Casablanca – Bei Monsieur Abdoulilah

Bei der netten Familie El Habty in Casablanca

Unser Bekannter Monsieur Abdoullah, der – wie sich bald herausstellt – in Wirklichkeit Abdoulilah heißt, scheint sich kein bisschen zu wundern, dass wir uns nun wirklich bei ihm melden (Siehe: Africa is calling). Wir würden schon erwartet, reagiert er freudig auf unseren Telefonanruf.

Als Treffpunkt nennt er uns einen Vorort von Casablanca. In Ain Harrouda angekommen, sollen wir uns wieder telefonisch bei ihm melden. Wir kündigen uns für den späten Nachmittag an.
Sofort nach dem Ende des Telefongesprächs brechen wir jedoch in eine mittlere Panik aus. Was bringt man nur einer marokkanischen Familie als Gastgeschenk mit? Bisher waren wir immer nur spontan eingeladen und haben uns dann ebenso spontan entweder am Gemüseeinkauf beteiligt, etwas aus unseren Vorräten beigesteuert oder eine Kleinigkeit aus unserem Fundus hergegeben. Aber eine richtige, hochoffizielle Einladung hatten wir in Marokko bisher noch nicht. Ein Mitbringsel aus Deutschland wäre in diesem Fall wahrscheinlich angebracht. Aber leider blieb der Punkt “Geschenke” bei unseren Vorbereitungen irgendwie auf der Strecke. Und überhaupt: Was ist typisch für uns und unser Land? Ein Hut in Schwarz-Rot-Gold? Ein Sankt-Pauli-T-Shirt? Kölnisch Wasser? Ein Wein im Bocksbeutel? Bockwürstchen im Glas? Ein Charivari? Was ist angemessen? Und können die Menschen anderswo etwas mit diesen Dingen anfangen? Eine schwierige Frage ist das. Meine Kollegin Sabine, die längere Zeit in Gambia verbracht hatte, meinte auf die Frage nach einem passenden Geschenk: „Einen Sack Reis für die Familie und Fußbälle für die Kinder.“ Aber bei der marokkanischen Mittelstandsfamilie mit so einem Geschenk daherzukommen,  wäre sicherlich eine Beleidigung. Und an Fußbällen herrscht in Marokko auch kein Mangel.

Heppo hat die zündende Idee: Beim Carrefour Gourmet in Rabat finden wir sicherlich ein passendes Mitbringsel. Der piekfeine Supermarkt überfordert uns erst einmal völlig, aber dann bleiben wir doch vor dem Süßigkeitenregal hängen. Dort liegen sogar Schokoladen von Lindt und Milka und Ferrero Rocher in der Auslage – allerdings zu horrenden Preisen, die 12er-Plastikbox Goldkugeln für stolze 80 Mad (also gut 7 Euro). Die Auslage bei der Patisserie ist aber auch verlockend: Für 120 Mad (Marokkanische Dirham) bekommt man eine große Pappschachtel handgemachter Pralinen, die wirklich sagenhaft lecker aussehen. Gekauft!

Pralinenfiasko

Dazu noch ein selbstgemachtes T-Shirt, eine handgeschöpfte Seife aus Deutschland und ein Notizbuch, und fertig ist das Gastgeschenk. Ob wir noch eine Flasche Wein dazulegen sollen, überlegen wir eine Weile, dann entscheiden wir uns aber dagegen. Unser Gastgeber war immerhin Polizist und ist uns als gottesfürchtiger Mann in Erinnerung geblieben.

Nur zu dumm, dass Heppo die Pralinenschachtel fallen lässt und die süßen Kunstwerke wild durcheinander purzeln. Kurze Schockstarre!  Was für ein Fiasko! So können wir die Teile unmöglich herschenken. Die ganze Pracht sieht nun reichlich derangiert aus. Leicht verzweifelt – aber auch amüsiert – löffeln wir nun am LKW-Boden sitzend die verunglückten Süßigkeiten direkt aus der Schachtel. Fast könnte man hinter diesem Unfall eine gewisse Absicht vermuten. Doch ein Schelm, der Böses dabei denkt! Zur Strafe schicke ich meinen Mann noch einmal in den Gourmet-Markt, wo er dieses Mal nun zähneknirschend zu den teuren Schokokugeln greift. Die können in der Plastikbox wenigstens nicht durcheinander fallen.

Ein paar Stunden später stehen wir dann endlich Monsieur Abdoulilah gegenüber. Ja, genauso hatten wir ihn in Erinnerung – ein eher kleiner Mann, der uns mit amüsierten Blick mustert. „Bonsoir, Madame Berit. Bonsoir, Monsieur Andreas!“, begrüßt er uns grinsend. „Ich habe für euch einen guten Stellplatz in der Nähe von meiner Wohnung gefunden.“, fährt er fort. Direkt an der Afriquia Tankstelle sei dieser gelegen, nur ein paar hundert Meter vom Apartment der Familie entfernt. Außerdem gibt es dort eine Toilette, ein Café und Rund-um-die-Uhr-Security. Tankstellen-Stellplätze mitten in der Stadt gehören zwar – ehrlich gesagt – nicht wirklich zu unseren Lieblingsorten, aber es ist doch sehr nett, dass sich Monsieur Abdoulilah so viele Gedanken um uns und unsere Unterbringung gemacht hat. “Natürlich könnt ihr auch bei uns schlafen.”, beeilt er sich zu versichern. “Nur der Hund bereitet der Madame leider große Probleme.” Kein Thema, wir nächtigen sowieso am liebsten in unserem mobilen Zuhause.

Freitag ist Couscoustag!

In der Wohnung angekommen, treffen wir auf Abdoulilahs Frau Majda, die uns begrüßt wie alte Bekannte. Auch Tochter Moussa ist da. Wir haben sie noch als kleines Mädchen in Erinnerung. Aber mittlerweile ist sie 18 Jahre alt und zu einer sehr hübschen jungen Frau herangewachsen. Auch zwei der drei Söhne, Amine und Jouseff (?), lernen wir kennen. Alle sind sehr herzlich und zuvorkommend.

Eine dampfende Tajine wartet bereits auf uns. Sie wird so zu uns gedreht, dass wir die besten Stücke bekommen: Hühnchen. Wieder einmal essen wir Fleisch, um unsere Gastgeber nicht vor den Kopf zu stoßen. Im Fernsehen läuft eine marokkanische Soap, deren Inhalt sich im Wesentlichen darum dreht, dass eine Frau bereits über eine Viertelstunde lang schreiend in den Wehen liegt. Alle amüsieren sich über ihr Brüllen, Jammern und Klagen.

Es ist immer wieder interessant Einblick in andere Kulturen zu haben, deswegen reisen wir, aber manchmal ist es auch ein bisschen anstrengend. Gast bei einer muslimischen Familien zu sein, bedeutet stundenlanges Sitzen vor dem Fernseher und dazu mit Essen vollgestopft zu werden. Auch haben wir keine Chance, unseren Besuch nur auf diesen einen Abend zu beschränken. „Morgen dürft ihr auf keinen Fall weiterfahren!“, bestimmt Monsieur Abdoulilah. Morgen sei nämlich Freitag, und an dem heiligen Tag wird nicht gereist; stattdessen wird zu Allah gebetet und Couscous gegessen. Maximal könne er mit uns einen kleinen Ausflug unternehmen, vorzugsweise nach Casablanca zur Hassan-II.-Moschee oder – mit Hund wahrscheinlich besser – an den Strand von Mohammedia. Wir kapitulieren sofort. Denn soviel wissen wir bereits: Beim Couscous versteht Monsieur Abdoulilah nämlich überhaupt keinen Spaß!

(Hundetauglicher) Ausflug nach Mohammedia mit Monsieur Abdoulilah

Sehr schön war’s mit Euch, liebe Familie EL Habty! Danke für Eure große Gastfreundschaft!

Rabat – Botschaftsviertel

Update: 05.10.2019

Eifrig wuselndes Arbeiterheer auf englischem Rasen in Rabat

In Rabat waren wir bisher noch nie, so wie wir überhaupt einen Großteil der Atlantikküste bisher gemieden hatten. Zu touristisch erschien es uns dort.

In Rabat sind die Gegensätze außerdem extrem groß. Die südliche Hälfte der Stadt besteht aus Königspalast, großzügigen Parks, Golfanlagen und dem Diplomatenviertel; im Nordosten befinden sich die Bidonvilles, also die Slums, eine Müllkippe, Fischfabriken und Industrieanlagen. Beide Teile der Stadt sind säuberlich voneinander getrennt, wobei die Armen wohl eher die Grenzen überschreiten als umgekehrt. Sie immerhin kommen tagsüber in die Viertel der Reichen, um dort als Hausangestellte, Putzfrauen oder Gärtner zu arbeiten.

Sport machen mit schönen Farben!

Obwohl wir selbst auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden, staunen wir nicht schlecht, als wir in das Botschaftsviertel fahren. Das Marokko, das wir bisher kennen (oder zu kennen glaubten), sieht komplett anders aus. Statt laut, bunt und schmutzig, ist hier alles gediegen, gepflegt und geordnet: protzige Villen, gestutztes Golfrasengrün und üppige Blumenbeete. Die Damen und Herren Diplomaten fahren in klimatisierten Wagen bis vor den Carrefour Gourmet, den es hier selbstverständlich gibt. Auch Shoppingmalls mit Geschäften für Luxusmarken sehen wir;  sogar Sushi essen wäre möglich. In dieser marokkanischen Parallelwelt werden wir also unsere nächsten beiden Tage verbringen.

Zuerst einmal gerate ich aber unter Spionageverdacht: Eigentlich möchte ich nur die Bougainvilleas fotografieren, die in wunderbar schrägen Rottönen über eine Mauer quellen. Ich habe aber noch nicht mal den Auslöser gedrückt, als aus allen Himmelsrichtungen Uniformierte auf mich zustürzen. „Nicht fotografieren!“, werde ich zurechtgewiesen. Hinter der etwa drei Meter hohen gemauerten Garteneinfassung und hinter dem Pflanzenwust befindet sich nämlich ein hochsensibles Objekt. Ich finde die Reaktion der vier Männer, die mich nun so plötzlich umringen, zwar ein bisschen übertrieben, aber ich bin trotzdem etwas eingeschüchtert. „Ich sehe hier gar kein Objekt! Nur eine Mauer. Und ich wollte doch nur die schönen Blumen fotografieren.“, stammle ich ängstlich. “Nein, auch das ist strengstens verboten!” Schnell packe ich mein Handy ein, schnappe mir Heppo, der gerade ein paar Meter weiter mit dem Pförtner der Botschaft von Ghana  geplauscht hat, und – nichts wie weg hier.

Auf der mauretanischen Botschaft geht alles ziemlich unkompliziert vor sich, wenn auch mit großem Ernst. Wir müssen 690 MAD in der BMCE Bank nebenan einzahlen, sowie zwei Passbilder und eine Passkopie bereitstellen. Außerdem werden wir fotografiert und müssen alle Fingerabdrücke abgeben. Angeblich können wir schon morgen unsere Visa abholen.

Da das Fotografieren im Botschafterviertel nur zu Problemen führt, hier ein Bild von unserem Übernachtungsplatz, etwa 15 km von der Hauptstadt entfernt, an einem Stausee

Bei der Botschaft von Mali gleich nebenan ist die Stimmung deutlich lockerer. Die eine Sekretärin trägt ein buntgemustertes, pinkfarbenes Kleid mit einer großen Schleife am Rücken. Eine andere hört laut Musik mit ihrem Smartphone, dazu hämmert sie geräuschvoll auf ihre Schreibmaschine ein. Das ganze Konsulatsgebäude riecht toll nach Räucherwerk.

Hier  gibt es offenes WLAN. Alle Wartenden zücken begeistert ihre Handys und surfen, hören Musik, telefonieren oder benutzen Sprachlern-Apps, dass es eine wahre Freude ist. Neben mir stillt eine Frau ihr Baby. Die Stimmung ist locker. Als nun auch noch Monsieur L’Ambassadeur herbeieilt, um seine deutschen Gäste persönlich zu begrüßen, sind wir fast schon ein bisschen verliebt in ein Land, das gerade leider eher negative Schlagzeilen produziert. Wir sind selbst am Zweifeln, ob wir wirklich durch Mali fahren wollen, aber von Mauretanien führt über Mali und die Elfenbeinküste der schnellste Weg nach Ghana, Togo und Benin.

Großspurig erteilt der Botschafter nun seinen Angestellten eine Lektion in Sachen Landespolitik. „Die Deutschen muss man gut behandeln.“, sagt er. „Sie waren die ersten, die Mali 1960, nach der kurzlebigen Konföderation mit Senegal,  als eigenständigen Staat anerkannten.“
Da ich nun schon mal den Botschafter höchstpersönlich vor mit habe, versuche ich, ihn zu einer Einschätzung der  Sicherheitslage im Land zu bewegen. Eilig breite ich meine mitgebrachte Mali-Landkarte vor ihm aus. Er zögert kurz, dann deutet er mit ausholender Geste auf den dreieckigen Nordteil des Landes, der seine Grenzen mit Mauretanien, Algerien, dem Niger und Burkina Faso teilt, und meint ernst „Das ist der Norden!“. Dann deutet er auf den halbrunden Teil im Süden, der an Mauretanien, den Senegal, Guinea und die Elfenbeinküste angrenzt und sagt deutlich beschwingter: „Das ist der Süden!“
“Super, das sehe ich doch selbst!”. Das sage ich zwar nicht, aber denke es mir. Ich grüble über seine Aussage nach und suche nach dem versteckten Sinn. Aber gerade als ich nachhaken will und ihn dazu drängen möchte, doch bitte etwas konkreter zu werden, ist er schon wieder verschwunden. Das Visum erhalten wir allerdings sofort innerhalb von nur einer Stunde, mit Multiple Entry und drei Monate Dauer, für 700 MAD pro Person (etwa 70 Euro).

Auch das Visum für Burkina Faso könnten wir in Rabat ausstellen lassen. Wir entscheiden uns allerdings dagegen, denn hier antwortet die Dame in der Schreibstube auf meine Frage nach der Sicherheitslage ganz direkt und eher ungehalten: „Auf diese Frage werde ich Ihnen keine Antwort geben!“

Monsieur L’Ambassadeur war also eigentlich gar nicht so unkonkret, und seine Andeutungen decken sich mit meinen bisherigen Recherchen. Den Norden Malis gilt es auf jeden Fall zu meiden, der Süden bis Bamako ist  anscheinend relativ unbedenklich zu bereisen.

In der freien Natur ist Blumen zu fotografieren hingegen gestattet.

Zwei Visa und zahlreiche Informationen reicher, haben wir nach zwei Tagen alles in Rabat erledigt, was wir wir erledigen können. Noch einmal übernachten wir an dem nur 15 Kilometer entfernten Stausee Barrage Mohamed Ben Abdellah, der via Stadtautobahn bestens an das Verkehrsnetz der Hauptstadt angebunden ist. Dort errichten reiche Kuwaitis und Saudis prunkvolle Anwesen am Ufer. Dazwischen wohnt aber auch der einfache Bauer Hassan, der mit seiner Frau und seinem Sohn in einem sehr kleinen und sehr schlichten Steinhaus wohnt. Man könnte seine Behausung auch ärmlich nennen. Die Familie hat ein paar Kühe, ein paar Esel, Schafe, Ziegen und Hühner und einen kleinen, kargen Garten. Der Sohn immerhin hat Arbeit im Hafen von Casablanca. Hassan hätte wahrscheinlich allen Grund dazu, verbittert zu sein, weil er es nicht so gut getroffen hat  wie die Diplomaten in Rabat, wie seine reichen Nachbarn aus den Ölländern oder wie die zwei Deutschen, die mit ihrem Wohnmobil einfach so die Welt bereisen. Aber Hassan ist gut drauf. Über zwei Stunden Zeit nimmt er sich für einen Plausch mit uns. Und obwohl er selbst noch nie eine Schule von innen gesehen hat, ist er der geborene Lehrer. Mit großer Hingabe bringt er uns einige arabische Wörter bei. Wir haben unglaublichen Spaß miteinander und lachen wie die Verrückten. Hassan hat nämlich auch noch komödiantisches Talent. Was wir nicht verstehen, spielt er uns einfach vor. Zum Wegwerfen komisch ist das. Als wir ihm etwas später ein ausgedrucktes Foto vorbeibringen, das ihn zusammen mit Heppo zeigt, bekommen wir sogar noch zwei Eier von seiner ebenso liebenswerten Frau geschenkt. Wir sind gerührt. Materielle Güter sind eben nicht alles. Auf das Herz kommt es an.


Was wir an arabischen Wörtern gelernt haben:

  • Wasserkessel: Relais (wie der Schalter “Relais” bei Elektroinstallationen)
  • Feuerlöscher: Tafaja La Háfia (mit Betonung auf dem “a” von Hafia)
  • Ofen: Forno (Wie italienisch)
  • Messer: Mousse (wie “Mousse au chocolat”)
  • Tasse: Kess (wie in “Kessel”)
  • essen (Verb): Cul (wie “cool”)
  • Wasser: le ma
  • gut/schön: mezziane (wie in “Messias”)
  • Schule: Medrasa
  • Bohnen: Lúbia (mit Betonung auf dem “u”)
  • Nelke (Gewürz): Krämpfel (heißt echt so! Das “ä” etwas gedämpfter aussprechen, mehr ein zwischending aus a und ä)
  • Oreganon: Sahtr (ein bisschen wie in “Satan”)
  • Wind: le b(i)rr (das “i” nur ganz schwach aussprechen)
  • Ein wenig/bisschen: schwia
  • nichts: whalo
  • Hallo, Guten Tag: Salam
  • Danke: Schukran
  • Lecker, gut wars, fertig gegessen: Besachah
  • Auf Wiedersehen: B(e)slema
  • Die Sprache: L’ora
  • Deutsch: Alman
  • Arabisch: Arabia
  • Hund: Kelb
  • Herz: Kalb
  • Das ist es: Hedi
  • Weg: Trek
  • Wo ist…? : Fin kayn…?
  • Genug/Schluss jetzt: Safi
  • Du Heiliger: Baraka!
  • Herr: Sidi
  • (Alk.) Getränk: Shrb
  • Tee: Atäi

Marokko – Erste Eindrücke

Bordsteinfeger in Casablanca

Marokko! Wie schön ist es, wieder einmal hier zu sein. Wir fahren die ersten Kilometer auf der perfekt ausgebauten und fast menschenleeren Autobahn (Maut!) vom Hafen in Richtung Tanger und saugen alles begierig in uns auf. Der erste Eindruck ist gut,  fast schon zu gut. Die Häuser wirken neu und sauber. Alles sieht sauber, ordentlich und aufgeräumt aus.
„Der Hafen Tanger med ist ein Prestigeprojekt des Königs Mohammend VI!“, weiß Heppo zu berichten. „Da sein Vater vor allem in den Süden investierte, möchte der Sohn nun den Norden besonders fördern!“ Logisch, dass rund um den hochmodernen Hafen alles besonders vorzeigbar sein muss.

Aber auch als wir schon längst die Autobahn verlassen haben, schaffen wir es nicht, das, was wir sehen, mit unserer Erinnerung in Einklang zu bringen. Wir hatten Bilder von schäbigen Behausungen, schmutzigen Gehsteigen und halbverhungerten Hunden und Katzen im Kopf. Doch die Häuser sind vielfach renoviert, überall wird neu gebaut, die Straßenkanten sind gefegt, und die Hunde und Katzen sehen – obwohl vermutlich ohne eigenes Zuhause – ziemlich gesund und wohlgenährt aus.

Es scheint, als habe sich das Land in den letzten acht Jahren sehr verändert. Auch der Kleidungsstil ist nun ausschließlich westlich; die klassische Djellabah tragen offenbar nur noch  alte  Männer. Wir sehen händchenhaltende Paare und sogar knutschende, die sitzen allerdings immer etwas versteckt und verdeckt. 

Für Katzen und Hunde fällt neuerdings immer etwas ab

„Ich fass’ es nicht,“, ruft Heppo aufgeregt. „Marokkaner mit Hunden an der Leine!“ Vor ein paar Jahren, bekamen die Leute hier noch eine Heidenangst, wenn sie unseren Sidi erblickten. Und nun führen sie Deutsche Schäferhunde Gassi.

„Und hier ein ganzes Katzenhotel!“, bemerkt Heppo, schon wieder fassungslos. Tatsächlich hat jemand Körbchen, Wasserschalen und Futterspender für eine Schar rotblonder Katzen auf dem Gehsteig aufgestellt.

Katzenhotel

Said, ein Surflehrer, den wir ein paar Tage später kennenlernen werden, wird uns das Phänomen folgendermaßen erklären: „Mit Facebook und Instagram haben wir gesehen, wie woanders auf der Welt mit Tieren umgegangen wird. Das gefällt uns, vor allem den jungen Leuten!“ Soll mal jemand sagen, dass Social Media  nicht auch Gutes bewirken kann.

So ganz traue ich dem Frieden aber irgendwie noch nicht. Ich bin mir sicher, dass es hier an der reichen und urbanen Atlantikküste etwas moderner zugeht als im Rest des großen Landes. Und wenn man genauer hinguckt, ist da auch immer nochMüll, der stellenweise unkontrolliert in der Landschaft rumliegt. Auch die Pferde und Esel in Assilah haben kein schönes Leben. Tagsüber müssen sie einheimische Touristen in pinkfarbenen Prinzessinnenkutschen durch die Stadt ziehen, abends gibt es nicht mal einen Unterstand. Die armen Tiere schlafen mitten im Unrat.
Auch der typische Marokkogeruch ist noch da: Zum Duft der mediterranen Kräutern, der  Sonne, des Salzes und des Meeres mischt sich eine unsägliche Mischung aus verbranntem Plastik, Fisch und manchmal noch von einem Tier, das im Straßengraben verwest. Nicht lecker!

Aber trotz allem sind wir wirklich positiv überrascht!

Marokko – An der Grenze

Musik- und Video(!)empfehlung zu diesem Artikel: LM3ALLEM

Etwa gegen 23 Uhr kommt unsere Fähre in Tanger med an. Zum Glück kennen wir das Prozedere schon und sind daher nicht überrascht, dass trotz der Polizeikontrolle und Zollabfertigung auf dem Schiff noch eine weitere Hürde vor der Einreise eingebaut ist. Schließlich handelt es sich hier um eine der bestgesichertsten Grenzanlagen der Welt, auch wenn diese für manche durchlässiger ist als für andere, je nach Reiserichtung, finanziellen Möglichkeiten und Staatsangehörigkeit.

Heiße Ware: Wir schmuggeln Fußbälle für afrikanische Kinder.

Wer diese Grenze aber zum ersten Mal in Richtung Marokko passiert, fällt allerdings wahrscheinlich aus allen Wolken. Denn eigentlich sieht es zunächst so aus, als ob man einfach so aus dem Hafengelände fahren könnte. Ein paar Polizisten winken uns fröhlich hinterher. Freie Fahrt über gut zwei Kilometer. „Juhu, wir sind in Marokko!“, könnten wir jubeln. Doch dann: „Was ist das? Ein riesiger Stau?“ Alle Fahrzeuge müssen durch den Scanner, also durch das Röntgengerät. „Oh, das ist dann wohl immer noch die Grenze.“. Die Enttäuschung ist groß. Manchmal zahlt sich Reiseerfahrung aus: Wir lehnen uns entspannt zurück, während andere Tobsuchtsanfälle und Nervenzusammenbrüche bekommen. Was für ein Spektakel aus Hupkonzerten, Streitereien, Fastkarambolagen, drängelnden Autofahrern, Bestechungsversuchen und überforderten Grenzbeamten.

Nach einer Weile dämmert es sogar den Polizisten, dass sie niemals alle wartenden Fahrzeuge durch den Scanner schicken können. Immerhin ist es nun schon 1 Uhr nachts, und die Schlange noch längst nicht mal zu einem Drittel abgearbeitet. Also beginnen die Beamten, einzelne Fahrzeuge, die etwas weniger bepackt sind, herauszuwinken. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, denn Lücken zwischen den Autos gibt es nicht. Alle Fahrer sind erpicht darauf, so schnell wie möglich weiter zu kommen und nutzen jeden Zentimeter an Raumgewinn aus. Einige von ihnen haben auch noch eine enorme Strecke vor sich. Hinter uns fährt zum Beispiel ein junger, schlaksiger Senegalese. Innerhalb von zwei Tagen möchte er Marokko und Mauretanien durchqueren, um in seine Heimat zu gelangen.

Die Polizisten sortieren nun noch etwas großzügiger aus. Zurück bleiben nur die besonders vollgepackten Autos und die wenigen Reisemobile. Als eines der letzten Fahrzeuge werden wir geröntgt. Gegen 2 Uhr nachts sind wir dann erst wirklich in Marokko.

Zum Glück gibt es einen großen und sogar relativ angenehmen, kostenfreien Parkplatz direkt am Hafen, sogar mit sauberer Toilettenanlage und Cafés. Neben uns parkt Martin aus der Schweiz, der mit Tochter Samira und Adoptivtochter Nora unterwegs in den Senegal ist. Sie bauen ein monströses Zelt auf, das sie auf einem Anhänger mit sich führen. „Alpenkreuzer“ nennen sie das Ungetüm. Als Heppo die drei noch zu späten Nudeln mit Soße einlädt, stellt sich heraus, dass Martin der Betreiber der legendären Zebrabar in St. Louis im Senegal ist – eine Station, an der eigentlich kein Westafrikareisender vorbeikommt. Was für ein schöner Zufall! Dann kennen wir die Familie schon einmal.

Die erste Nacht auf dem neuen Kontinent verläuft ruhig und entspannt, auch wenn direkt neben uns aus einem Lautsprecher als Dauerbeschallung arabische und spanische Schlager laufen. Die Musik lullt mich aber angenehm ein und beschert mir einen Traum, durch den Kamelkarawanen reiten und in dem Bauchtänzerinnen sich verführerisch in den Hüften wiegen. Mein Unterbewusstsein hat offensichtlich keine Angst vor Klischees.

Schön, wieder einmal in Marokko zu sein!

Auf der Fähre: Von Barcelona nach Marokko

Sidi ist ein prima Reisehund und kein bisschen eingebildet!

Wir sind auf dem Weg nach Barcelona. Vorher aber packen wir uns noch den Kühlschrank voller französischer Spezialitäten. Vor allem Käse ist in unsere Kühlbox gewandert, den gibt es nämlich in Marokko nicht mehr zu kaufen. „La vache qui rit“  ist zwar überall erhältlich, aber mit echtem Käse hat das Kunstprodukt bekanntlich nichts zu tun.

Auf dem Weg durch Spanien erhalten wir eine Nachricht von Franky, die fast etwas schadenfroh klingt: „Der Lehm war nur ein Vorgeschmack. In Spanien ist fett Überschwemmung und Sturm. Auch auf dem Meer: Viel Glück!“

Moment auf der Fähre nach Marokko

Mir wird schon etwas mulmig zumute, denn sonderlich seefest bin ich leider nicht. Unsere Fähre, die Splendid von GNV, hat ordentlich Verspätung. Statt um 10 Uhr morgens soll das Schiff nun erst am Nachmittag gegen 17 Uhr auslaufen. Wir nutzen den Zwangsaufenthalt in Barcelona für einen Ministadtbummel, ein paar Meter die Ramblas rauf und runter. Oh, wie schön ist doch Barcelona!

Für Charlotte: Erste Löwensichtung in Barcelona 😉

Beim Warten im Hafengelände haben wir unseren Spaß. Wir sind die Hauptattraktion einer geführten Motorradreisegruppe aus Deutschland. Wir werden über Frau Scherer und unsere Reise ausgefragt und geben bereitwillig Auskunft.

Endlich dürfen wir auf die Fähre. Heppo packt noch schnell eine Stofftasche voller Käse und Baguette für uns ein, denn wir werden etwa 31 Stunden auf dem Boot sein. Aus Gründen der Kostenersparnis haben wir weder eine Kajüte noch Verpflegung gebucht. Nur einen sogenannten Pullman-Sessel dürfen wir beziehen. Hoffentlich können wir Sidi mit aufs Boot nehmen! In einen dieser Käfige an Deck neben dem Motorraum stecken wir ihn nämlich auf keinen Fall.

Bei den Pullman-Sesseln herrscht allerdings absolutes Hundeverbot. Wir drücken uns mit Sidi möglichst unauffällig durch die Gänge auf der Suche nach einem guten Platz mit Hundeversteck. Im hintersten Winkel des Schiffes finden wir schließlich einen großen Ruheraum, in dem sich außer uns nur wenige marokkanische Männer aufhalten. Mit Sidi beziehen wir einen Zweiersitz in der Ecke. Obwohl die Marokkaner nicht gerade bekannt für große Hundeliebe sind, tolerieren alle unseren tierischen Begleiter oder sehen zumindest dankenswerter Weise über seine Anwesenheit hinweg. Sidi ist auch wirklich kein Vorwurf zu machen: Er macht es sich sehr unauffällig zwischen den Sitzen bequem und verhält sich absolut ruhig. Auch wir versuchen ein bisschen zu schlafen. Erst jetzt verstehen wir, warum die Männer sich alle einzeln auf die mehrsitzigen Reihen in der Mitte des Raumes verteilt hatten. Die waren einfach deutlich schlauer als wir. So haben alle einen Schlafplatz, an dem sie ausgestreckt liegen können. Wir drehen unsere Sitze zurück – das Maximale an Bequemlichkeit herausholend –  seufzen ein wenig voller Selbstmitleid und versuchen trotz allem, die Augen zu schließen.

Irgendetwas “kaaselt”. Die Füße sind es auf jeden Fall nicht…

Aber da ist noch etwas, was massiv stört: Der ganze Raum „kaaselt“. Erst habe ich die Männerfüße in Verdacht, bis ich merke, dass der unangenehme Gestank von uns ausgeht, genauer gesagt, von unserer Provianttasche mit den französischen Käsespezialitäten. Sehr, sehr peinlich! Und das Schlimmste ist, dass wir plötzlich beide überhaupt gar keinen Appetit mehr auf Käse haben. Erschien uns dieser, bis vor wenigen Stunden, noch wie die himmlischste aller Offenbarungen, so finden wir jetzt, dass er einfach nur höllisch nach Verwesung riecht.

Kleiner Exkurs: Was in einem Land sehr lecker ist, schmeckt im nächsten oft schon gar nicht mehr. Essen hängt wohl doch viel mehr mit der Luft, der Sonne, der Umgebung und anderen externen Faktoren zusammen, als uns allgemein bewusst ist. Auf jeden Fall, können wir seit der Fähre keinen Käse mehr essen. Das Milchprodukt passt einfach nicht zu Marokko. Kleine Ausnahme allerdings: Der zuvor von uns verachtete Hartkäse aus Spanien lässt sich hier noch einigermaßen gut genießen. Der letzte französische Weichkäse, den wir allein aus Pietätsgründen weiterhin in unserem Kühlschrank aufbewahrt hatten („Wir haben doch so viel Geld dafür ausgegeben!“) wanderte erst vor kurzem in die Mülltonne der omanischen Botschaft in Rabat. Allerdings habe ich seither schon ein wenig die Befürchtung, dass ich deshalb unter Terrorverdacht geraten könnte …

Aber zurück zum Schiff:
Die Überfahrt war zum Glück ruhig. Wir fasteten ein bisschen, was uns nicht geschadet hat.  Unsere armen Mitreisenden im Gemeinschaftsraum litten wahrscheinlich unter unserer Anwesenheit (Hund dabei – kiloweise Stinkkäse dabei – und dann pennen die Deutschen nachts sogar  noch auf dem Fußboden!). Sie  waren aber viel zu höflich und zu nett, um sich zu beschweren. Und das Schiff hat zuletzt sogar noch etwas Zeit eingefahren (29 statt 31 Stunden Überfahrt).

Ende gut, alles gut. Alle gehen glücklich und erleichtert von Bord.
Salam, Marokko!

Startplatz 23: Nicht die schlechteste Zahl für den Beginn eines Abenteuers