Archiv der Kategorie: Elfenbeinküste

Soko, im Dorf der Affen

Trotz unserer verfrühten Rückkehr nach Deutschland möchte ich nach wie vor von Afrika berichten. Hier geht es also nun weiter mit einem Bericht aus der Elfenbeinküste (November 2019). Diesmal stammt er übrigens von Heppo, auf der Basis einer leicht überarbeiteten E-Mail.


Und hier der Musiktipp: Alpha Blondy kommt aus der Elfenbeinküste:
https://www.youtube.com/watch?v=aOvZw0GdwKE

Da hatten wir noch gut lachen 😀

Seit drei Tagen sind wir in Soko, einem kleinen Ort in der Côte d‘Ivoire, etwa drei Kilometer vor der Grenze zu Ghana. Es ist ein Dorf, so wie man es sich in Afrika eben vorstellt. Auf den Straßen brodelt es förmlich vor Leben. Alle kochen draußen auf Feuerstellen. Alles ist staubig. Die Familien sind groß und wohnen in kleinen Häusern und Hütten. Privatsphäre gibt es nicht, ebenso wenig wie Teerstraßen, eine funktionierende Müllabfuhr oder fließendes Wasser.

Das ganze Leben spielt sich auf der Straße ab.

Moslems, Christen, Baptisten und Animisten leben in Soko friedlich beisammen. Fast alle Bewohner sind auch uns gegenüber sehr freundlich und aufgeschlossen. Überall werden wir mit „Bonjour!“ und “Ça va?“ begrüßt. Die unzähligen Kinder jedoch belagern uns gnadenlos, sobald wir die Tür unseres Wohnmobils nur einen winzigen Spalt öffnen.

Kinder, Kinder, Kinder

Spritverkäufer in Soko

Markttag in Soko

Dieses Gericht scheint es überall auf der Welt zu geben: Fettgebäck

Mensch und Tier, alle sind auf der Straße unterwegs

Inmitten des ganzen Gewusels laufen dann auch noch überall Schweine, Schafe, Ziegen, Hühner, Hunde, Katzen und sogar Affen umher. Ja, richtig gelesen: Affen. Der Ort ist bekannt dafür. Laut Legende soll ein Zauberer vor langer Zeit alle Einwohner des Dorfes in Affen verwandelt haben, um sie vor den Angriffen ihrer Feinde zu schützen. Leider wurde der Magier selbst  Opfer seines Tuns. So konnte er seinen Zauber nicht mehr rückgängig machen. Seither gelten die Affen hier als heilig. Sidi allerdings findet es nicht sonderlich lustig, wenn die lebhaften Tiere über unseren Köpfen über die improvisierten Stromleitungen turnen. Er regt sich mächtig auf und bellt wütend.

Ein heiliger Affe

Weg durch den Obsthain von Soko mit Bruno

Leider ist gestern etwas Schlimmes passiert: Mitten auf der Hauptstraße durch Soko, einer fiesen Buckelpiste, hatte Frau Scherer einen Blattfederbruch. Nachdem wir einen kurzen Schlag gehört hatten, blockierte der LKW, und die Handbremse ließ sich nicht mehr betätigen. Zuerst dachten wir an ein kaputtes Ventil im Bremskraftverstärker. Nachdem ich dieses aber kontrolliert hatte und uns mittlerweile ein Mechaniker zur Hilfe gekommen war, wurde schnell klar, dass die Bremse an der Hinterachse fest ist. Das Bremsgestänge war deshalb verbogen. Also wir dieses wieder gerade machten, bemerkte ich, dass die obere Lage der hinteren Blattfedern gebrochen war. Dies hatte wohl zur Folge, dass sich die Hinterachse an einer Seite leicht nach hinten verschob und die Handbremse anzog.

Heppo mit Helfern

Zumindest konnten wir Frau Scherer nun wieder bewegen. Ganz vorsichtig fuhren wir so zum Mechaniker. Wie gesagt, die Straßen im ganzen Ort kommen einer Buckelpiste ziemlich gleich. Dort wurde dann alles zerlegt und mit Hilfe unserer zwei Hubmandln wieder in die ungefähre Position gebockt und gedrückt. Wir bauten uns aus zwei Flacheisen und Gewindestangen eine Klammer, die wir am Riss um das ganze Federpaket schraubten. Der Mechaniker versicherte uns, dass er so was schon hundert Mal gemacht hatte und wir damit locker die 250 km bis nach Ghana in die Stadt Kumasi kommen würden. Dort könnten wir neue Federn finden oder passende Ersatzteile. Wieder einmal hieß es also: „NO PROBLEM!!!“

Oh je, Federbruch!

Heute morgen sind wir dann voller Hoffnung in Richtung Ghana losgefahren. Aber nur 800 m weiter, also direkt am Eingangstor zur Grenze, nach einem großen Schlagloch, gab es erneut Probleme. Die Feder war  aus der Klammer gesprungen. Die Hinterachse hatte sich bis Anschlag Radkasten nach hinten verschoben, und das Handbremsgestänge war wieder auf Spannung: Vollblockade…

Kurzer Wutanfall meinerseits! Die Grenzbeamten kamen gleich angerannt und wollten, dass wir den LKW SOFORT durch das Tor fahren, weil angeblich gleich mehrere große „camions“ angerollt kommen würden, die sonst nicht mehr durchpassen. Noch ein kurzer Zornesausbruch meinerseits, denn an dieser Grenze war de facto kaum Verkehr. Schließlich versuchten wir ihnen zu erklären, dass es jetzt nicht mehr möglich sei, den LKW auch nur einen Meter zu bewegen, ohne das dieser noch größeren Schaden nehmen würde. Während immer mehr Menschen auf uns einredeten, versuchte ich,  das Handbremsgestänge zu demontieren, um wenigstens die Blockade zu lösen. Dies gelang mir auch recht schnell, nur hatten wir in dem ganzen Trubel vergessen, einen Keil unterzulegen – mit der dramatische Folge, dass der LKW nun die leicht abschüssige Piste hinab rollte. Berit, ich und noch ein Helfer lagen allerdings unterm Laster! Zum Glück konnten wir uns retten.  Doch der LKW wurde immer schneller und steuerte zielsicher auf den bestimmt 50 cm tiefen Straßengraben zu. Bruno, der Kopierladenbesitzer, der uns gestern schon den ganzen Tag geholfen hatte, versuchte sehr geistesgegenwärtig,  einen großen Stein vor die Räder zu werfen. Doch Frau Scherer rollte locker über diesen hinweg.

Ich sprinte also sofort dem Laster hinterher, hechte ins Fahrerhaus, wo dummerweise Sidi am Fahrersitz liegt. Trotzdem schaffe ich es irgendwie, einen Fuß auf die Bremse zu bekommen: Frau Scherer kommt “kurz vor knapp”  zum Stehen! Was für eine Aufregung!  Und was für ein unglaubliches Glück, dass niemandem etwas passiert ist und dass das Fahrzeug nun nicht im Graben liegt!

Irgendwie schafften wir es  in die Halle vom Zoll, wo wir mit Hilfe aus der Nachtbarschaft und dem Rat von unserem Freund Braisl (via Chat) drei Klammern um die Federn spannten. So soll ein weiteres Mal ein Nachhintenrutschen der Achse vermieden werden. (Zur Erklärung: Die Achse hängt am Fahrgestell nur an den zwei oberen Lagen Blattfedern, nämlich an den Federbolzen.) Zusätzlich sicherten wir dann nochmal alles mit einem dicken Spanngurt.

Ehrlich, gerade kann ich mir nicht so richtig vorstellen, dass wir es mit diesem Provisorium überhaupt bis nach Kumasi schaffen werden. Ob wir dann dort so einfach eine neue Feder bekommen werden, steht dann nochmal auf einem anderen “Blatt”. Ein kleiner Trost ist hingegen unser Dreimonatsvisum für Ghana. Und durch die Grenze werden wir es schon irgendwie schaffen…

Der Anfang unserer Probleme: Ganz rechts im Bild, die kaputte Blattfeder

Wir hatten mit Bruno und den Jungs heute trotz allem eine gute Zeit. Meine Helfer konnten es kaum fassen, was wir alles an Werkzeug und Ausrüstung dabei haben. Das Konzept “Langzeitreisen mit Wohnmobil” ist den meisten völlig unbekannt. Dass wir alles so „komplett haben“ wird oft und ausdauernd diskutiert. Ja, die Deutschen …! Wieder einmal mehr wird uns bewusst, wie privilegiert wir in Europa sind.

Heppo mit Bruno, dem Kopierladenbesitzer von Soko

Berit hat fleißig für alle gekocht und Zigaretten gedreht. Als es dann noch ein gekühltes Feierabendbier (ja, es gibt Bier in der Elfenbeinküste: Bock!)  für alle gab, war die Freude groß.

Zuletzt: Einer darf in so einer Situation natürlich niemals fehlen: Der betrunkene Problembär. Kaum hat man eine Situation geschafft, kommt er zuverlässig um die Ecke und sorgt dafür, dass der Ärger nicht abreißt. Während wir mit den netten Freiwilligen schraubten, beschimpfte er Berit als Hure und – deutlich origineller – unseren LKW als Lastwagen des Teufels (Camion du Satan).

So wie uns Frau Scherer gerade mal wieder ärgert, mag er damit vielleicht sogar Recht aber, aber sicher anders, als von ihm gemeint.

Bitte drückt uns die Daumen! Es bleibt wie immer spannend!

Brunos Schwester

Schlechte Straßen, Sauwetter & Schulbesuch

Trotz unserer verfrühten Rückkehr nach Deutschland möchte ich nach wie vor von Afrika berichten. Hier geht es also nun weiter mit einem Bericht aus der Elfenbeinküste (November 2019):


Musiktipp: Tiken Jah Fakoly kommt aus der Elfenbeinküste

Die Straßen sind stellenweise wirklich in einem katastrophalen Zustand.

„Ach herrje, die Straße wird immer schlechter und schlechter!“, jammert Heppo. Immer öfter müssen wir aussteigen, um die tiefen, schlammigen Löcher vor uns auf der Piste zu begutachten. Gar nicht so einfach, den besten Weg durch diesen Parcours zu finden. Entweder riskieren wir einen Achsbruch, wenn wir durch die nächste riesige Vertiefung fahren – oder wir rutschen in den Straßengraben. „Pest oder Cholera!“, denke ich mir.

Zu allem Übel suchen uns nun seit ein paar Tagen in den frühen Abendstunden regelmäßig Wolkenbrüche und starke Regenschauer heim. Angeblich sollte aber Ende November bereits die Trockenzeit beginnen „Auf nichts ist Verlass!“, schimpft Heppo, als sich bereits das nächste Unwetter mit schweren, schwarzen Wolken ankündigt. Gerade rechtzeitig schaffen wir es noch, in den Innenhof einer Schule zu navigieren, bevor der Himmel alle seine Schleusen öffnet. Der Rektor, den ich um Asyl für die Nacht bitte, guckt verblüfft;  er zeigt sich zum Glück aber aufgeschlossen. Nach dem Regenschauer müssen wir allerdings beim Schulinspektor von Tiedo vorsprechen, um unser Anliegen absegnen zu lassen. Dieser wohnt in einer neuen Villa. Huldvoll empfängt er uns und fragt uns über unsere Reise aus. Zusammen mit einer kleinen Delegation von Offiziellen besichtigt er anschließend unseren LKW.

Frau Scherer in der Schule von Tiedio

Obwohl wir eigentlich bald ins Bett wollen, besteht der Rektor nun darauf, dass wir seiner Frau und seinen Töchtern „Hallo“ sagen müssen. Auf seinem Motorrad fährt er uns zu seinem kleinen Haus, wo wir vor dem Fernseher Platz nehmen. Nach ein paar Minuten scheint sich jedoch das Interesse der Familie an uns bereits wieder erschöpft zu haben. Wir werden zu unserem LKW zurückgebracht.

Typische Dorfschule: Jeden Morgen wird der Innenhof  sorgfältig gekehrt

Blick in eines der Klassenzimmer

Am nächsten Morgen sind wir natürlich die absolute  Attraktion für die etwa 300 Schüler. Alle wollen einen Blick in unseren Lastwagen erhaschen. Als kleine Gegenleistung für unseren Übernachtungsplatz biete ich an, Aufnahmen von den Schulklassen zu machen und auf meinem Fotodrucker auszudrucken. Ich hoffe, dass dies eine hübsche Erinnerung für die Kinder sein wird…

Süßes Kind mit schönen Haaren

1. Klasse der Dorfschule von Tiedio

2. Klasse der Dorfschule von Tiedio

3. Klasse der Dorfschule von Tiedio

4. Klasse der Dorfschule von Tiedio

Es geht auch weniger formell. Die Kinder haben Spaß vor meiner Kamera.

Es riecht so gut

Trotz unserer verfrühten Rückkehr nach Deutschland möchte ich nach wie vor von Afrika berichten. Hier geht es also nun weiter mit einem Bericht aus der Elfenbeinküste (November 2019):


Off the beaten track

Über Bouarke fahren wir weiter in den Osten. Schnell wird uns klar, dass wir nun wirklich abseits der ausgetretenen Touristenpfade unterwegs sind. Statt auf einer Straße mit Teerbelag befinden wir uns nun auf einer  roten Sandpiste, und der Dschungel links und rechts davon wird immer dichter. Auch die Häuser der Dörfer, die sich im wuchernden Grün verstecken,  sind nun keine  Steinbauten mehr mit Stromanschluss, sondern einfache Lehmbauten ohne  Komfort.

Es riecht phantastisch in diesem Land. Ob diese hübsche Mimose der Ursprung ist? Dicrostachys cinerea

Ich stecke meinen Kopf aus dem Fenster, spüre den feuchtwarmen Fahrtwind, schlucke den Staub und sauge tief die exotischen Düfte ein. Dieses Land riecht so gut! Wenn ich ein Parfümeur wäre, so würde ich mich hier inspirieren lassen zu einer 80er-Jahre-Retro- Duschgellinie: „Exotic Dreams“ würde ich eine Kreation nennen, „Tropical Feelings“ eine andere und „Jungle Breeze“ eine dritte. Silhouetten von sich küssenden Paaren im Sonnenuntergang und große Blüten würden die Labels zieren.
Fast sind mir meine Fantasien etwas peinlich, aber ich schwöre euch: Spätestens, wenn ihr einmal an meinen flüssigen Seifen geschnuppert hättet, dann wärt ihr diesen für den Rest eures Lebens verfallen.

Exotische Blüten

Während ich in Gedanken meiner unausgelebten Karriere als Dufterfinder nachhänge,  ist es spät geworden. In den Tropen wird es stets pünktlich gegen 18 Uhr dunkel. So suchen wir uns gerne oft schon gegen 16 Uhr einen Platz für die Nacht. Diesmal fällt die Wahl auf den Ort Sabarybougou. Der Dorfchef Abou gibt sein Okay. Er ist ein kluger Mann, der seine Jugend als Matrose in Marseille verbrachte. Leider hat er selbst nicht viel Zeit für uns, und so ist es Fofana Sima, der uns durch das kleine Dorf führt. Klein sieht die Häuseransammlung allerdings nur direkt von der Straße aus. Von dort aus gehen wir auf verschlungenen Pfaden immer weiter,  von Haus zu Haus. Vor den winzigen, oftmals im Viereck angeordneten Bauten kochen die Frauen auf offenen Feuerstellen oder arbeiten in ihren Gärtchen. Dazwischen spielen Kinder unter Schatten spendenden Mangobäumen,  Hühner und Ziegen laufen frei herum.  Einfach ist das Leben hier, aber es wirkt auch sehr idyllisch auf uns. „Wie viele Menschen leben hier?“, möchte ich wissen. „Ein paar tausend sind es schon.“, antwortet Fofana zu unserer Überraschung.

Schulweg

Mittlerweile folgt uns eine Schar von etwa 20 bis 30 Kindern, vor allem Jungs. Auch als wir unsere Tour durch den Ort längst beendet haben, stehen sie noch lange vor unserem LKW. Sie singen uns französische Kinderlieder à la „Frere Jacque“ und „À la volette“ vor. Wir finden, dafür haben sie sich einen Ball verdient. Die Freude ist groß!


Bei den Malern und Schmieden

Trotz unserer verfrühten Rückkehr nach Deutschland, möchte ich nach wie vor von Afrika berichten. Hier geht es also nun weiter mit einem Bericht aus der Elfenbeinküste von November 2019:


Musiktipp aus der Elfenbeinküste: Eine Retronummer von Luckson Padaud: Telephone

Unser Guide Petit Solo führt uns in das Dorf der Schmiede

Mit Petit Solo sollte es heute Vormittag ins Dorf der Schmiede gehen. Aber heute ist Baptistenfeiertag, bei dem gefeiert wird, dass Jesus der Schöpfer der Welt ist. So sind wir schließlich bis Mittag im Innenhof der kirchlichen Gemeinde “gefangen”. Na ja, der Ausdruck ist vielleicht etwas übertrieben, aber wir können nicht wegfahren. Da der Gottesdienst, wie fast alles in Afrika, draußen stattfindet, wollen wir aus Respekt die mehrstündige Zeremonie (von 7 Uhr bis 12 Uhr) nicht stören. (Unser LKW ist laut und stößt schwarze Rauchwolken aus!)

Auf diese Weise erhalten wir aber etwas Einblick in das religiöse Leben dieser Gemeinde. Es ist bestimmt nicht übertrieben, wenn ich schreibe, dass hier 300 bis 400 Personen zusammengekommen sind. Alle sind sehr gut gekleidet. Viele Familien posieren stolz im Partnerlook. Absurd hingegen wirkt auf uns der Gottesdienst: Dieser ist eine seltsame Mischung aus einer Prozession mit Marschmusik, christlichen Gesängen (wie wir sie kennen) und afrikanischen Trommelsessions.

Endlich ist der Gottesdienst zu Ende, und wir fahren los. Auf dem Weg zu den Schmieden machen wir einen kurzen Halt bei den Malern. Auf grob gewebten Stoffbahnen werden dort mit dicken, schwarzen Outlines Masken und Tiere gezeichnet und dann bunt ausgemalt. Das hat fast etwas Comicartiges. Auch die vor allem in den USA berühmten „mud cloths“ werden hier angefertigt. Die „Bogolan“ oder „Bògòlanfini“ stammen eigentlich aus Mali. Dabei handelt es sich um Textilien, die mit fermentiertem Schlamm (mud) gefärbt und bemalt werden. Ursprünglich waren diese eher sackartigen Überwürfe eine Tarnkleidung der Jäger, aber auch Statussymbol und Schutz vor bösem Zauber. Heute werden die Bogolan vor allem für Touristen hergestellt.

Das Eisen wird ausgewaschen

Das Dorf der Schmiede hat vor allem Museumscharakter. Als wir ankommen, liegen vier gelangweilte Männer im Schatten eines großen Baumes. Der jüngste von ihnen ist für uns zuständig: „Eine sehr alte Technik wird hier angewendet!“, sagt er. „Seit 500 vor Christus gewinnen und verarbeiten wir Eisen auf die gleiche Weise!“
Eisenhaltiger Sand wird abgebaut. Dieser wird erst gewaschen und gesiebt. Da Eisen schwerer als Sand ist, sinkt das Metall nach unten. Mit Wasser werden dann sogenannte Eisenbuletten geformt. Man erhitzt sie in einem Ofen und bringt das Material zum Schmelzen. Die eisenhaltige Flüssigkeit fließt über ein Rohr ab und erkaltet zu einem Klumpen. Der enthält aber noch immer Holzkohle. Deshalb wird dieser nach und nach pulverisiert. Der Staub wird in die Luft geworfen, dadurch trennt sich der leichte Kohlenstaub vom schweren Eisen. Erst danach erhält man Eisen, das geschmiedet und weiter verarbeitet werden kann. Unser Führer führt uns dann noch den selbstgebauten Blasebalg vor, und wir dürfen selbst mal ran. Echte Schwerstarbeit ist das.

Der eisenhaltige Sand wird erhitzt

Nach der Führung möchte ich gerne noch etwas mehr über die Schmiede erfahren. Doch die Männer sind skeptisch und antworten nur zögerlich. Besonders der Älteste von ihnen, der auf einem Auge blind zu sein scheint, ist zurückhaltend. Doch als auch wir etwas von den Handwerkstraditionen und dem Zunftwesen in Deutschland erzählen, taut er doch noch etwas auf und wird gesprächiger. Er erzählt, dass nur innerhalb der „Kasten“ geheiratet werden darf, allerdings gibt es verbündete Handwerksberufe. So können zum Beispiel Schmiede durchaus „Alliances“ (so nennt er es) mit Bildhauern eingehen.

Mich interessiert vor allem noch, ob es stimmt, dass Schmiede magische Fähigkeiten besitzen. Der Alte antwortet ausweichend: „Jeder Mensch hat besondere Fähigkeiten!“ Doch dann wird er konkreter und erzählt, dass die Dorfbewohner bei Problemen schon gerne gerade den Schmied aufsuchen, um diesen um Rat zu fragen.Zum Abschied gibt er uns noch Folgendes mit auf den Weg: „Verschenke nie ein Messer, denn das zerschneidet die Freundschaft!“

Vorherigen Bericht lesen: Bei den Webern

Schmiedearbeiten werden erst durch den selbstgebauten Blasebalg möglich

Bei den Webern

Musiktipp: Der angesagte Musikstil in der Elfenbeinküste heißt Coupé-Decalé und ist sehr tanzbar!

Bei den Webern

Das Kirchengeläut der katholischen Kirche in Ferkessedougou hört sich an wie ein Feueralarm. Es ruft zur ersten Messe dieses Tages. „Herrgott! Die nehmen ihren Glauben aber ernst!“, stöhne ich. Der Vorteil ist aber, dass wir bereits um sechs Uhr morgens hellwach sind.

Gefärbte Baumwolle

Auch im nächsten Ort namens Korhogo kommen wir wieder bei einer Kirche unter, diesmal bei den Baptisten. Der Vikar Père Paul stammt aus dem Togo. Obwohl die gesamte kirchliche Anlage ausgebucht ist, ist er so liebenswürdig, uns sogar einen Zugang zu einem Zimmer mit Klo und Dusche klar zu machen.

Die Frauen fügen die Stoffbahnen zusammen

Korhogo ist das Zentrum alter Handwerkstraditionen: Maler, Weber, Schmuckhersteller, Schnitzer und Schmiede soll es dort geben. In der Stadt spricht uns ein junger Mann an. Petit Solo, so heißt er tatsächlich. Er ist Guide und möchte uns in das Dorf der Weber und zu den Schmieden führen. „Auch ein Maskenfest könnt ihr sehen!“, lockt er uns auf Deutsch. 18.000 CFA will er für seine Dienste. Nicht gerade billig! Wir sind uns aber einig: Manchmal ist es eben doch ganz gut, mit einem Ortskundigen zu gehen. Vor allem das Maskenfest, das sich etwas später als eine Beerdigung herausstellen wird, könnten wir ohne ihn sicherlich nicht besuchen.

Arbeitsteilung: Die Männer weben, die Frauen nähen

Und hier die fertigen Produkte

Zuerst geht es aber ins Dorf der Weber. Auf einem überdachten Platz sitzen auf selbstgebauten Webstühlen ausschließlich Männer vor langen bunten Fadenreihen. Die gewebten Bahnen sind wohl kaum breiter als 15 Zentimeter. „Das Handwerk wurde etwa im 13 Jahrhundert von den Maghrebinern in die Elfenbeinküste gebracht!“, erklärt Petit Solo. „Im Gegenzug musste die Dorfbevölkerung den islamischen Glauben annehmen!“ Seit dieser Zeit ist das Dorf eine große Manufaktur. Die Männer und Jungen, man beginnt im Alter von etwa 10 Jahren, sind für das Weben zuständig. Die Frauen verspinnen die Baumwolle und nähen die schmalen Bahnen zu größeren Stoffstücken zusammen. Wiederum die Männer schneidern daraus dann die bunten und etwas steifen Kleidungs- und Gebrauchsstücke, die mich in ihrer schönen Schlichtheit ein bisschen an die Gewänder der Amish people in Amerika erinnern.

Beerdigung und Trommelfest in der Elfenbeinküste (Foto: Heppo)

„Wir müssen los zum Maskenfest!“, drängt Petit Solo auf Aufbruch. Erst auf dem Weg erfahren wir, dass es sich um eine Beerdigung handelt. „Kein Grund zur Trauer!“, meint unser Guide, als er unser Zögern bemerkt. „Eine Beerdigung ist ein fröhliches Ereignis!“. Es bedeutet, dass der Verstorbene endlich in eine bessere und schönere Welt hinübergehen kann. Manchmal wird jahrelang darauf gespart, denn das Fest wird mit großem Pomp gefeiert. Zahlreiche Trommel- und Balaphongruppen treten auf, die Masken kommen, und ein ganzes Dorf, Freunde plus die zahlreiche Verwandtschaft wollen verköstigt werden. Das alles kostet natürlich. Als der Sarg zu Grabe getragen wird, geht es hoch her. Kindern schwenken Wedel aus Pferdehaaren, Männer wie Frauen tanzen. Bunt geht es zu und laut und wild und tatsächlich eher ausgelassen bis lustig. Unglaublich! Auch ich werde dazu aufgefordert mitzutanzen, also wackle ich ein bisschen mit den Hüften und hüpfe von einem Bein auf das andere. Schon werden die ersten Handys gezückt und kleine Videos von der komisch tanzenden weißen Frau angefertigt. Besser höre ich wieder mit meiner Performance auf; ich möchte ja niemandem die Schau stehlen.

Berit beim Tanzen (Foto: Heppo)

„Kopf runter!“, schreit mich Solo plötzlich an. „Dort ist eine der echten Masken, die besonders für Frauen sehr gefährlich sind!“ Tatsächlich habe ich schon von diesen gelesen. Es gibt Masken, die zu Unfruchtbarkeit und sogar zum Tod führen können. Neugierig wie ich bin, linse ich aber trotzdem nach der Maske und sehe nur ein riesiges, wandelnden Grasbüschel. Oh, wenn das mal kein Fehler war! Aber – zum Glück – glaube ich ja nicht an diese Dinge.

Beerdigungen sind hierzulande keine traurige Angelegenheit (Foto: Heppo)

So viele Leute! (Foto: Heppo)

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