ich ergreife meine Chance, bevor es sich der Sadist anders überlegen kann, und zupfe noch während der Ansprache seines Vorgesetzten den Fahrzeugschein vorsichtig aus seiner Brusttasche. Er protestiert nur schwach und versucht sich stattdessen an einem freundlichen Lächeln, das nun ziemlich schief im Gesicht hängt. Diese Muskelgruppen scheint er sehr selten zu beanspruchen. „So eine falsche Socke!“, denke ich mir. Widerlich, solche Typen, die sich an ihrer winzigen, mickrigen Macht aufgeilen. Gefährlich auch, sollte es wirklich einmal um etwas anderes gehen als nur um ein kleines Bestechungsgeld. Was passiert dann in einem Land, im Krieg, wenn die Sitten komplett verrohen? An dieser Stelle mag ich gar nicht mehr weiterdenken…

Frauenteile

Dass im komplett ausgestorbenen Hotel Guetama im Hof neben unserem LKW ein Fernseher steht, auf dem die vorwiegend männliche Wirtsfamilie die halbe Nacht widerliche Splatterfilme guckt, bei denen Frauen von Tentakelmännern in den Bauch penetriert werden, macht es nicht besser. An dem Punkt, wo zerstückelte Frauenteile gefesselten Frauen zum Fraß vorgeworfen werden, gehe ich zurück in den LKW.  (Heppo hatte bereits weit früher bei den ebenso fürchterlichen mexikanischen Telenovelas genug). Trotz der quälenden Hitze schließe ich Türen und Fenster sorgfältig ab. Was ist nur los mit dieser Welt? Mali hat sich gerade von seiner schrecklichen Seite gezeigt. Das nervöse Gefühl in meinem Bauch kehrt zurück. Ist es wirklich eine gute Idee, durch dieses Land zu reisen?

Mali, der erste Eindruck

Bambara lernen: westafrikaportal.de/deutschbambara

Musiktipp: Rokia Traore – Tu Voles

An Lässigkeit kaum zu überbieten: Jungs in Mali

Nun also: Mali. Mali, das Land, vor dem uns alle warnten. Mali, das Land,  in dem Krieg herrscht. Mali, das Land, in dem die Franzosen unter François Hollande vor ein paar Jahren interveniert haben. Mali, das Land, in dem die Dschihadisten den Norden kontrollieren. Mali, das Land, in dem das Chaos herrscht…

Es heißt aber auch: Mali, das Land, aus dem wunderschöne Musik kommt. Mali, das Land, das vielleicht sogar der Ursprung aller Musik ist.

Durch  Mali und Burkina Faso führt für uns außerdem der „schnellste“ Weg in den Süden. Eine Durchquerung von Burkina Faso haben wir aber definitiv für uns ausgeschlossen. Zu akut und zu aktuell sind hier die Nachrichten von Entführungen, Terror- und Todesfällen. In Mali scheint das Risiko allerdings  kalkulierbar zu sein. Der dicht besiedelte Süden gilt als relativ sicher, der dünn besiedelte und wenig entwickelte Norden ist dagegen mittlerweile eine No-Go-Area, selbst für die Einheimischen. Räuberbanden kontrollieren die Straßen, und Islamisten regieren die Städte mittels der Sharia. Ein halbes Land ist auf der Flucht. Die Menschen gehen entweder in den Süden, in die Hauptstadt Bamako, oder sie fliehen in ein anderes afrikanisches Land oder gleich nach Europa. Darunter befinden sich viele Musiker, Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler und Denker. Es ist ein fürchterlicher Exodus!

Die, die ausharren, haben sich arrangiert, haben Arbeit und Broterwerb gefunden im Krieg, akzeptieren das grausige Geschäft mehr als den Hunger. Viele schätzen sogar die Strukturen, die die Islamisten installierten – Rechtsprechung und Ordnung – egal, wie grausam, egal, wie hart. Zurück bleiben aber auch die Schwachen und die, die keine Wahl haben. Das sind die Frauen, deren Männer im Exil versuchen, Geld zu verdienen. Sie führen mit ihren Kindern ein prekäres Leben in Deckung und warten auf bessere Zeiten, die vielleicht so schnell nicht kommen werden.

Das ist es, was ich gelesen und gehört habe.  Westafrika allgemein ist eine schwierige Reiseregion. Nichts für Anfänger! Nicht ungefährlich! Politisch vieles im Umbruch: Islamisten, Krieg, Korruption. Und es gibt schlimme Krankheiten – Malaria, Ebola –  und schreckliche Armut… Man hat uns gewarnt!

Mali: Erste Eindrücke

Als wir nun so auf die Grenze von Mali zufahren, ist uns daher etwas mulmig zumute. Innerlich verfluche ich unsere Abenteuerlust und Naivität. Bei der Ausreise aus Mauretanien müssen wir auch noch ein Dokument unterzeichnen, das uns darauf hinweist, dass wir auf eigene Gefahr nach Mali einreisen und wir Mauretanien jeglicher Verantwortung für uns entbinden. Nun verdichtet sich meine Nervosität zu echter Besorgnis. „Eine reine Formalität!“, sagt der Beamte, als einer meine Angst registriert. “Auf der anderen Seite ist alles ruhig. Kein Problem.“ Es ist kurz vor 12 Uhr mittags, als wir in Mali einchecken. Wir haben seit Mauretanien die Erfahrung gemacht, dass diese Zeit gar nicht so schlecht für einen Grenzübertritt ist, da für die Beamten meist schon das Essen auf dem Tisch steht. Weil keiner damit warten möchte, werden möglichst schnell alle Formalitäten abgehackt.

Auf der malischen Seite lümmeln die Grenzer mit hochgelegten Beinen im Schatten auf Stühlen und Liegen unter Verschlägen aus Palmwedeln herum. Alle sind nett und sehr freundlich; man macht es uns einfach und legt uns keine Seine in den Weg. „Wie geht‘s?“, höre ich stattdessen.  „Herzlich willkommen in Mali!“

Weil ich mir vorgenommen habe, ab sofort mehr Fragen zu stellen, fange ich gleich mal damit an, mir etwas Bambara (neben Französisch die gemeinsame Landessprache) beibringen zu lassen. Was ich lerne, ist Folgendes: Die Bambara scheinen es mit der Begrüßung sehr genau zu nehmen. Man muss z.B. ein “stundenlanges” Zeremoniell einhalten: Wie geht es Dir? Wie geht es Deiner Familie? Wie geht es diesem? Und wie geht es jenem? Darüber hinaus wird auch ganz genau nach der Tageszeit unterschieden: I ni sOgOma! (Du und der Morgen!) sagt man für Guten Morgen, I ni tile (Du und die Sonne!) am Mittag, I ni wula (Du und der Nachmittag!) heißt es etwas später, und nach Sonnenuntergang wünscht man sich I ni su (Du und die Nacht!) für Guten Abend. Mit kleinen Vokabelzetteln kehre ich fröhlich zu Heppo zurück, der im Auto auf mich wartet. „Alles gar kein Stress! Wir dürfen gleich weiter.“

Den Schlagbaum, der uns noch von Mali trennt, muss ich schließlich selber öffnen. Irgendwie mag niemand aufstehen. Die Jungs winken uns noch lässig von ihren Liegen nach.

Ehrlich gesagt, der erste Eindruck von Mali ist so ziemlich anders, als ich mir ein Land im Ausnahmezustand vorgestellt habe. Er ist tiefenentspannt.

Schöne Frau in Nioro du Sahel

Tierbeobachtungen

Endlich mal wieder was Grünes… Vielleicht eine Wicke?

Die Hamburger Nadine und Adrian hatten wir bereits in Marokko getroffen und mit ihnen gemeinsam ein paar schöne Tage am Strand verbracht. Damals wurde lose vereinbart, uns im Osten von Mauretanien wieder zu treffen, um zusammen einen kurzen Pistenabschnitt zu fahren (vgl. Lila Pistenkuh, Track RAU). Am Ende dieser kurzen Offroadstrecke, so heißt es, kann man eine kleine Population der fast ausgestorbenen Saharakrokodile beobachten.

…sogar mit Blüten (gar ein Weißdorn?)

Auf dem Weg dorthin wird die Landschaft grüner und der Bewuchs deutlich kräftiger. Mittlerweile sehen wir sogar richtige Bäume und immer öfter die eine oder andere Palme. “Sahelzone” nennt sich dieser Übergang von Wüste zu Tropen.

Doch die Vegetation hat auch ein paar richtig fiese Tricks auf Lager. Kaum halten wir an und setzen einen Schritt vor die Tür, heften sich stachelige Kletten an Schuhe und Pfoten. Bald haben wir die Dinger überall, auch in unserem Lastwagen. Cram-Cram heißt das gemeine Gras, das sich auf derart schmerzhafte Weise seine Ausbreitung sichert. Das andere, das sich eine Methode des Guerilla-Straßenkampfs zu eigen gemacht hat, nenne ich, weil ich es nicht besser weiß, Modell Krähenfuß. Alle drei Seiten sind mit Spitzen besetzt, so dass der Same immer mit einem Stachel nach oben zum Liegen kommt. Sidi kommt nur humpelnd voran. Spazieren gehen ist für unseren Hund eine Tortur. Nicht lustig!

Am Schuh: Cram-Cram und Modell Krähenfuß (Tribulus terrestris, der Erdburzeldorn)

Schon mehr amüsieren wir uns über die Namen der Städte und Dörfer, die wir durchfahren: Achweibir heißt da eine Siedlung, Aleg erinnert an den bayrischen Ausdruck der Überraschung (O leck!), eine andere wird Endewfekt genannt. Die Krönung ist schließlich das Ortsschild von Kiffa, wo wir uns – zugegeben, etwas kindisch – ein gestelltes Kifferbild nicht verkneifen können.

Natürlich nur gestellt! (Foto: Heppo)

Hinter diesem Ort treffen wir auf Nadine und Adrian. Im Konvoi geht es weiter. Etwa 30 Kilometer später beginnt die Piste, von der eine  Abzweigung ziemlich unscheinbar durch ein Dorf führt. Der MB 508er schlägt sich erstaunlich gut im Sand und bewältigt auch längere weiche Passagen relativ mühelos. Wir fahren bis zu einer Oued-Durchquerung, wo wir beschließen, unser Lager aufzuschlagen. Für den kleinen Mercedes ist hier Schluss. Viel weiter könnten wir aber sowieso nicht fahren: Ein felsiges Plateau, das über dem ausgetrockneten Flussbett thront, stellt eine natürliche Barriere dar.

Hier wohnt der Webervogel und denkt sich nix dabei…

Am nächsten Morgen werden wir von einem wunderbaren Sing- und Pfeifkonzert geweckt. Gerade am Morgen ist einiges los in den Palmkronen und Baumwipfeln. Bunte Vögel schnarren, krächzen und pfeifen ganz unerhört. Manche schreien sogar wie kleine Affen, andere keckern oder geben metallische, sehr regelmäßige Töne von sich. Ich bin fasziniert.

Nadine, Adrian und Heppo brechen gemeinsam zu den Krokodilen auf, während ich mit Sidi zurück im Lager bleibe. Bei dieser Affenhitze wollen wir unseren Hund nicht im Auto einsperren. Mitnehmen ist leider keine Option, denn seine Reaktion auf die Reptilien möchten wir lieber nicht erleben und auch nicht deren eventuelle Retourkutsche.

Reste für die Krokos (Foto: Heppo)

Ein paar Stunden später, zum Sonnenuntergang, kommen die drei sehr glücklich zurück. Etwa 12 Krokodile waren in dem Tümpel am Ende der Schlucht auszumachen; ein erhöhter Felsen diente ihnen als halbwegs sicherer Beobachtungsplatz. Bis auf etwa 15 Meter konnten sie sich ihnen nähern. Sogar zum Fressen kamen die scheuen Tiere heraus, weil Einheimische die Reste eines Schafes ans Ufer legten.

Die Saharakrokodile galten als ausgestorben…

…und wurden erst vor wenigen Jahrzehnten wiederentdeckt

Alle Tiere sind miteinander verwandt

Womit keiner gerechnet hatte: Kurz vor Sonnenuntergang waren die umliegenden Felsen noch dazu von mehreren hundert Pavianen bevölkert, die zu den Menschen allerdings einigen Abstand hielten.

Pavian in freier Wildbahn

Viele Paviane

Als wir uns nachts bei Taschenlampenlicht zu einem leckeren Essen aus Sojaschnitzel und Gemüsetajine zusammensetzen, gibt es noch eine weitere Tierbeobachtung, auf die wir aber wohl alle ganz gerne verzichtet hätten. Wie mit einem siebten Sinn ausgestattet, leuchtet Heppo statt auf seinen Teller plötzlich unter den Tisch. Was er sieht, ist ein riesiger Skorpion, der mit aufgestelltem Stachel zwischen unseren beflipflopten Füßen hindurch wandert. Heppo ist der einzige von uns, der feste Schuhe anhat und fühlt sich nun geradezu bestätigt. Wir tun es ihm augenblicklich gleich.  Der Abend am Lagerfeuer vergeht nicht, ohne dass abwechselnd einer von uns immer wieder mal im Lichtschein nervös den Boden nach gefährlichen Tieren absucht.

Natürlich möchte auch ich Krokodile und Paviane sehen. Wir stellen uns den Wecker, und gemeinsam mit Heppo beobachten wir bei Sonnenaufgang die Affen, die von den Wasserlöchern zurückkehren. (Die Hamburger ziehen es an diesem Morgen vor, gründlich auszuschlafen.)

Morgenstund…

Als ich etwas später mit den beiden zu den Krokodilen gehe (Heppo bleibt dieses Mal mit Sidi zurück), habe ich leider nicht ganz so viel Glück wie die anderen am Tag zuvor. Die Krokodile dümpeln etwas träge in ihrem Teich und lassen nur ab und zu ein Auge oder ein Nasenloch sehen. Nur einmal hebt eines von ihnen seinen Kopf über das Wasser und lässt ein beeindruckendes Brüllen und Schnauben hören.

Klippschliefer

Dafür können wir einen lebensmüden Klippschliefer beobachten, der sich gefährlich nah am Ufer bewegt. Die Tiere mit dem eigentümlichen Namen sehen aus wie kaninchengroße Hamster; sie sind aber interessanterweise mit dem Elefanten verwandt. Diese Tatsache erklärt wahrscheinlich auch die maßlose Selbstüberschätzung der Kleinen, so dass sie auch in Schnappweite eines Krokodilmauls seelenruhig ihrem täglichen Geschäft nachgehen. „Ey Alter, ich bin mit dem Elefanten verwandt!“, scheinen sie zu sagen und fühlen sich damit weit stärker, als sie eigentlich sind. Ob sich die Krokos aber von dieser großspurigen Haltung beeindrucken lassen?  Der niedliche Klippschliefer kommt an diesem Tag jedenfalls ungeschoren davon…

Immer wieder nett: Die Esel

Esel und mauretanische Jungs

Zu viel Aufmerksamkeit

Shootingtime in Nuakschott (Foto: Heppo)

Nuakschott befindet sich am Meer. Aber auch hier fehlt wieder das Mondäne und Schöne, denn sehen kann man es nicht. Hinter einer großen Düne liegt der Ort  verborgen. So fehlt das Flair, das viele Städte haben, die an der Küste errichtet wurden. Nicht einmal eine Promenade gibt es. Der größte Teil des Sandstrandes dient dem Fischfang und Handel.

Ein wichtiger Wirtschaftszweig in Nuakschott: Fischfang und Fischhandel (Foto: Heppo)

Einzig die Auberge Terjit Vacances verfügt über ein kleines Stückchen, das zur Erholung dient. An den Wochenenden drängen sich hier die mauretanischen Familien und Jugendlichen auf wenigen Quadratmetern zusammen. Dann wird gebadet (natürlich in voller Montur), gepicknickt, gebetet und zum Zeitvertreib mit dem Luftgewehr auf Getränkedosen geschossen.
Wir sind ebenfalls hier, haben wir doch mit Frau Scherer an der Auberge einen günstigen und recht schönen Stellplatz gefunden.

Fotografieren im Wallegewand (Bubu) ist nicht so einfach…,

…der Wind ist hinderlich!

Zum ersten Mal wird uns bewusst, dass wir nun für lange Zeit die einzigen Weißen sein werden. Entsprechend viel Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf uns. Sofort werden wir umringt von zahlreichen Gruppen: Kindern, jungen Männern, jungen Frauen und Familien. Ein jeder möchte ein Foto mit uns, und nach einigem Zögern kommt es zur Sprache, eigentlich noch viel lieber mit unserem Hund. Die Shootings sind lustig, anstrengend aber auch. „Nein, wir werden unseren Hund weder verschenken noch verkaufen!“, erklären wir gefühlt zum hundertsten Mal. Damit stoßen wir auf Unverständnis, was  wir wiederum nicht verstehen können.

Good looking

Afrika ist hochmobil: Ägyptische Gastarbeiter in Nuakschott

Wir versuchen, uns etwas abzusondern und aus dem Getümmel zu lösen, um kurz durchzuatmen und über den Strand zu schlendern, wie jeder andere auch. Doch dann wird unsere Aufmerksamkeit von einem Wurfspiel und von der nächsten Menschenansammlung angezogen. Kekspackungen, Coladosen und  kleinere und größere Geldbeträge liegen im Sand. Wer will und ein paar Ogouyia über hat, darf mit einem verrosteten Metallring auf die Dinge zielen. Wer es schafft, diesen um Kekse, Coladosen oder Geldscheine zu werfen, darf den Treffer als Gewinn mit nach Hause nehmen. Wir sind abgelenkt und somit leichte Beute für den Dieb, der es auf Heppos kleine Kamera abgesehen hat, die ich mir nur lose unter den Arm geklemmt habe. Ich fühle einen schnellen Ruck, drehe mich um, bin aber zu langsam und sehe nur noch zwei kleine Jungen auseinander stieben und in der Menge verschwinden. Unmöglich zu sagen, wer es von den beiden war oder wie  sie genau ausgesehen haben. Immerhin reagiere ich gut: Statt den Skandal zu scheuen, stimme ich sogleich ein lautes Gezeter an, in das  auch Heppo sofort lautstark mit einstimmt: „Voleur! Dieb! Jemand hat unsere Kamera geklaut!“

Im Hintergrund befindet sich der Schwarzmarkt für Fisch

Noch mehr Aufmerksamkeit konzentriert sich nun auf uns. Sehr unangenehm, das alles! Ein kleiner Junge wird mir vorgeführt. Ob ich den Dieb erkenne? „Nein, keine Chance! Ich möchte auch niemanden zu unrecht beschuldigen! Lasst ihn laufen!“

Heppo droht nun mit Polizei. Dann winkt er einen Securitymann auf seinem Quad herbei. Ein kleiner Junge mit Rotznase reicht mir auf einmal die Kameratasche. „Gerade gefunden!“, sagt er und grinst dabei frech. Erst freue ich mich, dann seufze ich enttäuscht, als ich merke, dass die Hülle leer ist. Die Menge seufzt ebenfalls. Mit unverhohlener Neugier und Sensationslust nehmen die Umstehenden an unserem Ärger und Frust teil. Nun ist auch der Securitymann erbost, auch er spricht von Polizei. Das Zauberwort scheint zu helfen. Plötzlich liegt die kleine Kamera vor mir im nassen Sand. Wer hat sie fallen lassen? Keiner weiß es. Niemand hat etwas gesehen. Aber der kleine Bengel steht schon wieder vor uns. Und mit schiefem Grinsen fragt er nach einem Finderlohn…

Wirklich rotzfrech!

Zum Sonnenuntergang laufen die Fischerboote aus

Der brave Esel wartet schon auf seinen Einsatz zum Abtransport von Fisch

Nuakschott

Knochenbleiche Landschaft mit Rundhauber

Auf einer perfekt geteerten Straße fahren wir nun in den Osten, in die Hauptstadt Nuakschott. Mehrmals wechselt die Landschaft ihre Farbe:
Rotbraun und Beige ist sie im Adrar. Innerhalb von nur 100 Kilometern schafft sie einen Übergang zu sanftem Grün. Dort, wo etwas Regen fiel, ist der Sand nun von feinen Stängeln und Halmen durchzogen. Und plötzlich ist da eine richtige Grasdecke. Kuh-, Ziegen- und Schafherden freuen sich über das reichhaltige Nahrungsangebot.
Schon 150 Kilometer weiter sehen wir das absolute Gegenteil. Unwirtlich ist es nun da draußen. Ein starker Wind weht. Keinen Fuß möchte man hier vor die Tür setzen. Die vorherrschende Farbe nenne ich „Knochenbleich“.
Vor Nuakschott leuchtet der Sand aber nun wieder  in Goldgelb. Die Todesplanetstimmung weicht, und das Gemüt stimmt sich bald auf positivere Gefühle ein.

Unwirtlich kann trotzdem gut aussehen

Die Farbe wechselt zu Gelb, ebenfalls mit Rundhauber

Aber – Moment! – soll das ein Witz sein? Sieht so etwa die Hauptstadt Mauretaniens aus? Hinter dem Ortsschild „Nuakschott“ stemmen sich nur ein paar Zelte und wackelige Hütten tapfer gegen den Wind. Zum Zentrum hin gewinnt Nuakschott jedoch an Größe, Dichte und Präsenz.

Umgekippt? Umgekippt!

Ja, das kann man Stadt nennen. Auch wenn sie nicht schön ist oder weltläufig, aber alles ist da: Botschaften, Banken und sogar Supermärkte! Und trotzdem, die Endzeitstimmung, die wir im ganzen Land feststellen konnten, hat auch die Hauptstadt fest im Griff.

Wie bitte? Das soll die Hauptstadt sein?

Nichts ist neu, nichts glänzt. Alles sieht gebraucht und verbraucht aus. Die Straßen, die Geschäfte und sogar die Menschen befinden sich in einem ewigen Zustand der Improvisation. So stelle ich mir die Welt nach dem Atomkrieg vor, der aber schon ein paar Jahre zurückliegt; Die Menschheit hat sich arrangiert. Man nimmt, was man bekommen kann und nutzt es, solange es eben geht.

Fährt doch noch…

Reifenhändler

Public transport

Schrottautos klappern vor uns durch die Straßen und blasen schwarzen und weißen Qualm in die Luft. Es fährt, was eigentlich nicht mehr fahren kann/darf/muss. Was abfällt, fällt eben ab:
Keine Autotüren mehr? Wer braucht schon Autotüren?
Motorhaube fort? Geht auch ohne!
Blinker weg? Blinker weg!
Und so weiter und so fort…

Ich denke an die deutsche Abwrackprämie. All die Fahrzeuge, die damals entsorgt und verschrottet (!) wurden, würden hier noch locker weitere 10 oder 20 Jahre lang ihren Dienst tun.
Mittlerweile haben wir uns aber schon an den Anblick gewöhnt; wir sind weniger schockiert als fasziniert. Das Abgefuckte hat auch Charme. Verdammt fotogen ist es auch!

Fotogen

Ob der zweite Stern wohl hilft?