Entlang der Erzeisenbahn

An der Erzeisenbahn

In der Sahara macht es Sinn, sich ein paar neue Gewohnheiten zuzulegen: Jeder Tropfen Wasser ist nun kostbar. 140 Liter haben wir an Bord, in 14 Kanistern à 10 Liter. Nun wird streng gehaushaltet. Das Hundewasser wird nun vor dem Weiterfahren nicht mehr achtlos weggeschüttet, sondern umgefüllt. Auch zum Abwaschen und Waschen verwenden wir das kostbare Nass nun deutlich bewusster und sparsamer als zuvor.

Frühaufsteher sind wir beide eigentlich nicht. Gerne schlafen wir bis 8 Uhr oder auch länger. Doch gerade am Morgen sind hier die Temperaturen angenehm. Nun klingelt unser Wecker auch schon mal um 5.30 Uhr, denn um 6 Uhr wird es hell, kostbare Stunden, um Strecke zu machen. Auch für Frau Scherer ist die Fahrt durch die Wüste so weniger beschwerlich. Der kühle (und angeblich) noch feuchte Sand ist weniger weich, und der Motor überhitzt nicht so leicht.

Die Sandbleche können wir bald wieder einpacken

Erstaunlich einfach ist es am nächsten Morgen, uns  aus unserer verfahrenen Situation zu befreien. Wir kommen danach gut voran, und Frau Scherer schlägt sich tapfer im Weichsand. Immer wieder sind wir überrascht, was unsere alte und behäbige Dame zu leisten vermag.

Wir haben dazugelernt und legen mittags eine längere Pause ein. Dazu halten wir an einem makaberen Ort. Mindestens fünf verbeulte und auseinandergerissene Eisenbahnwaggons liegen im Wüstensand. Ein schrecklicher Unfall hat sich hier zugetragen. Die von unbeschreiblichen Kräften verdrückten und zerfetzten Stahlteile üben dennoch eine starke Faszination auf uns aus.

An der Erzeisenbahn liegen die verunfallten Wagen einfach neben den Gleisen herum

Abends, als es wieder etwas kühler wird, fahren wir noch ein Stück weiter – wider meinen Unkenrufen gibt es keinerlei Probleme. Als wir an schwarzen, wie verbrannt daliegenden Felsen unser Lager aufschlagen, fällt mir zum ersten Mal auf wie still die Wüste eigentlich ist. Und dann erst merke ich,  woran das liegt: Der extreme Wind, der uns schon seit Tagen, wenn nicht Wochen, das Leben unnötig schwer macht, gönnt sich heute zum ersten Mal eine kleine Verschnaufpause. So können wir abends endlich einmal draußen sitzen und die vorbeihuschenden Eidechsen und Dornschwanzagamen beobachten. Nice!

Hübsche Echse

Erste Echsensichtung

In der Kiesgrube

Abgestellter und vergessener Fuhrpark mitten in der Wüste

Heppo und ich sind eher konservativ, was die Nutzung neuer Medien angeht. Sozialen Netzwerken und diversen Messengerdiensten hatten wir uns bisher weitestgehend verweigert. Dass heutzutage mit dem Handy und Kartenmaps navigiert wird, statt mit der Faltkarte aus Papier, haben wir erst fast zu Ende unserer letzten Reise entdeckt. Das erste Smartphone mit GPS kauften wir uns vor fünf Jahren im Iran. Mittlerweile ist die Welt noch besser vernetzt. Die Overlanderszene hat nachgerüstet; und so haben auch wir notgedrungen einen Technologieschub hingelegt: Auf unseren Handys finden sich nun diverse Apps wie Duolingo zum Französisch lernen, Instagram zum Teilen von Fotos und Videos, Mapsme und Osmand+ zum Navigieren oder Ioverlander für die Stellplatzsuche. Besonders letztere haben wir nun relativ oft zu Rate gezogen, um zu sehen, wo andere vor uns wild gecampt, halboffiziell geparkt oder einen Campingplatz aufgesucht hatten. Praktisch ist das. Aber die Welt wird dadurch auch viel kleiner, weniger abenteuerlich und unmysteriöser. „Werden wir alle irgendwann dieselben Reisen machen, dieselben Plätze ansteuern, dieselben Dinge erleben?“, fragen wir uns, wehmütig wie alte Leute, mit ihrem „Früher war alles besser!“.

In Mauretanien kommen wir aber erst gar nicht in die Verlegenheit, das Word Wide Web zu befragen. Die an der Grenze erworbene Simkarte funktioniert nicht, und Internet scheint es abseits der größeren Städte nicht zu geben.

Fast freuen wir uns, für eine Weile den Verpflichtungen der Dauerkommunikation entbunden zu sein. Frei wie wir nun sind, dürfen wir übernachten, wo wir wollen und wohin es hoffentlich vor uns noch niemanden verschlagen hat. Unser Spürsinn, unser Entdeckergeist, der Zufall, das Schicksal führen uns in eine stillgelegte Kiesgrube, wo alte Lastwagen, Bagger, Rüttler und Siebemaschinen – sauber abgestellt in Reih und Glied – reichlich nutzlos auf eine neue Aufgabe zu warten scheinen. Sie wirken wie Dinosaurier, wie aus der Zeit gefallen. Aus deren Schatten löst sich eine lange, dünne Gestalt, ein Mann mit Stock, Turban und Gesichtsschleier. Sein Alter ist schwer zu schätzen. Höflich ist er, und er nähert sich uns zurückhaltend. Französisch kann er nicht, aber dass er hier über diesen vergessenen und abgestellten Maschinenpark wacht, wird doch schnell klar. Er wirkt etwas ratlos. Eigentlich, so dachte er sicher, wird dieser Abend ebenso ereignislos verlaufen wie alle anderen zuvor. Wir standen bis eben noch nicht in seinem Drehbuch, waren so nicht vorgesehen. Nun sind wir aber schon mal da, und wir verstehen, dass er uns später zum Tee erwartet.

Das Leben im Wagen haben wir nicht erfunden…

Sein Zuhause ist ein Frachtcontainer, so wie er auf Züge oder Schiffe verladen wird  und in dem Waren durch die Welt transportiert werden. Genau wie der Mann und seine Maschinen ist er an diesem Ort gestrandet. Eine LKW-Kabine wurde auf ihn gehievt. Dorthin führt eine wackelige Metallleiter. Darin befindet sich ein breites Bett, das uns der Mann sogleich mit bescheidenem Stolz zeigt. Auf drei Seiten kann er davon das Gelände überblicken. Der Container darunter ist spärlich eingerichtet. An der Wand hängen Säcke mit Bohnen, Kartoffeln und Zwiebeln. Das ist sein Vorrat für die nächsten Tage. Auf zwei Matten sitzen wir uns an der Längsseite des Containers gegenüber auf dem Boden, immer bemüht, die Fußsohlen nicht dem andern hinzustrecken, denn das wäre eine grobe Unhöflichkeit. Wir versuchen uns in einfacher Konversation, eine gemeinsame Sprache haben wir nämlich nicht. Er lebt allein, ohne Familie, ohne eigenes Haus. Das hier sei der Ort wo er wohne, das Bewachen seine Arbeit. Seinen Namen verrät uns aber nicht. Er versteht die Frage nicht –  oder möchte ihn nicht preisgeben. Dafür lehrt er uns ein paar Worte seiner Sprache,  Hassaniya.  Burú heißt das Brot, Girté sind die Erdnüsse. Atai sagt man für Tee  und Leviens für Wasser. Sein einziges Licht stammt vom Gaskocher und von einer Taschenlampe, die er nur ab und zu einschaltet. Drei Gläser zuckersüßen und schaumigen Tees schenkt er uns ein. Nach dem dritten Glas ist es Zeit zu gehen. So ist das in Mauretanien. Auch das verstehen wir ohne Worte, nur durch Gesten und das pantomimische Geschick unseres Gegenübers.

Unser namenloser Gastgeber und Heppo

Am nächsten Morgen kommt er nochmal vorbei, um uns auf Wiedersehen zu sagen. Mit ihm zusammen kommt eine Stimmung von Einsamkeit und Melancholie in diesen sonnigen Morgen. Wir schenken ihm eine Kerze und Streichhölzer. Ein Streichholz zündet er an, sieht zu, wie es abbrennt und nickt bedächtig. Fast möchte ich ihn für diesen unnötigen, kleinen Luxus schelten. Dann schäme ich mich für diesen Gedanken und bin froh, dass ich nichts gesagt habe. Auch über die Kekse und die Dose Fisch scheint sich der zurückhaltende Mann zu freuen. Für ein Foto nimmt er seinen Turban ab, was ich schade finde. Er sieht nun älter aus, vielleicht wie 60. Wir hatten ihn jünger geschätzt.

Dann ist es an der Zeit weiter zu ziehen. Im Gehen windet sich der Herr über die stille Kiesgrube wieder sein Tuch um Gesicht und Kopf. Er erklimmt einen kleinen Hügel, dann dreht er sich noch einmal um. Eine einsame Gestalt bleibt uns in Erinnerung und eine Hand, die ernst und feierlich zum Gruß erhoben wird.

Abschiedsgruß des melancholischen Mauretaniers

Nachtrag: Kurz überlegen wir, ob wir diesen Ort auf Ioverlander teilen möchten  und diesem Mann auf diese Weise ein kleines Zusatzeinkommen ermöglichen sollen. Aber irgendetwas hält uns davon ab, in sein Leben einzugreifen. Wer weiß, was wir alles verändern würden?Vielleicht würde er mit Touristen etwas Geld verdienen, aber vielleicht würde ein plötzlicher (auch noch so kleiner) Geldsegen auch Neider auf den Plan rufen. Der Mann könnte seine Arbeit als Wächter verlieren und damit sein kleines Zuhause, seine Würde, seinen Stolz. Wenn wir nur immer wüssten, welche Folgen unsere Handlungen haben…?

An der Grenze zu Mauretanien

just another herbrich tour

An der Grenze zu Mauretanien kommt hinter Frau Scherer ein blau-weißer, verbeulter VW-Bus mit deutschem Kennzeichen zum Stehen. Es sind Christina und Samuel aus der Nähe von Stuttgart. Lustigerweise hatte ich mit den beiden bereits vor unserer Abreise Kontakt, weil wir eine gemeinsame Bekannte haben. Lisa erzählte uns von den beiden, die ganz Afrika in Rekordgeschwindigkeit umrunden wollen. „Das Meer immer rechts!“, so lautet deren Motto. Wir finden das Unternehmen  justanotherherbrichtour ein bisschen irre und zugleich faszinierend, denn Afrika ist schließlich kein einfacher Reisekontinent. Etwa 40.000 Kilometer sind es wenn, man in „Idealline“ durch die etwa gut 40 Länder fahren würde. In den 120 Tagen müssen die beiden jeden Tag 333 Kilometer zurücklegen (wir schaffen selten mehr als 250 Kilometer). Für jedes Land bleiben bei dieser Reisegeschwindigkeit nur drei Tage Zeit. Pausiert man nur einmal, weil das Auto repariert werden muss oder weil ein Visum beantragt wird, so muss am nächsten Tag bereits die doppelte Strecke zurückgelegt werden. Warum nur  tun die sich freiwillig so eine Tortur an? Was bleibt da, um sich in ein Land einzufühlen, um anzukommen oder um Menschen kennenzulernen? Wie schaffen es die beiden, in all dem Stress das eigene Fremdeln zu überwinden und die Kulturschocks zu verdauen? Wahrscheinlich aber geht es eher darum. Rekorde zu brechen, als an wirklich tiefe Einsichten zu gelangen. Trotzdem, wir sind fasziniert und werden den Trip der zwei  mit großem Interesse verfolgen. Natürlich wünschen wir ihnen eine glückliche und gelungene Reise!

Allgegenwärtig sind die sandgestrahlten Autowracks in Mauretanien.

Leider schaffen wir es nicht, Näheres über Christinas und Samuels Motive zu erfahren, denn dieses Mal hält uns der Grenzüberritt so richtig auf Trab. Vier Stunden dauert allein die Ausreise aus Marokko. Weitere gute  drei Stunden brauchen wir für die Einreise nach Mauretanien inklusive Fahrt durch das mehrere Kilometer lange Niemandsland. Dort streiken die Polisario und haben eine komplette Spur der Piste blockiert. Zu hunderten liegen verbeulte und vom Wüstenwind sandgestrahlte Autowracks am Straßenrand. Die Schlepper lotsen ihre Kundschaft durch das unübersichtliche und potentiell gefährliche Gelände. Die Strecke ist vermint, die ausgefahrenen Spuren sind allerdings deutlich zu erkennen.

Wir folgen der Masse und stauen nicht schlecht über die hier herrschende Endzeitstimmung. Die Piste wird immer schlechter und steiniger. Die heillos überladenen Autos quälen sich mit ihren platten Reifen über große Steine. Gefährlich schwanken sie hin und her. Ein Wunder, dass sie nicht umkippen. Der Mercedes vor uns verliert  plötzlich große Mengen an Flüssigkeit, Diesel oder Wasser? Sein Fahrer ist komplett verzweifelt. Das Niemandsland forderte ein weiteres Opfer für seine makabre Autosammlung. 

 Heppo hat sich schon mehrfach erfolgreich als Pannenhelfer betätigt hat, aber hier ist uns beiden klar, ohne dass wir darüber nur ein Wort verlieren müssen: Wir fahren grußlos an dem Gestrandeten vorbei. An diesem Unort ist es einfach nicht ratsam stehen zu bleiben. Hier ist sich jeder selbst der Nächste!

Niemandsland zwischen Marokko und Mauretanien

Grenzhelfer bedrängen uns, dass wir ihre Dienste in Anspruch nehmen sollen. Für ein paar Ouguiya (mauretanische Währung) würden wir uns viel Zeit und noch mehr Ärger sparen können. „You see“, sagt ein kleiner unsympathischer Typ auf Englisch zu mir. „Europe is ‚I love you, I love you‘. Africa is business! That‘s the way it goes!“

„Wenn es nur so wäre!“, denke ich mir im Stillen  und lehne dankend seine Dienste ab. Er wünscht mir daraufhin zynisch: „Good luck!“ Ich lasse mich nicht einschüchtern; das Visum haben wir ja bereits in Rabat, Marokko, ausstellen lassen, und den Rest bekommen wir auch noch hin. Wir sparen uns allein schon aus Prinzip das Bestechungsgeld. Lieber laufen wir alle Stationen persönlich ab und diskutieren mit den Zuständigen. Auch das zählt zu den Erfahrungen auf Reisen. In diesem Fall erhalten wir die Einsicht, dass die mauretanischen Grenzbeamten fürchterlich damit beschäftigt sind, die großen und kleinen Scheine aus all den großen Passstapeln herauszunehmen, die sie von den Helfern vorgehalten bekommen. Ich schiebe unsere Dokumente in den Stapel, und wir bekommen diese kurzerhand abgestempelt wieder zurück. Für das “Passavant” (Durchfahrterlaubnis für das Fahrzeug) werden aber ganz offiziell 10 € fällig. Kein Mensch denkt hier  übrigens daran,  unser Auto zu kontrollieren. Wir ärgern uns ein bisschen, dass Heppo zuletzt auf der marokkanischen Seite noch panikartig unsere drei Liter Wein verkauft hatte. Alkohol ist nämlich in Mauretanien strikt verboten. Aber dafür interessiert sich hier gerade wirklich niemand. Nach weiteren drei Stunden sind wir abgefertigt, mit einem deutlichen Vorsprung vor all denen, die sich einen sogenannten “Grenzhelfer” geleistet haben.

Wir sind gespannt auf Mauretanien!

Wasser in Dakhla

Windsurfen in Dakhla

In der weltbekannten Windsurferstadt Dakhla möchten wir noch einmal vor dem Grenzübertritt nach Mauretanien unsere Wasservorräte auffüllen. 15 Kanister à 10 Liter haben wir an Bord, doch die sind fast alle leer.
Am eigentlich sehr hübschen Strandabschnitt PK 25 wohnen seit vielen Jahren Wohnmobilrentner aus Frankreich. Mit Zäunen, Plastikteppichen und Satellitenschüsseln haben sie das Terrain um ihre fahrbaren Eigenheime abgesteckt, rein rechtlich aber handelt es sich bei dem Strand um öffentliches Gelände, das diese Dauercamper wie einen Privatbesitz verteidigen. Sogar fließendes Wasser haben sie hier, das sich aus einer schwefliges Quelle speist. Ich mache mich an das Auffüllen unserer Brauchwasserkanister. Dem älteren, schwarzbraun gebrannten Franzosen in schwarzem T-Shirt und kurzer Militärhose geht das aber offenbar zu langsam. Ohne mich zu fragen, dreht er den Wasserhahn so auf, dass das Wasser über mein Kleid und meine Schuhe plätschert. Was für ein Rüpel! Ein Gentleman der guten französischen Schule ist das wohl nicht! Ich gehe weg.
Sollen diese griesgrämigen und missgünstigen Franzosen doch in ihrer kleinen spießigen Welt mit ihrem Schwefelwasser vor sich hinmüffeln. Wir müssen sowieso besseres Wasser finden.

Das soll es für Touristen angeblich im Chateau d‘eau (Wasserschloss) am Rande der Innenstadt geben. Wir haben vorab schon von anderen Reisenden gehört, dass das Prozedere in Dakhla nicht einer gewissen Komik entbehrt. So sind wir aber bereits vorgewarnt und wissen, dass wir zuerst durch ein kleines Loch in der Mauer rufen müssen. Tatsächlich streckt dort sogleich ein junger, lustiger Mann seinen Kopf heraus. Leider kann er aber nur wenig Französisch. So viel wird aber klar: Um hier Wasser zu erhalten, wird ein Bezugsschein benötigt. Woher wir diesen allerdings bekommen sollen, kann er mir nicht erklären. Nur vage deutet er nach links, entlang der Hauptstraße.

Rufe durch das Loch und flirte mit Monsieur Rachid, dann klappt’s auch mit dem Eau potable for tourists in Dakhla

Ich bemerke vor allem immer zu Beginn einer Reise, wie wichtig es ist, aufmerksam zu sein, Informationen an den richtigen Stellen zu erfragen, zu erinnern und in Bezug zueinander zu setzen: Fähigkeiten, die in unserer Welt oft nicht mehr sehr entwickelt sind, da wir zu sehr abgelenkt werden von all den elektronischen Medien, die unsere Aufmerksamkeit nicht bündeln, sondern sprunghaft von einer Sache zur anderen verschieben. „On the road“ lernen wir aber immer wieder schnell, besser zu beobachten. Nach über einem Monat unterwegs sind unsere Sinne also bestens geschärft.

Und so gehe ich zielsicher in das Gebäude schräg gegenüber, auf dem eine kleine marokkanische Flagge weht. Im zweiten Stock sitzt Monsieur Rachid an einem großen Schreibtisch in einem kleinen, dunklen Raum.

„Bonjour! Salam. Lebes. Becher. Al Hamdulilah!“, geht unsere Begrüßung nach Landessitte hin und her. 1000 Liter (weniger geht nicht) werden mir in 5 Coupons à 200 Litern zugeteilt, für nur 15 MAD. Der verschmitzte Mann ist mir sympathisch und ich ihm umgekehrt auch. „Die Deutschen und Engländer sind immer angenehm und freundlich!“, plaudert der oberste Wasserzuteiler nun munter aus dem Nähkästchen. Aber diese Franzosen seien “pas terrible”*. Wegen 1,50 Euro (für 1000 Liter!) würden die immer einen Aufstand machen, es sei kaum auszuhalten. Nach meinem Erlebnis mit dem rabiaten Wasserhahnaufdreher glaube ich Monsieur Rachid sofort. Ich nicke verständnisvoll: „Wirklich, pas terribel!“ Als ich nach Kleingeld krame, winkt er ab. „Geschenkt!“

Freudig halte ich dem lustigen Mann am Loch in der Wand kurz darauf einen der fünf Scheine unter die Nase.(Wir brauchen ja nur etwa 80 Liter.) Er stellt sich doof, und eine gemeinsame Sprache haben wir nicht. Doch auch hier überwiegt wieder die Sympathie : Wir dürfen unsere Kanister auffüllen.

Für unsere neuen Reisebekannten aus Hamburg, die etwa fünf Reisetage hinter uns ebenfalls in Richtung Mauretanien unterwegs sind, hinterlassen wir einen kleinen Schatz: Unter einem Baum gegenüber der Wasserstelle verscharren wir ein altes Kapernglas und markieren die Stelle mit zwei blauen Steinchen. Darin enthalten: ein Wasserbezugsschein für „eau potable for tourists“.

* Anmerkung: “pas terrible” bedeutet in der Umgangssprache tatsächlich etwas anderes, als man normalerweise übersetzen würde. Damit meint man “nicht so toll”, “nicht gerade gut”, auch “mies”. (Beliebter Witz: “C’est pas mauvais, mais pas terrible, haha…”)

Kurzer Zwischenbericht

Hallo, Freunde!

Mauretanien besteht vor allem aus Wüste!

Wir sind seit gestern in Mali, nachdem wir fast vier Wochen bei rauem Wüstenklima in Mauretanien verbracht haben. Uns geht es sehr gut!
Mauretanien war wirklich spannend und fühlte sich kein bisschen gefährlich an. Wir sind den berühmten 400 km langen Offroad Treck entlang der Erzeisenbahn gefahren und haben Frau Scherer an Ihre Grenze gebracht. Die alte Dame schlug sich aber tapfer auf der Piste und im Gelände, hüpfte über Grasbüscheldünen und schob sich beharrlich durch den Weichsand. Dabei hatten wir wunderbare Momente an den fast magisch zu nennenden Plätzen rund um die beiden Monolithen Ben Amira und Ben Aischa. Wir sahen kleine Echsen, die wie Äffchen durch die Bäume sprangen; und eine Familie (nur die Männer) backte  Brot für uns im Sand. Aber der Wind und die unsägliche Hitze brachten uns auch schon mal an unsere Grenzen,  insbesondere mich (Berit).

Anfangs waren wir  ziemlich geschockt von der MadMaxhaftigkeit Mauretaniens. Die Leute sind, besonders im Norden, sehr arm. Die Häuser, die allenfalls kleine Hütten sind, werden aus Eisenbahnschienen und Blech zusammengeschraubt; Autos werden gefahren,  bis sie wirklich auseinanderfallen. Faszinierend sieht das manchmal aus – und unwirklich.


Wir waren an einem Meteoritenkrater (Guelb Aeoulloul) und in der siebtheiligsten Stadt des Islams, nämlich in Chinguetti. In der Hauptstadt Nouakschott konnten wir den blutjungen Fischern zusehen, wie sie die bunten Kähne ins Wasser schoben und für die Nachtschicht ablegten. Aus ganz Afrika kommen diese Burschen hierher, fast noch Kinder, um in einem der ärmsten Länder dieser Welt ein Auskommen zu finden. Wir befanden uns übrigens täglich in einem Dilemma, wenn uns dutzende bettelnde Menschen gegenüber standen. Noch vor dem “Bonjour” hörten wir ein forderndes “Cadeau! ( “Cadeaux!”)  (Geschenk/Geschenke – beide Wörter klingen gleich). Fast täglich mussten wir alle Preise neu verhandeln. Die Mauretanen sind wahrlich sehr geschäftstüchtig!

An der Erzeisenbahn liegen die verunfallten Wagen einfach neben den Gleisen herum

Das Highlight war dann sicherlich die Tour zu den Krokodilen und Pavianen im Südosten des Landes. Die scheuen Tiere konnten wir zwei Tage lang in einer paradiesischen Landschaft aus nächster Nähe beobachten.

Leider war das Internet in Mauretanien fast nicht vorhanden…. Momentan  sind wir gerade so schön am Reisen, dass ich  kaum zum Schreiben komme. Daher hängt mein Blog nun doch etwas hinterher. Ich bemühe mich aber, bald alles nachzuholen und wieder mehr zu berichten. Dann werde  ich auch die tollen  Wüstenbilder zeigen, die ich gemacht habe.


Und nun sind wir eben in Mali, ein Land, vor dem uns daheim und auch noch unterwegs alle gewarnt hatten. Der Süden ist aber wohl ruhig. Zur Sicherheit halten wir uns bei Nacht dann aber trotzdem im “Safe Space”  von Hotels auf.  “Hotel” – darunter stellt ihr euch sicherlich etwas total Nobles vor. Die  Häuser aber,  in denen wir bisher waren, gleichen leider eher Absteigen. Die Auswahl ist jedoch  leider nicht gerade groß.

Unser Eindruck vom Land ist bislang recht  gut. Die Leute sind lustig und viel entspannter drauf als in Mauretanien;   in den Straßen läuft Musik. Die Polizei  nervt allerdings, ebenso die vielen Straßenkontrollen, bei denen man systematisch um Straßennutzungsgebühren erleichtert wird.

Und nun befinden wir uns sogar schon in Bamako, der Landeshauptstadt, wo wir hoffentlich ein paar Konzerte besuchen können.

Bald mehr!
Und liebe Grüße an das sicher wunderbar kühle Deutschland!