Archiv der Kategorie: Mali

Unverhoffte Musikgelegenheiten

Musiktipp: Ry Cooder & Ali Farka Touré

Les Blues Mandingue

Bamako ist ganz sicherlich ein wahres Paradies für jeden Musiker, denn die Szene ist aufgeschlossen und denkt pragmatisch. „Man weiß ja nie, was aus all den Begegnungen wird!“, meint Alassane. „Manchmal wird daraus eine Zusammenarbeit, ein Engagement oder gar eine kleine Tour durch Europa oder Amerika.“

Heppo hat sich für Afrika extra ein Reiseschlagzeug mitgenommen, bestehend aus einer Cajon, die mit einer umgelenkten Fußmaschine als Bassdrum fungiert, dazu ein Hi-Hat und eine kleine Snare. Natürlich ist er wild darauf, mit den malischen Musikern zu jammen. Er muss nicht lange warten. Schon bald wird er eingeladen, Keltoum bei einer ihrer Bandproben zu unterstützen. Alassane zeigt ihm einen vertrackten Rhythmus, der „Takamba“ heißt. Heppo schlägt sich wacker. Die Band ist begeistert von der Fusion aus afrikanischem Kalebassen-Rhythmus und europäischem Schlagzeugsound.

Weitere Musikkontakte tun sich auf… Die Vorgeschichte ist, dass uns Nabintou Diakite bei ihrem Konzert bereits ihre Nummer zugesteckt hatte, mit dem Hinweis, dass wir uns jederzeit bei ihr melden können. Wir wundern uns ein bisschen, packen den Zettel irgendwohin und  vergessen die Sache wieder. Am nächsten Abend zieht Heppo alleine los. Im Africa Club tritt ein Koraspieler auf. Ich bleibe bei Sidi, um den wir uns momentan schlimme Sorgen machen. Er wirkt  völlig apathisch und trinkt nicht mehr selbstständig. Seine Körpertemperatur beträgt fast 41 Grad (Normaltemperatur bei einem Hund: 37 Grad!). Wir vermuten: Dahinter steckt die Zeckenattacke aus Nouakschott in Mauretanien. Seit unserem Aufenthalt dort haben wir an die Hundert zum Teil winzigster Zecken an ihm entdeckt. In diesem jetzigen Zustand möchte ich unseren Hund daher nicht gerne alleine lassen. Ich verpasse ihm Wadenwickel, das hilft zumindest gegen das hohe Fieber. Wir müssen auf jeden Fall schnellstmöglich einen Tierarzt finden!

Aufgeregt und verwirrt kehrt Heppo spät in der Nacht  zurück: “Ich wurde behandelt wie ein VIP, durfte umsonst in den Club und wurde auch gleich nach hinten an den Tisch zu den wichtigen Leuten gebeten.“ Nabintous Manager habe ihn angesprochen: „Madame ist jederzeit bereit, mit dir ins Studio zu gehen.“ Auch Nabintou selbst versuchte, mit Heppo, dessen Französischkenntnisse immer noch relativ begrenzt sind, ein längeres Gespräch zu führen. „Wie eine Bewerbung ist mir das vorgekommen!“, meint Heppo gleichermaßen belustigt wie beunruhigt. „Die Sängerin war aufgeregt, wie ein kleines Schulmädchen, als sie sich mit mir unterhalten hat!“

Keine Ahnung, wie Nabintou auf die Idee gekommen ist, mit meinem Mann im Studio zu arbeiten. Ich kann mir das nur so erklären: Unser Interesse an der Musikszene Bamakos hat sich eben mittlerweile herumgesprochen. Es hat wahrscheinlich auch rasch die Runde gemacht, dass wir zur Zeit bei der Sängerin Keltoum ein- und ausgehen. Bamako scheint doch ein Dorf zu sein. Möglich, dass bereits diverse Gerüchte über uns kursieren: „Wer wohl diese beiden aus Deutschland sind? Vielleicht sind die beiden wichtig, sind Musikmanager oder gar Talentscouts?“ Alle hoffen,  auch über die Grenzen Malis hinaus bekannt zu werden. Der Weg zu Ruhm, Geld und internationalem Erfolg führt auch in Bamako über Europa, meistens über Paris. Da klammern sich die Künstler anscheinend an jeden noch so kleinen Strohhalm.

Heppo ist sichtlich unwohl dabei, welches Missverständnis da ohne unser Zutun entstanden ist. Flehentlich bittet er mich, dass ich morgen den Manager am Telefon aufklären und auch sämtliche, womöglich bereits reservierten Studiotermine, absagen werde.

Prompt meldet sich der Manager am nächsten Morgen bei mir. Er wiederholt tatsächlich sein Angebot, dass wir jederzeit mit Nabintou im Studio arbeiten könnten. Ich rede nicht lange um den heißen Brei herum, sage ihm, dass wir weder wichtig noch in irgendeiner Weise einflussreich sind, sondern einfach nur Touristen. Unser großes Interesse sei allein unserer Liebe für die Musik Malis geschuldet. Der Manager ist sichtlich enttäuscht, das Telefonat bald darauf beendet. Auch Heppo ist nun ein bisschen traurig, dass er die Gelegenheit verpasst hat, als ein neuer Ry Cooder in die Musikgeschichte Malis einzugehen.

Doch die nächste Gelegenheit lässt nicht lange auf sich warten. Am Nachmittag sitzen plötzlich Alassane und Adama in unserem LKW,. Die beiden laden Heppo dazu ein, am nächsten Abend bei ihrem Auftritt als „Sahel Roots“ mitzuspielen. Der Song, den sie mit ihm üben wollen, heißt „Takamba“, wie der gleichnamige Rhythmus. Adama spielt sehr ernst auf seiner einseitigen Geige, während der arme, fiebrige Sidi zu seinen Füßen liegt und schwer atmet. (Wir waren mit ihm heute beim Tierarzt,  und nun bekommt er eine Antibiotikakur.) Ich stelle mir vor, dass Adama ein Schamane ist und mit seiner Musik unseren Hund heilen kann.

Lac du Lassa, heißt die Auftrittslocation im Norden von Bamako, die von einer etwa 60-jährigen, lebenslustigen Französin namens Carol ins Leben gerufen wurde. Hier hat sie mit viel Geschmack und Geld einen wunderbaren Ort geschaffen: Wohnhaus, Begegnungsstätte, privates Kinderheim, ökologischer Garten und Kunstraum, all das  vereint das großzügige Gelände. Carol hat viele Visionen und offensichtlich ein großes Herz. Dass sie die zweite Frau eines malinesischen Mannes ist, scheint ihr dabei nicht viel auszumachen: „I fell in love with him and his beautiful ecosystem!“, sagt sie mit rauer Stimme und schickt ein kehliges Lachen hinterher. Dann nimmt sie einen tiefen Schluck direkt aus der Weinflasche und einen noch tieferen Zug von dem  Joint, der gerade die Runde macht.

Sahel Roots im Konzert am Lac du Lassa in Bamako

Leider  hat sie jedoch für das Konzert von „Sahel Roots“ und „Les Blues Mandingue et les enfants du Peguin“ nicht sonderlich viel Werbung gemacht, so dass nur etwa 20 Personen als Zuschauer gekommen sind. Die meisten, vor allem die Rastaboys, scheinen sowieso immer hier abzuhängen, denn die Stimmung ist sehr familiär.

Als während des Auftritts von „Les Blues Mandingue…“ eine kleine Giftschlange, angeblich eine Kobra, gesichtet wird, bricht kurz Panik unter den Umstehenden aus. Sogar eine Machete wird gezückt. Das Spiel jedoch wird keinesfalls unterbrochen. Daouda, der Koraspieler, zupft unverdrossen weiter an seinem Instrument, beharrlich trommelt der Percussionist, und unverwandt singen die Backgroundsängerinnen in ihre Mikrofone. Zu alltäglich ist das Erscheinen einer Schlange dann wohl doch. Nur die Blicke folgen achtsam den Bewegungen des Reptils, das schon bald wieder im Gebüsch verschwunden ist.

Endlich sind „Sahel Roots“ an der Reihe. Unsere zwei neuen Freunde haben sich in Schale geworfen: Alassane trägt Hut und pinkfarbenes Hemd zu weißer Hose, Adama hat einen schicken, schmal geschnittenen  Anzug in Grasgrün an. Auch nur zu zweit haben sie eine starke Bühnenpräsenz. Heppo ist reichlich nervös, als er bei „Takamba“ auf die Bühne gerufen wird. Ich finde, dass er sich trotz der fremden Rhythmik wacker behauptet. Wirklich zufrieden scheint er aber mit seiner Performance nicht zu sein. Etwas verdrießlich setzt er sich hinterher in eine Ecke und schmollt ein wenig. Erst als zum Abschluss noch einmal alle Musiker gemeinsam auf der Bühne zu einer kleinen Jamsession zusammenkommen, hellt sich seine Stimmung wieder etwas auf. Ich persönlich bin mächtig stolz auf meinen unerschrockenen Heppo, der sich so mutig in die Musikszene von Bamako stürzt. Wie toll ist das denn, bitte? Dazu noch dieser wunderbare Ort! Und die netten  Jungs Alassane und Adama. Wenn das mal kein Grund ist zu tanzen! Das kann ich nämlich besonders gut.

Bamako, Stadt der Musik

Musiktipp: Keltoum Walet: Watcha und Nabintou Diakite

Kalebassen-Spieler Alassane Samaké wurde uns zum Freund

Die Stadtviertel in Bamako heißen wie Tanzschritte: „Komm, tanz mit mir den Badala-Bougou, den Missabougou, den Bozola, den Faladie!“

Diese Assoziation zum Tanz liegt nahe in einer Stadt, in der die Musik so präsent ist  wie selten irgendwo. Zu fast jeder Tageszeit fliegen von den Dächern und aus den Innenhöfen heiße Trommelrhythmen, psychedelische Gitarrenriffs und die wehmütigen Melodielinien des Mali-Blues durch die Luft. Wer will, kann in dieser Stadt am Niger jeden Tag ein Livekonzert erleben.

Bamakos Musikszene ist leicht zugänglich und offen für Neues. Bereits am zweiten Tag haben wir Kontakt zu lokalen Musikern. Heppo ist nicht schüchtern, und so spaziert er einfach in eine Villa, aus der die hypnotischen Klänge einer Sahel-Blues-Band dringen. Schnell werden wir eingeladen, bei der Bandprobe zuzuhören.

Keltoum, Gründerin und Sängerin der gleichnamigen Sahel-Blues-Band

Keltoum, eine der Gründerinnen der bekannten Nomadenband Tinariwen, trifft sich auf der Terrasse ihres Hauses zwei Mal pro Woche mit den jungen Musikern ihrer neuen Band, die so heißt wie sie: Keltoum. Die Dame ist aufgeschlossen und scheint sich über unser Interesse zu freuen. Bereitwillig erklärt sie: „ Es geht in meiner Musik meistens darum, in der Wüste zu überleben. Dort ist es wichtig, seine Umgebung gut beobachten zu können, eine Eigenschaft, die die Menschen heutzutage kaum mehr haben.“ Auch spricht sie, die Musikerin und Dichterin, von ihrem Einsatz für Menschenrechte, für Humanität und über ihr Engagement für Frauen. Sie erzählt von den Schwierigkeiten, denen die Menschen im Norden des Landes ausgesetzt sind, seit dort die Islamisten das Sagen haben. „Das Mali von heute ist wie ein großer Obstsalat.“, sagt sie, nicht ohne Humor. „Da gibt es die Früchte, die man gerne isst und die, die man lieber aussortiert!“

Viele malische Musiker sind aus dem Norden in die kreative und liberale Hauptstadt geflüchtet. Auch Alassan Samké, Keltoums sympathischer Kalebassenspieler, stammt eigentlich aus Gao, im Norden. Um seine musikalische Karriere in Schwung zu bringen, ging er u.a. vor mehr als 13 Jahren in die Hauptstadt. Dort spielte und tourte er mit Größen der malischen Musikszene wie Baba Salah, Sidi Touré und Boubacar Traoré. Seit die Situation aber 2008 eskalierte, ist ihm der Weg zurück in seine Heimatstadt mehr oder weniger verwehrt. Etwas traurig erzählt er davon, wie seine Brüder beim Militär Karriere machen und großes Geld verdienen. Er hingegen bekommt als Musiker, als sogenannter „Griot“, so gut wie gar keine Anerkennung durch seine Familie. Doch der Krieg sei nichts für ihn, meint er, er sei ein friedliebender Mensch, und Musik bedeute ihm alles.

Experte auf der Djourou Kelen: Adama Sidibé

Seinen Freund Adama Sidibé, mit dem er in einem kleinen Nebenprojekt namens „Sahel Roots“ zusammen spielt, hat es noch schlimmer getroffen: Als Mitglied des Stammes der Peuhl – auch Fulbe genannt – gilt er als Musiker rein gar nichts bei seinen Angehörigen. Auch eine Frau kann er nicht finden, denn bei den Peuhl erlangt man alles Ansehen ausschließlich durch den Besitz möglichst vieler Kühe und Rinder. Adama hat daher zwangsläufig sein Leben der Musik verschrieben. Seine Instrumente, Erbstücke seines Großvaters, sind die „Djourou Kelen“, eine Geige mit nur einer Seite und eine kleine Gitarre, die “Suku“ genannt wird.

Nachts erkunden wir die Clubs der Stadt. Im Institut Francais sehen wir auf großer Bühne „Cheikné Sissoko 5 Tammans et son groupe Somane“, die ihr neues Album “Anka Ben“ vorstellen. Sissoko ist ein Großmeister der sogenannten „sprechenden Trommeln“ oder „Talking drums“, die unter den Arm geklemmt mit einem gebogenen Stock geschlagen werden. Wie der Name schon sagt, können diesem Instrument fast menschliche Töne entlockt werden. Richtige Zwiegespräche sind so möglich. Als Gaststar ist an diesem Abend auch  Raokia Traoré mit dabei. Was für ein wunderbares Konzert in hochprofessionellem Ambiente!

Heppo darf mit Keltoum auf der Dachterrasse proben.

Besonders ergiebig ist für uns der Africa Club, der mehr oder weniger gleich nebenan liegt. An festen Tagen spielen hier diverse Hausbands. Ein Conferencier kündigt die Band an, so reißerisch wie ein amerikanischer Prediger. „Nabintou Diakite“ heißt diese, wie ihre Sängerin. Ihre großbusige Tänzerin stiehlt ihr aber fast die Schau. Es ist eine wahre Freude, ihr zuzusehen. Alles an ihr wackelt und hüpft. Sie hat eine Menge Spaß dabei und grinst über beide Ohren. So muss tanzen sein, so lustig, so angstfrei und so unverstellt. Wir finden sie großartig. Nabintou hingegen wirkt etwas steif. Wie sie in großer, rotglänzender Robe und mit Stöckelschuhen über die Bühne stakst, wirkt sie auf uns fast ein bisschen wie ein aufgedonnerter Transvestit. Für westafrikanische Verhältnisse scheint ihr Aufzug mit Gold und Glitzer aber wahrscheinlich völlig normal zu sein. Ihre Musik jedoch ist faszinierend. Die ständig sich wiederholenden, vertrackten Rhythmen sind hypnotisch und ziehen die Zuhörer in ihren Bann. Ein bisschen enttäuscht bin ich dann aber doch. Irgendwie hatte ich mir einen afrikanischen Club so vorgestellt, dass auch die Zuschauer wie wild tanzen würden. Doch das Publikum sitzt sittsam auf den Ledersesseln und überlässt die Show allein der Band. Nur einmal wagen sich ein paar Mutige vor die Bühne und schwingen das Tanzbein. Schon nach einer Nummer befindet sich jedoch jeder wieder brav an seinem Platz.

„Zum Glück“, denke ich mir dann aber, „entspricht eben nicht alles seinen Klischees!“

Bamako

Eines meiner Lieblingslieder: Dimanche a Bamako, vom blinden Ehepaar Amadou et Mariam (Der Text spricht davon, dass der Sonntag der Tag für Hochzeiten in Bamako ist)

Mopeds und Mofas dominieren in Bamako

Bamako ist eine merkwürdige Stadt, denn die Gebäude sieht man nicht. Sie verschwinden hinter einer dichten Wand aus Palmen, Bäumen und Büschen. Doch auch diese treten in den Hintergrund. Ein stetiger Verkehrsstrom lenkt die Blicke weg vom Grün. Da sind Taxis, Kleinbusse und Mofas – Mofas vor allem. Alle fahren sie: Erwachsene und sogar Kinder, Männer und Frauen. Die einen tragen Anzug, Shorts oder Kaftan, die anderen wunderbare, bunte, wehende Kleider. Manche haben einen Turban auf, andere verstecken ihr Gesicht hinter einem Schleier. Nur wenige sind mit einem Helm ausgerüstet.
Ihr wollt wissen, wie Bamako riecht? Die Antwort heißt ganz klar: nach Mofamischung.

Typische Mofatankstelle

Natürlich gibt es auch Autos, unzählige Taxis und in regelmäßigen Abständen grüne Kleinbusse, die sogenannten Sotrama, die die öffentlichen Verkehrsmittel sind. Junge Männer hängen aus den offenen Schiebetüren. Sie sind es, die Zu- und Ausstiege regeln und das Fahrgeld kassieren. Doch auch der Verkehr wird geschluckt – vom Smog. Die Augen brennen. Die Lungen pfeifen. Abends haben wir Husten.

Macht nicht viel her? Das ist die Straße im Nobelviertel, wo wir vor dem Sleeping Camel stehen. Die Villen, der Stacheldraht, die Schwerbewaffneten: Alles verschwindet hier hinter Grünzeug, ausnahmsweise mal ohne Fahrzeuge davor.

Frau Scherer vor dem Slepping Camel. Ganz passend steht sie unter dem Baum der Reisenden, Ravenala madagascariensis.

Nein, Bamako ist nicht schön. Es ist eher sogar ziemlich hässlich. Selbst in den besseren Vierteln türmt sich der Abfall auf der Straße. Da laufen Ratten, groß wie wohlgenährte Katzen, dazwischen herum, fließt die Kloake zwischen den Häusern hindurch. Wir wünschen uns manchmal, wir hätten keine Nasen.

Auch der Niger enttäuscht. Irgendwie hatte ich es mir erhebend vorgestellt, an dem Fluss zu stehen, den der Afrikaforscher Mungo Park  in T. C. Boyles Wassermusik mit so großer Hingabe  erforschen wollte, dass er darüber den Tod fand. Grau und träge fließt dieser große Strom dahin. Selbst von den Brücken aus finde ich kein Motiv, das lohnenswert genug wäre, ihn zu fotografieren.

“Möbelgeschäft” vor stacheldrahtgeschützter Villa

Die Villen der Reichen tragen Stacheldrahtkronen auf den Mauern. Sie sollen zusammen mit scharfen Hunden, Überwachungskameras und Wächtern ungebetene Eindringlinge fernhalten. Wer genau hinsieht, kann gelegentlich Soldaten mit Kalaschnikows und sogar Scharfschützen entdecken, die strategisch wichtige Ziele, wie zum Beispiel die Deutsche Botschaft, vor Angreifern schützen sollen. Das ist hässlich und schockierend, aber ebenso auch sehr faszinierend.

Charmanter Kerl, der zahnlose Housman

Was Bamako aber schön macht, sind die Menschen. Unglaublich für eine Stadt mit etwa 2.5 Millionen Einwohnern: Es wird miteinander gesprochen. Wahrscheinlich fallen wir aber auch besonders auf, weil wir „Toubabou“ sind, also Weiße. Noch keinen Tag sind wir hier und kennen schon das halbe Viertel. Da ist zum Beispiel Housman, der nette, alte, zahnlose Mann, der stets vor einem Haus auf einem kleinen Schemel sitzt. Er liebt es, mit uns zu plaudern und bittet uns darum, auch unsere nächsten Hunderunden so zu legen, dass wir immer bei ihm vorbeikommen. Diesen kleinen Gefallen werden wir ihm gerne tun. Auch sein Namensvetter, ein Taxifahrer, ist ein aufgeschlossener Kerl, der bereitwillig seine Familiengeschichte erzählt. Der junge Mann vom Kopierladen gibt mir einen Namen. „Amanita heißt du, das bedeutet Freundin!“ Auch für Heppo hat er einen: „Aliou“, so hieß auch der Prophet und Schwiegersohn Mohammeds. Die Türsteher vom Camel schäkern mit uns und versuchen, uns mit unendlicher Geduld mit den komplizierten Begrüßungsformeln der Bambara vertraut zu machen. Eine Gruppe Kinder kommt vorbei und erhält im Austausch gegen ein paar Stücke einer Kokosnuss einen unserer mitgebrachten Bälle. Schließlich zählt der Wille, und ihr herzliches Auftreten ist einfach unwiderstehlich.

Attraktiv und kontaktfreudig, die Melonenverkäuferinnen

Heppo gefallen am besten die „Mädchen mit Gebäckkopfschmuck“. Täglich ziehen sie in einer nicht enden wollenden Prozession an unserem Lastwagen vorbei. Allerlei Teigwaren bieten sie auf ihren Köpfen zum Verkauf an. „Wie bei den Elfen ist das!“, seufzt mein Mann und blickt den zugegeben sehr hübschen, langbeinigen Wesen etwas verträumt hinterher.

Von jetzt an wird alles auf dem Kopf getragen

Unglaublich, was da alles an unserem Fenster vorbeischwebt: Hosen, Geschirrtücher, Bücher und reich gefüllte Obstkörbe. Vor allem die Zitronenmädchen wissen um ihre Faszination, die sie auf meinen Liebsten ausüben. Mehrmals täglich stehen sie vor Frau Scherer und versuchen sich an einem Wimpernklimpern auf Mandelaugen, Schnütchen und Schmollmund. Wenn sie mich sehen, wenden sie sich enttäuscht ab oder fragen sogleich nach Monsieur. Der kauft mittlerweile bereits den fünften Zehnerpack. Er erklärt das mit Vitaminmangel. Leicht angesäuert verarbeite ich die kleinen, harten, grünen Früchte zu Limonade. In sein Glas gebe ich zur Rache deutlich weniger Zucker…

In Mali sind sie wirklich sehr charmant: nette Buben

Afrikaklischee

Musiktipp: Fatoumata Diawara Von ihr gefällt mir, ehrlich gesagt, nicht alles, aber die Dame ist wahnsinnig sympathisch und die Hauptdarstellerin im sehr sehenswerten Dokumentarfilm Mali Blues.

Hauptstraße nach Bamako

Noch zwei ganze Fahrtage brauchen wir bis nach Bamako. Die Route Nationale in Richtung der Hauptstadt ist unglaublich schlecht. Sie entspricht dem Klischeebild von Afrikas Verkehrswegen: Rote Erde, riesige Schlaglöcher, klapprige Busse und LKWs,  auf denen winkende junge Männer sitzen. Die Fahrzeuge ziehen gewaltige Staubwolken nach sich. Und diese wiederum bedecken alles rundherum mit einer feinen, roten Schicht.

Schlimmer geht’s nimmer!

Die spärliche Vegetation der Dornsavanne wird von Kilometer zu Kilometer von neuen und grüneren Pflanzen abgelöst. Wir sichten erste Mango- und Cashewbäume, sogar Baobabs, die mit ihren hängenden Kugelfrüchten aussehen wie Weihnachtsbäume von einem anderen Stern.

Der Baobab mit Früchten wie Handgranaten. Zum Bestäuben braucht er übrigens die Hilfe der Fledermaus.

Kleine Teiche und Seen mit wunderschönem Seerosenbewuchs ziehen unsere Blicke auf sich. Nach der Wüste finden wir den Anblick einer Wasserfläche einfach unwiderstehlich. Große Viehherden stehen an den Ufern. Die Kühe fallen uns besonders auf. Schöne Tiere sind das. Ihre Farbe ist weiß, und sie tragen lange, gebogene Hörner.

Kleinbusse sieht man überall, hier mit der Aufschrift: Wer kennt die Zukunft?

Je bunter, desto besser!

Oft sind sie schwer beladen…

… und manche haben ihre besten Zeiten auch schon hinter sich

So spannend es aber auch ist, ein neues Land und eine neue Landschaft zu entdecken, so anstrengend ist es auch. Die Straßen sind wirklich in einem katastrophalen Zustand. Für 50 Kilometer brauchen wir vier Stunden. Ständig haben wir Angst, unser Lastwagen könnte auseinander brechen, wenn wir wieder einmal in eines dieser gigantischen Schlaglöcher hinein rumpeln. Heppo wird nicht müde zu schimpfen: „Hier kann man eigentlich gar nicht mehr fahren!“, grantelt er. „Da werd uns no alles hi!*“

Die Frauen haben es aber auch nicht leicht …

Erst nach Sonnenuntergang kommen wir in Bamako an. Diesmal kann das Navi nichts dafür, dass wir aufs Neue mitten im Marktchaos landen. Heppo schwitzt und flucht: „Ich muss es wieder ausbaden!“ Schuld bin ich, denn ich habe die Koordinaten im falschen Format eingegeben. Grober Fehler! Das darf eigentlich nicht passieren, und ich bin zerknirscht. Heppo schwitzt, als er unseren LKW durch eine winzige Gasse aus brüllenden Händlern lenken muss.

Unser Ziel ist das „Sleeping Camel“, ein sehr bekannter Travellertreffpunkt in Mali,  und der liegt auf der südlichen Flussseite. Wir befinden uns aber gerade auf der Nordseite des Nigers, etwa sieben Kilometer davon entfernt. Endlich ist die Engstelle geschafft, der Markt überwunden. Zurück bleibt der eher normale Wahnsinn einer afrikanischen Großstadt: Hektik, chaotischer Verkehr, wenig Regeln, Tiere und Menschen mitten auf der Straße. Eine hochmoderne Tankstelle kommt in Sicht. Heppo atmet tief durch und erbittet sich eine kurze Verschnaufpause und eine Cola. Natürlich erfülle ich ihm gerne diesen Wunsch und spurte los.

„Ani Su!“, grüße ich die Gruppe gut angezogener Männer, die an einem der Tischchen in der Tanke sitzt. Sie sind erfreut und rufen fröhlich zurück. „Lass dir ein Eis spendieren!“, sagt einer. „Du bist sehr mutig, und es ist schön, dass du versuchst, unsere Sprache zu sprechen!“ Ich lehne ab, doch ihm ist es ernst. „Lass Dir etwas schenken! Ich bin sauer, wenn du gehst, ohne etwas von uns angenommen zu haben!“ Na gut, ein Eis. Warum auch nicht? Danke! “Ini Tie!” Mit zwei Coladosen und einem superleckeren Eis (Magnumstyle) kehre ich zu Heppo zurück, der sich mittlerweile von dem Großstadtschock etwas erholen konnte und nicht mehr gar so verärgert guckt. Ich erzähle ihm von dem netten Erlebnis.

Das Sleeping Camel finden wir dann zum Glück ohne Probleme. Und was uns dann wirklich in Hochstimmung versetzt, ist ein Bier, unser erstes, seit fast zwei Monaten. Dazu eine große Portion French Fries. Die Welt ist gut, und Mali vielleicht auch gar nicht so übel!

*“Da geht uns noch alles kaputt!“

Mali, der zweite Eindruck

Musiktipp: Cheickne Sissoko with 5 drums (5 tamans) Wir haben ihn live in Bamako gesehen!

Frisörgeschäft in Mali

Nachdem der erste Eindruck Mali entspannt, nett und gemütlich hat wirken lassen, ist der zweite Eindruck ein völlig anderer.

Doch von Anfang an: Eigentlich finden wir das kleine Städtchen Nioro du Sahel unweit der Grenze recht sympathisch. Hier gibt es einen lebhaften Markt, auf dem bunte Stoffe, Glasperlen, Schönheitsprodukte und Stoffe angeboten werden, freundliche Menschen und hübsche, kleine Lädchen, bei denen witzig gemalte Bildchen über den Berufsstand des Besitzers aufklären. Schafe, direkt auf die Hauswand gezeichnet und ein Grill davor, sprechen davon, dass sich hier eine Fleischerei befindet. Köpfe mit Haartollen und angedeutete Rasierapparate weisen auf den Frisör hin. Hinter dem Porträt eines Mannes mit Palästinensertuch und Sonnenbrille vermute ich einen Hinweis auf einen Herrenausstatter.

Solange wir noch zu Fuß unterwegs sind, ist alles kein Problem. Wir haben jedoch  vor, mit Frau Scherer das  Hotel Guetama  anzusteuern, denn vom Wildcampen wollen wir in Mali angesichts der angespannten Sicherheitslage lieber Abstand nehmen. Dabei verfahren wir uns mehrmals im Straßengewirr und landen jedes Mal wieder mitten im Marktgetümmel. Auch unser Navi kann uns nicht helfen. Es sieht so aus, als ob wir wirklich durch diese eine enge Straße mit all den Buden, Karren und einer immer dichter werdenden Menschenmenge hindurch müssten. Wir haben kaum genug Platz, halten den Verkehr und Betrieb auf und ziehen so den verständlichen Unmut der Passanten auf uns. Es wird schon dunkel, und wir geraten ein wenig in Panik:  Nachts zu fahren ist in Afrika selten eine gute Idee.

Zu allem Übel hält uns nun auch noch ein Polizist auf. Helfen will uns der großgewachsene und breitschultrige Mann aber nicht. Seine Art ist herrisch, und sein Auftreten alles andere als höflich. Was er uns vorwirft? „Behinderung des Verkehrs und orientierungsloses Verhalten.“ „Entschuldigung, wir kennen uns hier nicht aus. Wir sind gerade erst eingereist!“, werbe ich mit Logik und Vernunft um sein Verständnis. „Bitte geben Sie uns unseren Fahrzeugschein wieder!“ Doch der Typ macht gar keine Anstalten. Stattdessen steckt er das Dokument in seine Hemdtasche, dreht sich von uns weg und macht nun ein paar Schaulustige zur Minna. Grob brüllt er die Umstehenden an. Mich und Heppo lässt er links liegen und scheint uns offenbar gar nicht mehr zu beachten. Dabei ist er sich bestens bewusst, dass wir auf glühenden Kohlen sitzen und er am längeren Hebel. Spätestens hier wird mir klar, dass es gar nicht um ein tatsächlich begangenes Vergehen geht. Der Typ ist ein Sadist. Er weidet sich an unserer Situation und Verzweiflung, genießt die Demütigung, die er uns zufügt und auch, dass ich mich nun auf Schmeicheln, Bitten und Betteln verlege.

Sadistische Umtriebe oder Fleischerei?

Heppo versucht es zuerst mit Wut, doch uns beiden wird schnell klar, dass wir damit alles nur schlimmer machen. Besser, wir geben diesem Unberechenbaren keinen Grund, wirklich einen Groll gegen uns zu hegen. Unser LKW versperrt währenddessen immer noch die belebte Marktstraße. Die Menschen um uns werden mehr und mehr  unruhig angesichts des entstandenen Staus. Ein paar Mutige wenden sich an den Sadisten, der aber keine Anstalten macht, zu einer Lösung der Lage beizutragen. Wahrscheinlich hofft er darauf, dass wir ihm nun Euroscheine oder Dollars zustecken, um unser Dokument auszulösen. Da kennt er uns allerdings schlecht. Das sitzen wir aus.

Dunkel ist es mittlerweile sowieso schon. Und die Menge zeigt Verärgerung. Nun richtet sich deren Zorn aber nicht mehr gegen uns, sondern gegen den Polizisten, der uns nicht weiterfahren lässt. Aber das Glück kommt uns zur Hilfe, nämlich in Form des Polizeichefs, der wohl eher zufälligerweise des Weges kommt. Der kleine, rundliche Mann mit freundlichem Gesicht ist nämlich in Zivil. Daran, wie der Sadist plötzlich Haltung annimmt und freundlich grüßt, merke ich, dass hier unsere Chance liegt. „Monsieur!“, ergreife ich das Wort, um gleich darauf – wie im Kindergarten – zu petzen: „Unsere Dokumente werden uns vorenthalten. Wir werden an der Weiterfahrt ins Hotel gehindert!“

Der Chef ist wirklich so nett wie er aussieht. Denn sogleich legt er ein gutes Wort für uns ein und beschreibt ganz richtig unsere Lage: „Touristen sind das. Gerade erst eingereist. Die Straßenführung ist eben verwirrend. Nur natürlich, dass man da den Überblick verliert. Helfen wir ihnen, dass sie den Weg ins Hotel finden. Es ist ja schon dunkel!“

Ich ergreife meine Chance, bevor es sich der Sadist anders überlegen kann, und zupfe noch während der Ansprache seines Vorgesetzten den Fahrzeugschein vorsichtig aus seiner Brusttasche. Er protestiert nur schwach und versucht sich stattdessen an einem freundlichen Lächeln, das nun ziemlich schief im Gesicht hängt. Diese Muskelgruppen scheint er sehr selten zu beanspruchen. „So eine falsche Socke!“, denke ich mir. Widerlich, solche Typen, die sich an ihrer winzigen, mickrigen Macht aufgeilen. Gefährlich auch, sollte es wirklich einmal um etwas anderes gehen als nur um ein kleines Bestechungsgeld. Was passiert dann in einem Land, im Krieg, wenn die Sitten komplett verrohen? An dieser Stelle mag ich gar nicht mehr weiterdenken…

Frauenteile

Dass im komplett ausgestorbenen Hotel Guetama im Hof neben unserem LKW ein Fernseher steht, auf dem die vorwiegend männliche Wirtsfamilie die halbe Nacht widerliche Splatterfilme guckt, bei denen Frauen von Tentakelmännern in den Bauch penetriert werden, macht es nicht besser. An dem Punkt, wo zerstückelte Frauenteile gefesselten Frauen zum Fraß vorgeworfen werden, gehe ich zurück in den LKW.  (Heppo hatte bereits weit früher bei den ebenso fürchterlichen mexikanischen Telenovelas genug). Trotz der quälenden Hitze schließe ich Türen und Fenster sorgfältig ab. Was ist nur los mit dieser Welt? Mali hat sich gerade von seiner schrecklichen Seite gezeigt. Das nervöse Gefühl in meinem Bauch kehrt zurück. Ist es wirklich eine gute Idee, durch dieses Land zu reisen?