Archiv der Kategorie: Westafrika 2019

Es riecht so gut

Bericht aus der Elfenbeinküste (November 2019):


Off the beaten track

Über Bouarke fahren wir weiter in den Osten. Schnell wird uns klar, dass wir nun wirklich abseits der ausgetretenen Touristenpfade unterwegs sind. Statt auf einer Straße mit Teerbelag befinden wir uns nun auf einer  roten Sandpiste, und der Dschungel links und rechts davon wird immer dichter. Auch die Häuser der Dörfer, die sich im wuchernden Grün verstecken,  sind nun keine  Steinbauten mehr mit Stromanschluss, sondern einfache Lehmbauten ohne  Komfort.

Es riecht phantastisch in diesem Land. Ob diese hübsche Mimose der Ursprung ist? Dicrostachys cinerea

Ich stecke meinen Kopf aus dem Fenster, spüre den feuchtwarmen Fahrtwind, schlucke den Staub und sauge tief die exotischen Düfte ein. Dieses Land riecht so gut! Wenn ich ein Parfümeur wäre, so würde ich mich hier inspirieren lassen zu einer 80er-Jahre-Retro- Duschgellinie: „Exotic Dreams“ würde ich eine Kreation nennen, „Tropical Feelings“ eine andere und „Jungle Breeze“ eine dritte. Silhouetten von sich küssenden Paaren im Sonnenuntergang und große Blüten würden die Labels zieren.
Fast sind mir meine Fantasien etwas peinlich, aber ich schwöre euch: Spätestens, wenn ihr einmal an meinen flüssigen Seifen geschnuppert hättet, dann wärt ihr diesen für den Rest eures Lebens verfallen.

Exotische Blüten

Während ich in Gedanken meiner unausgelebten Karriere als Dufterfinder nachhänge,  ist es spät geworden. In den Tropen wird es stets pünktlich gegen 18 Uhr dunkel. So suchen wir uns gerne oft schon gegen 16 Uhr einen Platz für die Nacht. Diesmal fällt die Wahl auf den Ort Sabarybougou. Der Dorfchef Abou gibt sein Okay. Er ist ein kluger Mann, der seine Jugend als Matrose in Marseille verbrachte. Leider hat er selbst nicht viel Zeit für uns, und so ist es Fofana Sima, der uns durch das kleine Dorf führt. Klein sieht die Häuseransammlung allerdings nur direkt von der Straße aus. Von dort aus gehen wir auf verschlungenen Pfaden immer weiter,  von Haus zu Haus. Vor den winzigen, oftmals im Viereck angeordneten Bauten kochen die Frauen auf offenen Feuerstellen oder arbeiten in ihren Gärtchen. Dazwischen spielen Kinder unter Schatten spendenden Mangobäumen,  Hühner und Ziegen laufen frei herum.  Einfach ist das Leben hier, aber es wirkt auch sehr idyllisch auf uns. „Wie viele Menschen leben hier?“, möchte ich wissen. „Ein paar tausend sind es schon.“, antwortet Fofana zu unserer Überraschung.

Schulweg

Mittlerweile folgt uns eine Schar von etwa 20 bis 30 Kindern, vor allem Jungs. Auch als wir unsere Tour durch den Ort längst beendet haben, stehen sie noch lange vor unserem LKW. Sie singen uns französische Kinderlieder à la „Frere Jacque“ und „À la volette“ vor. Wir finden, dafür haben sie sich einen Ball verdient. Die Freude ist groß!


Bei den Malern und Schmieden

Bericht aus der Elfenbeinküste von November 2019:


Musiktipp aus der Elfenbeinküste: Eine Retronummer von Luckson Padaud: Telephone

Unser Guide Petit Solo führt uns in das Dorf der Schmiede

Mit Petit Solo sollte es heute Vormittag ins Dorf der Schmiede gehen. Aber heute ist Baptistenfeiertag, bei dem gefeiert wird, dass Jesus der Schöpfer der Welt ist. So sind wir schließlich bis Mittag im Innenhof der kirchlichen Gemeinde “gefangen”. Na ja, der Ausdruck ist vielleicht etwas übertrieben, aber wir können nicht wegfahren. Da der Gottesdienst, wie fast alles in Afrika, draußen stattfindet, wollen wir aus Respekt die mehrstündige Zeremonie (von 7 Uhr bis 12 Uhr) nicht stören. (Unser LKW ist laut und stößt schwarze Rauchwolken aus!)

Auf diese Weise erhalten wir aber etwas Einblick in das religiöse Leben dieser Gemeinde. Es ist bestimmt nicht übertrieben, wenn ich schreibe, dass hier 300 bis 400 Personen zusammengekommen sind. Alle sind sehr gut gekleidet. Viele Familien posieren stolz im Partnerlook. Absurd hingegen wirkt auf uns der Gottesdienst: Dieser ist eine seltsame Mischung aus einer Prozession mit Marschmusik, christlichen Gesängen (wie wir sie kennen) und afrikanischen Trommelsessions.

Endlich ist der Gottesdienst zu Ende, und wir fahren los. Auf dem Weg zu den Schmieden machen wir einen kurzen Halt bei den Malern. Auf grob gewebten Stoffbahnen werden dort mit dicken, schwarzen Outlines Masken und Tiere gezeichnet und dann bunt ausgemalt. Das hat fast etwas Comicartiges. Auch die vor allem in den USA berühmten „mud cloths“ werden hier angefertigt. Die „Bogolan“ oder „Bògòlanfini“ stammen eigentlich aus Mali. Dabei handelt es sich um Textilien, die mit fermentiertem Schlamm (mud) gefärbt und bemalt werden. Ursprünglich waren diese eher sackartigen Überwürfe eine Tarnkleidung der Jäger, aber auch Statussymbol und Schutz vor bösem Zauber. Heute werden die Bogolan vor allem für Touristen hergestellt.

Das Eisen wird ausgewaschen

Das Dorf der Schmiede hat vor allem Museumscharakter. Als wir ankommen, liegen vier gelangweilte Männer im Schatten eines großen Baumes. Der jüngste von ihnen ist für uns zuständig: „Eine sehr alte Technik wird hier angewendet!“, sagt er. „Seit 500 vor Christus gewinnen und verarbeiten wir Eisen auf die gleiche Weise!“
Eisenhaltiger Sand wird abgebaut. Dieser wird erst gewaschen und gesiebt. Da Eisen schwerer als Sand ist, sinkt das Metall nach unten. Mit Wasser werden dann sogenannte Eisenbuletten geformt. Man erhitzt sie in einem Ofen und bringt das Material zum Schmelzen. Die eisenhaltige Flüssigkeit fließt über ein Rohr ab und erkaltet zu einem Klumpen. Der enthält aber noch immer Holzkohle. Deshalb wird dieser nach und nach pulverisiert. Der Staub wird in die Luft geworfen, dadurch trennt sich der leichte Kohlenstaub vom schweren Eisen. Erst danach erhält man Eisen, das geschmiedet und weiter verarbeitet werden kann. Unser Führer führt uns dann noch den selbstgebauten Blasebalg vor, und wir dürfen selbst mal ran. Echte Schwerstarbeit ist das.

Der eisenhaltige Sand wird erhitzt

Nach der Führung möchte ich gerne noch etwas mehr über die Schmiede erfahren. Doch die Männer sind skeptisch und antworten nur zögerlich. Besonders der Älteste von ihnen, der auf einem Auge blind zu sein scheint, ist zurückhaltend. Doch als auch wir etwas von den Handwerkstraditionen und dem Zunftwesen in Deutschland erzählen, taut er doch noch etwas auf und wird gesprächiger. Er erzählt, dass nur innerhalb der „Kasten“ geheiratet werden darf, allerdings gibt es verbündete Handwerksberufe. So können zum Beispiel Schmiede durchaus „Alliances“ (so nennt er es) mit Bildhauern eingehen.

Mich interessiert vor allem noch, ob es stimmt, dass Schmiede magische Fähigkeiten besitzen. Der Alte antwortet ausweichend: „Jeder Mensch hat besondere Fähigkeiten!“ Doch dann wird er konkreter und erzählt, dass die Dorfbewohner bei Problemen schon gerne gerade den Schmied aufsuchen, um diesen um Rat zu fragen.Zum Abschied gibt er uns noch Folgendes mit auf den Weg: „Verschenke nie ein Messer, denn das zerschneidet die Freundschaft!“

Vorherigen Bericht lesen: Bei den Webern

Schmiedearbeiten werden erst durch den selbstgebauten Blasebalg möglich

Zuhause

Anfang April 2020

Fast zwei Wochen sind wir nun schon daheim. Das Ankommen und Wiedereinleben fällt uns erstaunlich leicht. Nach dem ersten Kälteschock genießen wir das angenehme Klima sehr. Die Luft ist herrlich. Endlich können wir nachts wieder kühl schlafen, eingemummelt in dicke Decken. Der nahende Frühling heißt uns mit Vogelgezwitscher und blühenden Bäumen willkommen. Auch die Mitbewohner freuen sich. Voller Elan stürzen wir uns in ein gemeinsames Gartenprojekt; wenn nicht jetzt, wann dann? Nun ist die richtige Zeit, um autark zu werden, Gemüse anzubauen und das Feld zu bestellen. Wir kaufen ein gebrauchtes Gewächshaus, ordern Setzkartoffeln und Saatgut. Den Hof verlassen wir gerade kaum. Ein Hamsterkauf (wir haben ja gerade sowieso keine Vorräte mehr zu Hause) im Supermarkt überzeugt uns davon, dass die Lage vorerst gar nicht so schlimm ist, wie vermutet: Es gibt sogar noch Klopapier, nur die Hefe ist ausverkauft. Heppo und ich sind zwei von drei Kunden, die mit Masken und Handschuhen hantieren. Der Rest der Käufer scheint sorglos – einer bohrt sogar in der Nase…

Dann tätigen wir halt auch mal einen Hamsterkauf…

Corona hat auch etwas Gutes: Der Ansturm an Willkommen-zurück-daheim-Besuchern hält sich in Grenzen; auch die Pflichtbesuche fallen vorerst aus. Schade einerseits, andererseits haben wir so genügend Zeit, um uns wieder langsam an das Hier und Jetzt zu gewöhnen. Die Entschleunigung tut gut. Ich höre damit auf, bei Worldometer nach den aktuellen Coronafallzahlen zu suchen und schalte nur noch einmal am Tag das Radio ein. Trotzdem bin ich beunruhigt, weniger wegen der Lungenkrankheit, als mehr wegen der Maßnahmen, die die bayerische Regierung diskutiert: Von Tracking mit Big Data ist da die Rede und von einer Verlängerung der Ausgangsbeschränkung.

Tagsüber sind wir aber prima abgelenkt. Die neue Herausforderung am Hof heißt, unserem aggressiven Brahma Kampfhahn G.G. nicht zu nahe zu kommen. Der Wahnsinnige stürzt sich auf jeden und jede, um mit Kungfu-Fußtritten gegen Kniescheiben und Schienbeine zu schlagen. Ich gewöhne mir an, Sidi an meiner Seite bei Fuß gehen zu lassen und ihn bei Gefahr im Verzug auf den depperten Gockel zu hetzen. Seit dieser ein paar seiner Schwanzfedern lassen musste, hat er sogar ziemlichen Respekt vor unserem Hund. Alles prima, also!

Nur nachts sind wir immer noch in Afrika. Anfangs wachen wir komplett desorientiert auf. Wo sind wir? In unserem LKW? In der Côte d‘Ivoire? In Afrika? Nein, zu Hause, in Deutschland. Beide träumen wir vom Elephant‘s Nest, von Chloes Innenhof, vom Zusammenpacken und fluchtartigen Verlassen des Landes. Eine Zeitschleife: Wir wachen auf, versichern uns gegenseitig, dass wir nur geträumt haben, schlafen erneut ein – und befinden uns wieder dort.

Ob es Frau Scherer wohl gut geht? Wann wir sie wohl wiedersehen werden?
Ich bin genervt! Wenn unser Fahrzeug hier bei uns wäre, könnten wir einen Schlussstrich unter unsere Reise nach Westafrika ziehen. So aber hängen wir noch irgendwie fest auf dem anderen Kontinent.

Und nicht zuletzt vermisse ich ein paar Dinge, die ich in unserem Wohnmobil zurücklassen musste. Ich bin dann wohl doch materialistischer, als ich mir das zumeist eingestehe. Neben den tollen, bunten Stoffen und schönen, afrikanischen Kleidern sind dies vor allem meine Laufschuhe und – klingt komisch, ist aber so – mein Krauthobel…

Bitte verratet mir, wie soll ich nur unbeschadet durch diesen seltsamen Biohazard-Frühling 2020 kommen, wenn ich keinen feingehobelten Krautsalat essen kann? Vitamine sind nun doch schließlich das Wichtigste überhaupt!

Und hier noch Musik aus Nigeria:

Flucht aus Afrika (3)

Ggf. vorher lesen: Teil 1 und Teil 2 unserer Flucht aus Afrika (Elfenbeinküste)

Sonntag, 22.03.2020 Elfenbeinküste, Abidjan

Zurück bei Chloe:  Ich werfe noch einen letzten Blick auf Frau Scherer. „Mach‘s gut, du oller Karren! Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder. Bye bye!“

Die Portugiesen (Rita, Fernando und Baby Jaschka), so erfahre ich noch beim letzten Elephant‘s Klatsch, wurden von Chloe in Quarantäne gesteckt. Sie dürfen nun ihr kleines Häuschen im Innenhof nicht mehr verlassen. Chloe kennt da kein Pardon: „Stell dir vor: Fernando ist im Sammeltaxi zum Windelholen gefahren. Da ist die Ansteckungsgefahr doch riesig.“ Dass Martin und ich soeben noch am Flughafen Schlange gestanden sind und – nach den selbst gesteckten Regeln – eigentlich auch nicht mehr das Compound betreten dürften, blendet die Übermutter hingegen völlig aus.

Keke, unser Taxifahrer ist überpünktlich. Chloe hat Tränen in den Augen, als wir in das Auto steigen. Statt einer Umarmung verabschieden wir uns mit dem doppelten Ellenbogen von ihr. Ihr Ziehsohn Patrick guckt traurig und fragt, wann und ob wir wiederkommen. Ich sage: „Schon bald!“ und „Dann mach ich dich beim Kickern fertig!“ Wir grinsen beide. Jason, der nette Engländer, wirft mir noch drei Zigaretten zu. „Safe trip! Good luck!“

Am Flughafen darf Frau Scherer nicht stehen bleiben. Sie passt nicht durch die Höhenbeschränkungen.

Am Flughafen: Zur Abwechslung haben wir auch mal etwas richtig gemacht und Sidi die letzten Tage unaufgeregt an seine Hundebox gewöhnt. Jetzt geht er sogar freiwillig hinein. Nur als sich die Gittertür hinter ihm schließt, guckt er komisch und überprüft mit seiner Pfote, ob da jetzt wirklich zu ist. Dann rollt er sich aber zusammen und scheint es dort drinnen ganz gemütlich zu finden. Seltsames Gefühl, den Hund wie ein Gepäckstück abzugeben… Die Mitarbeiter am Sperrgutschalter betteln noch um ein Trinkgeld. Als Heppo nur 1000 CFA gibt (etwa 1,50 Euro) machen wir uns wenig später schon Gedanken, ob Sidi da drinnen auch gut behandelt wird. Wahrscheinlich hätte es nicht geschadet, wenn wir großzügiger gewesen wären. Unsere tollen Hundedokumente (Gesundheitszeugnis, Europäischen Heimtierausweis, Air France Dokument) will übrigens niemand sehen, was mich jetzt fast schon ein wenig ärgert.

Noch über zwei Stunden bis zum Abflug: Wir folgen Chloes Tipp und gehen nahe dem Flughafen in einen Biergarten. In der Elfenbeinküste  heißt so einer “Maquis”. Dort trinken wir leckeres Bier und essen noch einen Happen.

Pünktlicher Abflug. Das Flugzeug ist voll. Mir ist schlecht. Bauchweh. Turbulenzen. Bin schon lange nicht mehr geflogen.

Montag, 23.03.2020, Paris / Straßburg / Nürnberg

Landung gegen 6.00 Uhr morgens (nach etwa 6 Stunden Flug). Gefühlt haben wir keine Sekunde geschlafen.

Einreise in die EU: Niemand misst Fieber. Desinfektionsmittel? Fehlanzeige! Ich scheitere an der automatischen Gesichtserkennung. Muss bei einem echten Polizisten vorbei, der mich durchwinkt. Kleiner Trost: Martin schafft es auch nicht durch die Schleuse, Heppo seltsamerweise aber schon. Da stimmt doch was nicht?!

Martin hatte die gute Idee, sich einen Leihwagen zu nehmen. Diese hatten aber andere vor uns ebenfalls. Es gibt keine verfügbaren PKWs zu mieten und schon gar nicht nach Deutschland. Ein einziger wäre etwas später ab dem Gare du Nord frei . Die Zusatzgebühren für die “einfache Überführung” liegen allerdings  bereits bei 1800 Euro. Die eigentliche Leihgebühr oder die Kilometer sind in diesem Preis noch gar nicht enthalten!

Am Gare du Nord ist die Stimmung angespannt: Seltsame Mischung an Leuten – Obdachlose, zwielichtige Gestalten und bis unter die Zähne bewaffnete Flics. Von einer Polizistin werde ich richtig übel angegangen: „Was macht ihr hier? Schaut, dass ihr weiterkommt! Verpisst euch in euer Land!“ und „Was stimmt eigentlich nicht mit dir, dass du mit zwei Männern unterwegs bist?“ Meine Erklärungsversuche interessieren sowieso nicht. Stattdessen kassieren wir einen Platzverweis: „Wenn ich euch heute Nachmittag noch hier sehe, dann passiert was!“

Mittlerweile sind wir aber nicht mehr die einzigen Gestrandeten. Langsam füllt sich der Bahnhof mit Menschen aus aller Welt. Alle studieren mit Entsetzen die Anzeigetafeln mit den Abfahrtszeiten und sind ähnlich ratlos wie wir: Zug nach Brüssel  – gestrichen. Zug nach Amsterdam – gestrichen. Zug nach Frankfurt -gestrichen. „Rien ne va plus!“

Bitterkalt ist es. Alle Geschäfte haben zu. Sämtliche Toiletten sind verschlossen und verbarrikadiert. Ich muss pinkeln. Unsere Nerven liegen blank. Sogar Martin, der Optimist, wirkt deprimiert. Meine Mama daheim halte ich mit verschiedenen Rechercheaufgaben auf einem hohen Stresspegel. Fast minütlich gebe ich der Armen neue Anweisungen durch und bombardiere sie mit Fragen: „Guck mal nach Unterkünften in Paris! Wie ist die Situation an der deutschen Grenze? Stimmen die Gerüchte, dass absolut niemand mehr einreisen darf, dass die Grenze komplett dicht ist? Gibt es überhaupt noch Züge nach Deutschland?“

Unser neuer Plan: Mit dem Zug nach Straßburg, dann irgendwie weiter, und sei es zu Fuß. Der letzte fährt um 12.30 Uhr. Alle folgenden Verbindungen wurden bereits gecancelt. Eine Stunde haben wir noch Zeit bis zur Abfahrt. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg zum Gare de l‘Est. Gar nicht einfach, wenn man eine Hundetransportbox Größe L mit sich führt. Dafür ist Sidi ganz wunderbar. So einen aufmerksamen Hund hatten wir selten. Er achtet sehr darauf, dass wir alle zusammenbleiben, folgt wie nie zuvor und fährt sogar Rolltreppe (!) mit mir.

Die Innenstadt von Paris ist wie ausgestorben. Wir müssen an die Anfangsszene von Twelve Monkeys denken und würden uns jetzt  gar nicht wundern, wenn ein Löwe auf einem Hausdach hin und her spazieren würde.

„Mist, der Bahnhof ist zugesperrt!“ Der Gare de L‘Est ist von einem Metallzaun umgeben. Kein Hinweis. Nichts. „Das kann doch nicht wahr sein.“ Martin hat die rettende Idee: „Bestimmt gibt es einen Zugang über die Metro!“ Und tatsächlich, über den U-Bahn-Eingang gelangen wir in den Bahnhof. Der Zug nach Straßburg steht auf seinem Gleis. Und sogar ein kleiner Supermarkt hat geöffnet. “Alles wird gut!” Die Jungs kaufen Brot und Käse, während ich mit Sidi schon mal unsere Plätze im Abteil aufsuche. Als sich der Zug in Bewegung setzt, löst sich ein Teil unserer Anspannung.
„Endlich raus aus Paris!“, seufzt Heppo erleichtert.
„Hauptsach’, ein Häusl weiter!“, atme ich auf.
Und Martin, mit vollem Mund: „Ah, Brotzeit! Des ist wia a Religion für mi!“

Nicht schön: Flüchtling sein!

Um 15.30 Uhr sind wir in Straßburg. Meine Eltern waren unterdessen fleißig. Sie haben bei der Bundespolizei angerufen und erfahren, dass der Grenzübertritt für deutsche Bundesbürger kein Problem darstellt und auch, dass von Straßburg nach Kehl ein Regionalzug verkehrt.

Wir müssen etwa eine Stunde warten, bis wir die Fahrt fortsetzen können. Mit Sidi trete ich vor das Bahnhofsgebäude. Der Hund muss schließlich auch mal. Kein Auto weit und breit. Nur wenige Passanten. Dafür wieder Polizei. Ich erfahre, dass man in Frankreich einen Passierschein benötigt, den man sich zuvor aus dem Internet herunterladen muss. Gruselig!

Weiter nach Kehl: Dort werden wir von drei Polizisten in voller Montur in Empfang genommen. Nach dem Vorzeigen unseres Reisepasses dürfen wir uns innerhalb des kleinen Bahnhofs frei bewegen. Beim Bäcker kosten 0,3 Liter Wasser 2,50 Euro; solche unverschämten Preise bin ich nach Afrika gar nicht mehr gewöhnt. Zum Essen gibt es nichts: Alles ausverkauft!  Eine ältere Obdachlose mit langen, sorgfältig manikürten Fingernägeln sitzt in der Unterführung und wärmt sich die Hände an einem Pappbecher mit Automatenkaffee. Sie bedankt sich höflich, als ich ihr ein paar Cent gebe. Als ich nach oben zum Bahnsteig gehe, höre ich, wie sie irre lacht, kreischt, schreit und heult. Ich kann sie verstehen! Ich würde am liebsten mit ihr mitweinen. Schrecklich, wenn man jetzt kein Zuhause hat.

Weiter geht es mit der Regionalbahn nach Appenweier, von dort  nach Karlsruhe und endlich mit dem IC nach Nürnberg. Fast überall sind wir die einzigen.

In Nürnberg am Bahnhof: Wieder nur Alkoholiker, Obdachlose und nervöse Polizeibeamte. Einer offensichtlich schwer unter Drogen stehenden und hustenden Frau wird von den Berufsrambos gerade eine Gesichtsmaske aufgenötigt.  Die Alkis vor der Tür finden das witzig. Reisende gibt es fast keine mehr. Nur ein junger Mann ist da, der nach einem Schlafplatz sucht. Ich frage mich, ob sein spitzer Chinesenhut ein politisches Statement darstellt? Und, wenn ja, wofür? Stattdessen frage ich ihn, wohin er denn reisen möchte:  “Czech Republic!”, antwortet er. Ich wünsche ihm Glück.

Endlich meldet sich Heppos Bruder Christian am Telefon: Er wartet vor dem Bahnhofsgebäude auf uns. Eigentlich wollen wir lieber Abstand halten, waren wir doch an zwei Flughäfen und an diversen Bahnhöfen, aber Christian ist schneller als wir. Herzlich umarmt er uns: „Ist jetzt auch schon wurscht!“ nuschelt er verlegen, und „Schön, dass ihr wieder da seid!“

Flucht aus Afrika (2)

Vorher lesen, Teil 1: Flucht aus Afrika (1)

Samstag, 21.03.2020, Elfenbeinküste Grand Bassam

Schlafen kann ich nicht: Ein unruhiges Flatterherz hält mich wach.
Vor dem Frühstück machen wir Telegymnastik und den Sonnengruß mit Rita und Fernando. Danach geht es mir besser.

Krisensitzung: Ab Sonntag gibt es auch in der Elfenbeinküste ein offizielle Ausgangssperre und einen Shut Down aller Bars und Restaurants. Wir in der Elephant‘s Lodge beschließen, uns ebenfalls in einen freiwilligen Lock Down zu begeben. Gemüse, Brot und Obst wollen wir uns liefern lassen. „You can leave but not come back!“, erklärt Chloe. Heute darf jeder noch mal raus zum Einkaufen. Heppo fährt mit dem Fahrrad zum Markt und kommt mit einem großen Sack Reis und richtig viel Gemüse zurück. Er berichtet von leeren Regalen und Schlangen vor den Supermärkten. Viele tragen bereits Masken, und überall wird man gezwungen, sich die Hände zu desinfizieren. Sein Handyguthaben konnte er aber nicht mehr aufladen: Als er nämlich am Moov Stand ankam, hatte er plötzlich nur noch ein Rauschen im Ohr: Gehörsturz! Sicherlich der Stress! 
Ich mache mir Sorgen um ihn…

Chloes Hündin Pica ist läufig. Nun zofft sich Sidi mit dem Rüden Bobby. Wir vereinbaren, dass beide nur abwechselnd raus können. Sidi hat trotzdem gerade eine sehr gute Zeit!

Anruf der Botschaft: Morgen geht noch mal ein Sonderflug nach Paris. Mit Martin vereinbaren wir, dass er und ich am nächsten Tag sehr früh zum Air France Büro nach Plateau (Stadtteil von Abidjan) fahren werden und versuchen,Tickets zu ergattern. Heppo soll unterdessen einen Stellplatz für Frau Scherer klar machen und alles zusammenpacken.

Letzte Eindrücke von der Côte d’Ivoire

Sonntag, 22.03.2020, Elfenbeinküste, Abidjan & Grand Bassam

Das Taxi kommt um 8.00 Uhr. Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Air France Büro. Hier warten bereits einige Leute. Auf der Einschreibeliste sind wir die Nummern 25, 26 und 27. Angeblich öffnet das Büro um 11 Uhr, um 12 Uhr ist es aber immer noch geschlossen. Mittlerweile ist die Menschenmenge auf etwa 200 Personen angewachsen. Alle halten Abstand zueinander. Plötzlich werden wir gezwungen, uns in einer Schlange anzustellen, dicht auf dicht. Martin und ich setzen Masken aus unserem Erste-Hilfe-Fundus auf. Sicher ist sicher! Der Koordinator des nervösen Haufens ist  heillos überfordert. Nun versucht er, einen Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zwischen die Menschen zu bringen. Das ist natürlich nicht so einfach. Alle müssen minutenlang rückwärts gehen. Als nach 12 Uhr endlich das Büro öffnet, stürmen alle Richtung Eingang. Da liegen bei einigen die Nerven schon ziemlich blank. Zum Glück wird dann jeder doch anhand der Nummern auf der Liste aufgerufen. Die Mitarbeiterin von Air France ist mürrisch und unhöflich und hat zugleich die Ruhe weg. Martins Flug ist dennoch rasch gebucht, ich lege ihm den fehlenden Betrag in CFA aus. Auch für uns gibt es zwei Tickets. Es dauert nur etwas, bis das Okay für die Hundemitnahme erfolgt. Juhu! Sidi darf mit.
Ich rufe Heppo an: „Pack alles zusammen! Unser Flug geht heute um 22.30 Uhr.“ Es ist nach 13 Uhr, als wir das Büro verlassen und wieder in ein Taxi steigen, das uns nochmal zurück nach Grand Bassam bringen wird.

Heppo hat für Frau Scherer unterdessen schon einen Stellplatz gefunden. Ich werfe nur Technik und Wertsachen in meinen Rucksack: Computer, Kameras und Dokumente. An Klamotten kommt nur mit, was ich am Leib trage. Mist, uns fehlt noch ein Dokument für den Hund! Air France möchte ein unterschriebenes Formblatt vorgelegt bekommen,  auf dem steht, dass die Maße des Hundekäfigs den Vorgaben entsprechen und dass unser Hund weder krank noch betäubt ist.

Ich laufe los. Da Sonntag ist, haben alle Kopiershops zu. Plötzlich steht ein junges Mädchen neben mir. Sie ist 17 und heißt Ange, Engel. Ihr Französisch ist so schwer verständlich, so dass ich leider keine rechte Unterhaltung mit ihr führen kann. „Ich weiß, wo noch ein CP (Kopiershop) ist.“, verstehe ich. „Wir müssen aber ein Stück laufen!“
Im Eilschritt rennen wir nun durch das Viertel, überqueren die belebte Kreuzung mit den rostroten Taxis. Ein Prediger beschwört brüllend den Weltuntergang herbei, die Jungs vor einem Kiosk rufen mir flirtend hinterher: „Komm wieder, wir warten auf dich!“ Frauen blicken mitleidig auf mein schweißüberströmtes Gesicht. Zu Ange sagen sie: „Deine Begleiterin ist sehr müde.“

Ich nicke und hetze weiter. Blick auf die Uhr: Maximal fünf Minuten kann ich noch nach einem Kopiershop suchen, dann muss ich umdrehen. Um 17 Uhr fährt unser Taxi zum Flughafen, in einer halben Stunde. Über 30 Minuten bin ich bereits unterwegs, genauso lange werde ich zurück brauchen. „Hier ist der Laden!“, sagt Ange und lässt mich stehen. Mein persönlicher Engel fliegt um die Ecke und ist verschwunden. Ohne nach Geld zu fragen – und ohne Abschied.

Mit der kostbaren Kopie in Händen eile ich zurück, vorbei an den mitleidigen Frauen, den flirtenden Jungs, dem lauten Prediger und den wartenden Taxis. „Coronavirus!“, schreit mir einer aus einem vorbeifahrenden Auto zu. Egal. Keine Zeit. Heppo macht sich bestimmt schon Sorgen um mich!

Bye Bye, Frau Scherer!

(Fortsetzung folgt)