Archiv der Kategorie: Westafrika 2019

Weichsand und, was einen sonst noch in der Wüste erwartet

Mauretanien besteht vor allem aus Wüste!

Okay, zuerst mal eine kleine Lektion in Theorie:  „Fahren im Weichsand“ steht heute auf dem Lehrplan (teilweise übernommen von der Lila Pistenkuh und ihrem empfehlenswertem Mauretanien 4×4 Tourenbuch!).

Sieht aus wie gemalt, ist aber fotografiert

1. Das Allerwichtigste ist, Reifendruck zu reduzieren: Bis zu 50 % werden empfohlen! In unserem Fall hat sich sogar eine Reduzierung von 7 Bar auf 3 Bar bewährt. Das vergrößert die Auflagefläche und bringt tatsächlich mehr als alles andere.
2. Bei zuschaltbarem Allrad, diesen einlegen.
3. Lenkrad nicht zu fest halten, sondern nur locker. Im Sand kann man nicht so gut lenken und an Steinen verreißt sonst leicht das Lenkrad.
4. Bei mehr als 25 Grad Gefälle immer in direkter Fallrichtung fahren, nie schräg!
5. Vorsichtig mit der Kupplung, nur zum Anfahren und zum Gangwechseln benutzen. Tritt man beim Fahren die Kupplung, steht der Wagen still, als hätte man die Bremse betätigt.
6. Zum Anhalten ausrollen lassen, nicht die Bremse drücken. Sonst entsteht ein kleiner Sandwall vor den Reifen, der das Anfahren unnötig erschwert.
7. Schwierige und uneinsehbare Passagen vorher zu Fuß erkunden. Achtung vor Dünentrichtern!
8. In den Morgenstunden fahren, wenn der Sand kühl und noch etwas feucht ist.
9. Genügend Treibstoff an Bord haben. Der normale Verbrauch wird schnell mal eben verdoppelt!

Erstaunlich, was Frau Scherer alles kann!

Hat man sich nun schon mal festgefahren, dann kann das Zurücksetzen in der eigenen Spur helfen, ansonsten Sandbleche und Schaufeln. Letztere sollte man aber sparsam einsetzen, da das Fahrzeug bei zu vielem Wühlen weiter im Sand verschwindet.

Durch die Wüste

Die Sache ist also nicht ganz ohne, und heute liegen 25 Kilometer Weichsandfeld vor uns. Aber dank dem Tourenbuch der Profireisenden Sabine und Burkhard Koch von der Lila Pistenkuh ist diese – von uns gefürchtete Passage – tatsächlich überhaupt kein Problem.

Ein paar andere Erlebnisse bringen uns heute dafür mehr ins Schwitzen:
Wir fahren gerade immer sehr nahe entlang des Gebiets der DARS, der Demokratischen Arabischen Republik Sahara, dem Gebiet der Polisario-Kämpfer, das auf der andern Seite der Eisenbahnlinie verläuft. Als wir kurz anhalten, um einen haltenden Eisenerzzug zu filmen und zu fotografieren, aus dem gerade mitten in der Wüste diverse Güter entladen werden, höre ich Panik in Heppos Stimme: „Berit, komm schnell wieder in den LKW!“ Und erst jetzt sehe ich, wie ein Mann mit einem russischen Schnellfeuergewehr, Marke AK 47, besser bekannt als Kalaschnikow, auf uns zugeeilt kommt. Mein Herz rast sofort wie wild. Angeblich handelt es sich aber nur um Polizei. Nur komisch, dass der Typ so ganz anders aussieht  als die Polizisten, mit denen wir es bisher zu tun hatten. „Schnell weiterfahren!“, herrscht uns der Schwerbewaffnete an. Meine Hände schwitzen. Und natürlich leisten wir seinem Befehl Folge: Sofort und gerne. No problem!

Zug mit Grasbüschelfeld

Gleich danach hält uns ein Grasbüscheldünenfeld auf Trab. Klingt harmlos, aber die 50 cm bis 1 Meter hohen Hügel, in denen ein zähes Gras wächst, sind eine echte Herausforderung. Besser ist es, mit  dem LKW  auszuweichen und  sich einen Weg dazwischen zu bahnen. Fährt man direkt darüber, leidet das Fahrzeug sehr. Tatsächlich besteht sogar die Gefahr, sich in eine Pattsituation zu manövrieren und beim Bergabfahren direkt vor solch einem Büschel steckenzubleiben. Wie anstrengend!

Trostloses Tmeimichat

 

Kind in Tmeimichat

Kleines Haus für eine große Familie

Kurz darauf sind wir in dem Ort Tmeimichat. Wir müssen bei der Polizei vorstellig werden und ein „Fiche“, einen vorbereiteten Zettel mit personenbezogenen Daten, abgeben. (Nebenbei: Über 50 Stück werden wir davon auf unserem Weg durch Mauretanien brauchen). Auf dem Weg zur Polizeistation passieren wir ein Dorf, das sich kein Filmemacher besser hätte ausdenken können: So sieht es aus, das Leben nach dem Atomkrieg, nach dem Weltuntergang. Die letzten Überlebenden, das sind Kinder und Frauen. Bereits von Weitem laufen sie unserem LKW entgegen, teils barfuß, große Staubwolken hinter sich herziehend. Und sie brüllen uns an: „Geschenke!“ und „Gebt uns Geld!“,  Die Hütten sind nur Wellblechverschläge. Krähen fliegen krächzend umher. Die Luft ist voll von Staub und Dreck, das Wetter drückend und trübe.

Bettelnde Kinder, die mitten im Nichts wohnen

 

Krähen verfolgen uns schon eine ganze Weile…

In der Wachstube: Die Polizisten können es kaum fassen, dass wir alleine hier sind, ohne Guide. Mehrmals fragen sie nach. „Ja, wirklich, nur wir zwei!“, antworte ich. Misstrauisch beäuge ich unterdessen die fünf Pistolen, die auf dem Schreibtisch herumliegen. Doch:  Ja, alles gut. Wir dürfen weiterfahren.

Als wir endlich einen Übernachtungsplatz hinter einer bizarren, elefantenförmigen Felsengruppe gefunden haben, löst sich die Anspannung des Tages mit einem Regenschauer. Wir duschen unter der Regenrinne unseres LKWs. Ein Segen mitten in der Wüste: Wasser im Überfluss.

Die vorbeiziehende Karawane wird lässig aus dem Auto heraus gegrüßt

Entlang der Erzeisenbahn

An der Erzeisenbahn

In der Sahara macht es Sinn, sich ein paar neue Gewohnheiten zuzulegen: Jeder Tropfen Wasser ist nun kostbar. 140 Liter haben wir an Bord, in 14 Kanistern à 10 Liter. Nun wird streng gehaushaltet. Das Hundewasser wird nun vor dem Weiterfahren nicht mehr achtlos weggeschüttet, sondern umgefüllt. Auch zum Abwaschen und Waschen verwenden wir das kostbare Nass nun deutlich bewusster und sparsamer als zuvor.

Frühaufsteher sind wir beide eigentlich nicht. Gerne schlafen wir bis 8 Uhr oder auch länger. Doch gerade am Morgen sind hier die Temperaturen angenehm. Nun klingelt unser Wecker auch schon mal um 5.30 Uhr, denn um 6 Uhr wird es hell, kostbare Stunden, um Strecke zu machen. Auch für Frau Scherer ist die Fahrt durch die Wüste so weniger beschwerlich. Der kühle (und angeblich) noch feuchte Sand ist weniger weich, und der Motor überhitzt nicht so leicht.

Die Sandbleche können wir bald wieder einpacken

Erstaunlich einfach ist es am nächsten Morgen, uns  aus unserer verfahrenen Situation zu befreien. Wir kommen danach gut voran, und Frau Scherer schlägt sich tapfer im Weichsand. Immer wieder sind wir überrascht, was unsere alte und behäbige Dame zu leisten vermag.

Wir haben dazugelernt und legen mittags eine längere Pause ein. Dazu halten wir an einem makaberen Ort. Mindestens fünf verbeulte und auseinandergerissene Eisenbahnwaggons liegen im Wüstensand. Ein schrecklicher Unfall hat sich hier zugetragen. Die von unbeschreiblichen Kräften verdrückten und zerfetzten Stahlteile üben dennoch eine starke Faszination auf uns aus.

An der Erzeisenbahn liegen die verunfallten Wagen einfach neben den Gleisen herum

Abends, als es wieder etwas kühler wird, fahren wir noch ein Stück weiter – wider meinen Unkenrufen gibt es keinerlei Probleme. Als wir an schwarzen, wie verbrannt daliegenden Felsen unser Lager aufschlagen, fällt mir zum ersten Mal auf wie still die Wüste eigentlich ist. Und dann erst merke ich,  woran das liegt: Der extreme Wind, der uns schon seit Tagen, wenn nicht Wochen, das Leben unnötig schwer macht, gönnt sich heute zum ersten Mal eine kleine Verschnaufpause. So können wir abends endlich einmal draußen sitzen und die vorbeihuschenden Eidechsen und Dornschwanzagamen beobachten. Nice!

Hübsche Echse

Erste Echsensichtung

In der Kiesgrube

Abgestellter und vergessener Fuhrpark mitten in der Wüste

Heppo und ich sind eher konservativ, was die Nutzung neuer Medien angeht. Sozialen Netzwerken und diversen Messengerdiensten hatten wir uns bisher weitestgehend verweigert. Dass heutzutage mit dem Handy und Kartenmaps navigiert wird, statt mit der Faltkarte aus Papier, haben wir erst fast zu Ende unserer letzten Reise entdeckt. Das erste Smartphone mit GPS kauften wir uns vor fünf Jahren im Iran. Mittlerweile ist die Welt noch besser vernetzt. Die Overlanderszene hat nachgerüstet; und so haben auch wir notgedrungen einen Technologieschub hingelegt: Auf unseren Handys finden sich nun diverse Apps wie Duolingo zum Französisch lernen, Instagram zum Teilen von Fotos und Videos, Mapsme und Osmand+ zum Navigieren oder Ioverlander für die Stellplatzsuche. Besonders letztere haben wir nun relativ oft zu Rate gezogen, um zu sehen, wo andere vor uns wild gecampt, halboffiziell geparkt oder einen Campingplatz aufgesucht hatten. Praktisch ist das. Aber die Welt wird dadurch auch viel kleiner, weniger abenteuerlich und unmysteriöser. „Werden wir alle irgendwann dieselben Reisen machen, dieselben Plätze ansteuern, dieselben Dinge erleben?“, fragen wir uns, wehmütig wie alte Leute, mit ihrem „Früher war alles besser!“.

In Mauretanien kommen wir aber erst gar nicht in die Verlegenheit, das Word Wide Web zu befragen. Die an der Grenze erworbene Simkarte funktioniert nicht, und Internet scheint es abseits der größeren Städte nicht zu geben.

Fast freuen wir uns, für eine Weile den Verpflichtungen der Dauerkommunikation entbunden zu sein. Frei wie wir nun sind, dürfen wir übernachten, wo wir wollen und wohin es hoffentlich vor uns noch niemanden verschlagen hat. Unser Spürsinn, unser Entdeckergeist, der Zufall, das Schicksal führen uns in eine stillgelegte Kiesgrube, wo alte Lastwagen, Bagger, Rüttler und Siebemaschinen – sauber abgestellt in Reih und Glied – reichlich nutzlos auf eine neue Aufgabe zu warten scheinen. Sie wirken wie Dinosaurier, wie aus der Zeit gefallen. Aus deren Schatten löst sich eine lange, dünne Gestalt, ein Mann mit Stock, Turban und Gesichtsschleier. Sein Alter ist schwer zu schätzen. Höflich ist er, und er nähert sich uns zurückhaltend. Französisch kann er nicht, aber dass er hier über diesen vergessenen und abgestellten Maschinenpark wacht, wird doch schnell klar. Er wirkt etwas ratlos. Eigentlich, so dachte er sicher, wird dieser Abend ebenso ereignislos verlaufen wie alle anderen zuvor. Wir standen bis eben noch nicht in seinem Drehbuch, waren so nicht vorgesehen. Nun sind wir aber schon mal da, und wir verstehen, dass er uns später zum Tee erwartet.

Das Leben im Wagen haben wir nicht erfunden…

Sein Zuhause ist ein Frachtcontainer, so wie er auf Züge oder Schiffe verladen wird  und in dem Waren durch die Welt transportiert werden. Genau wie der Mann und seine Maschinen ist er an diesem Ort gestrandet. Eine LKW-Kabine wurde auf ihn gehievt. Dorthin führt eine wackelige Metallleiter. Darin befindet sich ein breites Bett, das uns der Mann sogleich mit bescheidenem Stolz zeigt. Auf drei Seiten kann er davon das Gelände überblicken. Der Container darunter ist spärlich eingerichtet. An der Wand hängen Säcke mit Bohnen, Kartoffeln und Zwiebeln. Das ist sein Vorrat für die nächsten Tage. Auf zwei Matten sitzen wir uns an der Längsseite des Containers gegenüber auf dem Boden, immer bemüht, die Fußsohlen nicht dem andern hinzustrecken, denn das wäre eine grobe Unhöflichkeit. Wir versuchen uns in einfacher Konversation, eine gemeinsame Sprache haben wir nämlich nicht. Er lebt allein, ohne Familie, ohne eigenes Haus. Das hier sei der Ort wo er wohne, das Bewachen seine Arbeit. Seinen Namen verrät uns aber nicht. Er versteht die Frage nicht –  oder möchte ihn nicht preisgeben. Dafür lehrt er uns ein paar Worte seiner Sprache,  Hassaniya.  Burú heißt das Brot, Girté sind die Erdnüsse. Atai sagt man für Tee  und Leviens für Wasser. Sein einziges Licht stammt vom Gaskocher und von einer Taschenlampe, die er nur ab und zu einschaltet. Drei Gläser zuckersüßen und schaumigen Tees schenkt er uns ein. Nach dem dritten Glas ist es Zeit zu gehen. So ist das in Mauretanien. Auch das verstehen wir ohne Worte, nur durch Gesten und das pantomimische Geschick unseres Gegenübers.

Unser namenloser Gastgeber und Heppo

Am nächsten Morgen kommt er nochmal vorbei, um uns auf Wiedersehen zu sagen. Mit ihm zusammen kommt eine Stimmung von Einsamkeit und Melancholie in diesen sonnigen Morgen. Wir schenken ihm eine Kerze und Streichhölzer. Ein Streichholz zündet er an, sieht zu, wie es abbrennt und nickt bedächtig. Fast möchte ich ihn für diesen unnötigen, kleinen Luxus schelten. Dann schäme ich mich für diesen Gedanken und bin froh, dass ich nichts gesagt habe. Auch über die Kekse und die Dose Fisch scheint sich der zurückhaltende Mann zu freuen. Für ein Foto nimmt er seinen Turban ab, was ich schade finde. Er sieht nun älter aus, vielleicht wie 60. Wir hatten ihn jünger geschätzt.

Dann ist es an der Zeit weiter zu ziehen. Im Gehen windet sich der Herr über die stille Kiesgrube wieder sein Tuch um Gesicht und Kopf. Er erklimmt einen kleinen Hügel, dann dreht er sich noch einmal um. Eine einsame Gestalt bleibt uns in Erinnerung und eine Hand, die ernst und feierlich zum Gruß erhoben wird.

Abschiedsgruß des melancholischen Mauretaniers

Nachtrag: Kurz überlegen wir, ob wir diesen Ort auf Ioverlander teilen möchten  und diesem Mann auf diese Weise ein kleines Zusatzeinkommen ermöglichen sollen. Aber irgendetwas hält uns davon ab, in sein Leben einzugreifen. Wer weiß, was wir alles verändern würden?Vielleicht würde er mit Touristen etwas Geld verdienen, aber vielleicht würde ein plötzlicher (auch noch so kleiner) Geldsegen auch Neider auf den Plan rufen. Der Mann könnte seine Arbeit als Wächter verlieren und damit sein kleines Zuhause, seine Würde, seinen Stolz. Wenn wir nur immer wüssten, welche Folgen unsere Handlungen haben…?

Wasser in Dakhla

Windsurfen in Dakhla

In der weltbekannten Windsurferstadt Dakhla möchten wir noch einmal vor dem Grenzübertritt nach Mauretanien unsere Wasservorräte auffüllen. 15 Kanister à 10 Liter haben wir an Bord, doch die sind fast alle leer.
Am eigentlich sehr hübschen Strandabschnitt PK 25 wohnen seit vielen Jahren Wohnmobilrentner aus Frankreich. Mit Zäunen, Plastikteppichen und Satellitenschüsseln haben sie das Terrain um ihre fahrbaren Eigenheime abgesteckt, rein rechtlich aber handelt es sich bei dem Strand um öffentliches Gelände, das diese Dauercamper wie einen Privatbesitz verteidigen. Sogar fließendes Wasser haben sie hier, das sich aus einer schwefliges Quelle speist. Ich mache mich an das Auffüllen unserer Brauchwasserkanister. Dem älteren, schwarzbraun gebrannten Franzosen in schwarzem T-Shirt und kurzer Militärhose geht das aber offenbar zu langsam. Ohne mich zu fragen, dreht er den Wasserhahn so auf, dass das Wasser über mein Kleid und meine Schuhe plätschert. Was für ein Rüpel! Ein Gentleman der guten französischen Schule ist das wohl nicht! Ich gehe weg.
Sollen diese griesgrämigen und missgünstigen Franzosen doch in ihrer kleinen spießigen Welt mit ihrem Schwefelwasser vor sich hinmüffeln. Wir müssen sowieso besseres Wasser finden.

Das soll es für Touristen angeblich im Chateau d‘eau (Wasserschloss) am Rande der Innenstadt geben. Wir haben vorab schon von anderen Reisenden gehört, dass das Prozedere in Dakhla nicht einer gewissen Komik entbehrt. So sind wir aber bereits vorgewarnt und wissen, dass wir zuerst durch ein kleines Loch in der Mauer rufen müssen. Tatsächlich streckt dort sogleich ein junger, lustiger Mann seinen Kopf heraus. Leider kann er aber nur wenig Französisch. So viel wird aber klar: Um hier Wasser zu erhalten, wird ein Bezugsschein benötigt. Woher wir diesen allerdings bekommen sollen, kann er mir nicht erklären. Nur vage deutet er nach links, entlang der Hauptstraße.

Rufe durch das Loch und flirte mit Monsieur Rachid, dann klappt’s auch mit dem Eau potable for tourists in Dakhla

Ich bemerke vor allem immer zu Beginn einer Reise, wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein, Informationen an den richtigen Stellen zu erfragen, zu erinnern und in Bezug zueinander zu setzen: Fähigkeiten, die in unserer Welt oft nicht mehr sehr entwickelt sind, da wir zu sehr abgelenkt werden von all den elektronischen Medien, die unsere Aufmerksamkeit nicht bündeln, sondern sprunghaft von einer Sache zur anderen verschieben. „On the road“ lernen wir aber immer wieder schnell, besser zu beobachten. Nach über einem Monat unterwegs sind unsere Sinne also bestens geschärft.

Und so gehe ich zielsicher in das Gebäude schräg gegenüber, auf dem eine kleine marokkanische Flagge weht. Im zweiten Stock sitzt Monsieur Rachid an einem großen Schreibtisch in einem kleinen, dunklen Raum.

„Bonjour! Salam. Lebes. Becher. Al Hamdulilah!“, geht unsere Begrüßung nach Landessitte hin und her. 1000 Liter (weniger geht nicht) werden mir in 5 Coupons à 200 Litern zugeteilt, für nur 15 MAD. Der verschmitzte Mann ist mir sympathisch und ich ihm umgekehrt auch. „Die Deutschen und Engländer sind immer angenehm und freundlich!“, plaudert der oberste Wasserzuteiler nun munter aus dem Nähkästchen. Aber diese Franzosen seien “pas terrible”*. Wegen 1,50 Euro (für 1000 Liter!) würden die immer einen Aufstand machen, es sei kaum auszuhalten. Nach meinem Erlebnis mit dem rabiaten Wasserhahnaufdreher glaube ich Monsieur Rachid sofort. Ich nicke verständnisvoll: „Wirklich, pas terribel!“ Als ich nach Kleingeld krame, winkt er ab. „Geschenkt!“

Freudig halte ich dem lustigen Mann am Loch in der Wand kurz darauf einen der fünf Scheine unter die Nase.(Wir brauchen ja nur etwa 80 Liter.) Er stellt sich doof, und eine gemeinsame Sprache haben wir nicht. Doch auch hier überwiegt wieder die Sympathie : Wir dürfen unsere Kanister auffüllen.

Für unsere neuen Reisebekannten aus Hamburg, die etwa fünf Reisetage hinter uns ebenfalls in Richtung Mauretanien unterwegs sind, hinterlassen wir einen kleinen Schatz: Unter einem Baum gegenüber der Wasserstelle verscharren wir ein altes Kapernglas und markieren die Stelle mit zwei blauen Steinchen. Darin enthalten: ein Wasserbezugsschein für „eau potable for tourists“.

* Anmerkung: “pas terrible” bedeutet in der Umgangssprache tatsächlich etwas anderes, als man normalerweise übersetzen würde. Damit meint man “nicht so toll”, “nicht gerade gut”, auch “mies”. (Beliebter Witz: “C’est pas mauvais, mais pas terrible, haha…”)

Der Wind der Westsahara

oder: Die Bohnenborzen von Boujdour

Die West-Sahara ist schön, der Wind dort ist allerdings echt grausam. Hier seht ihr die Dracheninsel bei Dahkla.

Wind, Wind, Wind. Seit wir in der Westsahara sind, pfeift er uns um die Ohren und gebärdet sich dabei wie ein Wahnsinniger. Er spuckt uns mit Sand an, bis es zwischen unseren Zähnen knirscht und unsere Körper komplett mit einer feinen Staubschicht überzogen sind. Sachte rüttelt er erst an unserem Lastwagen, um dann mit bösartiger Aggressivität auf Frau Scherers Flanken einzuschlagen. In seinen guten Momenten benutzt er unseren Dachständer als Blasinstrument und bringt ihn auf diese Weise sogar recht melodiös zum Singen. In seinen weniger guten Zeiten brüllt er ohne Unterlass in einer unverständlichen Sprache auf uns ein. Der Geräuschpegel ist enorm und allgegenwärtig. Ich kann mir schon kaum mehr vorstellen, wie unser Leben ohne ihn war.

Er tobt und brüllt und verschiebt große Mengen an Sand.

Harmattan heißt dieser Wind, der oft große Mengen Sahara-Sand mit sich führt und die Sicht verschleiert. Heute morgen reißt mir dieser personifizierte Irrsinn mit einer fiesen Bö die Fahrertür des Lastwagens aus der Hand. Die Türhalterung wird dabei durchtrennt, so dass sich die Tür über den eigentlich vorgesehenen 90 Grad Winkel hinaus nun im 180 Grad Winkel öffnen lässt. Unser linker Blinker lässt dabei sein Leben und fliegt in 1000 Stücke zerschlagen davon.

So viel Wind gibt es in der Westsahara, dass die Stadt Dahkla als das Windsurfing-Mekka gehandelt wird.

Abgesehen von dieser Herausforderung finden wir unsere Reise durch die Westsahara aber bisher ganz spannend. Diese Gegend wird von vielen Overlandern oft wenig beachtet und nur als Transit genutzt. Wir aber mögen diese stark von der Sahara geprägte Landschaft irgendwie. Da ist die schroffe Seilküste zum Atlantik hin, und immer wieder tauchen wunderbare weiße Dünenfelder auf, die wie große Schneehaufen aussehen. Marokko pumpt ja eine Menge Geld in die Infrastruktur der West-Sahara. Doch monströse Sandverwehungen drohen die nagelneue Straße bereits wieder zu verschlingen. Tatsächlich ist die Strecke aber oft auch sehr eintönig. Über viele Kilometer ist die steinige Wüste links und rechts der Straße einfach nur flach und schmuddelig braun. Wären da nicht die vielen leerstehenden Geisterdörfer, die für etwas Abwechslung sorgen…  Sie wurden in der Hoffnung gebaut, dass besetzte, unwirtliche Gebiet zu besiedeln. Die Bewohner dazu müssen aber erst noch gefunden werden. Größeren Unterhaltungswert haben da schon die Orte, die sich rund um die Militärposten, Garnisionen- und Kasernen zu kleinen Städten entwickelt haben. Boujdour, zum Beispiel, ist so einer. Ein Hauch von Wilden Westen weht hier zusammen mit dem Harmattan durch die Straßen. Heppo hat ein Faible für solche Unorte. Sie wecken bei ihm direkt die Lust auf das Cowboygericht Bohnen. Nachdem wir ein paar Einkäufe erledigt haben, macht sich mein Mann stante pede auf die Suche nach der „Bohnenborze von Boujdour“, wie er verschmitzt erklärt. (Borze = süddeut. Slangausdruck für Kaschemme, schmuddeliges Restaurant, schummrige Kneipe). Gar nicht so einfach, da die Kleinstadt gerade großen Hunger auf Pizza zu haben scheint. An allen Ecken und Enden wird ausschließlich das italienische Nationalgericht angeboten. Witzig ist das, weil man Pizza  sonst eher selten in Marokko angeboten bekommt.
Aber wie immer in diesem Land gilt hier die Regel: Bietet es einer an, bieten es alle an! Dennoch ist die Bohnenkaschemme in fast allen marokkanischen Städten fast mit 100iger Gewissheit zu finden. Sie ist nämlich der Aufenthaltsort eher älterer marokkanischer Männer. Hier finden sie sich zusammen, um zu plaudern, um Tee zu trinken und das billigste aller Gerichte zu essen: „Liubia“. So heißen die Bohnen auf Arabisch, die zusammen mit Brot für einen Betrag zwischen 5 und 10 MAD (0,50 bis 1,00 Euro) serviert werden. Frauen und – ganz allgemein gesprochen – Touristen verirren sich jedoch eher selten hierher. Nach anfänglicher Skepsis ernten wir bald anerkennende Blicke, denn wir essen beide mit gutem Appetit. Als Nachschlag bekommt daher jeder von uns noch einen großen Teller Linsen spendiert. Beim Teetrinken und Teezubereiten haben wir allerdings noch Nachholbedarf. Zwar versenken wir mutig den faustgroßen Brocken Zucker in der ebenso kleinen (oder großen) Teekanne. Beim Versuch aber, das Gemisch fachmännisch zwischen den Gläsern hin- und her zu schütten, um die schaumige Krone zu erzeugen, geht leider  die Hälfte daneben. Peinlich!

Derart frisch gestärkt machen wir uns schließlich weiter auf den Weg durch die West-Sahara. Und ich denke mir: „Harmattan, trau Dich nur her! Mit fiesen Winden können wir nun kontern.“

Sieht aus wie Schnee, ist aber Sand