Tierarzt in Laayoune

Schöner Kreisverkehr bei Tan Tan

Wir haben es uns in den Kopf gesetzt, für Sidi ein aktuelles Gesundheitszeugnis auf Französisch und Arabisch zu bekommen, das mindestens für den Grenzübertritt nach Mauretanien Bestand haben soll. Auf unserer letzten Reise durch Zentralasien hat zwar niemand jemals ein solches Dokument sehen wollen, aber irgendwie wollen wir dieses Mal alles richtig machen. Nachdem unser Versuch in Guelmim gescheitert ist, versuchen wir nun unser Glück in Laayoune, einer Kasernenstadt am nördlichen Rand der Sahara.

Sidi ist gänzlich unbeeindruckt ob der Aufregung um sein Gesundheitszeugnis

Die Westsahara ist seit 1976 durch Marokko besetzt. Zuvor war sie im Zuge der Kolonialherrschaften französisches und  spanisches Gebiet. 1975 wurde das Territorium dem Volk der Sahrauis zugesprochen. Doch König Hassan II. (Marokko) organisierte daraufhin den sogenannten “Grünen Marsch“,  bei dem 350.000 Teilnehmer in die Sahara vordrangen. Die Befreiungsorganisation Frente Polisario der Sahrauis wehrte sich gegen die Besetzung und rief die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) aus. Ergebnis: Marokko annektierte den nördlichen Teil,  während Mauretanien das südliche Drittel zugesprochen wurde. Im folgenden Widerstandskampf, der finanziell von Algerien unterstützt wurde, hatten die Polisario trotzdem das Nachsehen. Mauretanien zog sich zwar 1979 aus dem Konflikt zurück und trat seine Gebietsansprüche an die DARS ab, Marokko jedoch besetzte daraufhin schnell auch noch diesen Teil der Sahara. Die Militärpräsenz ist daher in der Westsahara relativ groß. Außerdem hat man eine etwa 2500 Kilometer lange Mauer in Form eines verminten Erdwalls mitten durch die Wüste gebaut. Marokkanische „Siedler“ werden mit hohen Gehältern und allerlei Vergünstigungen in diese unwirtliche und dünn besiedelte Region gelockt. So ist das Leben hier steuerfrei, was z.B. günstigeres Tanken ermöglicht. (Das ist im Moment jedoch nur unwesentlich billiger, 8,5 MAD pro Liter statt 9,5 MAD).

Eine fantastische, neue Straße führt uns mitten durch die Wüste

Abseits aller politischer Wirren suchen wir aber immer noch nach einem Tierarzt.
Unsere kleine Odyssee beginnt in einer Apotheke. Ohne eine gemeinsame Sprache finde ich bei der jungen Angestellten immerhin heraus, dass es eine offizielle Behörde für Tierangelegenheiten in Laayoune gibt. Sie schreibt mir den Namen der Behörde auf Arabisch auf, angeblich steht dort „Agricole“. Die genaue Adresse weiß sie leider nicht.  Wenigstens notiert sie für uns noch den Namen eines Platzes. Mit unserer Navigationsapp ist sie allerdings restlos überfordert. Das kann ja lustig werden! 

Viel Straße, viel Sand, viel Sonne

So frage ich als nächstes drei pubertierende Jungs nach dem Weg. Die werden aber nur rot und kichern nervös, als ich sie anspreche. Ein älterer Herr mischt sich ein und weist uns die Richtung zum genannten Platz, den wir auch prompt finden. Aber was nun? In einer Bank spreche ich einen blinden Mann an, der mich zum Allgemeinarzt gegenüber schickt. Die Praxis hat jedoch zu. Im Café nebenan würdigt der Kellner meinen Zettel keines Blickes. Stattdessen zieht er mich in den Handyladen nebenan. Der Verkäufer dort ist sehr bemüht, mir zu helfen, ist aber selbst neu in der Stadt und kennt sich nicht aus. Plötzlich habe ich eine Eingebung: Ich erinnere mich an ein Schild, das ich vorhin aus dem Augenwinkel heraus wahrgenommen habe. „Agrecol“ stand da und „2ieme etage“. Also schnell hoch in den zweiten Stock. Statt in einer Tierarztpraxis stehe ich aber nun in der Rezeption einer Zeitarbeitsfirma. Der Mann am Empfang freut sich über die Ablenkung. Er selbst kennt zwar  keinen Tierarzt, aber seine Kollegin könne vielleicht weiterhelfen, meint er freundlich. Die Kollegin ist zum Glück Katzenbesitzerin. Sie kann mir auf der Karte zeigen, wo wir einen Veterinär finden können. Und tatsächlich:  Nur 500 Meter weiter stehen wir vor einer landwirtschaftlichen Behörde. Leider hat diese heute aber schon geschlossen. „Morgen Vormittag wieder.“, sagt der schielende Portier.

Am nächsten Tag werden wir schon früh im Amt vorstellig. Die Ärztin ist wahnsinnig nett, lustig und sympathisch. Sie versteht unser Anliegen, aber da es sich um einen Tierimport nach Mauretanien handeln würde und keiner von ihnen jemals einen ähnlichen Fall bearbeitet hat, muss sie sich erst schlau machen. Wir sollen einfach um 15 Uhr wiederkommen, dann weiß sie mehr.

Wir sind guter Dinge und harren bis drei Uhr vor dem Gebäude aus. Doch dann bekommen wir leider Folgendes zu hören: Für Tierimporte in andere Länder liegen zwar alle möglichen Dokumente vor, leider fehlen aber genau die Bestimmungen  für Mauretanien. Die Dame hat aber bereits in Rabat nach Formular und dem genauen Prozedere gefragt. Eine Antwort steht allerdings noch aus.. Ich versuche ihr zu erklären, dass uns auch ein weniger formelles Schriftstück genügen würde, zur Not sogar eines ohne Unterschrift und Stempel. (Den würde ich gegebenenfalls selbst hinzufügen.)  Die Dame versteht genau, was ich von ihr möchte. Sie ist auch keineswegs ungehalten, da sie aber bei einer offiziellen Behörde arbeitet, kann sie mir nicht weiterhelfen. Ein privater Tierarzt, meint sie,  könne mir aber vielleicht ein entsprechendes Dokument ausstellen. Ein kurzer Telefonanruf wird getätigt,  und ein Monsieur Mohammed erklärt sich auf der Stelle bereit, uns zu treffen.

Als Treffpunkt bekommen wir eine Bankfiliale in einer Straße genannt, und so geht es für uns  erst einmal quer durch die Stadt. Die genannte Straße ist  nur  eine winzige Gasse, in die wir nicht mit unserem LKW hinein fahren können. Auch von einem Kreditinstitut ist weit und breit nichts zu sehen. Wir ziehen einen Passanten hinzu, um Monsieur Mohammed am Telefon unseren aktuellen Standort zu erklären. Auf diese Weise erhalten wir einen neuen Treffpunkt,  eine Tankstelle, ca. 500 Meter weiter. Dort treffen wir endlich auf den Veterinär und seinen Sohn.

Zusammen mit den beiden geht es wieder zurück in das Wohnviertel, wo wir tatsächlich ein e kleine Tierarztpraxis vorfinden. Monsieur Mohammed nimmt seine Untersuchung sehr ernst. Sidis Temperatur wird gemessen, sein Zahnfleisch, seine Augen und seine Fell begutachtet. Der Hund ist bei bester Gesundheit, so lautet der Befund des Tierarztes nach einer Weile. Die Madame wird damit beauftragt, den Rapport zu tippen, was  schwierig ist, weil  sie kein Französisch kann. Und Französisch ist die Sprache der Wahl, sagt Monsieur Mohammed. Arabisch hingegen wird weder von den Behörden in Marokko noch von denen in Mauretanien anerkannt. „Ça, c‘est le colonialism, Madame!“, fügt er durchaus kritisch hinzu.

Das Dokument, das wir schließlich in Händen halten, sieht reichlich selbstgebastelt aus;  und auch das Französisch ist gewöhnungsbedürftig. 300 Mad kostet uns das gute Stück, fast 30 Euro. Ganz schön teuer ist das, aber ich habe gerade keine Kraft mehr, um zu protestieren. Das Geld soll Monsieur gerne haben. Die zweitägige Schnitzeljagd durch die Stadt hat Spaß gemacht, war aber auch ziemlich anstrengend, und unterm Strich war es den ganzen Aufwand nicht wert. Ganz ehrlich, das war bestimmt das allerletzte Mal, dass wir ein Gesundheitszeugnis für Sidi haben machen lassen!

Unsere Empfehlung für alle, die mit Hund reisen: Die Mühe, sich ein Gesundheitszeugnis ausstellen zu lassen, lohnt sich nicht. Lasst es einfach bleiben! Für alle, die aber trotzdem partout Monsieur Mohammed in Laayoune einen Besuch abstatten möchten, hier die Koordinaten: 27.131771 und -13.177337.  Der Veterinär freut sich bestimmt über das schöne Zusatzeinkommen.

Off Topic: Die Antifa ist in Tan Tan auch schon da, sogar mit einem Reisebus 😀