Archiv der Kategorie: Westafrika 2019

Flucht aus Afrika (1)

Songtipp: My Sharona – The Knack
(Das Lied hab ich seit Corona irgendwie als Ohrwurm im Kopf: Ay, Corona!)

Ende Februar dachte in Kpalimé, Togo noch niemand an “social distancing…”

Dienstag, 25.02.2020, Togo, Kpalimé
Das erste Mal höre ich von Corona am 25. Februar. Mein Papa hat an diesem Tag Geburtstag, und er erzählt mir davon. Er wirkt beunruhigt und erwähnt die Möglichkeit einer globalen Pandemie. Wir sind gerade in Togo und helfen mit, ein Yoga- und Reggaefestival zu organisieren. Europa ist weit weg und Deutschland ebenfalls. Über Corona spricht hier niemand. Das Festival ist toll, die Leute sind nett. Wir haben eine wunderbare Zeit.

Als kurz darauf Leute mit akuter Malaria bei uns mit am Tisch sitzen und fiebrig mit den Zähnen klappern, verschwenden wir zwar Gedanken an unsere Gesundheit, aber nicht an das neuartige Virus namens Covid 19. Es heißt ja, dass es die warmen Länder nicht so gerne mag.

Auch wenn es uns in Togo gerade sehr gut gefällt, so dränge ich doch auf Aufbruch und eine Weiterfahrt in Richtung Ghana. Erste Niederschläge erinnern uns an die nahende Regenzeit und daran, besser unseren Zeitplan einzuhalten: Über Ghana soll es in die Elfenbeinküste gehen, weiter in Richtung Guinea und Senegal.

Montag, 09.03.2020, Ghana, Accra & Tema
Wir beantragen unser Visum für die Elfenbeinküste. Der Typ an der Botschaft treibt uns mit seinem Bürokratismus fast in den Wahnsinn. Angeblich erhalten wir die Dokumente aber schon am Mittwoch.

Leider haben wir mittlerweile massive Probleme mit unserem Auto: Die Steuerung ist kaputt. Wir denken über eine Verschiffung ab Accra/Tema nach. Corona spielt bei dieser Überlegung so gut wie keine Rolle. Die MAN Werkstatt VanVliet könnte uns bei der Verschiffung behilflich sein. Aber alles ist nicht so einfach. Unseren Hund ausfliegen zu lassen ist übrigens echt kompliziert…

Dienstag, 10.03.2020, Ghana, Tema
Italien lässt seine Bürger nicht mehr ausreisen und macht die Grenzen dicht. Krass!
Am LKW entdeckt Heppo eine Nachstellschraube. Ein Lösungsansatz? Vielleicht müssen wir Frau Scherer doch nicht auf einem Containerschiff heimschicken?

Mittwoch, 11.03.2020, Ghana, Tema & Accra
Autoreparatur – und es sieht gut aus. Schließlich stellt sich heraus: Wir können weiter. Die Wartezeit bis zur Visumsabholung überbrücken wir in Accra im stacheldrahtumzäunten Innenhof eines Mehrparteienhauses, wo das amerikanische Lehrerehepaar Polly und Leo wohnt. Die beiden sind ganz wunderbare Menschen, die wir bereits bei unserer ersten Fahrt durch Ghana kennengelernt hatten.

Donnerstag, 12.03.2020, Ghana, Accra
Unsere Visa holen wir mit einem Tag Verspätung ab. Ab dem 17.03. dürfen wir in die Elfenbeinküste einreisen.

Freitag, 13.03.2020, Ghana, Accra
Als wir mit Polly und Leo am Frühstückstisch sitzen, erhalten beide eine E-Mail von der Schulleitung: Der erste Coronafall in Accra, Ghana! Polly wird kreidebleich und verschwindet, um zu telefonieren. Es zeichnet sich ab, dass Ghanas Schulen ab sofort geschlossen werden. Nur von Leo verabschieden wir uns schließlich. Wir sind noch immer nicht sonderlich beunruhigt.

Samstag, 14.03.2020 – Montag, 16.03.2020, Ghana, Busua Beach
Unbesorgt fahren wir weiter an den Strand nach Busua, wo wir zwei wunderschöne, unbeschwerte Tage verbringen und sogar noch Angeberfotos für Instagram mit unseren neuen, afrikanischen Anziehsachen machen. Freunde aus Deutschland schreiben: „Bleibt in Afrika. So entkommt ihr wenigstens dem ganzen Wahnsinn hier!“

Aber plötzlich überschlagen sich die Ereignisse: Auf der Whatsapp Westafrican Traveler Group heißt es nun, dass auch die Elfenbeinküste zeitnah ihre Grenzen schließen wird. Mist, unser Visum beginnt erst am Dienstag. Eilig packen wir alles zusammen und fahren 250 Kilometer bis zu einer Tankstelle kurz vor die Grenze, in der Hoffnung, dass die Order nicht gleich zügig umgesetzt wird.

Elephant’s Nest

Dienstag, 17.03.2020, Ghana & Elfenbeinküste
Unbehelligt kommen wir am Morgen über die Grenze. Gegen Mittag, so erfahren wir, ist diese allerdings dann bereits geschlossen.

Am Nachmittag treffen wir am Elephant‘s Nest ein, der Lodge der WAT Moderatorin Chloe in Grand Bassam, einem Vorort von Abdidjan. Außer uns sind vor allem Backpacker und Radfahrer da: Fernando und Rita aus Portugal mit Baby Jaschka, Ben aus den USA, Patrick aus Canada, Atillio aus Australien und Jason aus England. Ben, Patrick und Atillio werden die nächsten Tage abreisen.

Chloe ist ein Phänomen – eine Figur wie aus einem Superhelden-Comic. Wenn es sie nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Die über 60jährige Irin ist eine dynamische Persönlichkeit, die mit ihrem Handy verwachsen scheint. Sie raucht Kette und trinkt gerne Alkohol. Ihre Angestellten kommandiert sie laut schreiend herum. Außerdem scheint sie eine Übermutter zu sein, die sich um alle Probleme der Reisenden kümmert. Nebenher ist sie die Aircrafts Managerin von Cabo Verde Airlines, leitet eine NGO (Waisenhaus), betreut die Lodge, die Reisegruppe – und hat den kleinen Patrick adoptiert.

Hier ist so etwas wie eine  Einsatzzentrale: Im Sekundentakt bekommen wir die SOS-Notrufe von anderen Reisenden mit und werden Zeuge von Chloes immer hektischer werdenden Hilfsversuchen und ihren Telefonaten mit Menschen in wichtigen Positionen. Chloe scheint alle zu kennen und Beziehungen bis in höchste Kreise zu haben.

Mittlerweile häufen sich die Nachrichten von Grenzschließungen. Unser Plan, weitere Visa zu besorgen und so rasch wie möglich in Richtung Senegal oder Marokko zu kommen, zerschlägt sich schnell. An eine Weiterfahrt ist nun nicht mehr zu denken. Die Schulen hier m Land sind ebenfalls bereits seit Montag geschlossen.

Mittwoch, 18.03.2020, Elfenbeinküste, Grand Bassam
Wir nehmen mit der deutschen Botschaft Kontakt auf und tragen uns in die Krisenvorsorgeliste Elefand ein. Flüge (nach Paris) soll es offiziell nur noch bis Sonntag geben. Es heißt, der Flughafen wird zeitnah geschlossen. Bei Telefonaten mit Air France erfahren wir, dass unter den momentanen Umständen keine Hunde mitgenommen werden können. Ähnliches hören wir von der Botschaft: „Hunde haben im Evakuierungsfall keine Priorität!“ Oh nein!

Die Neuzugänge im Elephant‘s Nest sind Martin aus Eichstätt und Mitchel aus Canada. Martin ist nach eigenen Aussagen Optimist: „So a Glück muss ma erst mal hab’n. Letzte Woch’ hams ma mein Geldbeutel mit Kreditkartn ‘klaut, und etz seids ihr zwei da, aa aus Bayern!“
Ich bin heilfroh, dass Martin kein Pessimist ist. Weitere Lichtblicke: Es gibt eine Tischtennisplatte und einen Kickerkasten. Chloes Ziehsohn Patrick wird mein Hauptherausforderer. Schön! Beim Spielen kommt man wenigstens auf andere Gedanken!

Donnerstag, 19.03.2020, Elfenbeinküste, Grand Bassam
Die Botschaft ruft mich an. Angeblich gehen nur noch zwei reguläre Flüge, heute und morgen, danach nicht mehr. Und wir müssen uns selbst um die Tickets kümmern. Schnell zum Flughafen also! In Abidjan gibt es zwei Air France Büros, eines im Stadtteil Plateau, das andere am Flughafen. Wir entscheiden uns für das Büro am Airport, das aber erst gegen Mittag öffnet. Vorher fahren wir noch zum Tierarzt, um uns ein Internationales Gesundheitszeugnis zu besorgen (Kosten: 20 Euro).

Am Flughafen gibt es keine Möglichkeit für Frau Scherer zu parken; die Höhenbeschränkung bildet ein unüberwindbares Hindernis. Die Zufahrt über den Evakuierungsweg (mit umklappbaren Schranken und keinerlei Höhenbeschränkung) will man uns jedoch nicht gestatten. Sowieso egal, denn nach langem Schlangestehen am Air France Schalter erfahren wir, dass die Tickets für beide Flüge tatsächlich schon weg sind. Schnell fahren wir noch in die einzige Tierhandlung weit und breit (“Orca”, in Abidjan). Wir ordern eine Hundebox Größe L für ca. 230 Euro, damit wir für den Fall der Fälle gewappnet sind.

Im Elephant‘s Nest hatten wir eigentlich für den heutigen Abend eine Krisensitzung/Plenum anberaumt, aber Chloe fehlt. Als sie zurückkommt, ist sie betrunken, lallt und schläft über ihrem Bier am Gemeinschaftstisch ein. Ich bewahre sie mehrmals davor, in ihr Bierglas zu fallen.

Elephant’s Nest

Freitag, 20.03.2020
Es wird zunehmend klar, dass wir uns im Elephant‘s Nest verschanzen werden müssen. Ab Sonntag vereinbaren wir einen freiwilligen Lockdown. Heppo und ich plädieren auf gemeinsame Aktionen gegen den Lagerkoller (Telegymnastik mit Johanna Fellner und Yoga). Fernando und Rita finden die Idee sehr gut. Jason ist eher schweigsam und zurückgezogen. Der drahtige Engländer sucht aber unsere Nähe und freut sich über meine Gemüsesuppe. Mitchel, Typ Surfboy, nutzt die Gelegenheit, um als digitaler Nomade Arbeiten zu erledigen und hält fleißig Telefonkonferenzen mit Canada ab. Auch er separiert sich. Martin setzt sich ebenfalls vor den Computer.

Hoffnungsschimmer: Anruf von der deutschen Botschaft. Eventuell gibt es nächste Woche noch einen Sonderflug für die verbliebenen ausreisewilligen Deutschen, angeblich nur 20 an der Zahl.
Wir halten nochmal kurz inne: In Abidjan gibt es bisher nur 9 bestätigte Coronafälle, in Deutschland sind es bereits 18.000. Macht es wirklich Sinn, nun fluchtartig das Land zu verlassen – ohne Frau Scherer? Der Mitarbeiter der Botschaft meint dazu: „Richtig, Sie würden von einem Niedrigrisikogebiet in ein Hochrisikogebiet fahren. Allerdings ist die Gesundheitsversorgung hier sehr schlecht. Wenn Corona ausbricht, gibt es in der Elfenbeinküste vor allem nicht genügend Liegebetten.Bitte beziehen Sie das in Ihre Überlegungen mit ein!“

Ja, wir möchten nach Hause, denn dort sind unsere Freunde, die Familien und unser Hof. In Afrika scheint die Stimmung außerdem zu kippen. Auf der Straße wird “Coronavirus” hinter uns hergerufen. Der chinesische Radfahrer, der uns mit der gehissten Flagge seines Landes an der Grenze Ghana/Elfenbeinküste entgegenkam, wurde zusammengeschlagen. Viele Reisende berichten von Anfeindungen. Im öffentlichen Raum sieht man plötzlich viele maskentragende Menschen. Vor jedem noch so kleinen Supermarkt gibt es Desinfektionsmittel plus Securities, die die Händedesinfektion überwachen und koordinieren.

Telefonat mit meinem Bruder: „Ab heute Nacht 24 Uhr haben wir nun eine Ausgangssperre in Bayern! Das macht mir Angst!“
Auch manche Freunde reagieren paranoid: „Ich glaube langsam nicht mehr an die Sinnhaftigkeit der ganzen Maßnahmen. Da geht es um etwas anderes. Die Sache stinkt doch zum Himmel!“

Ich fühle mich entschlossen und stark, fast schon etwas radikal. Alles, was getan werden muss, werde ich machen. Ich denke tatsächlich sogar darüber nach, im Ernstfall Sidi zurückzulassen oder ins Tierheim zu geben – widerwillig natürlich und hoffentlich nur vorübergehend. Für Heppo kommt diese Option aber überhaupt nicht in Frage. Lieber würde er mich alleine zurückfliegen lassen. Wir einigen uns: Also gut, entweder fahren wir alle gemeinsam – oder eben keiner!

Ich erlaube mir weder große Gefühle noch Sentimentalitäten, stürze mich stattdessen in Sport, Routine, Ablenkung, Aktionismus, Recherchen und Vorbereitungen für eine schnelle Abreise. In den wenigen freien Minuten, die mir bei diesem selbst auferlegten Programm bleiben, lese ich Rüdiger Nehberg: Die Kunst zu überleben. Leider finde ich aber nur wenig Brauchbares darin. Autogenes Training soll angeblich helfen, um mental stabil zu bleiben und Stresssituationen gut und unbeschadet zu meistern. Leider habe ich aber überhaupt keine Ahnung, wie das gehen soll. Eine genaue Anleitung dazu fehlt in dem sehr allgemein gehaltenen Büchlein. Wahrscheinlich ist da bei mir sowieso schon so eine Art  Überlebensmechanismus am Werk. Trotzdem bleibt auch noch Zeit zu zweifeln: Was ist das für ein seltsamer Realitätsshift? Ist nicht doch alles nur ein Traum? Globale Pandemie? Ehrlich? Das kann doch wohl nicht wahr sein!

Am Nachmittag fahren wir mit Chloe nach Abidjan, um unsere Hundetransportbox abzuholen. Chloe fährt mit irrsinniger Geschwindigkeit über die dreispurige Stadtautobahn, die Grad Bassam mit der Hauptstadt verbindet. Sie hupt und schimpft und schreit dazu in ihr Autotelefon. Alle und jeder werden herumkommandiert, sogar die Polizei steht vor Chloe stramm. Was für eine Frau! Eine Mutter Courage! Bei ihrem wahnwitzigen Fahrstil fürchte ich allerdings mehr als einmal um unser Leben.

Bei Orca: Die Hundebox ist da! Hurra! Aber nun sind wir  230 Euro ärmer.

Mit Chloe geht es in affenartiger Geschwindigkeit zurück zur Lodge, vorbei an Militär und Polizeiposten. „Unusual!“, sagt sie. Dann geschieht etwas Seltsames: Plötzlich bin ich ganz ausgezeichneter Laune. Ich stecke meinen Kopf zum offenen Fenster hinaus in den warmen Fahrtwind. Der Tod ist nah, und dadurch fühle ich mich frei. Ich habe keine Angst mehr, denn alles ist relativ. Und ich weiß genau: Heute werde ich nicht sterben und auch nicht morgen. Ein Mädchen mit lilafarbenen Schmetterlingsflügeln auf dem Rücken schwebt vor uns über die Straße. Das ist ganz real – und wirkt doch zugleich wie aus einem Traum. Neben mir beginnt Chloe zu kichern: „I knew it’s him: Michel fucking Jackson, the best policeman in town!“. Und tatsächlich, eine schwarze Version von Michael Jackson tanzt auf der Kreuzung vor uns seinen Moonwalk, lässt seine weißen Handschuhe durch die Luft wirbeln und zaubert den Autofahrern ein Grinsen ins Gesicht…

Warme Liebe durchströmt mich, für Afrika und für die ganze verdammte Menschheit.

Hundebox gekauft: Was für ein Glück, dass es in Abidjan eine richtige Tierhandlung gibt

Status Quo: Zuhause – ohne Frau Scherer

Liebe Leute, Freunde und Familie

Mein Blog war zuletzt vor lauter Reisen und unzureichenden Internetverbindungen arg in Verzug geraten. Alles, was ihr bis jetzt gelesen hattet, bezieht sich auf November 2019 und zuvor.

Bis vorgestern waren wir jedoch bereits zum zweiten Mal in der Elfenbeinküste. Seit gestern sind wir wieder zu Hause!
Wir, Heppo, Sidi und ich, sind wohlauf; Frau Scherer mussten wir jedoch leider bei einer katholischen Kirchengemeinde zurücklassen.

Wir wurden mit einem Sonderflug (die deutsche Botschaft intervenierte) trotz geschlossener Grenzen und abgeriegelter Flughäfen nach Paris ausgeflogen.
Um die Tickets mussten wir uns aber selbst kümmern, was gar nicht so einfach war: Online-Buchung nicht möglich, geschlossene Air-France-Büros, weitere Ausreisewillige und chaotischer Informationsfluss.

Fast schwieriger als das Ausfliegen war es aber, sich von Paris nach Deutschland durchzuschlagen. Frankreich war echt der Horror! Kein Screening, keine Desinfektionen, keine Quarantäne (übrigens auch nichts von alldem in Deutschland!), dafür schwer bewaffnete Polizei und Militär, unfreundlichste Behandlung, verschlossene Toiletten, kein Wasser, kein Essen, keine Hilfe und fast alle öffentlichen Verkehrsmittel gecancelt. An den Bahnhöfen in Paris waren nur noch zwielichtige Gestalten oder Obdachlose unterwegs ,obwohl immer noch Sonderflüge mit evakuierten Reisenden ankamen.

Letztendlich ging es dann auf gut Glück mit dem Zug weiter, über Straßburg und Kehl, über Karlsruhe nach Nürnberg. Die Einreise nach Deutschland war kein Problem, nur ID-Check durch Polizei, und der geschah freundlich.

Trotzdem sind wir froh, aus Afrika weg zu sein. Dort scheint es zwar tatsächlich eine bessere “public awareness” zum Thema Corona zu geben, z.B. bessere Desinfektionsmittel und mehr maskentragende Menschen als in Europa – kein Witz! Aber es wurde zunehmend unangenehm: “Coronavirus!” Rufe auf den Straßen und beginnende Anfeindungen. Statt uns also in der Elfenbeinküste in der Elephant’s Nest Lodge mit anderen Reisenden in einen freiwilligen “Lock Down” zu begeben und den absoluten Lagerkoller zu bekommen, haben wir uns dafür entschieden, zu Familien, Freunden und unserem Zuhause ins “Krisengebiet” (O-Ton dt. Botschaft) zurückzukehren.

Wir hoffen sehr, dass es Euch gut geht. Bleibt gesund!

Ich schreibe in den nächsten Tagen ausführlicher und werde auch natürlich die Lücken im Blog langsam auffüllen.
Herzlichst
eure Berit mit Heppo und Sidi

Bei den Webern

Musiktipp: Der angesagte Musikstil in der Elfenbeinküste heißt Coupé-Decalé und ist sehr tanzbar!

Bei den Webern

Das Kirchengeläut der katholischen Kirche in Ferkessedougou hört sich an wie ein Feueralarm. Es ruft zur ersten Messe dieses Tages. „Herrgott! Die nehmen ihren Glauben aber ernst!“, stöhne ich. Der Vorteil ist aber, dass wir bereits um sechs Uhr morgens hellwach sind.

Gefärbte Baumwolle

Auch im nächsten Ort namens Korhogo kommen wir wieder bei einer Kirche unter, diesmal bei den Baptisten. Der Vikar Père Paul stammt aus dem Togo. Obwohl die gesamte kirchliche Anlage ausgebucht ist, ist er so liebenswürdig, uns sogar einen Zugang zu einem Zimmer mit Klo und Dusche klar zu machen.

Die Frauen fügen die Stoffbahnen zusammen

Korhogo ist das Zentrum alter Handwerkstraditionen: Maler, Weber, Schmuckhersteller, Schnitzer und Schmiede soll es dort geben. In der Stadt spricht uns ein junger Mann an. Petit Solo, so heißt er tatsächlich. Er ist Guide und möchte uns in das Dorf der Weber und zu den Schmieden führen. „Auch ein Maskenfest könnt ihr sehen!“, lockt er uns auf Deutsch. 18.000 CFA will er für seine Dienste. Nicht gerade billig! Wir sind uns aber einig: Manchmal ist es eben doch ganz gut, mit einem Ortskundigen zu gehen. Vor allem das Maskenfest, das sich etwas später als eine Beerdigung herausstellen wird, könnten wir ohne ihn sicherlich nicht besuchen.

Arbeitsteilung: Die Männer weben, die Frauen nähen

Und hier die fertigen Produkte

Zuerst geht es aber ins Dorf der Weber. Auf einem überdachten Platz sitzen auf selbstgebauten Webstühlen ausschließlich Männer vor langen bunten Fadenreihen. Die gewebten Bahnen sind wohl kaum breiter als 15 Zentimeter. „Das Handwerk wurde etwa im 13 Jahrhundert von den Maghrebinern in die Elfenbeinküste gebracht!“, erklärt Petit Solo. „Im Gegenzug musste die Dorfbevölkerung den islamischen Glauben annehmen!“ Seit dieser Zeit ist das Dorf eine große Manufaktur. Die Männer und Jungen, man beginnt im Alter von etwa 10 Jahren, sind für das Weben zuständig. Die Frauen verspinnen die Baumwolle und nähen die schmalen Bahnen zu größeren Stoffstücken zusammen. Wiederum die Männer schneidern daraus dann die bunten und etwas steifen Kleidungs- und Gebrauchsstücke, die mich in ihrer schönen Schlichtheit ein bisschen an die Gewänder der Amish people in Amerika erinnern.

Beerdigung und Trommelfest in der Elfenbeinküste (Foto: Heppo)

„Wir müssen los zum Maskenfest!“, drängt Petit Solo auf Aufbruch. Erst auf dem Weg erfahren wir, dass es sich um eine Beerdigung handelt. „Kein Grund zur Trauer!“, meint unser Guide, als er unser Zögern bemerkt. „Eine Beerdigung ist ein fröhliches Ereignis!“. Es bedeutet, dass der Verstorbene endlich in eine bessere und schönere Welt hinübergehen kann. Manchmal wird jahrelang darauf gespart, denn das Fest wird mit großem Pomp gefeiert. Zahlreiche Trommel- und Balaphongruppen treten auf, die Masken kommen, und ein ganzes Dorf, Freunde plus die zahlreiche Verwandtschaft wollen verköstigt werden. Das alles kostet natürlich. Als der Sarg zu Grabe getragen wird, geht es hoch her. Kindern schwenken Wedel aus Pferdehaaren, Männer wie Frauen tanzen. Bunt geht es zu und laut und wild und tatsächlich eher ausgelassen bis lustig. Unglaublich! Auch ich werde dazu aufgefordert mitzutanzen, also wackle ich ein bisschen mit den Hüften und hüpfe von einem Bein auf das andere. Schon werden die ersten Handys gezückt und kleine Videos von der komisch tanzenden weißen Frau angefertigt. Besser höre ich wieder mit meiner Performance auf; ich möchte ja niemandem die Schau stehlen.

Berit beim Tanzen (Foto: Heppo)

„Kopf runter!“, schreit mich Solo plötzlich an. „Dort ist eine der echten Masken, die besonders für Frauen sehr gefährlich sind!“ Tatsächlich habe ich schon von diesen gelesen. Es gibt Masken, die zu Unfruchtbarkeit und sogar zum Tod führen können. Neugierig wie ich bin, linse ich aber trotzdem nach der Maske und sehe nur ein riesiges, wandelnden Grasbüschel. Oh, wenn das mal kein Fehler war! Aber – zum Glück – glaube ich ja nicht an diese Dinge.

Beerdigungen sind hierzulande keine traurige Angelegenheit (Foto: Heppo)

So viele Leute! (Foto: Heppo)

Check this dancing:)
https://www.youtube.com/watch?v=OCiA1ZVy5ho

Empfang in der Elfenbeinküste

Musiktipp: Alpha Blondy und Tiken Jah Fakoly kommen übrigens aus der Elfenbeinküste

Grenzübertritt bei Pogo! Das freut den Punk in mir >:D

Der Grenzübertritt in die République de Côte d’Ivoire (Elfenbeinküste) ist angenehm und unstressig. Schon bald halten wir neben dem Weg in einer Parkbucht. Diese darf man sich natürlich nicht perfekt angelegt vorstellen. Es ist einfach ein kleiner Sandplatz, der von viel tropischer Vegetation umgeben ist. Da dieser aber von der Straße aus kaum einsehbar und angenehm ruhig und friedlich wirkt, beschließen wir spontan, bis morgen zu bleiben.

Vermeintlich gefährlicher Hund

Nur ein paar Viehhirten begegnen uns bei unserem Spaziergang mit Sidi. Um die Kuhherde, sprich: die Kühe mit ihren gefährlich wirkenden spitzen Hörnern, vorbeizulassen, drücken wir uns am Wegesrand ins Gebüsch. Der Hirte und sein Sohn erschrecken sich fast zu Tode, als sie uns entdecken und trauen sich kaum, an uns vorbeizugehen. Den Tieren ergeht es nicht anders. Komisch finden wir das im ersten Moment, aber als wir uns die Situation aus der anderen Warte vorstellen, wird uns klar: Wir würden vielleicht ähnlich reagieren, wenn bei unserer täglichen Hunderunde in Deutschland plötzlich zwei Schwarze mit einer Ziege im Gebüsch sitzen würden. Selbst wenn beide nur die absolut harmlose Absicht hätten, Abstand zu uns und unserem vermeintlich gefährlichem Hund zu wahren, käme uns das schon etwas beängstigend vor.

Riesiger Termitenhügel

Am nächsten Tag fahren wir erst am späten Vormittag los, doch sonderlich weit kommen wir nicht. Nach ein paar Kilometern geraten wir in eine der üblichen Straßenbarrieren der Polizei. Alte Autoreifen, Baumstämme, verbeulte Ölfässer und eine dicke Kordel versperren uns die Weiterfahrt. Ich fühle mich verschaukelt, als mein freundliches „Bonjour!“ mit übertrieben hoher, weiblicher Tonlage von einem Uniformierten nachgeäfft wird. Automatisch senke ich meine Stimme um eine Oktave. Als der Unsympath nun aber auch noch meine ihm gereichte Hand in festem Griff hält und nicht mehr loslassen will, wird mir etwas unheimlich. Zur Sicherheit erwähne ich meinen im Auto wartenden Mann, der aber dummerweise von meiner Bedrängnis nichts mitbekommt. „Das ist mir egal!“, raunt der Polizist nun. „Hierbleiben musst du und einen aus der Cote d‘Ivoire heiraten.“ Ich fühle mich unwohl. Dieses Mal hat es die Polizei wirklich auf uns abgesehen. Zum Glück mischt sich nun ein Kollege ein, der deutlich sachlicher wirkt. Er macht uns klar, dass wir zurück in den letzten Ort fahren müssen, um uns dort auf dem Kommissariat von Ouangolodougou zu melden. „Order von oben! Keine Widerrede! Weigerung zwecklos!“ Sogar eine Motorradeskorte bekommen wir.

Für die Frauen sind die Polizeicheckpoints willkommene Gelegenheiten, um den Reisenden ihre Waren anzubieten

Auf der Wache werden wir sogleich an den Vorgesetzten weitergereicht, der uns in sein Büro bittet. Auch er schlägt einen unfreundlichen Ton an, bombardiert uns mit allerhand Fragen, erkundigt sich nach unserer Religion, unserem Essverhalten, unserer finanziellen Situation und nach unseren Wohnverhältnissen in Deutschland. Ein richtiges Verhör ist das. Ich fühle mich schrecklich. Selbst Heppo, der bislang noch recht cool war, wirkt nun langsam beunruhigt. Ich beschließe, nun meinerseits eine Frage zu stellen:„Was wird uns denn eigentlich vorgeworfen?“ Insgeheim mutmaße ich, dass es sich um eine besonders perfide Art handelt, uns Angst zu machen und damit Geld zu erpressen.

Wirklich nervig: Police Checkpoint

Der Chef  nickt wortlos. Auf dieses Stichwort scheint er nur gewartet zu haben. Dann zeigt er uns den französischen Artikel einer ivorischen Tageszeitung. Das dort abgebildete weiße und europäische Paar wird darin als ein international gesuchtes Mörderpaar beschrieben. Auf seiner Flucht nach Afrika wurde es schließlich hier im Land geschnappt. Offensichtlich hat der Polizeioberst eine blühende Fantasie: Nun sieht er in den wenigen auf dem Landweg ankommenden Touristen nur noch Killer und Verbrecher. Vielleicht hofft er aber auch auf einen Karrieresprung durch einen ähnlichen Fahndungserfolg. „Was werde ich finden, wenn ich eine Interpol-Anfrage über euch starte?“, fragt er nun, maliziös lächelnd. „Nichts!“, sage ich entrüstet und weiß nicht, ob ich nun lachen oder weinen soll.

Als er zehn Minuten später zurückkehrt und uns eröffnet, dass Interpol keinen Suchbefehl nach uns ausgegeben hat, ist er plötzlich wie ausgewechselt. Freundlich führt er uns zurück zum LKW und gibt uns noch Tipps zur Strecke bis nach Ferkessedougou, unserem nächsten Ziel.

Über diesen Ort konnten wir in der What‘s app Westafrican Traveller Group folgenden Eintrag lesen: „Ferkessedougou is for always burnt in my memories. Asking for a place to stay, the police told me to either sleep in a brothel or go to a convent. I am too ashamed to tell which option I chose!“ (Zitat aus dem Gedächtnis!) „Wahrscheinlich ging er ins Kloster!“, spötteln wir.

Ja, so sieht es in Ferke aus!

Moment mal , eigentlich ist es  wirklich keine schlechte Idee, bei einer der zahlreichen Religionsgemeinschaften um Asyl zu fragen. Die katholische Kirche befindet sich mitten in der lebhaften Stadt in einem großzügigen und ruhigen Innenhof. „Pas de problème!“, erklärt der entspannte Pfarrer Emanuel, und schon haben wir einen günstigen  und sicheren Stellplatz ergattert (gegen Spende) . Von hier können wir über den nebenan gelegenen Markt bummeln und zum nahen Freiluftkonzert der Evangelikalen schlendern. Freudig werden wir dort von den Gemeindemitgliedern begrüßt. Doch lange halten wir es dort nicht aus. Die Band wäre eigentlich gar nicht so schlecht, wenn nicht das viele „Halleluja, hey!“ wäre.

Wir kehren zu Frau Scherer zurück und stellen fest, dass  in der katholischen Kirche gerade eine Messe stattfindet. Ganz schön ausdauernd sind sie hier: Der Gottesdienst dauert fast drei Stunden, nämlich bis 23 Uhr. Gefühlt wird ununterbrochen das „Ave Maria“ gebetet. Auch die Evangelikalen bringen jede Menge  Enthusiasmus und Energie auf: „Halleluja, hey!“, schallt es noch die halbe Nacht zu uns herüber.

Halleluja hey, I like your Style!

Raus aus der Stadt

Musiktipp: Papa Wemba, der bekannteste Vertreter des kongolesischen Rumbas. Papa Wemba, war stilbildendend für die Bewegung der Sapeurs, der kongolesischen Modehippster.

Chutes de Farako

Fast zwei Wochen waren wir nun in Bamako. Unser Ghana-Visum (eine komplizierte und langwierige Angelegenheit) halten wir endlich in Händen. Auch Sidi scheint sich langsam zu erholen. Zeit, weiter zu fahren.

Zum Abschied erkunden wir mit den Holländern Lisa und Bart (die heißen echt so!) noch einmal die Musikszene.
Den Club gleich hinter dem Sleeping Camel, in dem regelmäßig eine kongolesische Rumbaband spielt, verlassen wir schon bald wieder. Die Musik gefällt uns nicht, und der verzerrte Klang aus den reichlich übersteuerten Boxen ist uns ein Graus. Wieder bin ich darüber erstaunt, wie gesittet das Publikum auf den Loungesesseln still hält. Nur ganz vorne tanzt eine sehr leicht bekleidete Frau, die aber wahrscheinlich zur Band gehört.

Heppo schaltet seinen Partyriecher auf Suchmodus. So landen wir schon bald in einem Kulturzentrum, wo gerade eine Charityveranstaltung stattfindet. Es spielt „Salome“. Leider kommen wir zum letzten Lied vor der Pause, die von den gleichermaßen langatmigen wie reißerischen Reden des Conferenciers überbrückt wird. Auch die Rapper, die man hier wie „Rubber“ ausspricht, langweilen uns mit ihren schlechten Playbacks und peinlichem Gehabe. Lisa und Bart kapitulieren, sie wollen zurück ins Camel. Wir hoffen hingegen auf die zweite Runde von Salome und Band. Und unsere Geduld wird belohnt: Salome tritt in grünem, glänzenden Kleid auf die Bühne, unterstützt von ihrer vielköpfigen und ausnahmslos männlichen Band. Der Keyboardspieler erregt unsere Aufmerksamkeit, er ist nämlich – weiß.

Die Musik ist gut und so psychedelisch wie fast alles, was wir bisher in Mali gehört haben. Endlich einmal trauen sich auch die Zuschauer zu tanzen. Männer wie Frauen (alle ausnahmslos bestens gekleidet) stürmen dazu auf die Bühne und umringen die Sängerin. Alle tanzen in einem großen Kreis, der sich um Salome herumbewegt. Wir gucken uns das Spektakel an und haben bald schon Favoriten. Ich freue mich schon immer auf die langbeinige Schönheit im roséfarbenen Kleid, die bei jeder Runde graziös an uns vorbei schwebt. Ihr optisches Gegenstück, eine kleine, runde Venus von Willlendorf, tanzt ebenfalls ganz wunderbar. Bei jedem Tanzschritt bebt und wackelt ihr Fleisch. Auch ein paar der Jungs haben es echt drauf; mit zuckenden Hüftbewegungen schieben sie sich langsam vorwärts.

Als die Musik immer ekstatischer wird, geben wir uns einen Ruck und lösen uns aus unserer Rolle als Voyeure. Entschlossen drängen wir uns in den Kreis. Freudig werden wir aufgenommen, und nach dem Ende des Liedes sogar von Mittänzern und Bandmitgliedern abgeklatscht. Wir finden, dies ist ein schöner Abschied von Bamako.

Nette Jungs am Parkplatz

Am nächsten Tag kommen wir also endlich weiter. Zum Fahren teilen wir uns eine Kolanuss, über deren Wirkung man sagt, dass sie Energie spendend und belebend wirken soll. Sie soll auch dabei helfen, die Hitze erträglicher zu machen. Der Geschmack der Kola ist aber schrecklich bitter und somit sehr gewöhnungsbedürftig. Als uns außerhalb der Stadt wieder einmal ein korrupter Polizist anhält, der es sich in den Kopf gesetzt hat, von uns zu kassieren, merken wir erst, wie gut die Droge ihre Wirkung tut. Wir texten den Typen dermaßen zu, dass er schon bald genervt die Augen verdreht. Möglichst schnell möchte er uns nun wieder loswerden. Lachend sitzen wir kurz darauf im LKW und merken erst, wie angeregt wir wirklich sind.

Schöner Ort in Mali Missiokoro

Die letzten beiden Nächte in Mali verbringen wir dann – alle Warnungen in den Wind schlagend – mehr oder weniger wild campend in der freien Natur. Bei Missiokoro gibt es eine Naturmoschee, die sich in einer einer großen Felsformation in einer Höhle befindet. Hier vermischt sich der muslimische Glaube mit dem Animismus. Auf einem Steinhaufen werden Schafe und Hühner geopfert, Marabuts sitzen in Felsnischen, beten und beraten Menschen, die mit ihren Anliegen zu ihnen kommen. Der Ort ist wirklich schön. Sogar Paviane gibt es hier, allerdings zeigen sie sich uns nur von Ferne, ganz oben auf dem Felsplateau.

Magische Felsen

Unsere letzte Nacht bei den „Chutes de Farako“ verläuft zum Glück ebenfalls ohne unangenehme Zwischenfälle. Nur ein paar Jugendliche entdecken uns und fragen nach Geld. Obwohl die beiden komplett harmlos wirken, verstecken wir uns mit Frau Scherer bei Einbruch der Dunkelheit ein bisschen weiter im Gebüsch. Ruhig und ungestört verläuft diese Nacht. Bemerkenswerte ist einzig und allein Folgendes: Es ist mal so kühl, dass ich mich mit zwei (leichten) Laken zudecken muss. Wie wunderschön!